Nur Gott weiß mehr

Ein Gespräch mit Georg Stefan Troller über Paris, Überleben auf der Flucht, das dokumentarische Fernsehen und die Energie der Menschen

Von Lutz Hachmeister

Im Juli erschien das „Jahrbuch Fernsehen 2013“, herausgegeben unter anderem von der „Funkkorrespondenz“ und dem Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM). Für das Jahrbuch führte IfM-Direktor Lutz Hachmeister in Paris ein Interview mit Georg Stefan Troller, das die FK im Folgenden abdruckt. Das Gespräch mit dem Publizisten und Filmemacher fand in dessen Wohnung in Paris statt. Troller wurde am 10. Dezember 1921 in Wien als Kind einer gutbürgerlichen Pelzhändler-Familie geboren. Nach dem Beginn einer Buchbinderlehre flüchtete er, angesichts der radikalisierten NS-Herrschaft im ehemaligen Österreich, im November 1938 zunächst nach Prag, dann mit seinen Eltern nach Frankreich. 1941 gelangte er mit einem Flüchtlingsschiff über Marseille nach New York. Als Angehöriger der US Army kehrte er 1945 nach Europa zurück, studierte in Wien und noch einmal in Kalifornien Philologie und Theaterwissenschaft und begann 1949 in Paris als Reporter und Auslandskorrespondent zu arbeiten. Trollers Reihen „Pariser Journal“ (ARD/WDR) und „Personenbeschreibung“ (ZDF) machten ihn zu einem der markantesten Fernsehjournalisten beim deutschen Publikum. 1988 publizierte er seine Erinnerungen „Selbstbeschreibung“, in denen er sich ungewöhnlich offen und mitunter sarkastisch mit seiner jüdischen Identität auseinandersetzte. Zu seinen zahlreichen Buchpublikationen zählt der Band „Ihr Unvergesslichen“ (2006), in dem er seine Begegnungen mit Muhammad Ali, Georges Simenon oder Jean Seberg schildert. Georg Stefan Troller, 92, der viermal mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, lebt mit seiner Frau Kirsten im 7. Arrondissement von Paris und lehrt weiterhin Dokumentarfilm an deutschen Filmhochschulen und -akademien. • FK

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Lutz Hachmeister: Herr Troller, Sie waren in jungen Jahren an Orten in Nordfrankreich, die auch heute viele Franzosen nicht mit Namen kennen: Ambleteuse, Wimereux, Hesdin… Sie waren nicht freiwillig dort. Das war 1939.

Georg Stefan Troller: Ja, Kurorte an der Kanalküste, wo wir lebten, als der Krieg ausbrach, und dann Internierungslager, fünf oder sechs, in die wir von den Franzosen nach Kriegsausbruch eingesperrt wurden, neun Monate lang. Ambleteuse, Wimereux – dieser letzte schöne Sommer 1939. Klar, im Grunde eine Art Kindheitsideal. Die anderen Orte blieben mir vor allem als Orte der Zwangsarbeit in Erinnerung, wo man ausmarschierte, um Kies zu schaufeln oder in einer Tierfuttermühle zu arbeiten. Alles wahnsinnig einsam und entlegen, primitiv, immer nur ein Café, nichts los, kein Kino – aber alle verbunden miteinander durch Telegrafendrähte; die summten musikalisch und dieses Summen habe ich noch im Ohr. Die summen heute nicht mehr, aber das war die Verbindung zur Zivilisation, von der wir so abgeschnitten waren.

Sie beschreiben ja in ihren Erinnerungen sehr präzise, dass Hitlers Armeen, die deutschen Truppen und Geheimdienste immer genau dahin kamen, wohin Sie geflüchtet waren. Sie flüchten von Wien, wo Hitler 1938 triumphiert, nach Prag, die Deutschen marschieren in Prag ein. Dann von Prag nach Frankreich, schon wieder kommen die deutschen Soldaten. Sie sagen, es herrschte bei Ihnen nicht so sehr Hass auf die Deutschen vor, sondern sogar auch Bewunderung, weil ihnen alles zu gelingen schien.

Ich empfand Neid. Toll organisiert, damals lauter große, schlanke, blonde, junge Leute, diese deutsche Armee; nicht, wie sie nachher aussah. Von den Franzosen bewundert, und sie schienen den Sieg verdient zu haben. Die Franzosen total desorganisiert, durcheinander, unvorbereitet, läppisch, versuchten da und dort mit eingegrabenen Panzern Widerstand zu leisten. Sie hatten ja nur ein oder zwei Panzerdivisionen, trotz de Gaulles Mahnwort – es war alles hilflos. Es starben hunderttausend, man vergisst das häufig, hunderttausend Franzosen sind gefallen in diesem kurzen Blitzkrieg, aber für nichts, weil die Offiziere, weil der Generalstab, die politische Führung hoffnungslos war. Und was das für ein Gefühl war? Angst – als wüssten die, wo du bist, Österreich, dann Prag, dann Frankreich, sie schienen immer zu wissen, wo du bist. Und sie wussten es ja auch, sie hatten diese Listen, und unsere Angst war: Ich stehe auf der Liste. Und viele meiner Freunde standen ja auch drauf. Deutsche Tüchtigkeit, deutsche Gründlichkeit, die kannten deinen Namen. Die erwischen dich. Nur Gott weiß mehr.

Sie waren in einer doppelten Verlierersituation: als Jude und Emigrant stigmatisiert, und in Frankreich in einem Land, das sich dem Aggressor nicht wirklich entgegenstemmte und sich schnell aufgegeben hatte.

Am Strand von Wimereux, in den letzten Friedenstagen

Mit einer Armee, die weitaus stärker war als die deutsche. Briten und Franzosen hatten mehr Flugzeuge und Panzer als die Deutschen. Aber alles desorganisiert, alles hoffnungslos, vom ersten Moment an, obwohl der Polenkrieg ja schon gelaufen war, man wusste also, was ein Blitzkrieg war. Die Franzosen verließen sich auf ihre Maginot-Linie und den Mythos von der Undurchdringlichkeit der Ardennen, sie lebten in einer Traumwelt. Naja, Traum ist zu schön gesagt, zu romantisch – in einer Vorstellungswelt, der keinerlei Realität entsprach. Die Engländer übrigens auch. Ich kann mich gut erinnern – am Strand von Wimereux, in den letzten Friedenstagen: Ein Engländer, der gerade dabei war, zurückzufahren, sagte: „Wir haben keine Angst, ein britischer Soldat ist zehn Deutsche wert.“ Hatten die eine Ahnung!

