Jasons letzte Chance

Über Identität und Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Von Torsten Körner
28.03.2014 •

„Qualität und Quote – Zur Legitimationsdebatte über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk“, so lautete der Titel eines Werkstattgesprächs, das der Verein „Freunde des Adolf-Grimme-Preises“ (Marl) in Kooperation mit dem Institut für Medien- und Kulturwissenschaft der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der Rudolf-Augstein-Stiftung (Hamburg) am 10. März in Düsseldorf ausrichtete. Die FK druckt im Folgenden im kompletten Umfang den Vortrag ab, den der Fernsehkritiker und Schriftsteller Torsten Körner, 48, auf der Veranstaltung hielt. Körner ist auch regelmäßiger Autor der „Funkkorrespondenz“. Zuletzt erschien von ihm im Verlag S. Fischer das Buch „Die Familie Willy Brandt“. -FK-

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Ich muss mich selbst in Frage stellen, um Fragen zu stellen, die ich Ihnen vielleicht als Antworten anbieten kann. „Gibt es noch eine Chance, die Kultur populärer und das Populäre kultureller anzubieten?“, so lautet die zentrale Frage meines Vortrags. Hab’ ich mir diese Frage jemals selbst gestellt? Ist sie mir auf den Kopf geregnet? Was bedeutet sie? Worauf zielt sie ab? Und was verbirgt sie? Zunächst einmal klingt die Frage wie ‘5 nach 12’, wie postapokalyptisch. „Gibt es noch eine Chance, die Erde zu retten?“, fragt der Präsident den Actionhelden, der wie Bruce Willis oder Jason Statham aussieht. Und der verschwitzte Muskelmann antwortet: „Nein, also, lass es uns versuchen!“

Und was hat es mit den Implikationen auf sich, die der Chiasmus „die Kultur populärer und das Populäre kultureller anzubieten“ mit sich bringt und die er stillschweigend setzt? Impliziert diese rhetorische Figur nicht unverhohlen, dass die Kultur per se unpopulär ist oder sein muss und dass das Populäre nur selten kulturvoll ist? Ganz abgesehen davon, dass diese Denkfigur nicht stimmt, klingt sie mir zu pessimistisch, zu bürgerlich, zu ordnungsbeflissen, zu ernst, zu untergangsgestimmt. Ich gehe gern mal unter und laufe hin und wieder auch Amok auf imaginären Schlachtfeldern, aber woher nehme ich hier das Einsichtsvermögen und die Kunst, Ihnen einen Rettungsring zuzuwerfen? Und um nichts weniger geht es offenbar hier in Düsseldorf am Rhein.

Legitimationskrisen

Da ich weder Moses, der einer der ersten Actionhelden der Geschichte war, noch Jason Statham heiße, muss ich die Aufgabe anders lösen. Im Zeitalter der grassierenden Legitimationskrisen (Europa, der Nationalstaat, die westlichen Demokratien und auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk – sie alle stecken in Legitimationskrisen) wäre ich ja blöd, wenn ich nicht auch in einer stecken würde. Ich muss also meine Krise als symbolisches Kapital betrachten, um sie in eine gültige Währung umzumünzen. Was also hat meine Legitimationskrise mit diesem Ort und dieser Zeit zu tun und wie hängt das Thema „Qualität und Quote“ mit diesem Weltzeitalter zusammen, dessen Energien uns hier zusammenführen und uns gleich wieder in alle Winde zerstreuen werden?

Meine sehr poröse Performanz, mein Mantel aus Fragezeichen ist Kennzeichen meines Standorts. Wir leben in marktbeherrschten Zeiten, im Zeitalter des Neoliberalismus, im Saugstrom der Globalisierung, die damit prahlt, alles mit allem zu verknüpfen, aber zugleich alles auflöst und aus seinen angestammten Bindungen reißt. Früher wohnte Gott im Himmel, heute ist er Filialleiter eines x-beliebigen Supermarkts, der Markt ist Himmel und Hölle zugleich, der Markt ist ein Gott ohne Gesicht und Gestalt. „Wir leben“, stellt der Soziologe Zygmunt Bauman fest, „im Zeitalter der Bindungslosigkeit.“ „Wir sind gefordert“, sagt der Soziologe Ulrich Beck, „in der Risikogesellschaft.“ Wir leben, so der Politikwissenschaftler Hartmut Rosa, in der „Beschleunigungsgesellschaft“, die uns mit Möglichkeiten umstellt und uns so in lauter Unmöglichkeit verstrickt. Die Diktatur des Digitalen hat längst begonnen, sagen die einen, während die anderen noch festhalten an den neuen Freiheiten und Möglichkeitswelten des Internets.

In dieser Welt, in der der Einzelne sich wie ein radikal freies und zugleich aussichtslos gefesseltes Atom empfindet, in dieser Welt, in der die Imperative des Marktes die Individuen zu Waren formen und ihnen ein Höchstmaß an Flexibilität und Selbstverzicht abverlangen, wird jede Biografie zum Bastelabenteuer. Und wenn dann so ein hochdynamisches Gegenwartsleben an sein Ende kommt, wer sagt uns dann, welche Bedeutung es hatte, welchen Wert, welchen Sinn, welche Berechtigung, welche unverzichtbare Signatur, welche Unverwechselbarkeit und welche Einzigartigkeit? Oder ist das alles viel zu hoch gegriffen? Haben sich die meisten nicht längst von einem einzigartigen Ich verabschiedet? Ist der rasende Individualist nicht auch ein Agent des Marktes? Ein unternehmerischer Narzisst, der auf der Suche nach Sinn stets nur das eigene Bild findet? Wohin man auch schaut, die meisten Gegenwartsdiagnostiker beschreiben die Moderne als ein Feld der sozialen, politischen, kulturellen und individuellen Pathologien.

