Stefan Kolditz/Stephan Wagner: Tatort – Das Muli (ARD/RBB)

Das Versprechen

01.04.2015 •

Der „Tatort“ ist ja auf dem Weg, das neue „Wetten, dass..?“ zu werden: Es schalten zwar alle ein, aber alle mit anderen Erwartungen. Für die Folge „Das Muli“, den Auftakt des Berliner „Tatorts“ in neuer Besetzung, haben Autor Stefan Kolditz und Regisseur Stephan Wagner nach Kräften mit diesen Über-Erwartungen gespielt. Und sie haben das gewagte Spiel vor allem dank ihres eigenen Anspruchs gewonnen: „Das Muli“(Produktion: Eikon Media) ist ein künstlerisch ambitionierter Film mit einer komplexen Krimihandlung, mit modernen Ermittlern, mit einem dreckigen Berlin-Bild, mit einer blutverschmierten Badewanne, mit einem Libanesen als Drogendealer, mit einer Mittelschichtsmutter, die fremdgeht, einem Ehemann, der das nicht mehr duldet, einem Kollegen, der selbst in schlimmsten Momenten keine Miene verzieht, einem Kommissariat, das aussieht wie ein Berliner Sozialamt, einem Pathologen, der noch Witze macht, wenn er Darmreste im Ausguss findet. Und mit einem Schlussbild, das in Wahrheit ein Auftakt, also ein Versprechen ist.

„Alles richtig gemacht, RBB!“, möchte man nach diesem Einstand von Meret Becker (Kommissarin Nina Rubin), Mark Waschke (Kommissar Robert Karow) und des ganzen Teams rufen. Auch weil sich hier genretypische Versatzstücke (der witzelnde Pathologe) munter mit verblüffenden Rochaden abwechseln (diesmal reagiert sich die Kommissarin nach getaner Arbeit mit Sexabenteuern ab). Für den kleinen Hauptstadtsender war es sicher nicht leicht, die Produktionskosten für einen filmisch und dramaturgisch so hochwertigen „Tatort“ bereitzustellen. „Das Muli“ sprengt den üblichen Kostenrahmen schon deshalb, weil sich der Krimi die vielen wortlastigen Büroszenen (= Studioaufnahmen) weitgehend spart, in denen die Kommissare an ihren Schreibtischen sitzen und kostensparend über das bisher Dagewesene sinnieren.

Vor allem in den ersten zehn, fünfzehn Minuten jagen Kolditz und Wagner ihren Kameramann Thomas Benesch ohne Rücksicht auf Verluste quer durch die Hauptstadt. Bevor sich Frau Rubin und Herr Karow (zugegeben: die Namen des Ermittlerduos klingen wie die Namen von Helden aus einem Kinderbuch) im Kommissariat treffen, vergeht eine höchst dynamische Viertelstunde. Auch dramaturgisch sagt dieser Auftakt: „Augen auf, Finger weg vom Twitter-Gerät Smartphone!“ Denn „Das Muli“ beginnt mit etlichen Fragezeichen: Warum ist das Mädchen blutverschmiert? Warum rennt der junge Mann mitten in der Nacht aus dem Wohnheim fort? Wer ist das Partygirl, das sich vor dem Club wortlos von einer dunklen Gestalt vögeln lässt? (Meret Becker hatte sich für ihre Ermittlerfigur eine raue Sexszene gewünscht.) Warum steht der Typ mit dem versteinerten Gesicht reglos im Vergnügungspark und starrt düster auf die andere Seite der Spree?

Ganz absichtsvoll beantwortet das Drehbuch von Stefan Kolditz viele Fragen nicht. Über insgesamt vier Folgen soll die Backstory von Kommissar Karow geführt werden, bevor die „Tatort“-Zuschauer erfahren, wer dessen Kollegen bei der Drogenfahndung erschossen und die Ermittlungen gegen das Drogenkartell verraten hat. Und wer hat den echten Obduktionsbericht gegen einen gefälschten ausgetauscht? Die Antworten werden freilich gut zwei Jahre auf sich warten lassen, denn der RBB speist nur zwei Filme pro Jahr in die „Tatort“-Reihe ein. Bis dahin kann aus den Antipoden Rubin und Karow ein schlagkräftiges Duo werden: Sie mit ihrer Impulsivität und ihrem intuitiven Erfahrungswissen und er mit seiner Distanziertheit und dem analytischen Scharfsinn ergänzen sich bei Licht betrachtet hervorragend. Regisseur Stefan Wagner weiß um das präzise Spiel von Mark Waschke und verdonnert den Theaterstar zu einem minimalistischen Agieren. Laut Figurenbibel soll er ein Aspergertyp sein: emotionsgehemmt, aber blitzgescheit.

Es gab Kritiker, die Waschke vorwarfen, er habe „nur ein Gesicht“ gezeigt. Es gab die ewigen Nörgler, die Berlin schon seit langem für „abgefilmt“ erklärten und statt Kreuzberger Nächten lieber einen Hauptstadtkrimi aus dem Kanzleramt gesehen hätten. Aber überwiegend war die Resonanz auf dieses Debüt doch positiv. Denn so trostlos die Geschichte der Episode „Das Muli“(10,23 Mio Zuschauer, Marktanteil: 27,0 Prozent) auch daherkommt – junge Mädchen werden als Drogenkuriere benutzt, als sogenannte „Mulis“, die das Rauschgift in ihrem Körper schmuggeln, und sie werden notfalls auch einfach ausgewaidet, wenn sie die Kokainbeutelchen nicht mehr auf natürlichem Weg ausscheiden können.

Die Figurenkonstellation im neuen Berlin-„Tatort“ ist doch ein hoffnungsvolles Versprechen, dass das Sonntagabend-Lagerfeuer weiterhin ein Kunstwerk sein will – und nicht nur ein weiterer Aufguss, pardon, ein wärmendes Ritual.

01.04.2015 – Klaudia Wick/MK

Frau Rubin und Herr Karow: Das neue „Tatort“-Team gab einen tollen Einstand (Foto: Screenshot)