Mila. Daily Romantic Comedy mit Susan Sideropoulos (Sat 1/Sixx)

Sendertypische Kurzschlussreaktion

23.09.2015 •

Ja, es gibt ihn auch in „Mila“, diesen Telenovela-typischen magischen, auch „Liebe auf den ersten Blick“ genannten Moment. In Minute 9 der allerersten von insgesamt 287 Episoden der neuen Langlaufschmonzette des Privatsenders Sat 1 passiert er. Da fährt ein gut gebauter Rennrad-Rowdy der Mopedlenkerin Mila mitten in Berlin in die Parade. Milas frisch gekaufter Kuchen mit dem pinkfarbenen Schriftzug „Love forever“ fliegt in Zeitlupe durch die Luft und klatscht auf den Boden. Das war’s dann wohl mit Milas Beitrag zu Muttis Kaffeetafel und zur ewigen Liebe überhaupt.

Sofort schuldbewusst entschuldigt sich der Mann für das Tortenmassaker. „Sorry“, raspelt er, „wenn Sie wollen, lege ich mich auf die Straße und Sie überfahren mich. Oder Sie verhaften mich. Ich sehe ziemlich gut aus in Handschellen.“ Augenpaare treffen sich. Die Technik zaubert weichgezeichnete Regenbogen drum herum. Harfen klimpern, Geigen klingen süß. Mila scheint dem Flirt zu erliegen – und zeigt dann dem Kerl ihren perfekt manikürten Mittelfinger.

Das ist frech. Das ist anders. Das ist gut.

Sat 1 spielt in „Mila“ sehr schön ironisch mit der sendereigenen Telenovela-Tradition. Nimmt sie auf und bricht zugleich mit ihr am laufenden Band. So hat die titelgebende Hauptfigur – anders als ihre Vorgängerinnen Lisa Plenske („Verliebt in Berlin“) oder Anna Polauke („Anna und die Liebe“) – kein Handicap, das sie überwinden muss. Sie ist weder ein kurzsichtiger Moppel noch extrem schüchtern. Und eigentlich ist sie mit ihrem Leben als Single Anfang 30 und mit ihrer Karriere als Journalistin, die für 18 Cent die Zeile App-Kritiken schreibt, zufrieden. Die Burger zum Frühstück schmecken ihr gut, Debatten über Politik, Krieg oder Brüste geht sie zum Leidwesen ihrer Familie nicht aus dem Weg und ihr geistiger Horizont reicht über Schuhfetischismus hinaus bis zu Simon Rattles Philharmonikern. Kurz: Mila träumt nicht davon, von einem Mann gerettet werden zu müssen wie all die anderen Telenovela-Bräute zuvor.

Druck, etwas daran zu ändern, kommt dann aber von außen, von der eigenen Familie. Die kreuzbrave kleinere Schwester Luisa kündigt an, die Liebe ihres Lebens zu heiraten, den Schnöselsohn eines noch schnöseligeren Schönheitschirurgen aus München. Mutter Felicitas ist entzückt und mit Blick auf Mila frustriert. Ein „Fall für die Resterampe“ sei die ältere Tochter, also mindestens so schlimm dran wie die Nachbarin von nebenan, eine vereinsamte Frau, die Katzenmützen trägt und mit 17 „Miez-Miez“-Katzen lebt.

Auch für Mila ist das plötzlich ein Horrorszenario. Mithin fasst sie den Entschluss, sich ebenfalls auf die Suche nach dem Richtigen zu machen: „Ich will, dass ich die Sonne von jemandem bin“, flutscht es aus hier heraus. Und als wäre das bei der Männersuche nicht Ansporn genug, treibt Mila noch etwas anderes um: Mutters Versprechen, im Bikini über den Ku’damm zu laufen, falls Mila in exakt 287 Tagen am Hochzeitstag ihrer Schwester einen eigenen Mann anschleppt.

Eine Hochzeit als Höhe- und Serienschlusspunkt, das hat „Mila“ also gemein mit ihren Vorläuferinnen. So weit, so romantisch, wäre „Mila“ nicht zugleich auch manchmal saukomisch. „Daily Romantic Comedy“ hat Sat 1 dafür als Genrebezeichnung erfunden, in Anlehnung an die dienstäglichen RomComs auf dem Sender. Und ähnlich wie in der speziell für Frauen konzipierten Sat-1-Primetime werden jetzt auch am Vorabend die ganz großen Gender-Fragen in oft sehr pfiffig geschriebenen Dialogen verhandelt (Hauptautor: Jan Friedhoff). So muss sich Mila in Folge 2 von ihrer Chefredakteurin Theresa beim „Heart“-Magazin den Kopf waschen lassen, weil sie in einer Reportage durchblicken ließ, dass sie sich im Prinzip einen Penis wünscht, der ihr ein Reihenhaus baut. „Dafür habe ich nicht die gläserne Decke durchbrochen, Fräulein“, schimpft die Chefin.

Das Milieu, in das Mila Zellinger zum Arbeiten hineinversetzt wird, sieht so aus, wie sich Fernseh­macher eben den Alltag in einer Redaktion so vorstellen und hat mit der Realität, bis auf die prekäre Bezahlung von Journalismus, ebenso wenig zu tun wie Krimis mit echter Polizeiarbeit – aber egal. Auch die argentinischen Wurzeln des Sat-1-Formats stören nicht (die Argentinierin Carolina Aguirre schrieb im Blog „Ciega a citas“, frei übersetzt „Blind Date“, ihre eigenen Mühen mit der Liebe als Singlefrau auf, woraus eine Telenovela fürs argentinische Fernsehen entstand). Die kreative Eigenleistung ist bei dieser Produktion von Ufa Serial Drama nämlich nicht zu übersehen. „Mila“ hat das bonbonfarbene Look and Feel, wie es für Sat 1 typisch ist. Die Hauptdarstellerin Susan Sideropoulos, bekannt aus der RTL-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und perfekt in der „Mila“-Rolle, trägt mitteleuro­päisch blondes Haar und hat einen Schmollmund. Außerdem ist die Musikauswahl im Hintergrund für Vorabendsoap-Verhältnisse bemerkenswert breit, von Sia bis Franz von Suppé.

So originell gemacht, so riskant platziert wurde das Format allerdings werktags ab 19.00 Uhr. Das Sat-1-Publikum war hier gerade erst über den Reality-Quatsch „Newtopia“ hinweggekommen (vgl. MK 8/15 und 15/15). Und auf das „Mila“-Experiment zu dieser Vorabendzeit ließ es sich dann auch nicht ein, zumal die Serie in direkter Konkurrenz zum RTL-Soap-Dauerbrenner „Alles was zählt“ lief. Schon nach zwei Sendewochen mit unterdurchschnittlichen Quoten machte Sat 1 Schluss mit den Blondinenwitzen aus Berlin. „Mila“ ist abgesetzt – eine sendertypische Kurzschlussreaktion, die keine Zeit für Publikumsgewöhnung zulässt, jedenfalls nicht auf Sat 1. Die Telenovela wandert nun zum kleinen Schwesterprogramm, dem Frauensender Sixx. Dort werden ab dem 26. September die restlichen Folgen ausgestrahlt (samstags, ab 20.15 Uhr, jeweils fünf Folgen am Stück, Wiederholung jeder Folge einzeln anschließend montags bis freitags, 16.00 Uhr).

23.09.2015 – Senta Krasser/MK

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