Eine kulturelle Institution

Ich biete all diese Erschütterungen auf, um einerseits die Zwänge aufzuzeigen, denen sich auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen ausgesetzt sieht, die aber zugleich den Weg weisen in das genuine Aufgabenfeld von ARD und ZDF. Im Gegensatz zu den privaten Sendern sind diese beiden Akteure ein gutes Stück weit von Marktzwängen und neoliberalen Strategien befreit. Andererseits befinden sie sich im Wettbewerb und meinen, einen Gutteil ihrer Legitimität aus der größtmöglichen Reichweite zu beziehen. Wie aber können sie uns bei unseren Identitäts- und Selbstbehauptungsabenteuern helfen, wenn sie ihre Freiheit dazu nutzen, sich gerade der Logik zu unterwerfen, der wir als Menschen in der „Spätmoderne“ zeitweilig entkommen müssen, um uns selbst zu behaupten? Damit habe ich zumindest ein Kätzchen aus dem Sack gelassen. Eine kulturelle Institution, die vom Gesetzgeber zum Bildungsauftrag verpflichtet ist und von uns eine gewisse Gestaltungsfreiheit geschenkt bekommt, sollte uns – den Zuschauern, den Rundfunkbeitragszahlern, den Menschen – Freiräume schenken, die uns befähigen, das lebenslange Bastelabenteuer „Leben“ (oder nennen wir es „Identitätsstückelei“) gestärkt und ermutigt anzugehen. Weil diese Sender, diese privilegierten Denk- und Traumanstalten, sich ebenso wie ich, ja, wie wir auf einer ewigen Identitätsbaustelle befinden, vermute ich, dass mein und unser gemeinsames Nachdenken, hilft, die intellektuelle und identitätspolitische Immunabwehr dieser gefährdeten Anstalten zu stärken.

Ich selbst halte mich über Wasser – und das soll auch eine These oder Vitalitätsspritze für die fabelhaften Öffentlich-Rechtlichen sein –, indem ich mein Sprechen und Denken auf Metaphern und Denkmuster prüfe, die eventuell pathologisch sind, infiziert von fühllosem Marktvokabular, die mich und andere verdinglichen, die mein Leben und meine Persönlichkeit zum Konsumartikel stempeln und mich als Mensch unter das Diktat der reinen Zweckmäßigkeit zwingen. Halte ich mich für einen „flexiblen“ Menschen? Bin ich „risikobereit“? Betrachte ich Entscheidungen als „alternativlos“? Fehlt es mir an „Gier“? Rufe ich nach „weitgehender Deregulierung“? Fordere ich den „schlanken Staat“? Die öffentlich-rechtlichen Sender dürften sich schon in ihrem inneren Dialog und ihren Hierarchien dieser Rhetorik nicht unterwerfen, denn sie schädigt ihre Identität, nimmt ihnen die schöpferische Freiheit und macht sie letztlich blind für die Menschen, die sie entdecken sollen, um sie bei deren Selbstkonstruktion zu unterstützen.

Wo eine anständige Kultur entstehen soll – und damit meine ich eine Kultur, die niemanden demütigt oder bloß verführt, wo also Kulturbeauftragte sich anschicken, anständige Kultur herzustellen –, darf der Adressat da draußen nicht zuerst als Kunde, als Konsument und Käufer gedacht werden. Nein, der Mensch da draußen, der Mensch vor dem Bildschirm ist auch Produzent und Autor, er ist auch ein Individuum, das um Gestalt ringt, Gestalt sucht, er ist einer, der eine schmerzliche Gestalt abstreifen oder bestimmten Gewalten entkommen will. Wer jedoch bereits im produktiv-kreativen Prozess, etwa im Entwurf einer Geschichte, in der Gestaltung des dramaturgischen Verlaufs einer Narration oder in der Besetzung einer Talkshow, die Quote sucht und die größtmögliche Aufmerksamkeit anstrebt, löscht den Menschen, von dem er erzählen will, ebenso aus wie den Menschen, den er erreichen will. Figuren, die primär von Strategien der Zuschauerfesselung und -bindung gesteuert werden, sind Marktgeschöpfe, weil ihre Gestalt ganz und gar dem Kalkül maximaler Aufmerksamkeitsschöpfung und damit Wertschöpfung unterworfen ist. Diese Art des erfolgsorientierten Erzählens behütet den Zuschauer nicht vor der Gewalt des Marktes, sondern sie liefern den Zuschauer den Gewalten des Marktes aus. Wie marktversessen Blick, Sprache und Selbstwahrnehmung der öffentlich-rechtlichen Kulturbeauftragten bereits sind, lässt sich leicht an den glänzenden Prospekten ersehen, die, aufgedunsen von Selbstlob, uns – den Zuschauern – wunderbare Aussichten versprechen.

Der Programmdirektor des Ersten Deutschen Fernsehens schreibt in seinem Vorwort zu den Dokumentationen, die in der TV-Saison 2013/14 in der ARD zu sehen sind: „Wir wollen unseren aktuellen wie historischen Hochglanz-Dokumentationen, unseren investigativen Reportagen und Hintergrundberichten den Sendeplatz geben, auf dem sie ein größtmögliches, interessiertes Publikum erreichen. Und das ist leider nur in den seltensten Fällen um 20.15 Uhr der Fall, wenn in den Programmen unserer öffentlich-rechtlichen wie privaten Mitbewerber attraktive Filme oder Unterhaltungsshows laufen. Außerdem wollen viele nach der ‘Tagesschau’ erst mal entspannen, bevor sie sich wieder anspruchsvolleren Themen widmen.“ Das ist der Sound der Marktkonformen, der wehleidig klingt und greint, ach, gerne wären wir Marktrebellen, wenn uns die fiesen Wettbewerber nur ließen. Und: Was, bitte schön, ist eine „Hochglanz-Dokumentation“?

