Per Petterson: Nicht mit mir (HR 2 Kultur/Deutschlandradio Kultur)

So schön erzählt

07.09.2015 •

Die Rückblende als das prägende Stilmittel einer Geschichte einzusetzen, ohne dass dabei der Erzählfluss ins Stocken gerät, ist eine schwierige Sache. Im Hörspiel „Nicht mit mir“ nach dem gleichnamigen Roman von Per Petterson gelingt dies jedoch auf eine äußerst überzeugende Art und Weise. Im Fokus der multiperspektivischen Erzählung, die geschickt zwischen inneren Monologen und erinnerten Dialogen hin- und herpendelt, stehen zwei entfremdete Jugendfreunde, die sich nach Jahrzehnten zufällig wiederbegegnen und doch nicht zueinander finden können.

Per Pettersons Roman, der dem Hörspiel zugrunde liegt, wurde unter dem norwegischen Originaltitel „Jeg nekter“ („Ich verneine“) im Jahr 2012 veröffentlicht. 2014 erschien das Buch in der deutschen Übersetzung von Ina Kronenberger im Münchner Hanser-Verlag. Recht zeitnah entstand nach dieser Übersetzung nun in der Bearbeitung und unter Regie von Steffen Moratz die dazugehörige Radioarbeit. Es handelt sich dabei um eine Koproduktion von Deutschlandradio Kultur (federführend) und dem Hessischen Rundfunk (HR), verantwortliche Redakteurin war Stefanie Hoster, Hörspielchefin bei Deutschlandradio Kultur. Die Ursendung von „Nicht mit mir“ erfolgte am 30. August im Programm HR 2 Kultur.

Das skandinavisch düstere Hörspiel mit der stimmungsvollen Komposition von Andreas Bick beginnt mit einem eigentlich freudigen Ereignis, dem Zusammentreffen der alten Freunde Jim und Tommy. Jim, seit einem Jahr wegen Panikattacken von seiner Arbeit als Bibliothekar krankgeschrieben, steht mit seiner Angelrute an einer Brücke und wartet, dass die Fische beißen. Da nähert sich ihm ein nagelneuer Mercedes und hält. Das unverhoffte Aufeinandertreffen mit dem mittlerweile als Banker zu Wohlstand gekommenen Tommy freut beide Seiten. Mehr, als peinlich berührt herumzudrucksen, gelingt ihnen jedoch nicht und so trennen sich ihre Wege wieder.

Durch das Aufeinandertreffen wird nun bei beiden Männern ein gewaltiger Erinnerungsstrom getriggert, an dem der Hörer teilhat. Chronologisch stimmig wird aufgerollt, welche Ereignisse die Verbundenheit der beiden besiegelte und wodurch die Freundschaft zerbrach. Dafür geht es ins ländliche Norwegen der späten 1960er und frühen 1970er Jahre. Man erfährt von Tommys gewalttätigem Vater (Michael Rehberg), dem Verschwinden seiner Mutter Tya (Christin König) und der Auflösung der Familie mit insgesamt vier Kindern. Man erfährt von Jims Solidarität mit dem Freund und von einem verhängnisvollen Schlittschuhlauf auf dem See, bei dem durch einen Beinaheunfall das Vertrauen der beiden zueinander zerstört wird. Jim wird paranoid und nachdem er versucht hat, sich das Leben zu nehmen und in der Psychiatrie sitzt, kündigt er Tommy, als der ihn besucht, beiläufig die Freundschaft.

Für die szenische Darstellung der mehrere Jahrzehnte zurückliegenden Ereignisse wurden nicht nur die Rollen der beiden Freunde Tommy (alt: Jörg Schüttauf/jung: Mirco Kreibich) und Jim (Axel Wandtke/Christopher Heisler) doppelt besetzt. Auch die ihre Perspektive darlegende, aus dem Off erzählende Siri (Judith Engel), Tommys Schwester, taucht als Jugendliche (Lucie Thiede) auf. Und Tommys Pflegevater Jonsen (Klaus Manchen) kann man ebenfalls mit entsprechend angepasster Stimmer als jungen Mann (Christoph Gawenda) erleben. Er erhellt die Umstände des Verschwindens von Tommys Mutter.

Ein in gewissem Sinne tragisches Ende erwartet den Hörer. Es bleibt keine Hoffnung auf ein Wiederaufleben der innigen Freundschaft. Trotzdem ist man am Ende des knapp anderthalbstündigen Stücks mehr berührt als deprimiert. Kein Wunder, wenn so schön erzählt wird. Im Deutschlandradio Kultur ist das am 27. September (ab 18.30 Uhr) noch einmal zu hören.

07.09.2015 – Rafik Will/MK

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