Sexism, Lies and Videotape

US-Präsidentschaftswahl: Turbulente Debatte auf dem Bildschirm

Von Franz Everschor
14.10.2016 •

Die vom Fernsehen arrangierten Debatten der beiden Kandidaten für das Präsidentenamt der Vereinigten Staaten gehören inzwischen zu den wichtigsten Wegbereitern beim politischen Prozedere der letzten Wochen vor der Wahl. Das Volk bekommt Gelegenheit, sich während der Live-Übertragungen des Gedankenaustausches der Anwärter ein differenzierteres Bild von Charakter und Denken der beiden Sieger eines viele Monate dauernden, komplizierten Auswahlverfahrens zu machen, das von den Amerikanern „Primaries“ genannt wird. Weder die demokratische Kandidatin Hillary Clinton noch der zum unerwarteten Spitzenreiter der Republikaner avancierte Immobilientycoon Donald Trump traten, als es am 26. September in der Hofstra University von Long Island mit dem ersten TV-Duellen losging, unangeschlagen vor die im Saal und vor den Bildschirmen versammelten Zuschauer.

Das zweite Duell folgte am 9. Oktober, Ort des Geschehens war die Washington University in St. Louis. Es war ein wenig zivilisierter Wahlkampf, der den beiden Fernsehdebatten vorausgegangen war, denen am 19. Oktober (Mittwoch) noch die dritte und letzte folgen wird. Besonders Donald Trump hatte sein Möglichstes getan, das Wahlvolk mit einem „Hurrikan faktischer Verfälschungen, höhnischer Zwischenrufe und aufgeblasener Gemeinplätze“ („New York Times“) immer wieder zu spalten und zu verunsichern. Als dann zwei Tage vor der zweiten Debatte auch noch die Veröffentlichung eines elf Jahre alten Videos voller sexistischer Plattheiten des damaligen TV-„Entertainers“ Trump hinzu kam, war die Bühne vollends für die geschmacklose Auseinandersetzung bereitet, das Trump und Clinton über weite Strecken ihres zweiten Treffens darboten.

Trumps abschätzige Äußerungen gegenüber Frauen

Auch die ehemalige Außenministerin Hillary Clinton hat es Amerika nicht leicht gemacht, sie zu mögen. Ihre kaum bezweifelbare Kompetenz verbarg sich allzu häufig hinter politischen und privaten Affären, an denen oft ihr Ehemann, der frühere Präsident Bill Clinton, stärker Schuld war als sie selbst; hinzu kamen als Grund dafür, das auch sie nicht besonders beliebt ist, Unbedachtheiten und Fehlverhalten im Amt der US-Außenministerin, was ihr nun anhängt wie Klebstoff. Als Trump und Clinton am 26. September zu ihrer ersten Fernsehdebatte antraten, konnte keiner von ihnen einen unangefochtenen Sieg beim Publikum erwarten. Von Anfang an war der ideologische Gedankenaustausch, den man von ihnen erwartete, beherrscht vom Zusammenprall zweier extrem gegensätzlicher Persönlichkeiten und Stile.

„Mrs. Clinton gelang es nicht, zu zeigen, wie sie eine signifikante Veränderung der Agenda von Barack Obama bewirken könnte, [...] und Mr. Trump verfehlte das Ziel, die Wähler davon zu überzeugen, dass er den Job ausfüllen könnte. [...] Er war dünn an Substanz, rüpelhaft und unsympathisch“, schrieb beispielsweise das „Wall Street Journal“ nach dem ersten TV-Duell. Die zweite Debatte am 9. Oktober verfestigte diesen Eindruck, war sie doch von vornherein durch das gerade erst veröffentlichte Video mit Trumps sexistischen Äußerungen auf eine Erwartungshaltung des Publikums hin gedrängt, die sachlicher politischer Diskussion fortwährend im Wege stand – und entsprechend turbulent ging es zu.

Dieses Videotape aus dem Jahr 2005 mit dem bisher unveröffentlichten Teil von Äußerungen Trumps kurz vor einem Interview für die Fernsehsendung „Access Hollywood“ (NBC), in denen Trump mit unmissverständlichen, degradierenden Worten seine abschätzige Haltung gegenüber Frauen zu erkennen gibt, wird wahrscheinlich die noch bevorstehenden Wochen bis zum Wahltag, dem 8. November (Dienstag), stärker überschatten als jede noch folgende sachliche Auseinandersetzung der Kandidaten. Wer in den USA in den Stunden vor dem zweiten TV-Duell seinen Fernseher einschaltete, konnte der Endlosschleife, in der das Video von vielen Sendern immer wieder von neuem auf das Publikum losgelassen wurde, kaum entgehen.

Die höchste Zuschauerzahl

Der widerwärtige Inhalt der Videoaufzeichnung dürfte sich dem amerikanischen Wähler deutlicher eingeprägt haben als das noch substanziellste Ergebnis der Fernsehdebatten. Ob es allerdings auch die Wahlentscheidung jener Trump-Anhänger beeinflussen wird, die Hillary Clinton in einem unbedachten Augenblick mit dem Ausdruck „Deplorables“, also: „Beklagenswerte“, bedacht hat, wird sich dann am Wahltag herausstellen. Auch von den vielen Lügen, die Trump im Verlauf seines schmutzigen Wahlkampfs schon nachgewiesen wurden, lassen sich seine Fans bekanntlich kaum beeindrucken, auch wenn sich in der Partei der Republikaner bereits einige hochrangige Repräsentanten von ihrem eigenen Mann öffentlich abgewandt haben.

So tief kann Politik sinken, wenn die Unzufriedenheit des Volkes mit dem „Establishment“ Ausmaße annimmt wie heute in den USA. Dabei kann man dem amerikanischen Volk keineswegs den Vorwurf machen, es habe nicht engagiert genug hingesehen. Das Interesse an der bevorstehenden Präsidentenwahl ist größer als jemals in den letzten Jahrzehnten zuvor, unverkennbarer sogar als 2008 bei der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten. Allein schon die Einschaltquoten für die Debatten von Kandidat und Kandidatin legen Zeugnis davon ab. Insgesamt 84 Millionen Amerikaner sahen das erste TV-Duell – das ist die höchste Zuschauerzahl, die jemals von der Live-Übertragung einer US-Präsidentschaftsdebatte erreicht wurde. 66,5 Millionen Amerikaner verfolgten die zweite Debatte. Das waren zwar 21 Prozent weniger als bei dem vorausgegangenen Rededuell, aber es war eine höhere Einschaltquote, als sie alle zweiten Debatten seit dem Jahr 1992 hatten.

Im ersten TV-Duell stellten sich Trump und Clinton den Fragen von NBC-Nachrichtenmoderator Lester Holt. Das zweite Aufeinandertreffen fand in der Form eines sogenannten Townhall-Meetings statt, bei dem die Präsidentschaftskandidaten Fragen aus dem Publikum beantworten mussten, wobei ein Moderator (Anderson Cooper, CNN) und eine Moderatorin (Martha Raddatz, ABC) den Ablauf regelten.

14.10.2016/MK

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