Ein chauvinistisches, auch antibolschewistisches Sentiment war ja in Frankreich schon vor dem Zweiten Weltkrieg sehr verbreitet, eben auch eine Art Respekt vor Hitlers straffem Regime, so dass man den deutschen Angreifern und Besatzern bald schon eher wohlwollend gegenübertrat, zumindest im Establishment.

In der Bourgeoisie, im französischen Katholizismus war natürlich die Angst vor den Sowjets stärker als die Angst vor Hitler. Mit Hitler konnte man sich vielleicht arrangieren, mit Stalin nicht. Und dieser wahnsinnige Nichtangriffspakt, den Hitler mit Stalin geschlossen hatte, trug noch einmal zur Verwirrung in Frankreich bei. Die französische Arbeiterschaft, sehr stark, sehr gut organisiert, hätte sich vielleicht den Deutschen entgegengestellt, aber plötzlich waren die Sowjets die Freunde Hitlers, und da wussten auch die nicht mehr, wo sie standen.

Sie kommen von der nordfranzösischen Küste nach Paris, warum eigentlich? Wurde Ihre Familie von den französischen Behörden dorthin beordert? Oder lag es daran, weil Ihr Vater, ein Pelzhändler, dort wieder eine Art Geschäft aufziehen konnte?

Nein, nein, es gab keine Möglichkeit, irgendein Geschäft aufzumachen. Wir hatten dieses gekaufte, gefälschte Visum nach Uruguay, das Vater uns verschafft hatte. Ich dachte, das ist in Afrika, wusste nicht einmal, wo das war. Ein alter Schulkamerad vom Vater war Ehrenkonsul von Uruguay, und der gab ihm diese gefälschten Visa. Damit konnten wir in Frankreich einreisen, mit der Auflage, möglichst bald nach Uruguay weiterzureisen, von Boulogne-sur-Mer aus. Von dort aus pflegten die Schiffe nach Südamerika zu fahren. Gab natürlich keine mehr. Aber es hätte ja noch eins kommen können. Und Franzosen in ihrer Traumwelt dachten, könnte ja noch ein fliegender Holländer kommen und uns von den Trollerschen befreien. Wir blieben an der Kanalküste, dann wurden wir da interniert, und nach dem Einmarsch der Deutschen haben wir noch so sechs, acht Monate in Paris gelebt, ja.

Eine gespenstische Stadt zunächst, die damalige Hauptstadt der Welt.

Die Hälfte aller Pariser war plötzlich weg. Das alles beruhte auf dieser Propaganda aus dem Ersten Weltkrieg, dass die Deutschen den kleinen Kindern die Hände abhacken würden. Das hatte die Auswirkung, dass Millionen von Franzosen aus dem Norden nach Süden flüchteten und den französischen Truppen auch noch die Wege an die Front versperrten. Die einzige Möglichkeit, dass wir eine Wohnung in Paris bekamen, war, dass so viele Pariser nicht da waren, in dem Moment ... Im Grunde haben die Franzosen ihre Niederlage als gerechtfertigt angesehen. Das war das Furchtbare. Sie waren ja nicht dumm, keine Nazis, keine Besessenen. Es kam dieser Mythos ins Spiel: Die Deutschen sind die Männer, die Franzosen sind die Frauen. Und Frankreich muss sich dem Mann hingeben. Dieser psychologische Mechanismus spielte eine ganz starke Rolle. Deswegen gab es lange keinen nennenswerten Widerstand in Frankreich. Die Situation in Paris selbst: kein Benzin, keine Lebensmittel, stundenlanges Anstellen jeden Morgen an den Läden, deren Besitzer immer aggressiver wurden. Ich weiß, dass wir in einer Badeanstalt duschen gingen, weil dort noch kleine Seifenstücke mitgegeben wurden zum Duschen, und von dem Seifenstück konnte man sich nachher eine Woche lang waschen. Aber es gab direkt einige Wochen nach der Eroberung von Paris wieder Theater, Kinos, Vergnügungsleben, das war alles wieder voll im Gange.

Wo haben Sie in Paris gewohnt, 1940?

Rue Monge, am linken Seine-Ufer, das war damals ein Gerberviertel. Stank auch ein wenig danach. Ein Teil des Quartier Latin, heute ist eine Uni da. Das hat mir zugesagt, es ist nicht weit vom Boulevard Saint-Michel, der damaligen Hauptader des Studentenwesens. Also, das war schon okay. Man war froh, dass man irgendwo untergekommen ist. Es ging gar nicht darum, wo man war. Wir waren immerhin in einem schönen Viertel.

Sie schreiben in Ihrem Buch, diese „Fritzen“, die sich an der Seine sonnten oder bei den Bouquinisten herumstöberten, habe man nicht besonders ernst nehmen können.

Judensterne, Razzien, Internierung

Am Montmartre saßen sie mit Palette und Leinwänden und haben den Montmartre gemalt. Ich will nicht sagen, dass man die Deutschen liebte. Aber: „Ils sont corrects“, sie sind korrekt, hörte man immer wieder, und „ils sont beaux“, sie sind schön. Die französischen Männer waren ja zu Millionen gefangen genommen worden, zum Arbeitsdienst verschickt, nun gab es auf einmal diese schönen Männer. Die hatten alle französische Reiseführer, bemühten sich fast alle, Französisch zu sprechen – man hatte Barbaren erwartet, und man sah freundliche Menschen, die einem mitunter noch Lebensmittel und Schokolade schenkten. Die Kinder in den Arm nahmen. Ich kann mich noch an ein berühmtes Plakat erinnern: „Franzosen, vertraut dem deutschen Soldaten!“ Und da sah man einen deutschen „Fritzen“ mit einem Baby im Arm und einem Kind, das an seinem Rock zerrt, er lächelt breit vor sich hin und hat also die französischen Kinder aus lauter Kinderliebe versorgt. Das war deutsche Propaganda, natürlich, aber das haute hin.

Es gab einen scharfen Unterschied zwischen der Behandlung der Juden und der nicht-jüdischen Franzosen durch die Deutschen.

Das begann 1941. Also, ungefähr ein Jahr nach dem Beginn der Besatzung begannen die Franzosen in deutschem Solde – das Ganze wurde ja von den Franzosen geleistet –, die Juden zusammenzufangen, Judensterne, Kennzeichnung der Geschäfte mit dem Davidstern, dann die Razzien in den Judenvierteln, im Marais, dann die Internierung etwa im Vélodrome d’Hiver, von der Straße weg, aus den Schulen herausgeholt, und das alles von französischen Polizisten. Kein Deutscher in Sicht.

