Bioakustisches Monitoring

02.09.2015 •

Gut 40 Jahre nachdem Hansjörg Schmitthenner (1908 bis 1993) das „Welthören“ oder Murray Schafer (Jg. 1933) die „Soundscapes“ ins Radio einführten – damals der akustischen Kunst und dem experimentellen Hörspiel zugeschrieben – klopft es wieder an der Tür. Und herein kommt diesmal im weißen Laborkittel und mit neuester Aufnahmetechnik ausgestattet – das „bioakustische Monitoring“.

Da schau her: Aus der Kunst des In-die-Welt-Lauschens ist eine Wissenschaft des In-die-Welt-Lauschens geworden. In der Ausgabe vom 30. August der Deutschlandfunk-Sendung „Forschung aktuell“ (16.30 bis 17.00 Uhr) war in einem fünfeinhalbminütigen Beitrag des freien Journalisten Volker Mrasek zu hören, wie das geht. Und man staunte über das, was er berichtete: Das, worum sich die akustische Kunst jahrzehntelang bemühte, ist nun ein heißes Eisen, das die Biologen im Feuer haben. Beziehungsweise: Sie haben Mikrofone in den heimischen Wäldern – und zwar jede Menge, vom dunkelfeuchten Humus bis hinauf in die lichten Wipfel. Es geht dabei um flächendeckende (na ja, eher: raumdeckende) – hüstel – Überwachung. Denn besonders der Bestand an nachtaktiven Tieren lässt sich akustisch besser erfassen als per Augenschein. So erklärte es zumindest einer der Forscher, die Volker Mrasek vor sein (Reporter-)Mikrofon holte, während jener mit seinen (Wissenschaftler-)Mikrofonen hantierte. Womit wieder einmal die Frage aufgetan wäre: Ist Radio nicht immer Hörspiel? Jedenfalls, die Präzision heutiger Digitalmikrofone und die enorm langen Aufzeichnungszeiten der Speichermedien machen es möglich, solches Belauschen, Verzeihung: Monitoring, als exakte Wissenschaft und nicht nur als schöne Kunst zu betreiben. Denn – ganz lapidar – nachts ist es dunkel und da sieht man die Waldtiere halt so schlecht. Womit die Wissenschaft (ganz aktuell) etwas herausgefunden hat, was ein anderer großer Mann des Hörspiels auch schon vor 20 Jahren wusste: „Es ist das Ohr, das durch die Dunkelheit dringt, nicht das Auge“ (Hermann Naber, 1933 bis 2012).

Als viel zu kurz muss man den bemerkenswerten Beitrag der Deutschlandfunk-Sendung indes beklagen, weil sich das Radio hier nicht einfach so mit irgendetwas beschäftigt, was ein paar Leute draußen in unseren Wäldern Lustiges treiben. Denn die Biologen machen nämlich – was? Richtig: Sie machen Radio. Und ihr Programm ist die reine Natur. 100 Prozent Bioradio. Es ist Welthören, das ein Öko-Label verdient hätte, wenn man bedenkt, dass sich Menschen CDs kaufen, auf die 75 Minuten „Wildbachrauschen mit Vogelgezwitscher“ gepresst sind. Sie schürfen das gleiche Material, aus dem eben auch Radiosendungen gemacht werden. Im Gegenzug sind die Konditionen ihrer Forschung mediale. Und also schreit dieses Thema geradezu nach einer langen Radionacht des „bioakustischen Monitorings“.

02.09.2015 – Markus Collalti/MK

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