Beate Langmaack/Andreas Senn: Tatort – Das Recht, sich zu sorgen (ARD/BR)

Melancholie und Gurkensalat

10.06.2016 •

10.06.2016 • Wutschnaubend stürmt die 20-jährige Steffi die Treppe zur elterlichen Gaststube hinunter und brüllt – ohne sie zu sehen – ihre Mutter an, warum in aller Welt sie vergessen habe, sie zu wecken. Sie müsse schließlich zur Arbeit. Wenige Augenblicke wird der Tochter schlagartig klar, warum das Wecken heute ausfallen musste. Die Gastwirtin liegt ermordet am Boden und ihr Ehemann (und Steffis Vater) ist nirgendwo zu finden.

Wenig später ist es ein kleines Mädchen namens Romy, das seine Mutter Agnieszka weckt, die daraufhin hochschreckt. „Alles in Ordnung“, beruhigt die Tochter sie. Schließlich habe die Mutter doch Spätschicht und sie selbst habe die ersten beiden Stunden schulfrei. Zudem hat das Kind am frühen Morgen auch schon zwei Muffins gebacken und sie liebevoll mit den Wörtern „Mama“ und „Papa“ verziert. Den Muffin für den Vater könne die Mutter ihm ja wieder schicken, sagt das Mädchen dann noch beiläufig. Als die Tochter sich auf den Schulweg macht, sieht man noch, wie die Mutter den „Papa“-Muffin in den Müll entsorgt. Offenbar macht sie das nicht zum ersten Mal.

Mit beeindruckend wenigen ‘Pinselstrichen’ zeichnen Beate Langmaack (Buch) und Andreas Senn (Regie) zu Beginn dieses „Tatorts“ aus Franken zwei auf unterschiedliche Art misslungene Familienkonstellationen. Hier die 20-Jährige mit Nesthockersyndrom, die noch immer nicht allein aus den Federn kommt, dort ein kleines Mädchen, das schon früh weit mehr Verantwortung übernommen hat, als Kindern in diesem Alter guttut.

Und dann ist da noch die alte Frau, die vor dem Nürnberger Polizeipräsidium ein Zelt aufschlägt, weil die Beamten sich weigern, nach ihrem 34-jährigen Sohn zu suchen, der ihren Angaben zufolge seit drei Monaten spurlos verschwunden ist. Dass sich später herausstellt, dass die Frau nie ein Kind gehabt hat, passt zu der eigentümlichen Dramaturgie dieses unkonventionellen Krimis, bei dem vermeintlich zentrale Handlungsstränge schon mal in der Mitte des Films einfach auslaufen. Wie sich auch der Mord im Waldgasthof ziemlich früh quasi von selbst aufklärt, nachdem die Spurensicherung eine Überwachungskamera entdeckt hat, die den Ehemann des Opfers als Täter ausweist. Der Mann läuft zwar noch einige Zeit im Wald herum, stellt sich aber irgendwann der Polizei.

Bleibt da für das Team um Kommissarin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Kommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) überhaupt noch etwas zu ermitteln? Durchaus. Aber nicht in Nürnberg, sondern in Würzburg. Im dortigen anatomischen Institut ist ein Doktorand auf einen Schädel gestoßen, der definitiv nicht zum Rest des Skelettes passt, zu dem er gehört. Da die Leiterin des Instituts, die jedes öffentliche Aufsehen vermeiden möchte, mit dem Chef der Nürnberger Kripo befreundet ist, bittet sie ihn, seine Leute in Würzburg undercover ermitteln zu lassen. Die Lösung dieses Rätsels, bei der dann jene Agnieszka und ihre kleine Tochter wieder ins Spiel kommen, offenbart eine weitere Familientragödie. Dies ist am Ende kein Fall, der Fahnder nach der Aufklärung mit stolzer Selbstzufriedenheit erfüllt.

Derlei Anflüge von Euphorie waren den beiden Chefermittlern und ihren Helfern bereits in der ersten Folge dieses Franken-„Tatorts“ (vgl. MK-Kritik) fremd und daran wird sich angesichts ihres zweiten Fall wohl auch künftig so schnell nichts ändern. Ringelhahn und Voss sind offensichtlich nicht als Duo konzipiert, das mit gezückten Waffen in wilden Verfolgungsjagden skrupellosen Killerbanden nachstellt. In ihrer bedächtigen und eher schweigsamen Art passen sie jedoch wunderbar ins Frankenland, dessen Bewohnern man ja ähnliche Charakterzüge nachsagt.

Dass Paula Ringelhahn und Fabian Voss beide Zugezogene sind, bewahrt diese „Tatort“-Folgen klugerweise vor allzu dick aufgetragenem Regionalismus. Der fränkische Zungenschlag bleibt Mitarbeitern wie Michael Schatz überlassen, dem Chef der Spurensicherung, gespielt vom Nürnberger Kabarettisten Matthias Egersdörfer. So überzeugt dieser Krimi (Produktion: Claussen+Putz) denn auch weniger durch Spannung als dadurch, dass er sich zu einer von Kameramann Holly Fink entwickelt atmosphärisch dicht in Szene gesetzten stimmigen Meditation über gescheiterte Beziehungen, Empathie oder wie es im Titel heißt „Das Recht, sich zu sorgen“ und über die Vergänglichkeit des Daseins.

In der Anatomie lässt sich Paula Ringelhahn ein frisch entnommenes Herz in die Hand geben, betrachtet es geradezu andächtig und staunt über dessen Gewicht. Aber das eher schwere Thema geht auch mit Leichtigkeit und Gurkensalat, wenn die Institutsleiterin beim Mittagessen mit Hilfe einer Scheibe des Gemüses das Wunder der Herzklappe erklärt. So lässt sich diese Franken-Folge mir Worten rekapitulieren, mit denen man eher selten einen Krimi zusammenfasst: Es war ein wirklich schöner „Tatort“.

10.06.2016 – Reinhard Lüke/MK