Was einem im alltäglichen Fernsehen fehlt: Autorendokumentarfilme wie die beiden, die jetzt bei Arte zu sehen waren

18.09.2015 •

Manchmal erinnert der Zufall der Programmplanung daran, was einem im alltäglichen Fernsehen fehlt. Beispielsweise der Autorendokumentarfilm, bei dem ein Ereignis, ein Vorgang, ein Sachverhalt, eine Person aus der Sicht eines Filmemachers subjektiv erkundet, beobachtet, untersucht und charakterisiert wird. Hier waltet anders als in der typischen Fernsehdokumentation keine Allwissenheit, die sich im Kommentar artikuliert und die unterschiedlichste Materialien ohne Angaben der Quellen aneinanderfügt. Hier operiert eine Filmemacherin oder ein Filmemacher als Person, die verbürgt, was sie zeigt, ohne dass sie unbedingt im Filmbild selbst sichtbar sein muss oder im Kommentar in der ersten Person Singular zu sprechen hat.

Die beiden Filme, um die es hier gehen soll, waren innerhalb von zwei Tagen abends auf Arte zu sehen. Zunächst das Porträt „Erinnerungen an Simone“ von Chris Marker (Sonntag, 13. September, 22.05 bis 23.10 Uhr) und am nächsten Abend die Langzeitbeobachtung „Tableau noir – Eine Zwergschule in den Bergen“ von Yves Yersin (Montag, 14. September, 23.20 bis 1.20 Uhr). Der Film von Chris Marker hatte mit seinem Beginn um fünf nach zehn den deutlich besseren Sendeplatz. Dabei stand er zugleich in engem Bezug zum vorhergehenden Spielfilm „Die Teuflischen“ (1954) von Henri-Georges Clouzot, in dem die von Marker porträtierte französische Schauspielerin Simone Signoret eine der Hauptrollen spielte. Arte widmete Simone Signoret an diesem Sonntagabend anlässlich von deren 30. Todestag eine Hommage.

Chris Markers Film stammt aus dem Jahr 1986 und war damals im Auftrag des Filmfestivals von Cannes ein Jahr nach dem Tod der Schauspielerin hergestellt worden. Jahrzehntelang konnte das Porträt wegen ungeklärter Rechte an den vielen Spielfilmausschnitten nicht gezeigt werden. Vor zwei Jahren restaurierte man den Film, den Arte jetzt unter dem französischen Titel „Mémoires pour Simone“ ausstrahlte, der aber im Original ursprünglich „Mémoire de Simone“ hieß, was ihn besser beschreibt auch als der deutsche Sendetitel. Denn Marker, der in fast all seinen Filmen das Thema Erinnerung und Vergessen berührt oder gar durcharbeitet, erzählt vom Leben und Arbeiten der Simone Signoret vor allem anhand von Auszügen aus deren – in der Form eines Gesprächs erzählten – Autobiografie (in deutscher Fassung unter dem Titel „Ungeteilte Erinnerungen“ erschienen), die er mit Seitenangaben zitiert. Seine filmische Rekonstruktion des Lebens und der Arbeit von Simone Signoret folgt also dem, was sie selbst erinnerte und aber auch veröffentlicht sehen wollte.

Gleichzeitig fügt Chris Marker, der die Schauspielerin seit Ende der 1930er Jahre kannte und mit ihr befreundet war, eigene Beobachtungen und Erinnerungen bei. Doch diese subjektiven Hinzufügungen inklusive der für Marker typischen Katzenmotive im Bild wird dadurch maskiert, dass der gesamte Kommentar nicht von ihm, sondern vom Schauspieler François Périer, der seinerseits ein guter Freund der Signoret war, gesprochen wird. Ein typisches Verfahren dieses Regisseurs, der sich den Namen Chris Marker selbst verliehen hat und sich nur äußerst ungern fotografieren ließ.

