Dagmar Gabler/Torsten C. Fischer: Tatort – Wir‑Ihr‑Sie (ARD/RBB)

Böse Mädchen

05.06.2016 •

Eine rothaarige Frau mittleren Alters verlässt das Shopping-Center. In der Tiefgarage will sie ihren Wagen besteigen, zögert aber, denn sie erkennt die Person am Steuer eines SUV, der langsam auf sie zurollt. Im nächsten Moment wird sie von dem Allrad-Luxuswagen brutal überfahren, nicht ein-, sondern zweimal. Die Aufklärung dieses brutal realistisch gefilmten Mordes ist der dritte Fall für das neue Berliner „Tatort“-Duo Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke). Die 90 Minuten sind spannend und man bleibt bis zum Schluss dran an diesem ruppigen Krimi, den Torsten C. Fischer nach einem Buch von Dagmar Gabler inszenierte.

In die Begeisterung über diesen Film mischt sich allerdings auch Skepsis. Es gibt Gründe, warum diese „Tatort“-Episode des RBB eigentlich nicht funktionieren dürfte. So haben sowohl Kommissarin Rubin als auch Kommissar Karow ein derart verkorkstes Privatleben, das sie so sehr in Anspruch nimmt, dass in ihren Köpfen eigentlich gar kein Platz mehr sein dürfte für die Ermittlungsarbeit. Der bisexuelle Karow löst nebenher sogar noch einen privaten Fall und handhabt dabei so demonstrativ einen Tablet-Computer, als träte er in einem Werbespot für einen Elektronikmarkt auf. Seine jüdische Kollegin Rubin hadert unterdessen so sehr mit ihrer Mutterrolle und ihrem getrennt lebenden Partner, dass sie eigentlich in einer Therapiesitzung besser aufgehoben wäre als im Kommissariat.

Auch der Fall selbst gibt Rätsel auf, dies aber weniger in kriminalistischer Hinsicht. Drei Freundinnen geraten unter Verdacht, die Mutter eines Klassenkameraden mit dem Jeep totgefahren zu haben. Beim Zusehen ertappt man sich bei dem Gedanken, dass dieses Verbrechen doch etwas konstruiert erscheint. Denn eigentlich geht es hier eher um ein Verhalten von Jungs aus einem einschlägigen Milieu, es geht um spätpubertäre Potenz-Protzerei in einer geschlechtsspezifischen Subkultur. Mädchen vermag man sich in diesem Fall nicht so wirklich vorzustellen.

Diese Ungereimtheiten verzeiht man dem Film aber, weil er auch erfischend neue Akzente setzt. So ist das Format des „Tatort“-Krimis normalerweise nicht als Fortsetzungsgeschichte konzipiert. Hier aber erzeugt Robert Karows ungelöster Fall aus der vorangegangenen Episode, der in einem schwarzweißen Clip-Vorspann kurz zusammengefasst wird, für zusätzliche Spannung und untergründige Unruhe. Das liegt vor allem am im Vergleich mit sonstigen Krimis aus dieser ARD-Reihe deutlich forcierten Erzähltempo. Viele relevante Informationen werden flott und beiläufig vermittelt, wichtige Dialoge geradezu unflätig hingenuschelt. Man muss zuhören.

Dieser moderne „Tatort“ ist nichts für träge, denkfaule Zuschauer, die sich erst fünf Minuten nach Beginn mit dem Bier vor den Fernseher setzen, um sich von ihrer genervten Frau zusammenfassen zu lassen, was bislang passiert ist. Und auch der Mode, über die „Tatorte“ zu twittern, kommt diese Folge nicht eben entgegen. Denn wer eben noch einen Tweet absetzte, hat danach vielleicht schon den Anschluss verloren.

Äußerst präsent in ihren Rollen sind Meret Becker und Mark Waschke. Die Ermittlungen der beiden konzentrieren sich bald auf die drei Teenager-Freundinnen, von denen nur eine die Todesfahrerin sein kann. Als jedoch alle drei den Mord gestehen, werden die überraschten Ermittler mit dem sogenannten Gefangenendilemma konfrontiert, das hier auf originelle Weise in die Handlung eingebunden wird. Zusammenhalt oder Verrat entscheiden dabei über die Schwere des Strafmaßes.

Bei dem Versuch, das Freundschaftsband zwischen den drei mutmaßlichen Mörderinnen zu zerreißen, geraten die beiden Kommissare jeweils an ihre Grenzen. Das liegt vor allem an der wunderbar rotzigen Cosima Henman, die in der Rolle der tonangebenden Freundin Louisa Müller sehr überzeugend auftritt. Als sie beim Verhör grinsend den gebrauchten Kaugummi von Robert Karow in den Mund nimmt, den dieser ihr reicht, bekommt dessen Coolness einmal sichtlich Risse. Diese abgebrühte Göre hatte zuvor schon Nina Rubin so sehr provoziert, dass der Kommissarin die Hand ausrutschte. Und empathielose Jugendliche, die sich auf ihre Weise gegen Erwachsene behaupten, hat man selten so überzeugend gesehen wie hier.

Diese Berliner „Tatort“ Folge (Produktion: Ziegler Film) ist kein Problemfilm im üblichen Sinn. Er gesteht den drei bösen Mädchen eine gewisse Autonomie zu, macht sie zu handelnden Personen. Im Gegensatz dazu verkörpert Thomas Heinze als Louisas weinerlicher Erzeuger einen Versagervater, den man sich mustergültiger kaum vorstellen kann.

Es passt in diesem „Tatort“ mit dem Titel „Wir-Ihr-Sie“ gewiss nicht alles perfekt zusammen. Doch dieses Moment des Disparaten kann auch eine Stärke sein. Der Film schafft etwas, das Filme aus dieser Reihe nicht wirklich oft hinbekommen: Man wird überrascht. Und man fragt sich am Ende aufgewühlt, wie Karows ungelöster Fall wohl weitergeht.

05.06.2016 – Manfred Riepe/MK