Thomas Wendrich/Katrin Gebbe: Tatort – Fünf Minuten Himmel (ARD/SWR)

Makatsch-Format

29.03.2016 •

Abweisend und schroff ist sie, die von Heike Makatsch gespielte neue Kollegin im Freiburger Kommissariat. Warum sie nach 15 Jahren im Ausland zurückkehrt in die südbadische Heimat, mag sie nicht erzählen. Und auch sonst liegt ihr jeder Smalltalk fern: Ellen Berlinger bleibt ein Fremdkörper.

Eine ähnliche Sonderstellung innerhalb der „Tatort“-Landschaft nimmt die komplette Folge „Fünf Minuten Himmel“ ein. Deren langwierige Realisierung hatte eine Vorgeschichte, die mit ihrem Hin und Her in auffälliger Weise öffentlich ausgetragen. Und ob dieses „Tatort“-Format mit Heike Makatsch vielleicht einmal eine Fortsetzung erfahren wird, da befindet sich das Ganze momentan in einem gänzlich offenen Schwebezustand. So kommt diese am Ostermontag ausgestrahlte Folge als angeblich einmaliges „Special“ daher, und dennoch gibt es von Seiten der Beteiligten – Redaktion, Produktion und Hauptdarstellerin – Überlegungen, den Makatsch-„Tatort“ fortzusetzen.

Allerdings wurde mittlerweile vom SWR ja auch schon ein neues Freiburger „Tatort“-Team vorgestellt, das aus Hans-Jochen Wagner, Eva Löbau und Harald Schmidt besteht und dessen erste Episode noch in diesem Jahr gedreht werden soll. Weshalb Ellen Berlinger, so sie denn weiter ermitteln sollte, dies wohl an einem anderen Ort im deutschen Südwesten täte. Was, findet der SWR, aber auch zu dieser „nomadischen Figur passen“ würde. Alles ein wenig verwirrend also.

Doch zurück zu Ellen Berlingers Fall, auf den sich die Ermittlerin sehr viel lieber konzentriert als auf private Plaudereien. Ein Mitarbeiter des Freiburger Jobcenters wurde mit einem Kabelbinder stranguliert an seinem Arbeitsplatz aufgefunden – dass es Selbstmord gewesen sein könnte, glaubt die Kommissarin trotz des Abschiedsbriefs auf dem Computer keinen Moment lang. Ganz im Gegensatz übrigens zu dem unfähigen Typen von der Spurensicherung, mit dem sie sich gleich mal anlegt. Und es ist die zentrale Schwäche dieses ansonsten weitgehend guten „Tatorts“, dass er meint, die Freiburger Kollegen auffallend inkompetent zeichnen zu müssen, wohl um die zuvor für das Bundeskriminalamt (BKA) in London tätige Berlinger vor diesem Hintergrund als besonders glänzendes Licht zu inszenieren. Da werden wesentliche Ermittlungen verschleppt – wieso erfährt man erst so spät, mit wem der Tote kurz vor seinem Dahinscheiden Sex hatte? –, und gänzlich abstrus wird es, als Ellen Berlinger während der finalen Vernehmung der suizidgefährdeten Mordverdächtigen ihren offenbar komplett auf dem Schlauch sitzenden Kollegen erst gestisch bedeuten muss, dass und wie diese in der sich abzeichnenden lebensgefährlichen Situation einzugreifen haben.

Abgesehen von diesem nicht gerade dezenten Provinz-Bashing aber ist „Fünf Minuten Himmel“ (Buch: Thomas Wendrich, Produktion: Zieglerfilm Baden-Baden) ein in vielerlei Hinsicht gelungener Fernsehkrimi. Heike Makatsch gibt die angenehm unprätentiös gezeichnete Sprödigkeit ihrer Figur auf schön unterspielte Weise; man würde dieser Kommissarin durchaus gerne weiter dabei zusehen, ob und wie sie Berufliches und Privates geregelt kriegt. Und im Übrigen scheint die Anlage dieser Figur dem angeblichen einmaligen „Special“ zum Trotz auch deutlich auf Fortsetzung hin geschrieben zu sein. Denn Ellen Berlinger trägt da noch zwei ‘Päckchen’ mit sich herum. Eines ganz konkret, in Form eines Babybauchs (die zu Drehzeit reale Schwangerschaft von Heike Makatsch wurde nachträglich ins Drehbuch mit eingebaut). Und das andere ist eine 16-jährige Tochter, die sie kurz nach der Geburt bei ihrer Mutter (fein dargestellt von Angela Winkler) zurückließ und seitdem nie wieder sah. Gänzlich unsentimental inszeniert und doch berührend ist es, wenn die von der Situation überforderte Ellen ihrer Tochter das erste Mal gegenübersteht und gleich mal die Flucht ergreift.

Die Tochter gehört zu einer Clique von emotional verwahrlosten Jugendlichen, die dem sogenannten Biokiffen frönt, was dieser „Tatort“-Folge (8,00 Mio Zuschauer, Marktanteil: 22,2 Prozent) auch den Titel gab: Durch Hyperventilation und Kompression des Brustkorbs wird ein kurzer Rauschzustand mit anschließender kurzer Ohnmacht herbeigeführt, ein Gefühl wie „fünf Minuten Himmel“ – wenn es denn gut geht. Wenn es schlecht läuft, können epileptische Anfälle und tödliche Hirnblutungen die Folge sein. Zu der Clique gehören Titus, der Sohn des toten Jobcenter-Mitarbeiters, aber auch Melinda, deren Mutter eine der Klientinnen des toten Herrn Kunath war. Das Amt hat die Fürsorgepflicht für die psychisch labile Frau übernommen, wozu auch die Überweisung der Miete gehört – doch warum Kunath dies zuletzt unterließ, was zur Folge hatte, dass Mutter und Tochter die Wohnung gekündigt wurde, das ist einer der wesentlichen Mosaiksteine, um den Fall zu lösen.

Gentrifizierung, Mietwucher und mehr oder minder verkrachte Existenzen und deren Nachwuchs, die mit dem Leistungsdruck in einer immer teurer werdenden Stadt nicht zurechtkommen, das sind die Themen dieses „Tatorts“, ohne dass die Folge deshalb auf ein reines Thesenstück reduziert würde. Der Fall und das Setting des Films, indem auch badischer Dialekt seinen Platz hat, sind erfreulich realitätsnah und trotz der abdriftenden Jugendlichen nah am Boden der Tatsachen – Ausdruck dessen ist auch die relativ niedrige Todesquote dieses Fernsehkrimis mit maximal zwei Opfern (ob Melindas Mutter den Sprung aus dem Fenster überlebt, bleibt offen).

Zu alldem wie auch zur Heldin des Films passt die nüchterne Erzählweise von Regisseurin Katrin Gebbe, die 2013 mit ihrem Spielfilmdebüt, dem harten Psychodrama „Tore tanzt“, einen großen Kritiker- und Festivalerfolg erfuhr. Eine solche, eher sozialkritisch-spröde Tonlage in Kombination mit einer Hauptdarstellerin herausragenden Formats samt stimmigem privaten Hintergrund, das könnte die weite deutsche „Tatort“-Landschaft auch weiterhin durchaus gut vertragen.

29.03.2016 – Katharina Zeckau/MK