Der Marktanteil des Sämanns

Zur Funktion des Fernsehens für interreligiöse und interkulturelle Verständigung

Von Norbert Schneider
15.10.2010 •

15.10.2010 • Das „10. Internationale Nürnberger Forum“ vom 29. September bis 2. Oktober 2010 stand unter dem Thema „Medien-Macht und Religionen: Herausforderungen für interkulturelle Bildung“. Den Eröffnungsvortrag hielt Norbert Schneider, studierter Theologe und langjähriger Direktor der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM). Er sprach „aus der Perspektive eines Medienverantwortlichen“ über die „Funktion und Bedeutung des Fernsehens für interreligiöse und interkulturelle Verständigung“. Schneider, 70, war von Juni 1993 bis September 2010 Direktor der in Düsseldorf ansässigen LfM. Zuvor war er Referent und später Direktor im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (1971 bis 1981), Direktor für Hörfunk und Fernsehen beim damaligen Sender Freies Berlin (1981 bis 1986) und Geschäftsführer der Allianz-Film GmbH Berlin (1986 bis 1993). Das „Nürnberger Forum“ wird veranstaltet vom Lehrstuhl für Religionspädagogik an der Universität Erlangen-Nürnberg. • FK

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I.

Welche Rolle kann Fernsehen für die interreligiöse, die interkulturelle Verständigung spielen? Ich behandle diese Frage auf dem Hintergrund der Besonderheiten, die den deutschen Rundfunk kennzeichnen. In einem sogenannten dualen System agieren nebeneinander, im Wettbewerb um dasselbe Publikum, ein öffentlich-rechtlicher und ein privatwirtschaftlicher Typ, finanziert aus Gebühren und/oder Werbung, kontrolliert durch Rundfunk- und Fernsehräte oder Landesmedienanstalten, angeboten in Form von Voll- oder Spartenprogrammen, die in der Regel 24 Stunden auf Sendung sind.

Bestimmend für alle Programme ist ein vierfacher Programmauftrag: Information, Unterhaltung, Bildung und Beratung. Die Programme sind auf Standards verpflichtet, die in den Rundfunkgesetzen und Staatsverträgen festgehalten sind – etwa auf Ausgewogenheit. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk soll eine publizistische Grundversorgung sichern. Aber auch der Privatfunk dient einer öffentlichen Aufgabe, er hat einen public value zu erbringen.

Die Unabhängigkeit dieses Rundfunks wird gewährleistet durch die Verfassung, speziell durch den Artikel 5. Rundfunkfreiheit ist demnach nicht die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten. Im Gegenteil: Rundfunk darf als Medium und Faktor der öffentlichen Meinungsbildung nicht dem freien Spiel der Kräfte überlassen werden. Er dient, im Sinne eines public service, der ganzen Gesellschaft. Zu vorherrschender Meinungsmacht darf es nicht kommen.

So viel in Kürze zur Konstruktion und Funktion von Rundfunk. Sie sind in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts seit 1961 immer wieder bestätigt worden. Damit ist auch klar: In diesem Gefäß kann prinzipiell jeder halbwegs relevante Sachverhalt einen adäquaten Platz finden. Also prinzipiell auch der interreligiöse oder der interkulturelle Dialog. Doch im Detail auch so heiliger Projekte steckt niemand anders als der Teufel. Man muss sich ja nur einen Augenblick – mit seiner eigenen Fernseherfahrung im Rücken – fragen, ob man tatsächlich mit solchen Projekten im größeren Stil rechnen würde. Und die Antwort wäre: Wohl kaum!

Aber warum ist das so? Und hat sich die Frage damit erledigt? Diesen beiden Fragen will ich nachgehen. Zu Beginn ein Blick auf das Bild, das wir vom Fernsehen durchschnittlich haben, auf die Leistungen, die wir von diesem Medium erwarten – und erwarten dürfen.

II.

Befasst man sich mit diesem Image des Fernsehens näher, dann stößt man auf einen widersprüchlichen Befund. Diejenigen, die man der geistigen Elite der Gesellschaft zurechnet, also gerade auch solche, die sich für einen interreligiösen Dialog interessieren könnten – sie speziell halten vom Fernsehen wenig oder gar nichts. Joseph Weizenbaum, einer der Väter des Computers, erklärt lapidar (2005): „Das Fernsehen ist die größte kulturelle Katastrophe, die die Erde in der Zeit, an die wir uns erinnern können, erlebt hat.“[1] Berühmt ist das Diktum, das Verdikt von Hans Magnus Enzensberger (1997). Alle Klagen über das Fernsehen, schreibt er, seien „gegenstandslos,“ weil das Fernsehen selbst ein „Medium der Gegenstandslosigkeit“ geworden sei, ein „Medium der Belanglosigkeit, ein Nullmedium“[2].