Der Film selbst beschreibt die Schauspielerin als jemanden, die durch die Verhältnisse früh politisiert wird. Gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann, dem Chansonnier und Schauspieler Yves Montand, zählt sie zu den engagierten Intellektuellen Frankreichs, die sich zunächst auch für den Kommunismus der Sowjetunion engagierten, ehe sie nach dem Ungarn-Aufstand zu dessen Kritikern wurden. Gleichzeitig macht sie als Charakterdarstellerin auf dem Theater und im Kino Karriere. Den Figuren, die sie darstellt, fügt sie ausweislich der vielen Ausschnitte, die Marker zitiert, stets etwas Eigenes bei; sie ging also in den Personen, die sie darzustellen hatte, nicht auf. Besonders markant zu sehen im Spätwerk, etwa in ihrem Zusammenspiel mit Jean Gabin als Ehepaar in Pierre Granier-Deferres Spielfilm „Die Katze“ oder als Widerständlerin in „Armee des Schattens“ von Jean-Pierre Melville. Marker berichtet auch vom Ferienhaus, das Simone Signoret mit Yves Montand in der Normandie besaß. Ein Haus, in dem sich der große Freundeskreis des Paares sehr oft traf und in das man immer wieder gerne zurückkehrte. Ein Haus, auf das Marker und der Film mit Wehmut zurückschauen.

Der Dokumentarfilm „Table noir“ (2013) von Yves Yersin wurde von Arte um die Mitternachtszeit zu einem wirklich schlechten Termin ausgestrahlt, denn es handelt sich um eine rund zweistündige Produktion. Wer also bis halb zwei in der Nacht durchgehalten oder „Table noir“ später in der Mediathek von Arte gesehen hat, wurde reich belohnt. Denn der Film lässt die Zuschauer einen Lehrer – Gilbert Hirschi – kennenlernen, der auf ganz wunderbare Weise den Kindern die Welt, das Lesen, das Schreiben, das Rechnen, das Malen und das Musizieren beibringt. In seine Schule im Jura der französischsprachigen Schweiz gehen Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren. Sie werden zusammen in einer Klasse unterrichtet, so dass der Lehrer zwischen den Themen und Anforderungen immer hin- und herspringen muss. Bald erfährt der Zuschauer, dass diese Zwergschule aus Kostengründen bedroht ist. Der Kanton schließt sie am Ende auch. Und wenn in einem großen Fest die Schüler, der Lehrer, die Eltern und die Nachbarn Abschied nehmen, liegt eine große Trauer über der Schule. Mit ihr verliert das Dorf, in dem sie angesiedelt ist, die letzte soziale Einrichtung.

Doch dieser Konflikt begleitet den Film nur, er bestimmt nicht das, was er zeigt. Im Mittelpunkt steht ein Unterricht, der sich Zeit nimmt, der immer wieder die Wirklichkeit des Wetters, der Pflanzen, der Arbeit einbezieht. Hier wird kein Lehrplan exekutiert, sondern Wissen und Kenntnisse werden vermittelt. Die Kamera von Yersin bleibt eng bei den Kindern, nimmt sie ebenso ernst, wie der Lehrer es tut. Gleichzeitig idyllisiert der Filmemacher die Schule nicht. Er zeigt die Konflikte der Kinder untereinander ebenso wie die große Enttäuschung eines Mädchens, das gehofft hatte, im Diktat diesmal nicht so viele Fehler gemacht zu haben, was ihr aber nicht gelang. So wie man sich durch den Film Gilbert Hirschi nähert, der in stets wechselnder Kleidung und sich verändernder Barttracht zu sehen ist, kommt man auch den Kindern nahe, die man bald als Individuen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Verhaltensweisen erlebt.

Zwar schließt die Zwergschule am Ende und der Lehrer geht mit 62 Jahren nach über vier Jahrzenten Tätigkeit in Frühpension, aber es bleibt die Idee eines Lernens, das sich Zeit nimmt und sich große Mühe gibt. Ein Prinzip, das für den Autorendokumentarfilm ebenso gilt, der jedoch, ganz wie die Zwergschule im Bildungssystem, nicht wohlgelitten ist.

18.09.2015 – Dietrich Leder/MK