Michael Proehl/Florian Schwarz: Tatort – Im Schmerz geboren (ARD/HR)

Eine Sternstunde des Fernsehens

17.10.2014 •

Lange nicht gehabt. Man sitzt im Kreise der Familie, der „Tatort“ ist schon seit einigen Minuten aus und es herrscht noch immer ungläubige Sprachlosigkeit. Was war das denn?! Deutsches Fernsehen? Muss wohl. Schließlich prangte die ganze Zeit das ARD-Logo im Bildschirmeck und der Vertraute Murot war auch dabei. Der Kommissar in Diensten des Hessischen Rundfunks (HR) hatte zwar in der Vergangenheit schon einige Auftritte, die mit den Grenzen des Genres spielten, aber so lustvoll wie hier hatten die Macher noch nie der Dekonstruktion des klassischen Krimi-Regelwerks gefrönt.

Wo noch immer fast jeder „Tatort“ damit beginnt, dass irgendein Schurke einen Mitmenschen ins Jenseits befördert und alsbald Ermittler und Spusi ihre Arbeit aufnehmen, trat hier erst einmal ein Erzähler auf den Plan, der sich direkt ans Publikum wandte und erklärte: „Alles Trug, kein Blut, nichts ist real.“ Und nach weiteren Auslassungen über Narren und Spiel riet er noch: „Liebe Freunde, schickt eure Kinder rasch zu Bette.“

Wäre man dem Rat gefolgt und hätte den pubertierenden Sohn vom Sofa geschubst, müsste man sich heute vorwerfen, dem Nachwuchs eine Sternstunde des Fernsehens vorenthalten zu haben. Denn was folgte, entwickelte sich zu einem grandiosen Verwirrspiel um Liebe, Hass und Rache, zu einem musikalischen Ohrenschmaus und nicht zuletzt zu einem visuellen Feuerwerk erster Güte. Nicht zu vergessen all die mit leichter Hand dargebotenen Zitate aus Literatur- und Filmgeschichte. Schon die Eingangssequenz, in der drei Männer namens Marcellus, Claudius und Polonius (man kennt sie aus „Hamlet“) an einem Vorortbahnhof auf einen Reisenden warteten, der schließlich einem Regionalexpress entstieg, war eine wirklich wunderbare Hommage an Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“. Und Kino-Freaks werden hier beim Zuschauen womöglich zu Stift und Papier gegriffen haben, um alle Anspielungen akribisch zu notieren. Den Totenkopffalter kannte man beispielsweise aus „Das Schweigen der Lämmer“, die Dreier-Liaison erinnerte an „Jules und Jim“, und Quentin Tarantino, der in seinen Werken selbst stets eine Vielzahl filmhistorischer Querverweise unterbringt, war hier in puncto stilisierter Farbgebung und ‘eingefrorener’ Einstellungen („Frozen Frames“) geradezu allgegenwärtig.

Dennoch hatte dieser „Tatort“ nichts von einer angestrengten, postmodernen Zitate-Huberei, sondern einen Plot, der Spannung bis zum grandiosen Showdown garantierte. Der Mann im weißen Anzug, dessen Ankunft auf dem Bahnhof das dreiköpfige Abholkommando prompt mit dem Leben bezahlt hatte, stellte sich als Richard Harloff (Ulrich Matthes) heraus. Einst war er zusammen mit Felix Murot (Ulrich Tukur) nicht nur zusammen auf der Polizeischule gewesen. Später hatte Harloff wegen der Unterschlagung eines Pakets mit Marihuana seinen Dienst quittieren müssen und war nach Bolivien ausgewandert, wo er es in den folgenden Jahrzehnten zum schwerreichen Drogenboss gebracht hatte. Nun kehrte er, mit Sohn David und einem ganzen Killerkommando im Gefolge, nach Deutschland zurück, um Rache zu nehmen. An wem und wofür, das erfährt der Zuschauer weit früher als Murot, der erst spät erkennt, dass er selbst das Opfer sein soll.

Damals hatte er mit seinem Kumpel nicht nur Wohnung, sondern auch einvernehmlich die Freundin geteilt. Nach Murots Rauswurf war diese mit Harloff nach Südamerika gegangen, wo sie wenig später einen Sohn zur Welt gebracht hatte, bei dessen Geburt sie verstorben war. Zuvor hatte sie erklärt, dass nicht Harloff, sondern Murot der Vater sei. Eine tragische Geschichte, aber ein Grund für Rachegelüste nach dreißig Jahren? Vielleicht nicht für Normalsterbliche, aber für Harloff durchaus. Denn der hatte in seinem Schmerz, ohne nach Schuld zu fragen, einen perfiden Plan ersonnen, um den Feldzug gegen den nichtsahnenden Murot als großes Schauspiel zu inszenieren.

Es erwuchs daraus ein Zweikampf, in dem sich die beiden Ausnahmeschauspieler Matthes und Tukur in mehreren Szenen hinreißend duellierten, wie überhaupt das gesamte Ensemble (darunter Alexander Held als Erzähler und Garagen-Gauner Don Bosco sowie Golo Euler als Sohn David) mit großer Spielfreude agierte. Und das Finale vor dem Wiesbadener Casino, es war eine herrlich absurde, perfekt choreografierte Ballerlei zum Gefangenenchor aus „Nabucco“ (wie die meisten anderen Titel eingespielt vom HR-Symphonieorchester), bei der ein Großteil dieses an Toten nicht eben armen Films anfiel. Ob es nun über 50 oder doch ein paar weniger waren, darüber wurde noch Tage nach der Ausstrahlung in den sozialen Netzwerken gestritten.

Ersonnen haben diesen in jeder Hinsicht fulminanten „Tatort“ Michael Proehl (Buch) und Florian Schwarz (Regie), die in der ARD-Reihe auch schon für die vor vier Jahren mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnete HR-Folge „Weil sie böse sind“ (vgl. FK-Heft Nr. 2/10) verantwortlich waren. Nicht zu vergessen sind an dieser Stelle die Arbeit von Kameramann Philipp Stichler und der Mut der HR-Redakteure Liane Jessen und Jörg Himstedt, die sich trauten, aus einem „Tatort“ großes Kino zu machen. Chapeau!

• Text aus Heft Nr. 42/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

17.10.2014 – Reinhard Lüke/FK

Print-Ausgabe 23/2019

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