Als Sie 1940 hier in Paris waren, auf dieser Transitstation, ohne zu wissen, was als nächstes kommen würde, wodurch haben Sie sich informiert? War das eher eine Gerüchtekommunikation unter den Flüchtlingen, las man die dann aufkommenden Propagandablätter? Woher wussten Sie, was passieren würde?

Es gab Unmengen an Zeitungen, alle Zeitungsredaktionen haben sich einfach mehr oder weniger angepasst. Und dann gab es natürlich neue Blätter: „Je suis partout“ oder wie die alle hießen, neue französische Nazi-Blätter – und die Aufrufe der Kommandantur wurden an allen Wänden angeschlagen. Man wusste ja, was lief. Oder im Radio, es wurde da nichts verheimlicht. Es wurde alles ganz offiziell gemacht, mit Billigung, damals, der meisten Franzosen. Und wenn ein Mann wie André Malraux sich als großer Widerstandskämpfer ausgab, nein – er war in diesen Jahren ein Salonlöwe, der sich allerdings um seine jüdische Frau gekümmert hat, immerhin geschiedene Frau. Von Widerstand keine Rede. Bei Sartre bin ich auch sehr im Zweifel, das ist alles die Résistance von 1943, 1944. Zu meiner Zeit, als ich da war, 1940/41, gab es eine Art Muffigkeit; aber Widerstand oder auch nur Hass gegen die „Fritzen“ gab es nicht. Und nun ich, der mit deutscher Kultur groß geworden war in Österreich, der eisern entschlossen war, sich an dieser Kultur festzukrallen, was immer auch passierte – ich hörte nun auf einmal wieder Deutsch reden und hab mich angeschlichen an diese deutschen Soldaten, um diese Sprache zu hören, die ich so liebte. Natürlich, was die von sich gaben, war ja mehr obszönes Gebell, aber immerhin – dieser innerliche Zwiespalt, dass man ja auch zu diesen Leuten, unter denen auch Unmengen Österreicher waren, eine Art Zugehörigkeit empfand… Ich suche keine Entschuldigung dafür, es war einfach so.

Sie haben gesagt, die Abgrenzung zu den sogenannten Ostjuden, denen mit dem schwarzen Kaftan und den Ringellocken, war schärfer als von den Deutschen, als Sie noch in Wien lebten.

Habe ich das geschrieben?

Sie schreiben über die Ostjuden: „Vor dieser Konfrontation drückte man sich, zum Preis von Selbstentfremdung und schlechtem Gewissen.“

Renault baute deutsche Panzermotoren

So ist es. So ist es. Fast waren die Deutschen mehr unsere Leute als diese polnischen Ghettojuden, mit ihrer Sprache, die man nicht verstand. Aber sehr bald kam man natürlich darauf, was die Deutschen wirklich im Schilde führten. In Frankreich verbarg sich hinter der vordergründigen Korrektheit und Nettigkeit der Deutschen die totale Auslaugung des Landes von allen Industriegütern, allen Lebensmitteln, allen Reichtümern, Goldvorräten der Bank von Frankreich, soweit nicht weggeschafft. Die Deutschen haben sich alles unter den Nagel gerissen. Deutschland lebte, was Nahrungsmittel betraf, von französischen Bauern, deren Produkte man mit billigem Besatzungsgeld nach Deutschland schaffte; Renault baute deutsche Panzermotoren und so weiter, und die französischen Bauern haben eben das Korn bestellt, das nachher für die Deutschen in deutschen Mühlen gemahlen wurde. Ich selbst habe mich zu dieser Zeit noch nicht so bedroht gefühlt, weil es fast so aussah, als ob man sich unter diesen Franzosen verlieren würde. Erst als ich nicht mehr da war, kamen in Paris die Verordnungen, dass sich alle Juden zu melden hätten. Das war dann der Anfang vom Ende.

Es gab zunächst ein Besatzungsregime der deutschen Wehrmacht in Paris und in ganz Frankreich, SS und SD waren sehr schwach, nur 40 Spezialisten mit einer Einsatzgruppe 1940, die wurden dann stärker…

Aber nie so stark. Die Unterdrückung fand unter reiflicher Mitwirkung der Franzosen selber statt, auch die Gestapo in Paris war zahlenmäßig nie besonders kräftig. Ich habe später in den Goebbels-Tagebüchern gelesen, wie er sich da unablässig darüber aufregt, mit welcher Milde und Freundlichkeit man die Franzosen behandeln würde. Nun ja, die ganzen Künstler und Intellektuellen, Cocteau, Braque, Piaf, Maurice Chevalier – alles ging nach Deutschland zu Vorstellungen, alles verdiente an den Deutschen, alle Nachtlokale florierten, alle Theater voller Deutscher, die da kulturbeflissen herumsaßen. Also, es gab auch Leute, die sich aus finanziellen Gründen mit dieser deutschen Besatzung arrangierten.

Gegenseitige Ausbeutung.

Ja. Und dieser Mangel an Mannesmut, französischer revolutionärer Tradition, die es ja gab, dieser totale Zusammenbruch aller dieser universellen Werte, für die Frankreich gestanden hatte, das hat mich dann auf Lebenszeit markiert.

Sie haben noch im vergangenen Jahr die jüngste französische Präsidentschaftswahl kommentiert, Sarkozy versus Hollande, bei Phoenix, dem deutschen Nachrichten- und Dokumentationssender, mit einem ironischen Gestus, so war jedenfalls mein Eindruck. Im Augenblick gibt es hier in Frankreich eine Kumulation von geistigen und materiellen Krisen. Und es gibt ein scheinbar ökonomisch übermächtiges Deutschland mit der Kanzlerin Angela Merkel an der Spitze. Frankreich spielt Politik-Komödie.

Heute gehen alle meine Pariser Freunde nach Berlin

Sarkozy war ein großer Kasper, aber er hatte ein ungeheures Durchsetzungsvermögen, obwohl er alle Tage etwas anderes durchsetzen wollte. Aber er hat doch mit hoher persönlicher Energie einiges bewirkt. Ich war nie ein Anhänger von Sarkozy, weil er ein so großer Selbstdarsteller ist, aber immerhin war da was. Und die Franzosen brauchen große Ideen oder auch nur große Worte, um glücklich zu sein mit ihrer Regierung. Und ein Mann wie Hollande hat nur kleine Ideen und kleine Worte und nichts auf der Welt kann dem zu irgendeinem Charisma verhelfen. Das hat er halt nicht. Ich weiß nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass da irgendwann ein Umsturz stattfindet. Das sind ja allmächtige Präsidenten hier in Frankreich, Kanzler und Präsident in einem, und Hollande hat auch noch eine Mehrheit im Parlament. Wenn er nichts Entscheidendes durchsetzt, und das scheint ja so, dann erträumen sich die Franzosen ihren Napoleon. Sarkozy war wenigstens klein wie Napoleon. Hollande ist nicht einmal das.

