USA: Weniger Pilotfilme für die nächste TV-Saison

19.02.2019 •

Von Monat zu Monat wird in den USA deutlicher absehbar, dass die fortschreitende Umorientierung des Publikums und der Werbetreibenden zu den immer stärker werdenden Videostreaming-Anbietern für die traditionellen Broadcast- und Kabelnetworks Konsequenzen hat. Das Geld fließt nicht mehr in gleichem Maß wie früher in die Kassen der einst konkurrenzlosen Fernsehunternehmen. Und wo das Geld knapp wird, da bleiben Auswirkungen auf der Programmseite nicht aus.

Ein deutliches Anzeichen für das Fortschreiten dieser Entwicklung zeigt sich derzeit bei den Broadcast-Networks, die in den ersten Monaten des Jahres ihre Pilotfilme für die TV-Saison 2019/20 in Auftrag geben. Pilotfilme nennt man in den USA jene früher oft zweistündigen, heute meist einstündigen Fernsehfilme, deren Konzept und Besetzung am meisten Hoffnung auf eine spätere Ausweitung zu einem Serienformat machen. Die Networks ABC, CBS, NBC, Fox und CW stehen alle kurz vor dem Abschluss des Ausleseprozesses. Insgesamt 50 Pilotfilme wurden für die kommende Saison bei den Herstellerfirmen in Auftrag gegeben. Im vergangenen Jahr waren es 76 Filme.

Abwanderung zu Netflix

Obwohl der eine oder andere Pilotfilm noch hinzukommen dürfte, zeichnet sich damit bereits klar ab, dass die Gesamtzahl der Aufträge deutlich hinter den Bestellungen des Vorjahres zurückbleiben wird. In amerikanischen Fachkreisen spricht man bereits von der niedrigsten Auftragszahl der letzten sieben Jahre. Und nicht genug damit – es zeichnet sich auch ein Trend ab, bewährte Sujets neuen und deshalb riskanteren Planungen vorzuziehen.

Waren in der Vergangenheit gerade auf dem Feld der Pilotfilme die Chancen für kleine, ideenreiche Fernsehproduzenten relativ groß, einen Auftrag einzuheimsen, sind die Networks heutzutage darauf bedacht, möglichst bereits erfolgreiche Produzenten an sich zu binden, um deren Abdriften zu den häufig besser bezahlenden Streaming-Anbietern zu verhüten. Namhafte Produzenten wie Ryan Murphy („American Horror Story“, FX/Fox) und Shonda Rhimes („Grey’s Anatomy“, „How to Get Away With Murder“, beides ABC) sind Beispiele für solche ‘Abwanderer’ und unterhalten inzwischen hochdotierte Verträge bei Netflix. Frisches Blut und frische Ideen dürften bei den traditionellen TV-Networks in Zukunft seltener zu finden sein.

Es sieht ganz danach aus, als beginne sich hier ein Circulus vitiosus zu formen: Um mit bekannten Namen und Formaten das bisherige Publikum bei der Stange zu halten, verweigern sich die Broadcast-Networks dem Wagnis und nehmen in Kauf, den Mut zum Risiko der Streaming-Konkurrenz zu überlassen, die dadurch aber im gar nicht so seltenen Erfolgsfall nur noch stärker wird, wodurch sich das Publikum erst recht weiter von den Networks abwendet.

19.02.2019 – Ev/MK

Print-Ausgabe 15-16/2019

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