USA: „Sesame Street“ künftig zuerst beim Pay-TV-Sender HBO zu sehen

02.09.2015 •

Sesame Workshop, die Produktionsfirma der langlebigen Kinderserie „Sesame Street“ („Sesamstraße“), hat im August den Abschluss eines Fünfjahresvertrags mit dem amerikanischen Kabelnetwork HBO bekanntgegeben. Die Partnerschaft soll ab dem kommenden Herbst HBO und dessen Streaming-Service zur neuen Heimat für die seit dem Jahr 1969 produzierte Kinderserie machen. Bisher war „Sesame Street“ in den USA beim quasi öffentlich-rechtlichen Programm PBS zu sehen. Auch zukünftig wird PBS die Serie weiterhin kostenfrei für die Zuschauer ausstrahlen, aber erst nach einer neunmonatigen Exklusivperiode bei HBO (Pay-TV) für alle neu hergestellten Episoden.

Sesame Workshop sah sich bereits seit einiger Zeit Engpässen in der Finanzierung gegenüber, die hauptsächlich durch den starken Rückgang des Verkaufs von DVDs entstanden sind. Nur zehn Prozent der erforderlichen Mittel für die Herstellung von „Sesame Street“ kamen nämlich von PBS, das meiste Geld hingegen vom DVD- und zuvor vom Kassetten-Verkauf. Die Partnerschaft mit HBO, einem Tochterunternehmen von Time Warner, wird Sesame Workshop für die Zukunft auch die Möglichkeit einer Ausweitung der Produktion bieten. Es ist vorgesehen, statt der bisherigen 18 neuen Episoden pro Jahr demnächst 35 Folgen herzustellen. Außerdem ist die Produktion einer Spin-off-Serie mit den Muppet-Figuren vorgesehen und es soll eine weitere pädagogische Kinderserie realisiert werden.

Kritik an Verlagerung ins Pay-TV

HBO hatte zu früherer Zeit bereits einen Vorstoß ins Genre des Kinderprogramms gewagt, der dann aber aus Kostengründen aufgegeben wurde. Das Abkommen mit Sesame Workshop verschafft dem inzwischen weit verbreiteten Kabelnetwork nun ein stabiles Standbein auf diesem Sektor zu viel geringeren Kosten als im Fall der Produktion eigener Kinderserien. Ausgelöst wurde die neuerliche Hinwendung von HBO zu Kindersendungen wahrscheinlich nicht zuletzt durch die Aktivitäten des Konkurrenten Netflix, dessen von Dreamworks Animation und anderen Produzenten hergestellte Kinderserien sich als nicht zu unterschätzender Anreiz für amerikanische Familien erwiesen haben, den Streaming-Service von Netflix zu abonnieren.

Die zukünftige Verlagerung von „Sesame Street“ zu HBO und mithin ins Bezahlfernsehen stieß in der US-amerikanischen Öffentlichkeit sogleich auf starke Kritik. Hunderte von negativen Kommentaren auf Social-Media-Webseiten veranlassten zum Beispiel die „New York Times“ zu der Vermutung, dass das Arrangement mit HBO die Vorstellung einer ökonomischen Klassenteilung nahelege. Sesame Workshop, folgerte eine Kommentatorin des Blattes, bevorzuge damit privilegierte Kinder (deren Eltern die zusätzlichen Abonnementkosten verkraften können) und werfe die Selbstverpflichtung zugunsten weniger begünstigter Familien über Bord. „Um Originalepisoden des ikonischsten Kinderprogramms in der ganzen Fernsehgeschichte zu sehen, werden Eltern nun gezwungen, rund 180 Dollar pro Jahr locker zu machen und das sexuell expliziteste, gewaltbetonteste Fernsehnetwork in Amerika zu abonnieren“, meinte Tim Winter, der Präsident der Elternorganisation „Parents Television Council“.

02.09.2015 – Ev/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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