Auch viele Wissenschaftler bedienen diese Position. Entweder ignorieren sie das Fernsehen gänzlich und halten eine Beschäftigung mit ihm für unter ihrer Würde. Oder sie verachten es aggressiv wie etwa Christian Pfeiffer, ein Kriminologe mit einer Neigung zum vereinfachenden Populismus, der bei jeder Gelegenheit erklärt, Fernsehen mache ausweislich seiner Studien speziell Jugendliche dick, traurig, dumm und gewaltbereit. Oder die Wissenschaftler stoßen resignative Seufzer aus wie der Medientheoretiker Peter Weibel, wenn er sagt: „Das Fernsehen ist zu einem Medium der Unterforderung und der Erniedrigung geworden [...], eine Form medialer Barbarei und parasitärer Ausbeutung der Zuschauer.“[3]

Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Auch der Eisberg selbst, das große Publikum, sieht die Sache offenbar ähnlich. „Das Programm wird immer schlechter“, heißt eine der höflichen Bewertungen. Auf nichts verständigen sich wildfremde Menschen schneller als auf die tägliche üble Nachrede auf das Fernsehen. Zwar ist Fernsehen nicht belanglos. Wirkungen hat es durchaus. Aber eben keine guten.[4] Mit der Einführung des Privatfernsehens hat sich dieses Image noch verstärkt. Kein Wunder! Selbst seine Protagonisten bedienen dieses Urteil, wenn sie in fröhlichem Masochismus witzeln, man könne im Seichten – gemeint sind ihre eigenen Programme! – nicht ertrinken.

Das nichtsnutzige Fernsehen – das ist die eine Seite des Befundes. Doch es gibt noch eine völlig andere. Als Kanzler Helmut Schmidt einen fernsehfreien Tag ins Gespräch brachte, ist er kläglich gescheitert. Denn bei aller Kritik – verzichten will dann doch niemand. Das Volk trägt bei seinem Fernsehurteil auf beiden Schultern. Was es beschimpft, will es gleichwohl haben. Am liebsten stundenlang. Das Fernsehen hat nicht nur einen überragend schlechten Ruf. Es hat auch eine überragend hohe Nutzung. Sie hat in den letzten zehn Jahren noch einmal um ein Viertel zugenommen, auf mehr als 200 Minuten am Tag – im Schnitt.

Es wäre eine Verachtung des Publikums, würde man dieses gigantische Quantum einfach nur als Beleg für dumpfes, besinnungsloses Glotzen nehmen. Dieses Quantum ist zwar vielfach deutbar. Aber eben auch als Indikator für positive Erwartungen. Verbohrte Fernsehverächter sollten zur Kenntnis nehmen, dass für viele Menschen Fernsehen das Fenster zur Welt ist. Tägliches Brot. Alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir aus dem Fernsehen, könnte man in Abwandlung eines berühmten Textes von Niklas Luhmann sagen. Gewiss ist Fernsehen in großem Umfang auch der Animateur für die freie Zeit, leistet Beihilfe zum Zeittotschlag. Aber was ist daran auszusetzen? Jeder, der spielt, schlägt spielend seine Zeit tot. Aber muss man Spiele deshalb verachten? Da ist das Fernsehen also in der allerbesten Gesellschaft. Fünf Millionen verzichten auf ihren Schlaf, um zu sehen, ob Barack Obama es schafft. Noch immer beginnt für sieben Millionen Deutsche jeder Abend mit der „Tagesschau“. Zwanzig Millionen sind dabei, wenn Lena beim Eurovision Song Contest in Oslo singt, dreißig Millionen, wenn Deutschland im Fußball siegt. 500 Millionen lauschen weltweit dem Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker.

Dieses positive Moment lässt sich weiter ausfächern. Fernsehen schafft für Einzelne oder für Gruppen bestimmte, höchst erwünschte und auch geradezu unverzichtbare Effekte. Wer ins Fernsehen kommt, kann populär und prominent werden. Politiker testen ihren Stellenwert durch Auftritte in Talkshows. Fernsehduelle präzisieren den Wählerwillen. Das klingt nicht nach Belanglosigkeit und Nullmedium. Eher nach hohen Erwartungen, die allerdings manchmal auch enttäuscht werden, mit der Folge, dass die Enttäuschung und nicht die Realität das Bild prägt. Tatsächlich trauen viele dem Fernsehen, und man traut ihm etwas zu.

