Das Literarische Quartett. Neuauflage der früheren ZDF-Literatursendung (ZDF)

Konfrontainment

05.10.2015 •

Mit dem neuen „Literarischen Quartett“ knüpft das ZDF bewusst an das alte, von Marcel Reich-Ranicki geführte und im Dezember 2001 zum letzten Mal ausgestrahlte „Quartett“ an. Der Start der wiederbelebten Sendung ging im Foyer des Berliner Ensembles am Schiffbauerdamm über die Bühne. Das neue ist wie das alte ein reines Gesprächsformat. Und die Art und Weise, wie dieses Gespräch der vier Literaturkenner über vier Neuerscheinungen des Buchmarkts vonstatten geht, wird über die Qualität der Sendung entscheiden.

Die Nachfolge von Marcel Reich-Ranicki, seinerzeit Literaturchef der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, in der Funktion des Moderators hat Volker Weidermann angetreten, der beim „Spiegel“ als Literaturkritiker tätig ist. Weidermann, 45, bezog sich in seiner Eingangsmoderation auch explizit auf seinen Vorgänger – selten genug, dass man sich im Fernsehen öffentlich an ein vor vierzehn Jahren eingestelltes Format erinnert. Reich-Ranickis „Quartett“, dessen Einschaltquoten damals keineswegs sensationell hoch waren, ist vor allem durch seinen lang wirkenden Nachruhm in die Fernsehgeschichte eingegangen. In seiner Anmoderation gedachte Weidermann auch eines weiteren „Quartett“-Mitglieds von einst, des drei Tage vor der Ausstrahlung der ersten neuen Ausgabe verstorbenen Hamburger Literaturkritikers Hellmuth Karasek. Zudem setzte ein kurzer Einspieler am Ende der Sendung mit einem markanten Zitat der Person Karasek ein würdiges Denkmal.

Neu ist der Ort, an dem diese „Neuauflage“, wie Weidermann die Fortsetzung des „Literarischen Quartetts“ explizit nannte, stattfindet, nämlich Berlin. Wie kein anderer Sender propagiert das ZDF die Hauptstadtkultur. Schon vor längerer Zeit hat die in Mainz ansässige Fernsehanstalt alle für Kultur zuständigen Redaktionen in ihr Berliner Studio verlegt (vgl. Meldung hier).

Die vier ausgewählten Literaturkenner – neben Volker Weidermann sind es Maxim Biller und Christine Westermann als ständige Mitglieder und als Gast der ersten Sendung die bekannte Autorin Juli Zeh – stellten nacheinander jeweils ein Buch vor. Biller machte den Anfang mit dem nigerianischen Schriftsteller Chigozie Obioma, Juli Zeh schloss an mit einem Buch von Ilija Trojanow, das auch auf der Longlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis stand, jedoch nicht mehr auf der Shortlist, was allerdings in der Diskussion keine Rolle spielte. Es folgte Weidermann mit dem neuen Buch des norwegischen Autors Karl Ove Knausgård. Das ist ein Autor, der gegenwärtig in vielen Feuilletons hoch gehandelt wird und von dem, wie Christine Westermann in der Diskussion beiläufig erwähnte, „gerade Männer restlos begeistert sind“. Westermann, die als Letzte ein Buch des ungarischen Schriftstellers Péter Gárdos vorstellte, hatte in dieser Auftaktsendung des neuen „Quartetts“ den schwersten Stand. Sie kam selten zu Wort, ihre Buchvorstellung erhielt die bösesten Verrisse und sie war auch die Einzige, die nach den kritischen Äußerungen ihrer Mitdiskutanten keine Gelegenheit mehr bekam, ihre Entscheidung noch einmal zu begründen.

Auch Juli Zeh hatte es nicht einfach, sich verbal durchzusetzen; vor allem nach der Buchvorstellung von Maxim Biller (der für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ schreibt) hätte man gerne mehr von ihren Einwendungen gehört, wozu ihr die beiden männlichen Gesprächspartner aber keine Gelegenheit ließen. So funktionierte wohl auch die erste Sendung des neuen Quartetts nach dem Prinzip, dass zwar unter der Leserschaft für Belletristik die Frauen dominieren, der Literaturbetrieb indes von Männern gemacht wird. Der Moderator fasste die Diskussion über die Bücher am Schluss wie nach einem Fußballspiel zusammen: Die erste Buchvorstellung (Biller) sei 2:2, die zweite 1:3 (Zeh), die dritte 3:1 (Weidermann) und die vierte (Westermann) 2:2 ausgegangen. Dieses Gesamtergebnis klingt sehr ausgewogen, ließ sich aber nicht ohne weiteres nachvollziehen. Hier war wohl eher der Wunsch nach einem versöhnlichen Ende der Vater des Gedankens.

Im Übrigen hätte man bei den Resultaten eigentlich jeweils die Stimmen derjenigen, die ‘ihr’ Buch vorstellten, grundsätzlich abziehen müssen, da sie ja ohnehin Fürsprecher des von ihnen vorgeschlagenen Buches sind. Legt man dies zugrunde, hätte das Ergebnis mit den Stimmen der jeweils anderen drei weniger ausgewogen ausgesehen, nämlich 1:2, 0:3, 2:1 und 1:2.

Aktuelle Bezüge – wie etwa die unmittelbar bevorstehende Entscheidung über den Deutschen Buchpreis oder die Tatsache, dass die Sendung am Vorabend des 25. Jahrestages der deutschen Wiedervereinigung ausgestrahlt wurde – spielten in der Diskussion überhaupt keine Rolle. Das Literaturgespräch verblieb ausschließlich in einer werkimmanenten Perspektive, mit gelegentlichen kurzen Exkursen auf die Biografie der Autoren (es wurden nur von Männern geschriebene Bücher besprochen). Dabei stellten die vier ausgewiesenen Literaturexperten in teils sehr persönlichen, engagierten Worten ihre Favoriten unter den Neuerscheinungen vor.

Diskutiert wurde dann über diese Vorschläge des jeweils anderen oft in einer Weise, die an Diffamierung grenzte. Maxim Biller zum Beispiel fand die Lektüre des von Juli Zeh als herausragend beschriebenen Buchs als „Folter“ und „langweilige Qual“; auch Christine Weidermann nannte dieses Buch „grauenvoll“. Als sie die Lobeshymnen auf Knausgård zu relativieren versuchte mit dem Hinweis auf die Banalitäten, die der Autor schildere, musste sie sich von Biller herablassend fragen lassen, ob sie etwa das Existenzielle in diesem Buch nicht gespürt habe. Westermanns eigenen Buchvorschlag bezeichnete Biller dann als „Holocaust-Kitsch“.

Herabwürdigende Kritik dieser Art nahmen die Betroffenen allerdings mit großenteils unbewegter Miene hin, wie die Kamera bewies, die ihre Gesichter immer dann in Großaufnahme zeigte. Hatten sie vor der Sendung Beruhigungsmittel geschluckt? Oder war diese Polemik nur Teil einer vorher abgesprochenen Inszenierung? Kann es sein, dass wir Zuschauer hier nicht einer informativen Gesprächsrunde folgten, sondern an einem Unterhaltungsprogramm der Marke „Konfrontainment“ teilnahmen? Vielleicht gibt uns die zweite Ausgabe des Quartetts, die am 6. November ausgestrahlt wird, darauf eine Antwort. Die erste Sendung hatte übrigens 1,06 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 6,7 Prozent.

05.10.2015 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 20-21/2019

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