Es ist jedenfalls keine ungefährliche Situation in Frankreich: eine schwache Industriekultur, es erodiert das Selbstbewusstsein, selbst die haute cuisine hat gegen Dänemark oder Spanien verloren.

Ein Schuss Thatcherism hätte Frankreich jedenfalls für kurze Zeit gut getan. Aber nein, es hat diesen mächtigen Gewerkschaften, allen voran der CGT, ehemals kommunistisch, immer nachgegeben. Mitterand war der letzte, immerhin ein Sozialist, der sich mit den Gewerkschaften angelegt hat, der genug Mut dazu hatte. In Deutschland ist durch eine intelligentere Tarif- und Sozialpolitik die Arbeiterschaft stärker in einen Modernisierungsprozess eingebunden worden, auch mit Lohnverzicht – in Frankreich ganz unmöglich. In Frankreich regiert immer noch die traditionelle Bourgeoisie mit ihren Elitenorganisationen. Und jetzt steht Frankreich da. Und Hollande, der das begriffen hat, hat in einer Krisenzeit, für die er gar nicht verantwortlich ist, nicht die nötige Durchsetzungskraft für wirkliche Reformen. Er möchte ja gerne. Deutschland gilt ja seit Jahren als Vorbild, als Ideal, man vergleicht sich immer mit Deutschland, nie mit Großbritannien. Immer nur Deutschland, wie machen das wie Les Allemands, und immer machen sie es besser. Im Fernsehen kommt alle paar Tage irgendeine Grafik, da sieht man die Deutschen so [zeigt nach oben] und die Franzosen so [zeigt nach unten]. Furchtbar.

In Ihren Erinnerungen schreiben Sie, Paris sei Ihnen damals „unheimlich“
gewesen.

In der Situation als Flüchtling, sicher. Paris ist nach wie vor anregend, aufregend, obwohl ich ja nun nicht mehr am gesellschaftlichen Leben so sehr teilnehme. Paris ist die Stadt, in der man sich nicht langweilt, so heißt es immer, aber heute gehen alle meine Pariser Freunde nach Berlin.

Warum waren die USA, in die Sie dann 1941 via Marseille kamen, keine Lebensoption für Sie? Sie waren dann für kurze Zeit Teil der US Army, Sie haben sogar geschrieben: „Ich liebte die Army“…

Ich habe so viel da gedreht, dreißig, vierzig Filme, und das reichte dann auch. Ich war ja todunglücklich in Amerika, außer nachher als Student, aber das war etwas anderes. Aber als Emigrant in den USA war ich todunglücklich. Es war nicht mein Land, obwohl ich Englisch so gut spreche wie Deutsch oder auch schreibe, ich war drei Jahre in der Armee, aber es war nicht mein Land, da wollte ich nicht leben. Und ich bin dann zur allgemeinen Verblüffung 1949 wieder nach Europa zurückgegangen, in dieses zerdepperte Europa.

Paris ist ja architektonisch unverändert geblieben, museal...

...das Zentrum, ja. Fahren Sie mal in die Außenbezirke, nur Plattenbauten, Ost-Berlin war nichts dagegen! Kilometer um Kilometer, wenn Sie mit dem Zug nach Paris hineinfahren. Übrigens ist von den Alliierten auch der Montmartre ziemlich zerbombt worden. Aber Sie haben recht: Zusammen mit Wien ist Paris im Zentrum ziemlich heil geblieben, verglichen mit dem, was in Deutschland und auch in England passiert. Und es gibt ja nichts Deprimierenderes, als wenn man durch diese alten Städte geht und jedes zweite Haus ist ersetzt worden durch eine von diesen modernen Bauhaus-Sünden, von denen die Leute mal die Erlösung der Menschheit erhofft haben. Tel Aviv wurde nur von jüdischen Bauhaus-Architekten gebaut, und so sieht es auch aus.

Da sind Sie nahe bei Tom Wolfes Bauhaus-Kritik: „From Bauhaus to Our House“.

Natürlich ging es auch um Seelenreinigung

Einzelne Bauhäuser sind ja sehr schön, aber wenn man wie in Tel Aviv nur lauter wild gewordene jüdische Bauhaus-Architekten hat, dann kommt eben keinerlei Charme, keinerlei Stimmung dabei heraus. Lauter kahle Wände. Wissen Sie, dass man in Berlin nach dem Krieg von den wenigen übrig gebliebenen Gebäuden aus der Gründerzeit oder aus der Jugendstilzeit die Stukkaturen abgeschlagen hat, damit die Fassaden kahl werden und das modern wirkt? Was heißt hier modern – natürlich ging es auch um Seelenreinigung, je kahler die Fassaden, umso weißer die Seele, die man über die Nazi-Zeit hinweg gerettet hatte, darum ging’s doch.

Als Sie in den 1950er Jahren hier in Paris angefangen haben, als Journalist zu arbeiten, hatten Sie den Eindruck, Sie haben es hier mit den gleichen Franzosen von 1940 zu tun? Für die deutschen Sender, für die Sie gearbeitet haben, galt ja Ihrer Beobachtung nach, dass da die alten Kameraden aus den Propagandakompanien arbeiteten, schon weil die Ahnung von Film- und Radiotechnik hatten.

Nun ja, Vorsicht, die Franzosen haben dann ja von 1943 an schon zunehmend Widerstand geleistet. Allerdings ist Goebbels in seinen Tagebüchern noch bei der Invasion im Juni 1944 verblüfft, dass sich kaum ein Franzose den alliierten Truppen zur Verfügung gestellt hat. Die Franzosen blieben weg. Es waren praktisch nur die britischen Geheimdienst-Leute, die da zum Widerstand angeregt haben. Aber immerhin: Es gab eine Widerstandsbewegung, es gab Kriegsopfer des Maquis, es gab ungeheuer mutige junge Männer und Frauen, und wo waren die denn in Deutschland, mit Ausnahme… ja, mit Ausnahme von was? Mit Ausnahme des adeligen Offizierskorps, eine höchst fragwürdige Angelegenheit, umso mehr, als die Stauffenbergs ja lange begeisterte Nazis gewesen waren. Was soll ich dazu sagen? In Deutschland hatte man hundertmal mehr das Gefühl als in Frankreich: Das sind dieselben. In Frankreich gab es immerhin einen de Gaulle, und es gab eine Epuration nach der Wiederoberung Frankreichs, die sich gewaschen hat, wenn es auch häufig die Falschen getroffen hat. Aber die, ich schätze mal, rund eine Million aktive Nazi-Mitmörder wie in Deutschland, die gab es in Frankreich nicht.

