Sönke Andresen/Axel Ranisch: Tatort – Babbeldasch (ARD/SWR)

Erfrischendes Gebabbel

10.03.2017 •

Kriminalhauptkommissarin Lena Odenthal, seit 1989 im „Tatort“-Einsatz, bringt es zwar auf die meisten Dienstjahre unter allen Ermittlern der Reihe, aber als besonders experimentierfreudig fielen die SWR-Folgen aus Ludwigshafen in all den Jahrzehnten eher nicht auf. Von daher zeugt es durchaus von Wagemut, dass SWR-Fernsehfilmchefin Martina Zöllner die Idee hatte, Axel Ranisch mit einer Episode des Vorzeigekrimiformats der ARD zu betrauen. Schließlich gilt der 33-jährige Regisseur, Autor und Schauspieler seit Filmen wie „Ich fühl mich Disco“ (2013) oder „Alki, Alki“ (2015) als ein Filmemacher, der gern auf Laiendarsteller und Improvisation, also zwei Unwägbarkeiten zugleich setzt.

Nun wurde beim ARD-„Tatort“ insgesamt in der jüngeren Vergangenheit auf inhaltlicher wie ästhetischer Ebene zwar mit allerlei Dramaturgien und Figuren experimentiert, aber Hobbyschauspieler und improvisierte Dialoge wie jetzt in der von Ranisch inszenierten Folge „Babbeldasch“ waren unter all den Versuchsanordnungen noch nicht dabei. Konnte das gutgehen? Keinesfalls, meinte die „Bild“-Zeitung und warnte die Leser am Tag vor der Ausstrahlung effekthascherisch vor dem „schlechtesten ‘Tatort’ aller Zeiten“. Und in den sozialen Netzwerken überschlugen sich vor und nach der Ausstrahlung erwartbar die Protestnoten, von „Unverschämtheit“ und „Gebührenverschwendung“ war da die Rede.

Dabei folgte die Dramaturgie dem klassischen Whodunit-Krimi, bei dem der Zuschauer kaum mehr weiß als die Ermittler. In einem Ludwigshafener Laien- und Mundarttheater namens „Babbeldasch“ (hochdeutsch: Plaudertasche) fand die Premiere des Schwanks „Die Oma gibt Gas“ statt. Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) hatte sich von einem Kollegen überreden lassen, der Veranstaltung beizuwohnen. Doch nach dem ersten Akt musste die Aufführung abgebrochen werden, weil die Hauptdarstellerin und Prinzipalin des Hauses, Sophie Fettèr (Malou Mott), backstage ihr Leben ausgehaucht hatte. Todesursache: ein Schoko-Croissant, dem irgendwer eine Mohnfüllung verpasst hatte, offenbar wohlwissend, dass die volkstümliche Mimin darauf mit einem allergischen Schock reagieren würde. Und die Spritze mit dem Gegenmittel dafür hatte der Täter aus der Handtasche des Opfers verschwinden lassen.

Für die Kripo Ludwigshafen sah das Ganze dennoch lange Zeit eher nach einem tragischen Unglücksfall denn nach Mord aus. Auch Lena Odenthal hätte vermutlich nichts unternommen, wäre sie von der Verstorbenen nicht regelmäßig in Alträumen mit Drohungen in breitestem Pfälzisch heimgesucht worden: „Eins sach isch da, wenn du jetzat net rausfindscht, was do bassiert is, donn besuch isch disch jedi Nacht. Du konnsch disch net versteckle!“ So viel sprachliches Lokalkolorit war im „Tatort“, der schließlich einst ins Leben gerufen wurde, um Kriminalfälle in regionale Eigenheiten einzubetten, äußerst selten. Jedenfalls sah sich Lena Odenthal, in Sorge um ihren Schlaf, dazu gedrängt, die Theaterleute etwas genauer unter die Lupe zu nehmen und bewarb sich erfolgreich um die Mitgliedschaft in der Truppe. Dabei hatte sie doch bei der Premiere auf die Frage, ob sie auch schon mal auf der Bühne gespielt habe, noch erklärt: „Nein, das überlass ich lieber denen, die es können.“ Ein netter Scherz aus dem Munde der Profi-Schauspielerin Ulrike Folkerts gegenüber einer Hobbydarstellerin.

Und wenn man den Verlautbarungen des SWR um diesen außergewöhnlichen „Tatort“ glauben mag, war auch dieser Dialog frei improvisiert. Denn vor Drehbeginn gab es von Autor Sönke Andresen lediglich ein kurzes Treatment ohne Dialoge und Regisseur Axel Ranisch, im Abspann als „Spielleiter“ geführt, teilte seinen Darstellern auch erst kurz vorm jeweiligen Dreh der einzelnen Sequenzen mit, worum es darin gehen sollte. Proben fanden nicht statt. Unter diesen erschwerten Bedingungen schlugen sich die Laiendarsteller, darunter ein paar echte Charakterköpfe, durchaus wacker, und da ihnen die Regie auch manchen Verhaspler durchgehen ließ, hatte ihr Spiel bisweilen etwas überaus Erfrischendes. Und weil diese Farbe genau so gewollt war, wäre es auch gänzlich unangebracht, diesen Krimi mit einer Produktion wie Jan-Georg Schüttes Film „Altersglühen“ (ARD/NDR/WDR) zu vergleichen, in dem hochkarätige Profis ihre Improvisationstalente hatten entfalten können (vgl. FK-Kritik).

Natürlich lässt sich schwerlich behaupten, dass sich dieser SWR-„Tatort“ durch Hochspannung bis zum Showdown ausgezeichnet hätte. Doch damit steht er in dieser ARD-Reihe wahrlich nicht allein. Stattdessen trieb Spielleiter Ranisch hier ein vergnügliches Spiel mit dem Instrumentarium des Boulevardtheaters, ohne dabei auf vordergründige Witzigkeit aus zu sein. Insofern war das Ganze ein mutiges, unter dem Strich gelungenes und richtig schönes Experiment. Erwartbar war dabei, dass eine solche Folge nicht für einen Zuschauerrekord sorgen würde, aber darum geht es ja in einem solchen Fall auch nicht und das ist gut so. 6,34 Mio Zuschauer schlugen für „Babbeldasch“ zu Buche, das ist für den Sonntagabendkrimi im Ersten ein überaus bescheidener Wert, aber für solch ein Wagnis durchaus akzeptabel (der Marktanteil lag bei 17,4 Prozent).

Warum Lenas getreuer Helfer Kopper (Andreas Hoppe) in diesem „Tatort“ kaum eine Rolle spielte und seinen Kollegen lediglich ankündigte, er müsse ihnen etwas Wichtiges mitteilen, wozu es dann aber doch nicht kam, erklärte der SWR nach der Ausstrahlung. Man wolle das Ludwigshafener Team neu strukturieren, hieß es in einer Pressemitteilung des Senders. Ohne Mario Kopper. Mit Darsteller Andreas Hoppe sei man jedoch im Gespräch über neue Projekte. Der Schauspieler selbst, der seinem letzten Auftritt im Herbst dieses Jahres in einem „Tatort“ haben wird, der seinen Namen im Titel trägt, wollte sich zu seinem durchaus überraschenden Abgang bisher nicht äußern.

10.03.2017 – Reinhard Lüke/MK