Sinkender Umsatz und Gewinn: Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe steht vor Umstrukturierung

29.03.2019 •

Die Pro Sieben Sat 1 Media SE steht insbesondere wegen des schwächelnden Fernsehwerbegeschäfts vor einem Umbau. Dabei geht es zum einen um eine neue Führungsstruktur, zum anderen setzt der börsennotierte Medienkonzern auf den Ausbau vor allem der Aktivitäten im Digitalgeschäft. Anlässlich der Bekanntgabe der Geschäftszahlen für das Jahr 2018 am 7. März kündigte Pro Sieben Sat 1 an, im Jahr 2019 in die Produktion von eigenproduzierten Sendeinhalten für das deutsche Publikum, den Ausbau von digitalen Plattformen und in eine bessere Werbevermarktung der crossmedialen Angebote insgesamt 120 Mio Euro investieren zu wollen. Der Konzern will künftig in seinen Fernsehprogrammen weniger Filme und Serien aus den USA ausstrahlen; vor allem bei Pro Sieben werden bisher größtenteils US-Inhalte abgespielt.

Bei Pro Sieben Sat 1 liegt der Fokus nun vor allem auf dem Streaming-Geschäft. Zentrales Projekt ist dabei die Plattform 7TV, die der Konzern zusammen mit dem Partner Discovery im Sommer dieses Jahres in einer deutlich erweiterten Form und unter einem neuen Namen an den Start bringen will (vgl. diese MK-Meldung  und  diese MK-Meldung). Dafür haben beide Unternehmen die 7TV Joint Venture GmbH gegründet. Pro Sieben Sat 1 und Discovery wollen im Jahr 2019 laut eigener Darstellung zusammen bis zu 100 Mio Euro in den Ausbau der Plattform investieren. Das Ziel laute, „die führende deutsche Entertainment-Plattform“ zu werden.

Fokus auf Streaming-Plattform

Insgesamt 200 Mitarbeiter seien an der Entwicklung der Plattform beteiligt, erklärte Max Conze, Vorstandsvorsitzender der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe, bei der Bilanzpressekonferenz des Unternehmens in Unterföhring bei München. Conze verwies auch auf die Unterstützung von Erik Huggers, der bei der BBC den iPlayer entwickelt habe und ein Experte im Streaming-Geschäft sei. Der Niederländer, der heute von Kalifornien aus Medienunternehmen berät, ist seit 2014 Mitglied des Aufsichtsrats von Pro Sieben Sat 1. Für den Zeitraum des vierten Quartals 2018 war Huggers für 7TV als Berater tätig, wofür er insgesamt 150.000 Euro Honorar erhalten hat, und zwar zusätzlich zur Aufsichtsratsvergütung in Höhe von 128.000 Euro, wie aus dem Geschäftsbericht von Pro Sieben Sat 1 hervorgeht. Die Geschäftsführung der 7TV Joint Venture GmbH ist unterdessen erweitert worden: Neben dem Chief Executive Officer (CEO) Alexandar Vassilev ist seit Mitte März Katja Hofem Mitgeschäftsführerin; Anfang April wird Jochen Cassel weiterer Geschäftsführer bei 7TV (vgl. MK-Meldung).

Die neue Streaming-Plattform von Pro Sieben Sat 1 und Discovery wird ein werbefinanziertes Basisangebot enthalten. Darüber können TV-Programme über Livestreams sowie einzelne Sendungen zeitversetzt abgerufen werden. Hinzu kommen kostenpflichtige Pakete, über die Filme, Serien, bestimmte exklusive TV-Inhalte und Sportübertragungen angeboten werden. Auf der Plattform wird es beispielsweise einen eigenen Kanal für US-amerikanische Fiction-Inhalte geben. Außerdem werden die kostenpflichtigen Streaming-Angebote Maxdome (Pro Sieben Sat 1) und Eurosport-Player (Discovery) in die neue Plattform integriert. Über den Eurosport-Player sind unter anderem pro Bundesliga-Saison 40 Erstliga-Spiele zu sehen. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hatte diese Rechte für die Spielzeiten 2017/18 bis 2020/21 an das TV-Unternehmen Eurosport vergeben (vgl. MK-Meldung).

Über die heutige 7TV-Plattform von Pro Sieben Sat 1 und Discovery sind kostenfrei im Livestream die Free-TV-Programme Pro Sieben, Pro Sieben Maxx, Sat 1, Sat 1 Gold, Kabel 1, Kabel 1 Doku und Sixx (jeweils Pro Sieben Sat 1) zu sehen und außerdem die Programme DMAX, TLC und Eurosport (jeweils Discovery). Hinzu kommen noch weitere Privatsender wie der Spartenkanal Sport 1. Seit dem 12. Dezember 2018 sind über 7TV auch das ZDF-Hauptprogramm und die beiden Sender ZDFneo und ZDFinfo im Livestream verfügbar. Im Monat zuvor hatte Max Conze die Zusammenarbeit mit dem ZDF bekanntgegeben (vgl. MK-Meldung). Mit Blick auf weitere Streaming-Kooperationen mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zeigte sich Conze am 7. März in Unterföhring zuversichtlich: „Wir sind im fortgeschrittenen Stadium, wie wir die ZDF-Mediathek auf unserer Plattform reflektieren.“ Mit der ARD gebe es „sehr konstruktive Gespräche“. Hier seien nun „die entsprechenden Entscheidungsgremien“ mit der Thematik befasst.