Sie haben sich früh in die literarischen Existenzen von Abenteuerschriftstellern hineinimaginiert, Arthur Rimbaud, Jack London und natürlich auch B. Traven, den heute außer ein paar Literaturwissenschaftlern kaum noch jemand kennt. Das war das größte literarische Rätsel des 20. Jahrhunderts, weil lange Zeit niemand wusste, wer er wirklich war. Sie sind dann als Student von Kalifornien aus nach Mexiko gefahren, um ihn zu finden, und haben später mit seiner Witwe, Rosa Elena Lujan, ein Interview geführt.

Das geschah nicht, um das Fernsehen zu reformieren

Mit Rosa Elena, ja. Hab dann auch mit dem späteren Hitler-Tagebuchfälscher Heidemann darüber gesprochen, der war ja auch ein großer Traven-Forscher... Und in Leipzig mit dem DDR-Spezialisten, wie hieß er noch?

Rolf Recknagel.

Recknagel, genau. Eine tragische Figur, der Recknagel. Hat sich bei den DDR-Funktionären ungeheuer unbeliebt gemacht, weil er eine Biografie von Oskar Maria Graf, der ja in Amerika lebte, geschrieben hat – und das durfte ja nicht sein, dass ein deutscher Sozialist, der nach Amerika geht, da dann eigentlich sehr zufrieden ist.

Man weiß ja inzwischen sehr zuverlässig, wer B. Traven ursprünglich war.

Ach ja? Angeblich hieß er Feige, kann sein. Er war jedenfalls ein fabelhafter Schriftsteller, hat viel über die Unterdrückung der Indianer in Mexiko geschrieben, worüber ich auch viel gefilmt habe, hat mich immer sehr interessiert, auch in Guatemala habe ich viel gedreht, hab dann auch einen Film über Traven gemacht. Ein Mann, der Sozialist und irgendwie exotischer Indianerversteher ist, ist natürlich auch unwiderstehlich… Find ihn noch immer gut.

Jedenfalls ist er wirklich als Otto Feige in Schwiebus geboren und verwandelte sich dann in den Schauspieler und Räterevolutionär Ret Marut. Hat ein deutscher Literaturwissenschaftler vor kurzem schlüssig nachgewiesen. Das Rätsel ist gelöst.

Ach, das wusste ich nicht. Er selber hat ja dieses Rätsel kräftig noch weiter verrätselt.

Er hat allen Leuten, die seiner Biografie nachforschten, einen frühen Tod prophezeit...

Auf jeden Fall war er kein geborener Amerikaner, wie er immer behauptete. Er mag „Das Totenschiff“ auf Englisch geschrieben haben, wie viele Emigranten Englisch schrieben. Aber in einem Gedicht reimt er „Boys“ auf „Illinois“– und das würde kein Amerikaner machen.

Sie haben von sich gesagt, dass ihre Rolle als Journalist, der um die Welt reisen konnte, eine Art Kompensation des Wunsches war, Dichter wie Rimbaud oder abenteuerlicher Schriftsteller wie Jack London zu werden. Wann kamen Sie an den Punkt, am dem sie den Beruf Reporter nicht mehr als Ersatz empfanden?

Nie. [Lange Pause.] Jetzt bin ich zu alt dafür. Aber, wissen Sie, das Leben von Jack London, von Traven oder von Rimbaud filmisch nachzuvollziehen, ist dann auch eine Art Abenteuer, und wir sind da ja ziemlich weit vorgedrungen. Ein kleineres Abenteuer als die Orginale, aber immerhin – ich war ja da, an ihren entlegenen Orten.

Sie haben viel fotografiert, für das Radio Reportagen gemacht mit den schweren Aufnahmegeräten in den 1950er Jahren, unter anderem aus Paris für den Südwestfunk und den Berliner RIAS. Sie erleben dort auch noch 1953 Cohn und Schine, die beiden jungen McCarthy-Adlaten auf Kommunistenjagd in Europa…

...schreckliche Typen, ja.

Und dann landen Sie beim Fernsehen, das ja seinerzeit ein abenteuerlich junges Medium war, von den kulturellen Eliten durchaus verachtet. Haben Sie den Eindruck, dass Sie mit ihren bald berühmten Reportagen dazu beigetragen haben, das Medium im Ansehen kulturell zu nobilitieren, nicht in dem Sinne, dass es so werden soll wie Literatur oder Theater, aber schon mit einer eigenen ästhetischen Geltung?

Das war so wenig meine Absicht, wie zur deutsch-französischen Freundschaft beizutragen. Ich hatte immer nur die Absicht, mit meinen eigenen inneren Zwistigkeiten, den Zerrissenheiten, den getrennten Loyalitäten, mit denen ich geschlagen war, zurande zu kommen, ja. Das war es in der Hauptsache. Dann wollte ich meine Brötchen verdienen, und dann wollte ich für mich, zu meiner eigenen geilen Befriedigung, neue Formen entwickeln, wie alle Dichter, Lyriker, Dramaturgen, Dramatiker, Romanciers. Also Formen entwickeln, die mir entsprachen. Das geschah aber nicht, um das Fernsehen zu reformieren, sondern um mich zu beglücken.

Man ist immer in Lebensgefahr

Wie frei waren Sie in den 1960er, 1970er Jahren, als sich das Medium weiterentwickelte, das zu tun, was Sie tun wollten? Wie war das Verhältnis zur Hierarchie der Sender? Sie waren ja auf einem angenehmen Außenposten.

Nein, nein, die dachten alle, dass sie mehr Ahnung haben als ich. Das ist mal klar. Hören Sie mal – Redakteure, Abteilungsleiter… [lacht]. Nein, nein, es war sicher angenehmer, in Paris zu sitzen als in Mainz, aber diese fernsehdokumentarische Arbeit ist ja sehr anspannend, sehr nervenaufreibend. Also aufregend im guten Sinne, aber auch aufregend im abträglichen Sinn. Alles kann schiefgehen, in jedem Dokumentarfilm, noch viel mehr als bei einem Spielfilm…

Da können Sie die Szenen wiederholen, aber ein Interview mit Ezra Pound bekommen Sie kein zweites Mal.

