Deutsche Welle startet mit Partnern türkischsprachigen Kanal

04.04.2019 •

Die Deutsche Welle (DW) wird zusammen mit drei weiteren westlichen Auslandssendern in den kommenden Wochen über die Videoplattform YouTube einen türkischsprachigen Kanal starten. Am 18. März teilte die Deutsche Welle mit, der Kanal werde zusammen mit der britischen BBC, dem französischen Auslandsrundfunk France Médias Monde (FMM) und dem US-Auslandssender Voice of America (VoA) betrieben. Es handele sich um „eine bisher einmalige Kooperation“, so die Deutsche Welle. Der türkischsprachige Kanal wird über YouTube kein lineares Programm verbreiten, sondern Videobeiträge zum Abruf bereitstellen. Es gehe, so die Deutsche Welle, um „ein neues journalistisches Informationsangebot“, mit dem man nicht nur Nutzer in Türkei erreichen wolle, sondern auch Türken, die außerhalb ihres Heimatlandes leben. Nach MK-Informationen ist geplant, den neuen YouTube-Kanal am 29. April (Montag) zu starten. Ursprünglich war vorgesehen, dass der Start bereits am 15. April erfolgen sollte.

Ob auf längere Sicht aus dem YouTube-Kanal ein Fernsehsender mit einem linearen Programmangebot erwächst, ist offen und hängt letztlich vor allen davon ab, ob dafür genügend Geld zur Verfügung stehen würde. Wie der neue türkischsprachige YouTube-Kanal heißen wird und wie hoch dessen Gesamtbudget ist, wollte die Deutsche Welle auf Nachfrage nicht mitteilen. Im Jahr 2018 hatte die DW für das Vorhaben 5 Mio Euro als Anschubfinanzierung bereitgestellt. Der Auslandssender mit Hauptsitz in Bonn hat bei dem Projekt die Federführung, der Deutschen Welle obliegt das ‘Channel Management’. Zuständig für den Aufbau des Kanals ist Erkan Arikan, der am 1. November 2018 vom WDR zu der Auslandsrundfunkanstalt wechselte und dort die Leitung der Türkisch-Redaktion übernahm. Beim WDR hatte der 50-jährige Journalist die türkischsprachigen Sendungen des Hörfunkprogramms Cosmo verantwortet.

BBC, France Médias Monde, Voice of America

Bei der Deutschen Welle begannen im Jahr 2017 die Überlegungen, einen türkischsprachigen Kanal zu starten. In ihrer Aufgabenplanung für die Jahre 2018 bis 2021, die vom DW-Rundfunkrat Ende September 2018 endgültig verabschiedet worden war, verweist die Deutsche Welle auf einen „türkischsprachigen TV- und YouTube-Kanal“, den sie „mit führenden westlichen Informationsanbietern realisieren“ wolle. Ziel dabei sei es, Informationen zu liefern, „die ein differenzierteres Bild über das Weltgeschehen und die Diskussionen innerhalb Europas zeichnen und schließlich einen Beitrag zu einem verbesserten Dialog zwischen Türken und Europäern liefern“.

Im Entwurf der Aufgabenplanung, der vom Dezember 2017 stammt, hatte die Deutsche Welle als Grund für den Start des neuen Kanals auf ein entsprechendes Informationsbedürfnis in weiten Teilen der türkischsprachigen Zivilgesellschaft verwiesen. Dieses Informationsbedürfnis sei enorm gestiegen angesichts „der politischen Entwicklungen in der Türkei und der drastischen Maßnahmen gegen freie Medien und kritische Journalistinnen und Journalisten“. In der Türkei, die von Präsident Recep Tayyip Erdogan seit dem gescheiterten Putsch vom Juli 2016 immer stärker mit autoritären Maßnahmen regiert wird, gibt es de facto keine Presse- und Medienfreiheit mehr. Das in Wien ansässige Internationale Presse-Institut (IPI) konstatierte im Dezember 2018, die Regierungspartei AKP kontrolliere in der Türkei 95 Prozent der Medien.

Zuletzt, im Vorfeld der türkischen Kommunalwahlen am 31. März 2019, hat außerdem die Anzahl von staatlich veranlassten Nachrichtensperren deutlich zugenommen. In der Vergangenheit hatten die Behörden auch schon die vorübergehende Sperrung etwa von Twitter und YouTube angeordnet. Nach dem Putschversuch sind laut ‘Reporter ohne Grenzen’ „weit über 100 Journalisten verhaftet, rund 150 Medien geschlossen und mehr als 700 Presseausweise annulliert“ worden. Außerdem sei wiederholt ausländischen Journalisten die Akkreditierung verweigert worden. Davon waren zuletzt auch deutsche Korrespondenten betroffen, darunter Jörg Brase, der Türkei-Korrespondent des ZDF, der das Land verlassen musste, dann aber aufgrund von Protesten gegen die Nichtverlängerung seiner Arbeitserlaubnis, doch wieder von den türkischen Behörden eine Presseakkreditierung erhielt. Brase ist seit dem 17. März wieder in der Türkei.

Abgeschaffte Presse- und Medienfreiheit

Die Deutsche Welle unterhält seit Januar 2018 ein Korrespondentenbüro in der Türkei. Seitdem berichtet Julia Hahn mit Sitz in Istanbul aus der Türkei und aus Südosteuropa. Die 33-jährige Journalistin arbeitet seit dem Jahr 2010 für die Deutsche Welle. Anlässlich der Eröffnung des Korrespondentenbüros in Istanbul hatte die Deutsche Welle mitgeteilt, dass Julia Hahn von den türkischen Behörden eine für die Berichterstattung notwendige Dauerakkreditierung erhalten habe (vgl. MK-Meldung).

Die Deutsche Welle verbreitet ihre türkischsprachigen Inhalte seit dem Jahr 2014 vor allem über digitale Angebote, also über die eigene Internet-Seite und soziale Netzwerke. In ihrem im Februar 2018 publizierten Evaluationsbericht für das Jahr 2017 verwies die Deutsche Welle darauf, dass man ab 2015 das journalistische Angebot inhaltlich verändert habe, um es an die veränderten Interessen der türkischen Nutzer anzupassen: Orientierten sich die meisten Artikel bis 2015 noch an der europäischen Nachrichtenagenda, gehe es seither schwerpunktmäßig um türkische und bilaterale Themen sowie um die deutsche bzw. europäische Perspektive auf diese Themen.

04.04.2019 – vn/MK