Die Quote ist der ausgelöschte Mensch

Mit welcher Seife wird Wirklichkeit hier gewaschen und mit welcher Politur gewachst? Kann eine Dokumentation nicht auch „attraktiv“ oder „unterhaltend“ sein? Darf der Programmdirektor eines öffentlich-rechtlichen Senders seine eigene Programmidentität nach den Programmschemata eines privaten Konkurrenten ausrichten? Kann der Zuschauer nur entspannen, wenn das Programm gleich nach der „Tagesschau“ Ansprüche aufgibt, wenn es nicht zu anspruchsvoll ist?

Im selben Vorwort lässt der Programmdirektor ein wenig später verlauten: „Weil Quoten nichts anderes als ein Synonym für Menschen sind, für aufmerksames, interessiertes Publikum.“ Was, fragen wir uns, ist ein Synonym? Ein Synonym ist ein bedeutungsähnliches oder bedeutungsgleiches Wort. Streichholz ist ein Synonym für Zündholz. Orange ist ein Synonym für Apfelsine. Aber die Quote ist weder ein partielles noch ein striktes Synonym für den oder die „Menschen“. Wir bilden den Satz: „Menschen küssen sich und haben Sex.“ Wir ersetzen das Wort „Mensch“ durch sein angebliches Synonym „Quote“. Dann lautet der Satz so: „Quoten küssen sich und haben Sex.“ Darunter kann und will ich mir nichts vorstellen – auch wenn mancher Programmdirektor oder Redakteur seine Quote gelegentlich wohl gerne umarmen oder küssen würde. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss den Menschen, den Zuschauer und die „Quote“ nicht als Synonyme denken, sondern vielmehr als Antonyme, also Wörter entgegengesetzter Bedeutung. Die Quote ist der ausgelöschte Mensch. Die Quote ist die Zahl, die jede individuelle Rezeption verschluckt, die Quote ist eine Messgröße, die den einzelnen Menschen hinter sich lassen muss, um zu sich selbst zu finden, zu einer Größe, die den Markt beschreibt, den Marktanteil, den Wert der an die Werbeindustrie zu veräußernden Zeit.

Der Programmdirektor würde mir nun sicherlich entgegnen, er, man, die ARD, denke Quote und Qualität stets zusammen, man denke zuerst an Qualität, dann an die Quote, ja, die Qualität sei der Königsweg zur Quote, die wohldurchdachte Balance zwischen Qualität und Quote sei letztlich der Markenkern und die Legitimation des öffentlich-rechtlichen Systems. Doch solche Sätze bleiben lediglich Wortspiele, wenn man das eigene Programm nach Quotenerwartung formatiert und strukturiert und wenn man die eigenen Sendungen im kreativen Prozess prospektiv an die Quote fesselt.

Eine erschreckende Prüderie

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen muss also – um ganz zu sich selbst zu kommen und seinem Auftrag gerecht zu werden – den Quotenerfolg suchen, indem es das Quotendenken innerhalb des eigenen Systems erst einmal ganz und gar vernichtet. Gerade weil der Mensch fast alles ist und nichts, ein Bündel von Diskursen, eine Vielzahl von Entwürfen, ein Faden Rauch im Wind, ein Produkt kollektiver Energien, ein atomistischer Zweibeiner, ein verzweifeltes Fragezeichen, ein Tier, das sich selbst zerfleischt, ein Warenlieferant, ein Sinnsucher und vor allem ein Sinnverlierer, gerade weil der Mensch zum Menschen erst dadurch wird, dass er sich seine Bedeutungen und seine Würde stets und ständig erkämpfen muss gegen eine Vielzahl von feindlichen Gewalten, gerade deshalb müssen die Anstalten diesen vielzerflatternden Menschen suchen und ihm Bilder zu Verfügung stellen, die ihm helfen, Identitätsentwürfe zu bedenken, zu fühlen, um dadurch zum freieren Menschen zu werden.

Jason Stathams Helden sind meistens muskelbepackte Reaktionäre, die die Welt in Ordnung schießen. Ihre Aufgabe ist es, Komplexität zu reduzieren und noch einmal das Konzept der weißen heterosexuellen grandiosen Männlichkeit zu feiern. Stathams Helden haben keine Identitätsprobleme, weil sie im Kampf, in der Bewegung, im Bildnis ihres Schweiß- und Wundenkörpers ganz zu sich selbst kommen. Je mehr dieser Held malträtiert wird, desto größer sein Obdach. Schlag ihm in die Fresse und der Kerl ist angekommen bei sich selbst. Allerdings taugen weder das Identitätskonzept noch die Überlebensrezepte dieses Helden für uns, die Kulturbesorgten und die öffentlich-rechtlichen Sender, für ihren Bildungs- und Informationsauftrag. Doch mit Jason Statham an meiner Seite will ich versuchen, einige Punkte zu nennen und Perspektiven zu zeigen, die vielleicht als hilfreiche Faustschläge empfunden werden.