Das hat gute Gründe. Einer, der so elementar wie prekär ist, heißt: Fernsehen ist das Medium für die Masse.[5] Es ist publizistisch überwiegend nahrhaft, leicht zugänglich und vergleichsweise billig. Fernsehen ist wie ein Kaufhaus: Es hat für jeden etwas und ist rund um die Uhr geöffnet. Es ist – anders etwa als viele Eltern – tatsächlich immer für alle da. Es ist Babysitter und Altenpfleger. Es ist, was ihm Intellektuellen vermutlich besonders übel nehmen, nicht exklusiv, sondern, anders als die gated cities, die Logen, „VIP-Lounges“ und „HON Circles“ – es ist inklusiv. Inklusion aber hat eine überragende Bedeutung im Kontext von Ellenbogengesellschaft, Desintegration, Fragmentierung und Individualisierung.

Fernsehen ist ein Angebot an alle. Das schafft Gleichheit im Publikum. Wenn es überhaupt noch Gleichheit in den westlichen Gesellschaften gibt, dann ist es auf jeden Fall die Gleichheit vor der Glotze. Das Angebot von Inklusion hat Folgen für das Programmangebot: Alle wichtigen Standpunkte müssen angemessen und ausgewogen vorkommen. Eine Bevorzugung von Personen oder Sachen, eine einseitig enge Verbindung zu ihnen oder gar eine aktiv betriebene Verwicklung in Interessen Dritter ist gegen das Gesetz. Zu einer vorherrschenden Meinungsmacht darf es nicht kommen. „Verbinde dich nie mit einer Sache“, riet der Journalist Hanns Joachim Friedrichs seinen Kollegen, und kommt dann zur eigentlichen Pointe: „auch nicht mit einer guten.“

Das darin wirksame Moment der Integration macht Fernsehen zu einer der wenigen Agenturen, die, wenn schon nicht die Welt, so doch das Bild über die Welt im Innersten zusammenhalten. Fernsehen funktioniert wie ein Schwarzes Brett, aufgehängt im Betrieb Menschheit. Es lokalisiert und es globalisiert. Viele sehen zeitgleich dasselbe.[6] Daraus entsteht mehr als ein belangloses Geräusch. Daraus kann ein Weltgespräch werden. Ein Weltbild.

Diese Leistung macht das Fernsehen aktuell zum gesellschaftlichen Leitmedium. „Ein Leitmedium“, sagt Alexander Kluge, „ist diejenige Publikationsform, die von einer überwiegenden Zahl der Nutzer angewählt wird, wenn ein Ernstfall eintritt.“ Das waren einmal Agora und Marktplatz. Heute ist es, trotz des Internets mit Chatroom und Blog, trotz Web 2.0, noch immer das Fernsehen. Droht die Katastrophe, schnellen die Quoten in die Höhe. Fernsehen bringt Ordnung und Orientierung in die Welt. Fernsehen ist ein antichaotisches Medium. Ein weltweit rezipierbarer Sender wie CNN spiegelt und spielt diese ordnende Rolle. Fernsehen orientiert über den Lauf der Dinge. Fernsehen beschafft Wirklichkeit, tägliches Leben zum Zuschauen, noch immer das Attraktivste, was sich das Publikum vorstellen kann. In seinen Informationsprogrammen verspricht es seinem Publikum: So ist es! Und in seinen Spielen: So könnte es sein! Video, ergo est.

Früher sprach man, McLuhan zitierend, vom elektronischen Lagerfeuer. Heute tut man gerne so, als habe sich das, nicht zuletzt mit dem Aufkommen des Internets, erledigt. Ich halte das nicht für richtig. Mehr denn je versammelt Fernsehen die Gesellschaft, wenn es ernst wird.

Ein wesentlicher Inhalt der Ordnungsagentur Fernsehen ist ein Ensemble mehrheitsfähiger Werte. Man hört zwar oft, Fernsehen zerstöre Werte, weil es tatsächlich einige Sendungen gibt, die ihren Reiz aus dieser Absicht ziehen. Insgesamt jedoch ist das Fernsehen eine hochmoralische Anstalt. Jeder „Tatort“ belegt das. Daily Soaps wären ohne den Streit um Werte ohne jede Fallhöhe. Die großen Familienserien sind Hochämter eines Wertefernsehens. Ihre Grundkonflikte bestehen aus nichts anderem als einem Streit um alte und neue Werte. Das beobachten wir bei „Diese Drombuschs“ genauso wie bei „Dallas“ oder aktuell bei „Weissensee“.