So ist es. Alles kann schiefgehen. Es kann regnen, nehmen wir Ezra Pound, ein reiner Zufallstreffer. Hätte es geregnet, so hätten wir nicht im Garten spazieren gehen können, mit raschelnden Blättern, sondern wir säßen auf seinem Sofa im Inneren dieser Jugendstilwohnung von der alten Dame, wo das stattfand. Ja, das wäre ein völlig anderes Interview geworden. Oder möglicherweise gar keins. Es ergab sich so, dass diese schöne alte Dame [Natalie Barney, L.H.], die ja auch einmal eine junge schöne Dame war, mit ihm spazieren ging durch den Garten, eingehängt, die Uralt-Freundin, und er ließ sich halt herbei, etwas zu sagen, weil die Stimmung so war. Ohne diese Stimmung wäre alles anders gewesen. Und so hängen wir unaufhörlich von Äußerlichkeiten ab. Die Kamera versagt, das Team ist schlecht aufgelegt, hat Hunger, will Essen gehen – wie oft ist das passiert… in Auschwitz! Alles kann schiefgehen. Es gibt einen schönen Satz von Schnitzler: „Es gibt so viele Krankheiten – und nur eine Gesundheit“. Es gibt so viele Dinge, die schiefgehen können beim Dreh, und nur eine Variante, die richtig ist.

Das heißt, die Redakteure, Abteilungsleiter, Verantwortlichen erwarten eigentlich immer, dass alles funktioniert. Es gibt wenig Verständnis für Scheitern, Vergeblichkeit, für vergebliche Liebesmüh, meinen Sie das?

Ja. Es gibt immer eine Gefahr. Man ist immer in Lebensgefahr. Zwei versaute Filme, und Ihre Sendereihe ist zu Ende. Und was dann? Während der ganzen Zeit des „Pariser Journals“ beim WDR war ich ja freier Mitarbeiter, wurde pro Sendung bezahlt. Hat sich zehn Jahre gehalten, entgegen den Wünschen und den Erwartungen des Senders, der überhaupt nicht damit einverstanden war, was ich machte. Ja, jeden Moment… Es ist ja dann auch passiert, nach zehn Jahren, als der Höfer Programmdirektor wurde.

Warum wollte er das „Pariser Journal“ nicht mehr?

Ich habe nur gefragt: „Wie sieht denn meine Zukunft aus?“ Und da sagte er: „Aber Troller, für Sie wird sich immer wieder mal was finden.“

Keine besonders charmante Auskunft.

Und was wäre ich dann gewesen? Ach bitte, bitte könnten Sie nicht, ich würde so gern diesen Film machen. Ja, aber nicht zu den bisherigen Konditionen. Du machst eine schwache Sendung, weil kein Geld da ist, weil keine Zeit ist, und die sagen: Herr Troller, ich glaube, wir lassen es lieber, ja? Sie haben doch bestimmt andere Möglichkeiten in Paris, danke sehr und auf Wiedersehen. Das konnte jeden Moment passieren.

Trotzdem kann man ja leicht nostalgisch werden, weil es solche Sendeformen wie „Pariser Journal“ oder „Personenbeschreibung“ nicht mehr gibt. In dem heute wesentlich technokratischeren System würden solche „Formate“, wie man heute sagt, schon im Ansatz abgelehnt. Dagegen hatten Sie eine große Freiheit.

Wozu brauchen Sie einen Korrespondenten?

Ich weiß, ich gebe ja noch viele Filmseminare. Was mir die Studenten da erzählen – das ist ja alles nicht mehr drin. Obwohl man sich nie sicher fühlen konnte, gab es für mich eine hohe Entscheidungsfreiheit: Ich konnte mir Interviewpartner aussuchen, konnte sogar welche ablehnen, die mir der Intendant vorgeschlagen hatte, immerhin – dem Intendanten etwas ablehnen! Ich reichte meine Storys ein. Und dann hörten die nichts mehr von mir, bis ich meinen Text geschrieben hatte, also am Tag der Sprachaufnahme, die fand ja immer in Wiesbaden statt. Dann schob ich meinen Text unter die Tür des zuständigen Redakteurs, am Abend vor dem Tag der Sprachaufnahme. Er hatte also keinerlei Möglichkeiten mehr einzuschreiten, praktisch. Und das war’s dann.

Bleiben wir fair: Die Redakteure sind nun mal da, tragen Verantwortung und wollen bei der Abnahme von Sendungen auch etwas beitragen. Aus ihrer Sicht, aus Sicht des Systems verständlich.

Zugegeben, es waren Pionierzeiten. Ich kann mich noch gut an eine Diskussion im Sender erinnern. Schwarzweiß gegen Farbe. Das Farbfernsehen war gerade neu, wann war das – Anfang der Siebziger Jahre. Große Diskussion mit dem Erfinder des Farbfernsehens, habe vergessen, wie er hieß…

...Walter Bruch, glaube ich.

Ja, genau. Und Troller meldet sich zu Wort: „Das Dokumentarische hat immer in Schwarzweiß gedreht zu werden.“ Habe dann nie mehr Schwarzweiß angerührt...

Man kann sich irren. Sie haben ja auch dem Fernsehen anfänglich überhaupt keine Zukunft gegeben, weil das im Vergleich zum Kino so eine kleine Box war.

Ich sah es in New York zum ersten Mal im Schaufenster. Da war dieses runde Bildchen und schattenartige Figuren tanzten herum. Wer will sich sowas anschauen, wenn er ins Kino gehen kann, wenn er ins Theater gehen kann, tolle Vorstellungen sehen…

Heute schauen die Leute Filme auf Mobiltelefonen… Es gibt im deutschen Fernsehen – oder in dem, was wir noch so nennen – diese klassische Interviewform, face to face, praktisch nicht mehr, nur noch viele Talkshows. Es gibt da auch fernsehhistorisch nicht so viele profilierte Namen: neben Ihnen natürlich Günter Gaus, Gero von Boehm, Sandra Maischberger in ihren Anfängen, Margret Dünser in der Unterhaltung, und nur noch wenige andere. Woher kommt das? Weil die Form einfach scheint, es aber nicht ist?

Manchmal denke ich, Programmentwicklungen finden nur statt, weil jemand damit entweder mehr Geld verdient oder Geld einspart, keineswegs, weil das Publikum es will.

