Wolfgang Stauch/Ed Herzog: Tatort – Côte  d’Azur (ARD/SWR)

Wenig Spannung, viel Tristesse

01.11.2015 •

Nein, die Tourismus-Manager rund um den Bodensee werden auch von diesem „Tatort“ nicht begeistert sein. Anhaltendes Schmuddelwetter ohne einen einzigen Sonnenstrahl, hässliche, verwahrloste Bauten und das eigentlich doch so schmucke Seeufer als verwildertes Areal, auf dem ein paar Obdachlose in einer Bretterbude hausen – von beschaulicher Idylle keine Spur. Und dann könnte man auch noch denken, bei dieser Folge mit dem Konstanzer Duo Klara Blum und Kai Perlmann hätten sich die Filmemacher im Kalender etwas vertan, denn dieser „Tatort“ spielt einigermaßen überraschend an Weihnachten. Angeblich soll die Ausstrahlung ursprünglich für rund um die Feiertage zum Jahresende avisiert gewesen sein, doch dann entschieden sich die ARD-Programmplaner für den 1. November. Womöglich war ihnen dieser Krimi für das friedvolle Weihnachtsfest denn doch ein wenig zu düster geraten.

Per SMS meldet jemand nächtens bei der Polizei den Mord an einer jungen Frau namens Vanessa, die Leiche liege im Uferschilf. Und um das Baby der Frau müsse man sich kümmern. Kommissar Perlmann (Sebastian Bezzel) eilt im Morgengrauen zum Tatort und fordert seine Kollegen auf, die Wohnung der alleinerziehenden Mutter nach dem Kind zu durchsuchen. Auf die Idee, dass das Baby ebenfalls im Schilf liegen könnte, kommt er nicht. Erst seine später dazukommende Chefin Klara Blum (Eva Mattes) weist ihn auf seinen möglicherweise fatalen Irrtum hin. Doch gerade noch rechtzeitig wird das Baby am Ufer gefunden – lebend, aber mit lebensgefährlichen Unterkühlungen. Nun wird Fahnder Perlmann von schlechtem Gewissen geplagt und er verbringt fortan im Krankenhaus viele Stunden am Bett des Säuglings.

Die Ermittlungen führen bald zu einer Gruppe von Wohnungslosen, die auf einem tristen Gelände hausen, das sie ironisch „Côte d’Azur“ getauft haben. Die Gruppe besteht vom Punk über eine Drogen­süchtige bis zum verwirrten Greis sämtlich aus Charakteren, die das Leben irgendwann irgendwie aus der Bahn geworfen hat. Sogar ein ehemaliger Kollege der beiden Ermittler findet sich unter den Gestrauchelten. Auch das Mordopfer hatte eine Zeitlang bei ihnen gelebt. Da man notorisch knapp bei Kasse ist, sammeln die Männer der Truppe in Nikolaus-Kostümen auf dem Konstanzer Weihnachtsmarkt Spenden. Angeblich (schöner Scherz) zur Rettung der vom Aussterben bedrohten Orang-Utans. Und da Buch und Regie den Zuschauern einen Wissensvorsprung vor den Fahndern gewähren, weiß man aus der Eingangsszene, dass auch Vanessas Mörder solch ein Kostüm getragen hat.

Bleibt also eigentlich nur die Frage, welcher der unchristlichen Weihnachtsmänner mit dem Beil zugeschlagen hat. Wie sich herausstellt, waren mehr oder minder alle einmal mit dem Opfer liiert und hielten es jeweils auch für möglich, Vater des Babys zu sein. Die Befragungen gestalten sich langatmig, zumal sich die Verdächtigen immer wieder auf Erinnerungslücken in Folge von Suff-Exzessen berufen.

Drehbuch (Wolfgang Stauch), Regie (Ed Herzog) und Kamera (Andreas Schäfauer) zeichnen dieses Verlierermilieu stimmig ohne jeden Anflug von Sozialromantik. Hier lebt keine verschworene Gemeinschaft, sondern eine von den Widrigkeiten des Lebens zusammengewürfelte Gruppe, in der keiner dem anderen über den Weg traut. Gänzlich grotesk nimmt sich hingegen das Paralleluniversum eines Musikproduzenten mit dem Beinamen „Die Hitmaschine vom Bodensee“ aus, der sich in seiner Protzvilla mit langbeinigen Gespielinnen in Schulmädchenkostümen umgibt und ebenfalls mit dem Opfer Kontakt gehabt haben soll. Soll die Figur eine Karikatur der „Hitmaschine von Tötensen“, also von Dieter Bohlen sein? Oder will man mit dieser Rolle nur der sonst im Film vorherrschenden Tristesse etwas entgegensetzen?

Wie auch immer – in ihrer bizarren Überzeichnung passt diese Figur jedenfalls so gar nicht zur Grundstimmung dieses Krimis, der zwar Spannung vermissen lässt, aber immerhin durch atmosphärische Dichte zu überzeugen vermag. Wozu auch das ungemein frostige Klima zwischen den beiden Ermittlern gehört, die sich bei diesem Fall fast nur gegenseitig anblaffen. Gerade so, als sollte in diese „Tatort“-Folge (Produktion: Maran Film) bereits der Abgang von Blum und Perlmann vorbereitet werden, der bereits beschlossene Sache ist. Nach zwei weiteren Fällen im nächsten Jahr, so hat es der Südwestrundfunk (SWR) bereits vor einiger Zeit verkündet, werden im Kommissariat in Konstanz nach insgesamt vierzehn „Tatort“-Jahren die Lichter aus­­gehen. Gut möglich, dass einige Tourismus-­Manager rund um den Bodensee das gar nicht einmal so schlecht finden.

01.11.2015 – Reinhard Lüke/MK