Diese kleine Abschweifung führt mich zum Thema Gewalt. Ich bin nicht der Auffassung, dass wir in den Programmen von ARD und ZDF zu viel Gewalt sehen, denn Gewalt hat viele Gesichter und viele Bedeutungen. Was mir aber fehlt, ist eine auch andere Beobachtung und Inszenierung des Körpers im Hauptabendprogramm. Es wird vielleicht nicht zu viel gemordet, aber es wird zu wenig geliebt. Damit meine ich, dass vor allem die Fernsehfilme von erschreckender Prüderie sind und keine Bilder dafür finden, wie Körper sich begegnen und welche Sprachen des Begehrens sie sprechen oder auch schweigen. Die Kultur würde schon viel populärer sein und das Populäre viel kultureller, wenn wir in den Programmen von ARD und ZDF endlich einmal einen erotischen, einen sinnlichen Film sehen würden, der sich an einer Poetik der Leiblichkeit versucht und das Thema nicht mit den ewig gleichen Bildern erledigt, oder wenn wir einen Film sähen, der sich der Körpernöte von Liebenden annimmt, der erzählt von missglückender Paarung. Ein sehr gelungener Beitrag in dieser Hinsicht war der Fernsehfilm „Grenzgang“ (ARD/WDR), der von den Abenteuern der Ambivalenz erzählte und die Figuren im körperlichen Dialog nicht sofort auf Eindeutigkeit festlegte. Wenn mich nicht alles täuscht, erlaubt sich das ZDF gelegentlich „Sommernachtsphantasien“, was mich annehmen lässt, dass es in Mainz im Frühling, Herbst und Winter mindestens an Phantasien fehlt. Doch diese erotischen Phantasien zu später Stunde sind wohl zu 99 Prozent eingekaufte Kinofilme aus dem Ausland.

Um nicht missverstanden zu werden: Mir geht es nicht im engen Sinne um das Genre des erotischen Films, mir geht es insgesamt um mehr Sorgfalt und Bedacht bei der Inszenierung von Körpern, die zueinanderfinden wollen. Da wir in einer pornografischen Gesellschaft leben, ist es gerade die Pflicht der öffentlich-rechtlichen, ein anderes Bild der Körperbegegnung zu zeigen und bereits Kinder und Jugendliche zu sensibilisieren, da sie oft genug durch Begegnungen mit pornografischen Bildern im Netz desensibilisiert, erschreckt oder desorientiert werden. Vor diesem Hintergrund ist es überhaupt nicht zu verstehen, warum die vom MDR Fernsehen und SWR Fernsehen ausgestrahlte, vorzügliche fünfteilige Doku-Serie „Make Love“ dort erst nach 22.00 Uhr gezeigt wurde. Jugendschutz bestünde gerade darin, diese wirklich aufklärerische Serie im Hauptabendprogramm zu zeigen und sie nicht aus falsch verstandenem Jugendschutz zu verstecken.

Mit dem Actionhelden und dem Thema Körperlichkeit im Gepäck gelange ich leicht zur nächsten Identitätsbaustelle: Kulturen der Differenz. Deutschland ist längst „bunt“, religiös, kulturell, geschlechtlich, multi-ethnisch. Doch in den öffentlich-rechtlichen Sendern finde ich davon nur Spuren. Hier und da tauchen Moderatoren mit Einwanderungsbiografien auf, etwa Shary Reeves bei „Wissen macht Ah!“ (ARD/WDR/Kika), Pinar Atalay bei den ARD-„Tagesthemen“ oder Dunja Hayali und Mitri Sirin im ZDF-„Morgenmagazin“ und eine schwarze Nonne in der ARD-Serie „Um Himmels Willen“ – aber sonst? Die meisten Ordnungsfiguren sind immer noch weiß, männlich und heterosexuell. Wo ist der schwule Kommissar oder der schwarze, wo ist die lesbische Kommissarin? Nein, es geht nicht allein um Haut, Geschlecht oder sexuelle Orientierung, es geht hier auch nicht vordergründig um politische Korrektheit. Es geht um uns. Um gutes Fernsehen. Die amerikanischen Serien haben in den letzten Jahren ein beträchtliches Maß an queeren Biografien ins Spiel gebracht, was eben nicht nur der „political correctness“ geschuldet ist, sondern der Einsicht, dass man mit diesen beunruhigenden Figuren Ordnungen im guten Sinne aufbrechen, irritieren, andere Tempi wählen kann, andere Muster des Erzählens. Wir brauchen Menschenbilder, die von den Abenteuern der Differenz erzählen.

Gegen die Verpanzerung des Mainstreams

Der frühere ZDF-Intendant Dieter Stolte hat in seinem Buch „Wie das Fernsehen das Menschenbild verändert“ vom Fernsehen gefordert, „dass die Menschen in einer gemeinsamen Mitte Orientierung finden“. Das will ich bezweifeln. Die gemeinsame Mitte gibt es nicht mehr. Die gemeinsame Mitte ist ein autoritäres Trugbild. Fernsehen sollte vielmehr dazu beitragen, die vielen Knotenpunkte, die es gibt, in einen Dialog zu setzen, und von den Bedrohungen erzählen, denen die pluralen Lebensentwürfe und Lebenswelten ausgesetzt sind. Das Verbindende, was Fernsehen leisten könnte, wäre forschendes Gespräch dort zu wecken, wo bislang nur Unverständnis oder Unkenntnis herrscht. Fernsehen wird menschenblind, wenn es die Fühlsichten vermeintlicher Minderheiten nicht aufnimmt. Den großen herzensguten Ordnungshüter braucht kein Mensch. Seine Güte heißt Gewalt. Die Qualität eines Programms bemisst sich auch daran, kulturelle Differenzen wahrzunehmen, sie abzubilden, und mangelnde Qualität zeigt sich da, wo Figuren starre Identitätspanzer postulieren, die von der Realität längst ins Ablagefach „Erledigt“ entsorgt wurden. In vielen deutschen Filmen und Serien finde ich eine Kultur der gepanzerten Normalität, eines ästhetischen und biografischen Mainstreams, der nichts wissen will vom biografischen Dschungel.