Ihr „Pariser Journal“ – ist diese eher entdeckerische, flanierende Form an ihr Ende gekommen, weil Paris langweiliger geworden ist oder weil die Korrespondenten nicht mehr so genau hinsehen und die Geschichten nicht mehr finden?

Ehrlich gesagt, wozu brauchen Sie jemanden wie mich? Wozu brauchen Sie einen Korrespondenten? Früher hatten die Leute nicht das Geld, um zu reisen. Selbst Paris war exotisch. Heute gibt es viele Reiseführer, Informationen im Internet, sie brauchen nicht mehr belehrt zu werden. Aber da war noch etwas anderes. Paris war das, was Rom zur Goethe-Zeit war, eine Art Paradies. Wenn man hier lange lebt, weiß man, dass es nicht so ist, aber es war eine Traumvorstellung der Deutschen. Obwohl sie die Stadt vier Jahre lang besetzt gehalten hatten, war es ja nicht so, dass das irgendwo auf dem Mond lag. Trotzdem, es war eine Art Paradies, und ich brachte den Leuten dieses Paradies ins Haus.

Es war ja noch eine Zeit lang die Hauptstadt der Welt, der intellektuellen Welt vor allem, mit dem Mode-Existenzialismus, so schwarzer Rollkragenpullover und filterlose Zigarette, aber es wurde dann abgelöst durch New York. Jetzt vielleicht sogar von Berlin, merkwürdigerweise. Paris erscheint museal, immerhin hübsch.

Die Magie der Interviewpartner

Berlin ist ja vor allem halb so teuer. Und es ist mit den îlots insalubres, den Slumdistrikten, viel von Paris abgerissen worden, von dem pittoresken, ursprünglichen Paris. Das Dschungel-Paris, das Unauslotbare, wo man sich verlieren konnte, das kaum auf Stadtplänen verzeichnet war, wo man neue Entdeckungen machen konnte an jeder Straßenecke – das ist alles nicht mehr da. Paris ist viel mehr eine Allerweltsstadt geworden, in der man Geld verdient. Die meisten Leute kommen her, schauen sich das drei Tage an, Eiffelturm, Champs-Élysées, Triumphbogen, und sagen: Wir haben Paris gesehen. „Moulin Rouge“, „Crazy Horse“ und „Lido“. Aber es ist auch kaum noch eine untergründige, gefährliche und unmoralische Stadt. Diese Viertel wie Montmartre oder vor allem Pigalle, das war eben Gangstertum, Prostitution, Sexläden, aber auch Kunst – das alles in einem Viertel, das war ja toll. Ein Kiez, in dem man sich fühlen konnte, als hätte man ein Abenteuer erlebt, als hätte man Afrika erforscht. Heute ist alles saniert, weggeräumt, neu gestrichen. Viel ist nach dem Krieg auch abgerissen worden, das nicht hätte abgerissen werden müssen; viele wunderschöne Häuser und Höfe, die ich noch gekannt habe, wurden abgerissen, weil jemand dick dran verdient hatte, natürlich.

Sie haben einmal gesagt, bei einem Interview, das gut läuft, „ist man im Geschäft“. Das ist ja eine merkantile Vorstellung. Es ist aber doch ein Geschäft von Anfang an: Der Gesprächspartner will etwas verkaufen, will eventuell sich selbst verkaufen, der Interviewer will etwas von ihm kaufen, Informationen oder die Person als Trophäe.

Alles ist ein Geschäft. Der Autor verkauft sein Werk an den Verleger, der Verleger versucht damit Geld zu machen, außer bei Suhrkamp. Es ist aber doch mehr und ein anderes als nur ein Geschäft. Und darüber habe ich viel nachgedacht, was das nun eigentlich bedeutet, was wir da machen oder gemacht haben.

Was bedeutet es?

Den Leuten Unverständliches verständlich, Unsympathisches sympathisch zu machen, Unbegreifliches begreiflich, Sinnloses in Sinnvolles zu verwandeln. Es ist eine Erklärung der Welt für mich, zu zeigen, dass alles gemischt ist. Es gibt keine Heroen, es gibt keine idealen Persönlichkeiten, jeder ist gemischt aus gut und böse, gescheit und dumm, man braucht also keinen Führern nachzulaufen, weil sie wahrscheinlich nicht viel gescheiter sind als du. Ich wollte nicht einmal Entzauberung, sondern nur zeigen, was ist. Auch dieses sogenannte schöne Paris – das sind ja zum Teil Sakralbauten, Machtbauten, um Macht zu demonstrieren, Versailles etwa. Auf diese Dinge hinzuweisen, dass das eben nicht nur Postkarten sind, zum Vergnügen des Touristen, sondern was da eigentlich dahinter stand, Macht, Geld, Sex, die großen Antriebsfedern des Menschen – das zu zeigen, war eine große Aufklärungsarbeit, ohne jedoch alles zu entzaubern. Ich war ja schließlich selber auch verzaubert.

Wenn man Ihre Reportagen und Interviews noch einmal sieht, dann gibt es da etwas Enigmatisches, Sie versuchen nicht alles zu rationalisieren und zu erklären, sondern eine Aura im Benjaminschen Sinne durchaus wirken zu lassen. Es ist auch wichtig, dass nicht jeder Zuschauer alles verstehen muss. Viele Redakteure beim dokumentarischen Fernsehen wollen heute Scripted Reality, vorhersehbare Erklärungen ohne Geheimnis.

So ist es. Darauf habe ich immer deutlich oder versteckt hingewiesen: dass der Mensch letztlich unerklärbar ist. Dass da etwas ist, das nicht durch Psychologie oder dialektischen Materialismus oder was immer erklärbar ist. Du bist weder zu reduzieren auf deinen Stand, auf dein Geld, auf deine Kindheit, sondern es bleibt ein Rest an Unerklärbarem und gerade der Rest ist das Interessante. Die besten Interviewpartner hatten immer etwas von dieser Magie, die ich herüberzubringen versuchte.

Ich bin wahnsinnig angegriffen worden wegen meiner Kommentare

Sie haben zu meiner Verblüffung 1989 in einem Gespräch mit Ihrem Freund Axel Corti in der Radio-Bremen-Talkshow „3 nach 9“ gesagt, die besten Filme seien die, die man nicht kommentieren müsse. Da gibt es vielleicht einen Konsens bei Dokumentarfilmern, aber es wirkt aus Ihrem Mund merkwürdig, weil Ihre Stimme – verzeihen Sie das Klischee – Ihr Markenzeichen war. Ihre Intonation, die eigene Art zu kommentieren. Ich meine ja, die Mischung aus zurückgenommenem Kommentar, Schnitt und Filmbildern ist erheblich schwieriger als die pure Dokumentation. Es ist viel anstrengender, jedenfalls wenn man es ohne die schlechte Verdopplung von Bildern durch Sprache machen will.

