Patrick Findeis: Wölfe, Wölfe! (SWR 2)

Fiktiver Tatsachenbericht

14.08.2015 •

Der 1975 geborene Schriftsteller Patrick Findeis hat mit „Wölfe, Wölfe!“ ein Hörspiel geschrieben, das mit einem erstaunlich aktuellen Gegenwartsbezug die Problematik von Flüchtlingen, Rechtsstaat und Asylpraxis unter die Lupe nimmt. Zunächst hat der Hörer den Eindruck, als habe der Autor hier ein belegtes Flüchtlingsdrama aus dem Berliner Milieu abgelichtet, so dokumentarisch und zeitgeschichtlich exakt recherchiert wirkt das Hörgeschehen um die Flüchtlinge aus Syrien. Mitmenschlichkeit, Hilfe für Entrechtete und Verfolgte zerbrechen an den Schranken des Rechtsstaats, dem Schengener Abkommen oder dem verschärften Asylrecht, mit dem EU-Staaten sich immer mehr vor Flüchtlingen abschotten.

Regisseur Kai Grehn – er betreute auch die vorherigen SWR-Produktionen von Patrick Findeis („Kein schöner Land“, 2012; „Schneewalzer“, 2013; „Hannelore oder So ein abgelichtetes Leben will verkraftet sein“, 2014) – wies auf Nachfrage darauf hin, dass der Hörspielplot vom Autor in der Tat sehr genau recherchiert und dennoch als fiktives Hörgeschehen einzuordnen sei.

Findeis begnügt sich in dem Hörspiel freilich nicht damit, die Ausgrenzung, ja, Verfolgung von Flüchtlingen in Deutschland aufzuzeigen. Und der Autor belässt es nicht bei einer Perspektive des möglichen Protests beim Hörer. Findeis spitzt die Flüchtlingsproblematik und die Hilfsbereitschaft Einzelner nochmals zu, indem das Stück exemplarisch zu überprüfen scheint, wie wohlwollende deutsche, gleichwohl saturierte Gesellschaftsschichten sich gegenüber der Flüchtlingsproblematik verhalten – was sie tatsächlich helfend zu tun bereit sind.

Das bürgerliche Traumpaar Jan und Katharina (gesprochen von Marek Harloff und Karina Plachetka) hat es eigentlich geschafft: „Jan und ich an der Zufahrt zum Hof: kein Krebs, kein Alzheimer, keine Unfälle, alles gut, nur unsere Haare ein bisschen grau, im Ofen in der Küche schmort die Lammkeule mit Honig und dem Rosmarin aus dem Garten, im Kühlschrank steht der Champagner.“ Doch Bedrohung bricht in die Idylle ein, der Hilfeschrei Fremder, der Ruf von Asylanten und Migranten, die an die Tür klopfen. Die Familie macht sich schließlich wegen ihres humanitären Einsatzes für Flüchtlinge im Sinne des Gesetzes schuldig und erfährt „im Namen des Volkes“ wegen Einschleusung von Ausländern sowie wegen Missbrauchs von Ausweispapieren eine drakonische Strafe.

Diese Zuspitzung des Hörspiels auf die Frage nach der eigenen, ganz persönlichen Verantwortung für die Flüchtlinge dient als ein gelungener literarischer Kniff des 2008 im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs mit dem 3sat-Preis für Nachwuchsschriftsteller ausgezeichneten Autors; er hat mit diesem Stück ein Zeit-Hörspiel geschaffen, das mehr als ein Klagelied über die europäische Flüchtlingspolitik ist und weitere Fragen an den Hörer stellt. Mag sein, dass es des mythologischen Verweises im Hörspiel auf die Wölfe, die unter uns hausen, gar nicht bedurft hätte. Das Bild war entbehrlich, eine Spur zu dick aufgetragen, es wirkte einfach als überflüssige Eselsbrücke für bildungsferne Schichten.

Regisseur Kai Grehn verstand die Ambivalenz von politischem Rahmen und privater Befindlichkeit überzeugend auszuloten, so dass das Hörspiel im besten Sinne zu einer Herausforderung geworden ist, zur Provokation für den entmenschlichten Rechtsstaat und zum Prüfstein für den Hörer selbst – und ganz nebenbei: ein Hörspiel zur rechten Zeit.

14.08.2015 – Christian Hörburger/MK

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