Gegen die Verpanzerung des Mainstreams könnte vor allem auch der Dokumentarfilm helfen. Der Dokumentarfilm „Kinder! Liebe! Hoffnung!“ (ARD/SWR) von Sigrid Faltin, der berührender und dramatischer kaum hätte sein können – er war daher auch für den Deutschen Fernsehpreis nominiert –, wurde im vergangenen Jahr im Ersten ausgestrahlt. Um 23.30 Uhr! Der Film erzählt von einer Patchwork-Familie, die durch die plötzliche Krebserkrankung des Vaters vor extreme Belastungsproben gestellt wird. Nicht sei spannender als die Wirklichkeit, sagt der ARD-Programmdirektor. Dieser Sendeplatz straft ihn Lügen und auch der kontinuierliche Rückgang von Sendezeiten für Reportagen und Dokumentationen passt zu dieser Aussage nicht.

Kritisch zu beobachten ist auch, dass moderne journalistische Formate wie der „Markencheck“ (ARD/WDR) sehr formatiert wirken, kurze Aufmerksamkeit erreichen, dass sie aber ein falsches Verständnis von Reportage und Dokumentation insgesamt etablieren, in dem sie sie zum Servicedienst und Verbraucherinstrument umdeuten. Die Fokussierung auf sogenannte Event-Dokumentationen, die stark auf Reenactment, auf Prominenz und Dramatik setzen, verengt ebenfalls das Bewusstsein davon, was Dokumentationen leisten können. Wir leben in Kulturen der Raserei, Informationen und Bilder werden immer schneller umgeschlagen, eine nachfühlende, nachdenkende Rezeption ist kaum noch möglich, weil die Beschleunigungsmaschinen uns immerzu das nächste Event vor diese Nase setzen. Der künstlerische Autorenfilm findet in den Programmen von ARD und ZDF kaum noch statt, und gerade an dieser Stelle wünschte ich mir die Durchschlagskraft eines Jason Statham, um zu sagen: „Liebe Leute, es ist skandalös, wie ihr in dieser Hinsicht eure Identität preisgebt! Der Dokumentarfilm gehört nicht an den Rand des Spektrums, sondern er muss wieder öfter im Zentrum eures Blickes stehen.“

Schluss mit Werbung und Sponsoring

Identitätsstiftend hingegen könnte sein, wenn ARD und ZDF sich endlich von Werbung und Sponsoring befreien würden und damit einer Empfehlung folgten, die bereits Paul Kirchhof in seinem Gutachten zur Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks abgegeben hat. Damit würde vor allem das Vorabendprogramm neue Spielräume erhalten, wo jetzt überwiegend fade Krimiserien regieren und alle spielfreudigeren Versuche wie „Gottschalk Live“ wegen des Werbeumfelds unter einem brutalen Refinanzierungsdruck stehen. Es geht also im Vorabendprogramm der ARD meistens „Heiter bis tödlich“ zu, eher tödlich, wenn man an die Flops der letzten Jahren denkt, tödlich aber auch, wenn man an die restaurative Biedermann-Anmutung der dort präsentierten Serien denkt.

Ohne es zu wollen, wird man zum Nostalgiker, wenn man sich heute noch mal einige Folgen der Serie „Der Fahnder“ (ARD/WDR) zu Gemüte führt. Was für eine Dynamik mitunter, was für fiebrige Dramaturgien, was für kundige Soziografien des Alltags. Oder ein anderer altvorderer Dauerbrenner, „Auf Achse“ (ARD/NDR). Da mutete man dem Publikum doch tatsächlich einmal fremde Sprachen und Kulturen zu, deren Zungen wurden nicht eingedeutscht, nicht synchronisiert, und die Zuschauer hatten sich, wie der Berufskraftfahrer Franz Meersdonk (Manfred Krug) auch, mit der Unverständlichkeit der Fremden auseinanderzusetzen. Von solchem Wagemut, solch grenzüberschreitender Entdeckungslust ist im Vorabendprogramm nichts geblieben. Wohin das Auge blickt Schmunzelkrimis, Humorkrimis, Komödienkrimis. Nichts gegen den Krimi, dieses wunderbare Genre, aber die Konzentration des deutschen Fernsehens darauf, seine Fixierung verarmt unsere Genrekenntnis, schafft filmische Monokulturen, deformiert den Blick. Warum versuchen sich nicht auch die öffentlich-rechtlichen Sender öfter an politischen Satiren und Komödien? Der wirklich respektable Film „Der Minister“, zu sehen beim Privatsender Sat 1, hätte auch ihnen gut zu Gesicht gestanden.

