Alexander Adolph: Taxi nach Leipzig. 1000. Folge der Reihe Tatort (ARD/NDR)

Schließlich sind wir alle im Dienst

25.11.2016 •

Der „Tatort“ ist eine Wundertüte, die sich wieder und wieder füllt, indem sie Sonntag für Sonntag ausgeschüttet wird. Diese Reihe bietet Konstanz und Zuverlässigkeit, längst lebt sie aber auch davon, dass sie Unerwartetes hervorbringt und Regeln durchbricht, dann wieder zum Kanon zurückfindet und Erwartungen bekräftigt. Der „Tatort“ gehört zur Fernsehgeschichte und zum Seelengerippe des Landes (vgl. hierzu diesen MK-Artikel). Er ist Genre-Erkundung, er bietet Milieu und kollektive Bewusstseinssplitter, er ist Kintopp, Rummel, Bibliothek, Fernsehen für Feincord-Hosenträger und Sofa-Punks, für Omi und Enkelkind, für Nostalgiker und Bilderstürmer. Er ist vielleicht die letzte kollektive Rast- und Ruhestätte, die mit Kunstblut die Wunden der Woche bepflastert. Jeder „Tatort“ verspricht, dass alles ganz anders kommt und alles bleibt, wie es ist.

Weil der „Tatort“ längst auch im selbstreflexiven Stadium angekommen ist, markierte der 1000. „Tatort“ eine Zäsur, die nicht nur medial gefeiert wurde, sondern die auch die 1000. Folge selbst strukturiert. Der erste „Tatort“, die am 29. November 1970 ausgestrahlte Folge „Taxi nach Leipzig“, ist der erste Tote und dessen Wiederauferstehung in der 1000. Folge, Kommissar Trimmel geht durch die Bilder der Gegenwart.

Alexander Adolph hat seine Aufgabe bravourös gelöst und mit scheinbar leichter Hand die Erwartungslast der Jubiläumsfolge gestemmt. Da hätte vieles schiefgehen können. Kommissarin Lindholm aus Hannover und Kommissar Borowski aus Kiel (Maria Furtwängler und Axel Milberg) nehmen an einem sturzlangweiligen Fortbildungsseminar in Braunschweig teil, Deeskalation oder so’n Kram. Als sich die beiden davonschleichen wollen, schließt sich ihnen ein Nervensägenkollege an, der Borowski penetrant um einen Gefallen bittet. Die drei landen eher zufällig in einem Taxi zum Hauptbahnhof und hier beginnt der Kriminalfall.

Fahrer des Taxis ist ein traumatisierter und desillusionierter Afghanistan-Veteran, ein Ex-Bundeswehr-Soldat, der gerade erfahren hat, dass seine große Liebe seinen früheren Vorgesetzten heiraten will, einen Vorgesetzten, der ihn zudem im fernen Kampf fehlgeleitet und fehlinformiert hatte, so dass Rainald Klapproth (Florian Bartholomäi) eine unschuldige Familie tötete. Dieser lebensverzweifelte Mann will nun, um seine frühere Freundin über den wahren Charakter ihres zukünftigen Ehemanns aufzuklären, eigentlich mit seinem Taxi nach Leipzig fahren, da kommen ihm die drei Kommissare in die Quere, die er zum Braunschweiger Bahnhof chauffieren soll. Weil der Nervensägenpolizist nun auch den Taxifahrer übel nervt, dreht ihm der Hochgereizte kurzerhand und professionell das Genick um, Lindholm und Borowski sehen es ungläubig schaudernd vom Rücksitz aus.

Der Elitekämpfer Klapproth hat die Kommissarin und den Kommissar schnell in seiner Gewalt und so geht es mit den beiden hinten im Taxi sitzenden gefesselten Ermittlern durch die dunkle Nacht gen Leipzig. Kamerafrau Jutta Pohlmann hat für dieses Blechbüchsen-Kammerspiel ausgezeichnete Bilder, Lichter und Perspektiven gefunden. Die Kommissare versuchen zu deeskalieren, sie versuchen sich zu befreien, sie scheitern, stehen wieder auf, nehmen einen neuen Anlauf. Alexander Adolph macht die ‘Heldenfiguren’ zu Slapstick-Cops, er macht sie sehr klein, menschlich, bodenständig.

Der „Tatort“ hält die Spannung, auch wenn es einige Ausflüge ins Horrorfach gibt, einen schrägen Ausflug in die deutsche Wald- und Wolfsmythologie. Mitunter punktet der Fall mit witzigen Dialogen, die aber den Thrill nicht kaputtmachen. Es ist vor allem Florian Bartholomäi, der überzeugt, weil er seiner Figur eine vibrierende Präsenz der Unberechenbarkeit verleiht, weil man ihm seine Biografie abkauft, weil seine Psyche kein Pappkamerad, sondern ein ‘nahrhaftes’ Psychogramm ist.

Einen leichten Hänger erlebt dieser Fall, als er sich zu tief mit der Psyche von Kommissarin Lindholm befasst. An solchen Stellen wirkt die Aufmerksamkeitsverteilung zwischen der Figur der Kommissarin und der Täterfigur ohne Balance. Aber weil das nächtliche Roadmovie ein Ziel hat, nämlich Leipzig und die verlorene Sehnsuchtsfrau, bleibt für solche Psycho-Bagatellen nicht viel Zeit. Der Fall kulminiert dramatisch und unglücklich, die Sehnsuchtsfrau muss sterben, um den traumatisierten Täter noch einmal zu traumatisieren, um das Unglücksfass randvoll zu machen.

Sehr gelungen, weil unangestrengt, taucht in dieser 1000. „Tatort“-Episode (Produktion: Cinecentrum Hannover) Hans Peter Hallwachs auf, der in der allerersten „Tatort“-Folge von 1970 einen Volkspolizisten spielte. Auch die ehemalige Baden-Badener „Tatort“-Kommissarin Karin Anselm zeigt sich im neuen „Taxi-nach-Leipzig“-Film und Friedhelm Werremeier, der Autor des ersten „Tatort“-Falles, hat einen produktiv rätselhaften Cameo-Auftritt in einer Bar.

Am Ende des Films, Lindholm und Borowski kehren unglücksbetäubt zu ihrem Fortbildungsseminar nach Braunschweig zurück, hält Günther Lamprecht, der frühere Berliner „Tatort“-Kommissar, eine Motivations- und Dankesrede, die sich leicht als autoreflexiver Geburtstagsgruß verstehen lässt, als Dank an die Kommissare der 1000 Folgen, aber auch als Dank an die gewachsene Zuschauerbindung, denn schließlich sind wir alle im Dienst: Der Kommissar in uns entsendet die Fälle, die von Kollegen gelöst werden, die erfunden wurden, damit sie uns und unsere Welt erfinden, um uns zu betrachten. Den 1000. „Tatort“ sahen 11,46 Mio Zuschauer (Marktanteil: 30,3 Prozent).

25.11.2016 – Torsten Körner/MK