Schön, dass Sie das sagen. Ich bin ja wahnsinnig angegriffen worden wegen meiner Kommentare: Ein echter Dokumentarfilm hat keine Kommentare zu haben, müsse aus sich selber sprechen…

…das ist natürlich Unsinn, man kann es auf die eine oder andere Art machen.

Hab mich damals mit dem Wildenhahn gestritten, jetzt sind wir gute Freunde, aber er hat mich ja Plastik-Troller genannt oder so etwas, Coca-Cola-Troller. Im Geheimen, nur für mich, wollte ich aus diesen kurzen Filmen, 30 Minuten, 45 oder maximal eine Stunde – wollte ich immer kleine, durchgearbeitete Kunstwerke machen. Daran habe ich gearbeitet. Ich sah das tatsächlich als Gesamtkunstwerk. Bild, Ton, Sprache, Interview – das sollte auf einen Gesamteindruck der Überwältigung hinzielen. Hab das nie laut gesagt, das wäre streng verboten gewesen, aber darauf lief es hinaus. Mein Kunstbestreben oder Formgefühl war primordial, durfte aber nie erwähnt werden, wird nur jetzt in meinen Filmseminaren angesprochen, aber damals: Oh Gott, das durfte ja nicht gesagt werden. Dokumentarfilm war ein mehr oder weniger soziologischer Lehrgang oder politischer Lehrgang, ja, darauf hatte es doch hinauszulaufen. Und ich tat so, als wäre das auch mein Hauptanliegen. Aber die Redakteure dachten sich natürlich: Der macht doch nicht das, was er sollte, der Troller… [Lacht.]

Diese besondere Art zu sprechen, zu intonieren, wann hat sich das bei Ihnen entwickelt? Gab es ein Rollenmodell aus dem US-Rundfunk?

Als Kind in der Schule las ich beim „Faust“ das Gretchen, weil meine Stimme so hell war. Dann einmal, in Amerika schon, arbeitete ich in so einem Sweatshop, lauter schwarze Arbeiterinnen, und eine sagte: „You’ve got a radio voice.“ Das war das erste Mal, dass ich mir bewusst wurde, dass ich irgendwie eine sonore Stimme bekommen hatte. Und dann wurde es später von der Kritik hervorgehoben. Aber ich kann nichts dafür, habe keine geschulte Stimme, das hat sich einfach so ergeben. Aber wie ich meine Texte schreibe, ausknobele, wie das mit der Stoppuhr bis auf die halben Sekunden herunter durchgearbeitet ist, wie ich Dreisilber statt Viersilber einsetze, nur um einen Atemzug zu sparen, der zu viel wäre – darüber habe ich nie gesprochen, bis heute.

Das wusste ich auch nicht.

Einmal habe ich einen Film gemacht, „Kopfgeldjäger“. Die „Hörzu“ hat den Kommentartext damals unter dem Namen eines Redakteurs oder Autors als Story publiziert, ein Plagiat. Ich beschwerte mich und der verantwortliche Mann bei der „Hörzu“ sagte: „Das können Sie doch gar nicht nachweisen, Ihre Texte sind doch vorm Mikrofon improvisiert.“ Wenn der gewusst hätte, wie wenig das improvisiert war, wie stark ich aber daran gearbeitet habe, dass es improvisiert klingt. Bis hin zu Kommentarpausen, damit Hundegebell durchdringen kann.

Wir streben alle unaufhörlich nach etwas

Sie haben noch einen Film über den sozialdemokratischen Politiker Wolfgang Clement gemacht, jedenfalls war er damals noch in der SPD. Das ist ja sehr weit weg von Ezra Pound und Edith Piaf. Was hat Sie gerade an Wolfgang Clement gereizt?

Gar nichts. Nur das Honorar. Es war eine Auftragsarbeit. Ich hatte eine angenehme private Produktionsfirma als Partner, „Kick-Film“ in München, da sind noch einige schöne Filme entstanden, „Hollywood Profile“ zum Beispiel über Woody Allen, „Unter Deutschen“, „Mord aus Liebe“ über Leute, die ihre Ehepartner umgebracht haben.

Sie sind jetzt 92 Jahre alt. Gibt es etwas, an das Sie glauben, nach all diesen Jahren und Erfahrungen?

Nicht an die Unsterblichkeit, nicht an Himmel und Hölle, nicht an den ewigen Frieden, auch nicht an irgendeinen Verlass auf die Güte des Menschen oder auch nur die Vernunft des Menschen, letztlich nur daran, dass sich die Menschheit immer durchlavieren wird – das ist das Beste, was wir erwarten können.

Warum tun wir das, was wir tun? Bei aller offenkundigen Vergeblichkeit…

...aber trotzdem? Es gibt eine ungeheure Energie. Da ist eine Energie im Weltall, durch die Drehung nach dem Urknall hat sich die Energie in die Pflanzenwelt, in die Tierwelt, in uns Menschen fortgesetzt. Wir streben alle unaufhörlich nach etwas, ob wir nach Gutem streben, ob wir uns strebend bemühen, man kann es hoffen, ich weiß es nicht – aber die Energie ist da, auch die Energie, sich fortzupflanzen, die Energie, lieben zu wollen, verstehen zu wollen, begreifen zu wollen. Das sind ungeheure Antriebe im Menschen, die sind offenbar nicht kleinzukriegen. Und das ist doch eine schöne Sache. An so etwas kann man glauben. Es gibt diesen schönen Satz von Heine: „Krankheit ist stets der letzte Grund des ganzen Schöpfungsdrangs gewesen. Er setzt auch einen kranken Gott voraus.“ Also: Das, was mich so fertig gemacht hat als Kind und junger Mann, das erwies sich letztlich als der Hauptantrieb in meinem eigenen Leben – Gegensätze zu vereinen, eine Form für alles zu finden, die mich befriedigt. Und mir das Gefühl gibt, dass ich nicht vergeblich gelebt habe, weil ich diese Formen geschöpft habe.

• Interview abgedruckt in Heft Nr. 35/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

30.08.2013/MK
Das Gefühl, nicht vergeblich gelebt zu haben: Georg Stefan Troller, geboren 1921 in Wien Foto: Dieter Anschlag

Print-Ausgabe 24/2018

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