Wäre ich Jason – seinen Nachnamen kennen Sie nun schon –, ich würde sofort Artur Abraham, Jürgen Brähmer und all die anderen Boxer umgehend zu Boden schlagen und aus dem öffentlich-rechtlichen Ring werfen. Diese Kämpfer schlagen die Identitäten der Anstalten kaputt, es bilden sich kulturelle Hämatome. Ihr Auftritt ist auch deshalb nicht hinzunehmen, weil es um die Sportberichterstattung insgesamt schlecht bestellt ist. Die Sender müssten nicht nur Spitzensport, sondern auch Breitensport in seiner Vielfalt abbilden und fördern durch publizistischen Zuspruch. Es fehlt an langen Sportreportagen, es fehlt auf diesem Sektor an investigativer Kompetenz. Das „Aktuelle Sportstudio“ im ZDF ist schon lange eine seichte Sendung, ohne Biss und Pep, gut recherchierte Sportstücke findet man ab und zu bei „Sport inside“ im Dritten Fernsehprogramm des WDR. Ansonsten fokussiert man seine Kapazitäten auf die großen Events wie die Olympischen Spiele oder Fußball-Welt- und Europameisterschaften und gibt wie das ZDF derzeit viel zu viel Geld für die Übertragungsrechte der Champions League aus, einen Wettbewerb, der in den Vorrunden viel Leerlauf produziert und die nationalen Ligen durch die Ausschüttung enormer Fernsehgelder in Zwei-Klassen-Gesellschaften gespalten hat. Während ich das starke finanzielle Engagement für die Übertragungsrechte an der Fußball-Bundesliga für geboten halte, das lässt sich historisch, sportpolitisch und auch kulturgeschichtlich begründen, sehe ich diese Notwendigkeit für die Champions League nicht. Hier wird gierig auf den Quotensieg des Tages geschielt und dadurch die Qualität der Sportberichterstattung im Alltag fahrlässig verspielt.

Menschen statt Marken

Auch in den Talkshows wird einiges verspielt: Die Gesprächsrunden von ARD und ZDF schüren eher Politikverdrossenheit und bedienen eher Marken statt Menschen. Das ist eine Tendenz, die sowohl den politischen wie den unterhaltenden Gesprächssendungen zu eigen ist. Die immerselben Gäste erzeugen die immerselben Sätze. Die immergleichen Fragen fordern die immergleichen Antworten heraus. Eine philosophische Gesprächssendung wie die von Richard David Precht im ZDF wird durch den Mitternachtssendeplatz marginalisiert, ein politischer Pas de deux wie einst „Zur Person“ mit Günter Gaus gibt es seit langem nicht mehr und es fehlt grundsätzlich an Gesprächsrunden, in denen der Bürger, der Namenlose zu Wort kommt. Von den privaten Sendern und ihren einstigen verschrienen Trash-Talks am Nachmittag hätte man zumindest lernen können, dass auch unbekannte Menschen Geschichten haben, die es zu erzählen lohnt. Diese Gespräche dann anders zu führen, als das die Privatsender mit dem Ziel der emotionalen Eskalation getan haben, wäre eine der vornehmsten Aufgaben von ARD und ZDF.

Für den nächsten Punkt kehre ich zu meiner Ausgangsfrage zurück: „Gibt es noch eine Chance, die Kultur populärer und das Populäre kultureller anzubieten?“, so hieß es eingangs in echter Jason-Statham-Manier. Ich bin wohl mittlerweile zu der Ansicht gekommen, dass wir umgekehrt die Kultur und das Populäre wieder kenntlicher machen und sie in ihrer jeweiligen Qualität stärker voneinander abgrenzen müssen. Wohin die zwanghafte Versöhnung dieser beiden Begriffe führt, kann man gerade am runderneuerten Kulturmagazin „Aspekte“ im ZDF sehen, das mir nun vorkommt wie die „Teletubbies“. Immer steht jemand im Bild, der mir fröhlich zuwinkt und mir das Gefühl gibt, ich sei ein Kleinkind, das unter einer ausgeprägten Museumsscheu leidet und von seinen Eltern mit Gummibärchen und Brausepulver-Sprache dorthin verschleppt werden soll, wohin es partout nicht hin will: ins Allerheiligste.

Kommen wir nun vom imaginären Kleinkind zum imaginären „Greis“. Es ist weithin bekannt, dass der Altersdurchschnitt der Zuschauer von ARD und ZDF bei etwa 60 Jahren liegt. Das nenn’ ich mal eine handfeste Legitimationskrise! Der Hinweis auf jugendbewegte Spartenkanäle wie ZDFneo ist da kein Trost, wenn uns die Hauptprogramme immer seltener überraschen und im guten Sinne irritieren. Die Zuschauer der Dritten Programme der ARD sind noch älter, hier liegt der Altersdurchschnitt zwischen 61 und 64 Jahren. Sollte aber nicht gerade in den Dritten Programmen, auf den kleinen Bühnen, in den etwas weniger ausgeleuchteten Winkeln mehr Spielfreude, dramaturgische Beweglichkeit und programmsuchende Entdeckungslust herrschen? Insgesamt scheinen die Dritten Programme einen engen Heimatbegriff etablieren oder gegen die Zeit zurückgewinnen wollen, sie bedienen das regionale Gemüt oder arbeiten daran, das schollenverbundene Regionalgemüt herzustellen.

Wurstparadies Hessen

In einer Pressemitteilung des Hessischen Rundfunks (HR) vom 27. Dezember 2012 hieß es unter der Überschrift „HR Fernsehen stellt 2012 neuen Quotenrekord auf – 7,1 Prozent Marktanteil in Hessen“ marktschreierisch: „Das HR Fernsehen hat 2012 einen historischen Rekordmarktanteil erreicht und damit das bereits starke Ergebnis des Vorjahres noch einmal getoppt: Mit einem Marktanteil von 7,1 Prozent in Hessen wurde der beste Wert seit 1989 erzielt.“ Die „Funkkorrespondenz“ hat eine endlose Liste von Sendungen zusammengestellt, mit der der Hessische Rundfunk seine Rekordquote im Jahr 2012 und dann 2013 erzielt hat (die Liste ist im Internet-Angebot der FK abrufbar). Hier nur eine kleine Auswahl von Sendungen, die zum Teil vielfach im Programm wiederholt wurden und werden: „Das große Hessen-ABC“, „50 Dinge, die ein Hesse wissen muss!“, „50 Dinge, die ein Hesse getan haben muss!“, „Deutschland, deine Hessen“, „Wurstparadies Hessen“, „Die beliebtesten Heimatfilme der Hessen“, „Die beliebtesten Hausmittelchen der Hessen“, „Die beliebtesten Bauernhöfe der Hessen“, „Die beliebtesten Liebeslieder der Hessen“, „Die beliebtesten Weihnachtslieder der Hessen“, „Die beliebtesten Fastnachtslieder der Hessen“, „Die beliebtesten Büttenreden der Hessen“.