Kürzung der Dividende

Um Investitionen unter anderem ins Programm und in die Streaming-Plattform finanzieren zu können, wird die Dividende an die Aktionäre von Pro Sieben Sat 1 deutlich gekürzt. Wirksam wird dies erstmals im Sommer 2019, wenn die Dividende für das Vorjahr ausgezahlt wird. Bis auf weiteres wird nur noch die Hälfte des bereinigten Konzernüberschusses ausgeschüttet, der in den Jahren 2016 bis 2018 zwischen 513 Mio und 550 Mio Euro pendelte. Bislang wurden 80 bis 90 Prozent dieses Überschusses ausgezahlt. Durch die Kürzung wird Pro Sieben Sat 1 von nun an pro Jahr bis zu 200 Mio Euro mehr zur Verfügung haben, um – so die Absicht – „ergebnissteigernde Investitionen“ zu tätigen. 2019 sieht Conze als Jahr der Transformation für die Unternehmensgruppe.

Konzernchef Conze ist zum Handeln gezwungen, nachdem 2018 Umsatz und Gewinn bei Pro Sieben Sat 1 gesunken sind. Grund dafür war vor allem, dass die Fernsehwerbeeinnahmen niedriger ausfielen und nicht durch das Wachstum im Digital- und Commerce-Bereich ausgeglichen werden konnten. Der Umsatz ging um zwei Prozent auf 4 Mrd Euro zurück. Der Nettogewinn sank um 47 Prozent auf 248 Mio Euro (Vorjahr: 471 Mio). Der Aktienkurs von Pro Sieben Sat 1 schwankt aktuell zwischen 13 und 15 Euro; ein Jahr zuvor lag er doppelt so hoch. In den kommenden fünf Jahren will Conze den Umsatz von Pro Sieben Sat 1 um 50 Prozent auf 6 Mrd Euro erhöhen und den operativen Gewinn deutlich steigern.

Der Vorstand der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe wird auf drei Personen verkleinert; die Führungsebene unterhalb des Vorstands soll die operativen Entscheidungen fällen. So will sich der Konzern „deutlich agiler und schlagkräftiger“ aufstellen. Dem Vorstand gehören künftig neben dem Vorsitzenden Max Conze noch dessen Stellvertreter Conrad Albert, der auch für Recht und Regulierungsangelegenheiten zuständig ist, sowie Rainer Beaujean (Finanzen) an. Anfang Juli wird Beaujean vom Verpackungshersteller Gerresheimer zu Pro Sieben Sat 1 wechseln. Als Conze Anfang Juli 2018 den Vorstandsvorsitz bei Pro Sieben Sat 1 in der Nachfolge von Thomas Ebeling übernahm, hatte der Vorstand noch sieben Mitglieder. Ende Juli 2018 war zuerst Christof Wahl als Vorstand ‘Digital Entertainment’ bei dem Medienkonzern ausgeschieden (dass Wahl aufhören würde, war bereits vor Conzes Amtsantritt verkündet worden).

Abgang von vier Vorstandsmitgliedern

Aus dem in der Folge noch sechsköpfigen Vorstand verabschiedete sich Ende Februar 2019 Jan Frouman, der für das Produktionsgeschäft verantwortlich war. Ende März verlässt Finanzvorstand Jan Kemper nach noch nicht einmal zweijähriger Tätigkeit den Medienkonzern. Ende April hört schließlich als vierte Führungskraft auch Sabine Eckhardt auf. Sie ist im Vorstand für Vertrieb & Marketing zuständig. Im Februar schrieb das „Manager-Magazin“, die Ursache für die Abgänge liege darin, dass Conze „weite Teile des Top-Managements gegen sich aufgebracht“ habe. Um Pro Sieben Sat 1 wieder auf Wachstumskurs zu bringen, setzt Conze – mit Rückendeckung des Aufsichtsrats – auf ein kleines Führungsteam an der Spitze der Firmengruppe, die sich seit Januar 2018 in die drei Unternehmensbereiche ‘Entertainment’, ‘Content Production & Global Sales’ (Red Arrow Studios) und ‘Commerce’ (NuCom Group) gliedert.

Die drei Bereiche werden künftig von jeweils zwei Chefs geleitet, die direkt an den Vorstandsvorsitzenden Conze berichten. An der Spitze der ‘Entertainment’-Sparte, in der etwa das Fernsehgeschäft und die 7TV-Plattform gebündelt sind, stehen künftig Wolfgang Link und Michaela Tod. Bisher war Tod beim britischen Hausgeräte-Hersteller Dyson tätig, den Conze bis Oktober 2017 geleitet hatte. Zu Pro Sieben Sat 1 wechselt Michaela Tod im April; sie ist dann unter anderem in der ‘Entertainment’-Sparte verantwortlich für die Segmente Vertrieb und Marketing. Den Bereich ‘Content Production & Global Sales’ leiten James Baker und Reza Izad. Chefs der ‘Commerce’-Sparte, zu der beispielsweise die Firmen Verivox, Parship, Elite Partner, billiger-mietwagen.de und moebel.de gehören, sind Florian Tappeiner und Claas van Delden.

29.03.2019 – vn/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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