Serien sehen: Unerforschte Welten jenseits der fünften Taste

15.10.2015 •

Als die Berliner Zeitung „Der Tagesspiegel“ Mitte September die wichtigsten Ergebnisse der diesjährigen Emmy-Preisverleihung weiterreichte, schloss der Autor mit einer kommentierenden Passage: „Das Problem für die deutschen Zuschauer: Sie bekommen viele der ausgezeichneten Serien gar nicht zu sehen oder müssen danach suchen. Im Hauptabendprogramm der großen Sender erscheinen sie praktisch gar nicht. Und wenn sie irgendwo gezeigt werden, dann im Bezahlfernsehen mit geringer Reichweite oder auf Spartenkanälen: ‘Game of Thrones’ – lief erst bei TNT Serie, dann nur bei RTL 2. ‘Veep’ – bei Sky Atlantic, ‘How to Get Away with Murder’ – nur bei RTL Crime, jetzt bei Vox. ‘Mad Men’ – erst bei Fox, dann bei ZDFneo. ‘American Horror Story’ – beim Bezahlsender Fox, kostenlos nur bei Sixx.“

Mit Blick auf Abonnementkanäle wie Sky Atlantic ist die Anmerkung nachvollziehbar. Rätselhaft jedoch bleibt, warum oder für wen der Empfang von werbefinanzierten Free-TV-Sendern wie Vox, RTL 2 und Sixx oder des öffentlich-rechtlichen Spartenkanals ZDFneo ein „Problem“ darstellen soll.

Der „Tagesspiegel“-Autor steht mit seinem Vorbehalt nicht allein. In vielen Medienberichten verbinden sich Hinweise auf Ausstrahlungen in Spartenkanälen mit pejorativen Vokabeln. Demnach werden die betreffenden Serien „versenkt“, „abgeschoben“, „versteckt“. Seltsam: Sollten die deutschen Fernsehnutzer nicht in der Lage sein, auf ihrer Fernbedienung eine Ziffer jenseits der Fünf zu wählen oder gar eine zweistellige Zahl einzugeben? Offenbar gibt es aus Warte der Skribenten noch dunkle, unerforschte Welten im Programmbouquet. Galaxien, die nie ein Mensch gesehen hat.

Dabei sind kleinere Privatsender wie Sixx, auch RTL Nitro oder Pro Sieben Maxx und auch öffentlich-rechtliche Spartenprogramme wie ZDFneo oder Eins Festival (ARD/WDR) für die Mehrheit des Publikums ohne besondere technische Maßnahmen auffindbar. Im September 2015 verfügten 31,75 Millionen Haushalte über mindestens einen angeschlossenen Digitalreceiver oder IP-Dekoder. Das entspricht 85,7 Prozent potenzieller Nutzer. (Quelle: Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung/AGF) Die Geräte sind auch Voraussetzung, um neben dem jeweiligen gebietsbezogenen Dritten Programm per Kabel weitere Regionalprogramme der ARD empfangen zu können.

Andererseits berichten Feuilletons und Medienseiten hingebungsvoll und auffällig häufig über Serien-Angebote des reinen Video-on-Demand-Dienstes Netflix und neuerdings auch des Öfteren über Amazon und dessen Streaming-Angebot. Und bei diesen digitalen Videotheken spricht kaum jemand von Problemen, obwohl dieser Bezugsweg doch einiges an Engagement auf Seiten des Verbrauchers verlangt. Von einem funktionierenden Internet-Zugang darf man – obwohl es weiterhin unterversorgte Gegenden gibt – sicherlich ausgehen. Aber eine gewisse Bandbreite ist Voraussetzung, um Filme im Web ruckelfrei genießen zu können, wenn der Anbieter eine Offline-Nutzung – also eine zeitweilige Speicherung – nicht zulässt. Schon mal ein erster Kostenfaktor. Und wie beim Pay-TV fallen natürlich Aufwendungen für ein entsprechendes Abonnement an. Beziehungsweise für mehrere, da sich das Repertoire der diversen Anbieter unterscheidet. Nicht alle Unternehmen verfügen über die gleichen territorialen Verwertungsrechte. Das in übertriebenem Maß gerühmte US-Remake der britischen Serie „House of Cards“ wird gemeinhin und nicht ganz korrekt immer Netflix zugeschrieben, war jedoch in Deutschland – mit mäßigem Erfolg – kostenlos bei Sat 1 und Pro Sieben Maxx zu sehen.

Ein anderes Phänomen: Nicht von jeder Serie werden alle verfügbaren Staffeln vorgehalten. Die hochgelobte US-Serie „Mad Men“ beispielsweise ist am Tag der Niederschrift dieses Textes bei Netflix gar nicht im Programm. Amazon stellt die Serie komplett zum Abruf bereit, Maxdome, iTunes, Watchever und Sony dagegen halten nur sechs der sieben Staffeln vor. Andere Mitbewerber unterschreiten diese Zahl noch. Und: Die Rechte werden jeweils nur zeitlich begrenzt eingeräumt. Es kann passieren, dass eine Serie von einem auf den anderen Tag verschwindet.

Wie war im „Tagesspiegel“ zu lesen? „Das Problem für die deutschen Zuschauer: Sie bekommen viele der ausgezeichneten Serien gar nicht zu sehen oder müssen danach suchen.“ Auf die Video-on-Demand-Branche trifft diese Aussage tatsächlich zu.

15.10.2015 – Harald Keller/MK