Wo ein Mensch seine Heimat im Zeitalter der Globalisierung und der verordneten Ortlosigkeit noch findet, wird einerseits immer wichtiger; andererseits hängt die Antwort immer weniger mit einem traditionellen Heimat- und Ortsbegriff zusammen, die Heimatgefühle werden immer flüssiger. So hat etwa der englische Ethnologe Daniel Miller in seiner Studie „Der Trost der Dinge“ beschrieben, wie sich die Bewohner einer Londoner Straße im Verhältnis zu ihren Dingen ihre ganz eigenen privaten Kosmologien schufen, die ihren Leben Sinn und Halt gaben, ohne dass sie dabei auf Konzepte wie Gesellschaft, Staat oder Religion zurückgriffen. In den letzten Jahren werden immer häufiger zumeist amerikanische Serien zu ganz privaten Heimatgefilden, Alltagsbegleitern und Trostunterkünften. Dass das deutsche Fernsehen keine Serie kann, stimmt nicht, ich denke an herausragende Produktionen wie „Klimawechsel“ (ZDF), „KDD – Kriminaldauerdienst“ (ZDF), „Im Angesicht des Verbrechens“ (ARD) oder erst kürzlich „Zeit der Helden“ (SWR Fernsehen/Arte). In diesem Feld des fiktionalen Erzählens haben die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Bemühungen in blamabler Weise eingefroren, der lieb- und respektlose Umgang mit den Serien „Im Angesicht des Verbrechens“ und „KDD“ zeugt von markthörigem Opportunismus. Doch gerade auf diesem Sektor, wo das Fernsehen als Kontinuitätsgarant und als ambulante Seelenapotheke punkten könnte in einer schwindelerregenden Beschleunigungsgesellschaft fehlt es offenbar an einem produktiven, wagnisfrohen Willen.

Stichwort Spiel und Show: Der alltagserstarrte, der berufsgebundene, der pflichteingeschnürte, der möglichkeitsgedrosselte Mensch befreit sich im Spiel von den Verkrustungen und Verpanzerungen des Effizienz-Regimes. Das wäre zumindest die klitzekleine Hoffnung. Gerne würde ich deshalb in den Spiel- und Ratesendungen bei ARD und ZDF auch Menschen sehen und nicht viel zu oft die Inhaber des Reisepasses Prominenz. Diese TV-Bewohner, die ihre Bedeutung oft genug nur durch ihre permanente TV-Präsenz beweisen und ansonsten offenbar kein Zuhause haben, müssten vom dauerhaften Bildschirmdienst erlöst werden zugunsten von Menschen, die kein bekanntes Gesicht haben. Ich vermisse übrigens sehr grenzüberschreitende Spielformate, wie es das wunderbare „Spiel ohne Grenzen“ (ARD) in den sechziger und siebziger Jahren war.

Fazit

Die öffentlich-rechtlichen Sender sind dabei, ihre Identität an den Markt zu verkaufen, in der Annahme, so sei Legitimität zu gewinnen. Sie können, das ist jedem klar, kein Instrument der pädagogisch-politischen Vormundschaft mehr sein, doch diese Identitäts- und Legitimationskrise hat sie dazu verführt, sich einem hysterischen Plebiszit, das sie Tag für Tag einfordern, zu unterwerfen: der Quote. Im Wettbewerb mit den privaten Sendern haben sie nicht unmaßgeblich dazu beigetragen, diese auf eine fatale Weise zu disziplinieren; die privaten Sender erscheinen im Augenblick vor allem inhaltlich ruiniert, erstarrt, unfähig zur Innovation, fixiert auf möglichst kostengünstige Produktion von dürftigen Programmen und den Einkauf von ausländischen Formaten. Dieses diffuse Bild wiederum, das die privaten Sender abgeben, macht es schwer, die besonderen Qualitäten, die die öffentlich-rechtlichen Sender unbestritten noch haben, wirklich wahrzunehmen, denn über weite Programmgebiete wirken die öffentlich-rechtlichen Sender so, wie wir uns die privaten vorstellen: dem Boulevard, dem Glamour und der Prominenz verpflichtet und nicht geizend mit sanft-heiterer, unbeschwerter Unterhaltung, die einen risikofreien Emotionsfluss garantiert.

