Erol Yesilkaya/Sebastian Marka: Tatort – Hinter dem Spiegel (ARD/HR)

Angekommen

14.09.2015 •

Der erste Fall des neuen Fahnderduos des HR-„Tatorts“ („Kälter als der Tod“; vgl. MK-Kritik hier) war nicht schlecht, aber es war nicht unbedingt ein herausragender Einstand. Zu sehr waren Kommissar Paul Brix (Wolfram Koch) und seine Kollegin, Kommissarin Anna Janneke (Margarita Broich), beim gegenseitigen Beschnuppern noch mit dem Austausch von Höflichkeiten beschäftigt. Er hatte sich von der Sitte zur Mordkommission versetzen lassen, sie war aus einer anderen Stadt nach Frankfurt gekommen. Am Ende hatten die beiden Ermittler einen Fall für sie eher unbefriedigend gelöst, aber sich so etwas wie wechselseitigen Respekt erarbeitet – der nun in der zweiten Folge jedoch gleich wieder auf eine harte Probe gestellt wurde. (Die Folge „Hinter dem Spiegel“ begann wegen eines ARD-„Brennpunkts“ zum Thema Grenzkontrollen und Flüchtlinge zehn Minuten später als ursprünglich vorgesehen.)

Im Büro von Brix taucht mit Simon Finger (Dominique Horwitz) ein ehemaliger Kollege von der Sitte auf und bittet ihn dringend um Hilfe. Anna Janneke belauscht das Gespräch, bekommt allerdings nur Wortfetzen mit. Es geht um die Russenmafia und darum, dass Simon Finger beim Ex-Kollegen Brix wegen eines gemeinsamen Einsatzes im Rotlichtmilieu noch etwas gut habe. Der Kommissar reagiert sichtlich nervös, blockt jedoch Nachfragen seiner Kollegin zu der Sache brüsk ab. Könnte Brix womöglich Dreck am Stecken haben?

Neugierig beginnt die Kommissarin mit Nachforschungen in der Vergangenheit von Paul Brix, wird dabei jedoch durch die Todesfälle eines Lobbyisten und eines Bankers abgelenkt, die nur auf den ersten Blick nach Selbstmord aussehen. Dann ist Simon Finger plötzlich verschwunden und Wolfgang Preiss (Justus von Dohnányi), sein Vorgesetzter bei der Sitte und zugleich sein Schwager, zeigt sich mächtig besorgt – was natürlich dreist geheuchelt ist. Schließlich ist er es, der Finger kaltblütig erschossen hat, weil der bei den gemeinsamen krummen Geschäften mit der Mafia zu einer Gefahr für ihn geworden war.

Mit der klassischen Whodunit-Dramaturgie hat dieser „Tatort“ (Produktion: HR Fernsehfilm) nichts am Hut, sondern der Film gewährt den Zuschauern stets einen Wissensvorsprung gegenüber den Ermittlern. Dennoch entwickelt sich hier ein ebenso komplexer wie spannender Krimi um Freundschaft, Vertrauen, Loyalität, Korruption und Rache. Für Buch und Regie sind dabei zwei Männer verantwortlich, auf deren Konto bereits ein anderer herausragender HR-„Tatort“ geht: Erol Yesilkaya schrieb (gemeinsam mit Michael Proehl) das Buch zu Joachim Króls letztem Auftritt als Kommissar Steier („Das Haus am Ende der Straße“), mit dem Sebastian Marka sein Regiedebüt in der Reihe gab.

Auch die neuerliche Zusammenarbeit der beiden besticht durch einen stimmigen Plot, gut gezeichnete Figuren, nahezu durchweg originelle Kameraeinstellungen (Armin Alker) und dramaturgisch souveräne Wechsel zwischen eher launigen Momenten und eminent spannenden Thriller-Sequenzen. Dabei leisten sich die Verantwortlichen obendrein noch nette Spielereien mit Versatzstücken des Genres. Wo die Party beim greisen Mafia-Paten etwas Operettenhaftes hat, nimmt sich das Rotlichtmilieu mit seinen plüschig-schmuddeligen Strip-Schuppen und verrauchten Hinterzimmern so retromäßig aus, als könnte da jeden Moment der gute alte Kommissar Keller („Der Kommissar“, ZDF) ums Eck schauen.

Und zwischendurch gelingen Yesilkaya und Marka auch wunderbare Miniaturen wie diese: Als Paul Brix die Ehefrau von Simon Finger in deren Eigenheim aufsucht, um zu fragen, ob sie womöglich etwas über den Verbleib ihres Mannes wisse, beginnt der Kommissar das Gespräch mit der Floskel: „Schönes Haus.“ Woraufhin sie nur erwidert: „Ja.“ Um nach einer exakt austarierten Pause nachzusetzen: „Das hab ich mir auch verdient.“ Ein knapper Satz, der dennoch ein ganzes Beziehungsdrama offenbart. Aus der einstigen Liebesbeziehung ist im Lauf der Jahre ein Zusammenleben mit Kindern geworden, in dem der Gatte zwar – durch krumme Nebengeschäfte – reichlich Geld nach Haus bringt, jedoch für seine Familie kaum noch präsent ist und sich auch sonst immer mehr von Frau und Kindern entfernt hat.

Am Ende dieses unbedingt sehenswerten Krimis (8,74 Mio Zuschauer, Marktanteil: 26,0 Prozent) haben sich nicht nur Paul Brix und Anna Janneke zusammengerauft und die Fronten geklärt, auch ihr Chef Henning Riefenstahl (Roeland Wiesnekker) hat sich durch die Unterschlagung von Beweismitteln zu ihren Gunsten als loyaler Vorgesetzter erwiesen. Das neue Team des HR-„Tatorts“ ist angekommen. Nicht ungelobt bleiben darf hier die Leistung des Ausnahmeschauspielers und genialen Minimalisten Justus von Dohnányi. Wie er den so biederen wie skrupellosen und zugleich hasenfüßigen Chef der Sitte verkörpert, das ist schlicht meisterlich.

14.09.2015 – Reinhard Lüke/MK