Arturo Pérez-Reverte: Der Schlachtenmaler. 2-teiliges Hörspiel (NDR Kultur)

Ein Lauschgenuss

26.06.2015 •

Der Betrachter eines offenen Systems kann nie außerhalb stehen, kann nicht wirklich neutral bleiben, sondern wird immer Teil des Systems. Dadurch kommt es zu wechselseitigen Beeinflussungen, mit möglicherweise unvorhergesehenen oder unvorhersehbaren Konsequenzen – wo immer man da die Messlatte anlegen mag. Die Frage nach den Konsequenzen brachte Edward Lorenz 1972 massenwirksam auf den Punkt mit der längst zum Gemeingut gewordenen Formulierung: „Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?“

Die lapidare Antwort dazu lautet: Mag sein, jedenfalls dann, wenn man bereit ist, solche isolierten Kausalketten gelten zu lassen. Die Frage nach Verantwortung und Schuld wird dadurch allerdings nicht geklärt. Gut, der Schmetterling wurde zwischenzeitlich vielleicht ohnehin schon von einem Vogel gefressen (mit unabsehbaren Folgen!) und hätte sich sowieso als zahlungs- und schuldunfähig erwiesen. Aber bei einem Kriegsfotografen, der durch Krisengebiete hetzt, um Bilder von Leid, Tod und Zerstörung um die Erde zu schicken, stellt sich das vielleicht anders dar.

Der 1951 geborene spanische Journalist und Schriftsteller Arturo Pérez-Reverte arbeitete über zwanzig Jahre als Kriegsreporter. In seinem 2006 veröffentlichten, 2007 auch auf Deutsch erschienenen Roman „Der Schlachtenmaler“ (Übersetzung aus dem Spanischen: Ulrich Kunzmann) diskutierte er unter anderem die anfangs geschilderte Problematik. Ein gealterter ehemaliger Kriegsfotograf hat sich in einen einsamen Wachturm an der spanischen Küste zurückgezogen, um dort seine Erfahrungen in Form eines riesigen Wandgemäldes zu verarbeiten, eines Schlachtengemäldes, das alle wesentlichen Ergebnisse und Erlebnisse seines Schaffens enthalten soll. Dieser Schlachtenmaler erhält Besuch von einem ehemaligen kroatischen Soldaten, der dem Fotografen eine besondere Mitschuld an Folter und Gefangenschaft zuweist, die er, der Soldat, seinerzeit erlitten hat. Auch für die Ermordung der Familie seines Besuchers sei der Fotograf, so erfährt er, indirekt mitverantwortlich.

Drei Tage lang will der Ex-Soldat nun mit dem Schlachtenmaler sprechen, ihn mit der Schuld und Verantwortung konfrontieren, die er als Kriegsfotograf gehabt habe. Anschließend, so verkündet der Besucher, werde er ihn töten. Schnell verfestigt sich der Eindruck, trotz des unwirschen Gebarens sei es dem Schlachtenmaler ganz recht, endlich seine Gedanken einem anderen darlegen und sich gegen Vorwürfe wehren zu können, statt immer nur die eigenen Gedanken kreisen zu lassen oder zu verdrängen.

In der vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) produzierten Hörspielfassung lassen sich Christoph Prochnow, der für die Bearbeitung sorgte, und Regisseur Alexander Schuhmacher reichlich Zeit. Und die brauchen sie auch, denn die angesprochenen Fragestellungen werden nicht trivial angegangen. Das Hörspiel umfasst zwei Teile von jeweils 90 Minuten. Es entspinnt sich ein spannendes Gespräch, das von zahlreichen Ausführungen, Rückblenden und Reflexionen zum persönlichen Schicksal der beiden Protagonisten unterbrochen wird. Der Hörer erfährt genug Details über das Erleben der beiden und die in dem Wandgemälde festgehaltenen Szenen, um sich selbst ein reiches Kriegsgemälde imaginieren zu können, eingeschlossen die unmenschlichen Selbstverständlichkeiten und Gräuel, die dazu gehören. Die Dramaturgie setzt bei den Überlegungen und Fragestellungen geschickt Cliffhanger, die intermittierend weitergesponnen werden und sich erst später oder zum Ende hin auflösen. Ein neutraler Erzähler informiert in der dritten Person über unausgesprochene Gedanken bis hin zu ganzen Episoden. Vor allem in diesen Episoden kommen vereinzelt auch andere Personen zu Wort.

Aus literarischer Sicht ist es ein Genuss, den Ausführungen zu lauschen. Dazu bieten vor allem die Hauptdarsteller Ulrich Noethen (als Erzähler), Christian Redl (als Maler) und Jakob Diehl (der Ex-Soldat) exzellente Leistungen, um dem Hörer die komplexen Gedankengänge und Emotionen verständlich, nuanciert, mit wohldosierten Pausen, fesselnd und glaubwürdig zu vermitteln, und das völlig unpathetisch – besser geht’s nicht.

Regisseur Schuhmacher hat das Hörspiel mit viel Musik und punktuell auch mit Geräuschen angereichert. Wo die Kompositionen unauffällig im Hintergrund bleiben, macht sich das gut. Gerade im späteren Verlauf, beispielsweise in der Anfangsphase des zweiten Teils, tritt die Musik in mehreren Passagen etwas zu stark in Erscheinung, was die Konzentration auf die sprachlichen Ausführungen doch erheblich beeinträchtigt. Eine unnötige Dramatisierung, da Stil und Darsteller wohl auch alleine für reichlich Atmosphäre und Spannung gesorgt hätten; letztlich aber nur ein kleines Detail, das die hochverdiente Anerkennung nicht zu schmälern vermag.

26.06.2015 – Andreas Matzdorf/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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