Bevor mich jetzt im Angesicht finsterer Gewalten alle Kräfte verlassen und ich wie jeder rechtschaffene Actionheld in den Staub sinke, bäume ich mich nun ein letztes Mal auf und versuche durch eine Stakkato-Schlagfolge meine Argumente zu sammeln und würdevoll abzutreten: Was müssen die öffentlich-rechtlichen Sender meiner Ansicht nach tun, um ihren Informations- und Bildungsauftrag zu erfüllen? Dies:

  1. die Ideologie und die Sprache des Marktes im institutionellen Gefäß bekämpfen;
  2. das dokumentarische Erzählen stärken und attraktiver platzieren;
  3. die hierarchisch geführten Sender eher als kulturelle und kommunikative Kooperative denken;
  4. Werbung und Sponsoring abschaffen;
  5. die Sportberichterstattung verknappen und differenziert auffächern;
  6. das „Aktuelle Sportstudio“ abschaffen;
  7. die Boxer aus dem Ring werfen;
  8. Talkshows nicht mit Marken besetzen, sondern mit Menschen;
  9. den Liebe und Halt suchenden Körper in seiner Ambivalenz entdecken wollen;
  10. die Kulturen der Differenz erzählen und auch zeigen wollen (etwa durch ein Magazin mit dem Titel „Quer und Queer“);
  11. sich im Vorabendprogramm auf experimentellere Show- und Spielformate einlassen;
  12. dem allwurzelnden Krimi filmische Genrevielfalt entgegensetzen;
  13. Kulturmagazine wie „Aspekte“ nicht zum „Teletubbies“-Programm machen;
  14. der Gerontokratie durch jugendgemäße Formate im Musik- und Kulturbereich entgegenwirken (etwa mit Magazinen zu Themen wie Urbanität, Mode, Gerechtigkeit oder Rebellion);
  15. grenzüberschreitende Spielshows initiieren;
  16. durch neue fiktionale Serien und dokumentarische Langzeitbeobachtungen einen epischen Atem entwickeln, der über den Tag und das Einzelstück hinausgeht;
  17. die politischen Magazine wieder ausbauen;
  18. ein Medienmagazin etablieren wie früher „Glashaus TV intern“ vom WDR, das im Medium selbst Programmkritik leistet;
  19. die Dritten Programme nicht restaurativ, sondern innovativ denken;
  20. punktuell das Wildcard-Prinzip im inhaltlich gestaltenden Bereich einführen;
  21. neue Diskussionsforen entwickeln, das heißt, jenseits der herrschenden politischen Phraseologie müssen die Sender Debattenkulturen anstoßen, Fenster öffnen für neue politische Sprachen, denn nur so schütteln sie auch ihre eigene politische Müdigkeit ab;
  22. und schließlich müssen ARD und ZDF kooperativer und weniger rivalisierend agieren, ansonsten stellt sich die Frage, wozu es überhaupt zwei öffentlich-rechtliche Sender braucht.

Diskursive Detektive

Der Bildungsauftrag und somit die Identität des öffentlich-rechtlichen Rundfunks müssen sich wandeln. Das ist gesetzlich festgeschrieben. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk gewinnt seine Identität aus den Bedürfnislagen einer Gesellschaft, wobei das Bedürfnis nicht zu verwechseln ist mit dem, was eine Gesellschaft überwiegend kauft. Nur weil Chips sich in einem Supermarkt am meisten verkaufen, heißt das nicht, dass wir, die Menschen, Chips am meisten benötigen oder dass Chips die Mitte der Gesellschaft sind oder der Konsens, auf den wir, die Bewohner der Obdachlosigkeit, uns schließlich einigen. Eine Tüte Chips ist schnell gegessen und ein Zuhause hat noch niemand in ihr gefunden. In der Auseinandersetzung mit den Pathologien der Moderne müssen wir alle zu diskursiven Detektiven werden, die Zuschauer, die Sender und wir, die versuchsweise professionellen Medienbeobachter, um die verschiedenen Bedürfnisse zu ermitteln.

Die verbreitete Argumentation, gute Quoten seien ein Votum, den Status quo fortzuschreiben, die Quote sei ein täglich einzuholendes Plebiszit, stimmt nicht. Der Rundfunk hat nicht den Auftrag, unsere vermuteten Erwartungen zu befriedigen, sondern uns vom Erwartungsdruck zu befreien, uns mit Unerwartetem zu überraschen, um uns aus alltäglichen Routinen und hoffnungsarmer Wartestarre zu erlösen. Bildung beginnt mit Kursänderungen. In Hinblick auf die Chancen, Risiken und Verluste unserer Zeit hat der Rundfunk seine Identität zu entwickeln. „Leitbilder“ und unantastbare Antworten wird er kaum noch geben, eher kluge Fragen aufwerfen, die die ermutigen, die sich gesellschaftlich engagieren, und jene erschrecken, die Egoismus für die zeitgemäßeste aller Antworten halten.

Der diskursive Detektiv hat kein fertiges Rezept, es gilt nicht, die Gesellschaft zu heilen oder als fürsorglicher Tyrann vor schlimmen Dingen zu bewahren. Aber der Rundfunk und seine Detektive sollten an Bildern und Erzählungen arbeiten, die Empathie stiften, wo Menschen einander in feindseliger Fremdheit verlieren, an Bildern und Erzählungen, die Sand ins Getriebe schütten, auch ins eigene, wo der Betrieb verdächtig lautlos schnurrt, die zu Solidarität ermutigen, wo Gruppen und Milieus gegeneinander ausgespielt werden, Respekt einklagen, wo soziale Geringschätzung sich breit macht, kontroverse Spannung schüren, wo Langeweile mit guter Unterhaltung verwechselt wird, intellektuell provozieren, wo ein breiiger Konsens gepflegt wird, kulturelle Differenz verteidigen, wo totalitäre Konzepte aufblühen, zu Einspruch anstiften, wo Macht missbraucht wird, Toleranz lehren, wo das Fremde nur als Eindringling betrachtet wird, und schließlich hin und wieder den Menschen daran erinnern, auch den mächtigsten, dass seine Zeit befristet ist.

28.03.2014/MK