Doch Fernsehen bildet Wirklichkeit nicht nur ab. Es stellt sie auch her. Fernsehen erweitert und beschränkt die Umgangssprache. Es sorgt für die dominanten Metaphern. Alle Welt sagt plötzlich: „auf Augehöhe“. Oder: „hierzulande“. Und: „Ich habe Sie im Fernsehen gesehen“ – das ist für viele wie ein Ritterschlag. Fernsehen schafft Menschen. Im ganzen Sinn des Wortes. Und auch dann noch, wenn wir noch viel zu wenig darüber wissen, wie das funktioniert. Fernsehen erzählt von dem, was ist, und dem, was sein könnte.

Es erzählt auch, wenn es informiert. Auch Informationen sind immer wieder unterbrochene Erzählungen aus der Erfahrungswirklichkeit, nicht eins zu eins – so viel Zeit bekommt nur der Fußball –, sondern bearbeitet, manipuliert, in Ausschnitten, akzentuiert fokussiert. Je nach Interesse der Erzähler, der Reporter, der Dokumentaristen, der Moderatoren oder auch der Anchormen, jenen nicht nur durch den Begriff verpflichteten ruhenden Polen in den Fluten der Information.

In der Fiktion, im TV-Movie, der Serie, der Soap, der Telenovela begegnen wir einer fantasierten Wirklichkeit, erzählt von Autoren, Kameraleuten, Regisseuren. Es ist dieses oft so kleingeredete Medium Fernsehen, in dem heute die großen Mythen tradiert werden, von der Heimat über die Stadt bis zu den Göttern und Halbgöttern, von den Kommissaren, die Ordnung schaffen, zu den Chefärzten, die wie eh und je über Tod und Leben entscheiden. Es gibt derzeit kein Medium, das dem Fernsehen diese Rolle des größten Geschichtenerzählers streitig machen könnte. Erzählt wird auch dort, wo sich Wirklichkeit und Fiktion programmatisch mischen, in der Real Life Doku Soap. Sie will den Eindruck erwecken, alles sei life, authentisch, real. Dabei ist es immer nur eine Medienwirklichkeit, die Erfahrungswirklichkeit vortäuscht. Viele Mitwirkende merken das oft zu spät.

Zur Funktion des Leitmediums gehört die Vermittlung der weltbewegenden Ereignisse, der Events, die global gleichzeitig präsentiert und rezipiert werden können. Begonnen hat es mit den Beerdigungen von Adenauer und Kennedy, der Krönung von Elisabeth II., dem Wunder von Bern. Heute werden die Events exakt geplant und dann nach allen Regeln der Kunst inszeniert. Besonders fernsehaffin sind Ereignisse, die sich über Tage hinziehen. Sie folgen dem publizistisch so erfolgreichen Rezept des Fortsetzungsromans: das Sterben von Johannes Paul II., die orange Revolution in der Ukraine, der pazifische Tsunami, der Hurrikan Katharina und die Ölpest vor Louisiana. Die Flut in Pakistan. Die Brände in Russland.

Diese Event-Kompetenz des Fernsehens kann instrumentalisiert werden. Der 11. September 2001 ist nicht nur die Zerstörung des interreligiösen Gesprächs durch Gewalt. Er ist auch eine Perversion des Event-Konzepts. Nebenbei zeigt dieses Ereignis, dass Fernsehen sowohl Bilder in die Netzhaut seiner Zuschauer brennt als auch Bilder löscht. Fernsehen ist eine wesentliche Quelle für Bilder von der Wirklichkeit. Es transportiert sie, und es generiert sie[7]: Weltbilder. Auch diejenigen, die sagen, sie hätten doch gar kein Fernsehen, seien ausdrücklich gewarnt: Sie leben im Kontext dieser Bilder, sie sind piktoral kontaminiert. Es gibt schon lange kein Leben mehr außerhalb von Fernsehbildern.

Das zeigen die Bilder vom Sterben und vom Tod, die die meisten mit sich herumtragen. Wir beziehen sie nur selten aus eigener Anschauung, dafür überwiegend aus der Klinik am Rande der Stadt, aus der Schwarzwald- und der Sachsenklinik, aus dem Emergency Room. Sexualität in der Gesellschaft wird nicht mehr von Beichtvätern oder Therapeuten definiert. Was sexuell erlaubt und normal ist, wird im Fernsehen ausgehandelt: in den Bildern, die gezeigt werden dürfen. Inzwischen sind es fast alle. Wirtschaft erleben wir als Bankfassade und Börsenhektik. Die meist atemlosen Parkettrhapsoden singen für das Fernsehpublikum die Zahlen – und man versteht nichts. Ökonomie bleibt für die Meisten dunkel und vieldeutig. Und fällt dann als Krise vom Himmel. Auch der Sport wäre ohne seine Bilder im Fernsehen arm dran. Und der Fußball richtig arm.

Das Bild, das wir von den großen Religionen haben, ist ebenfalls weithin fernsehgeprägt. Dabei dominieren Stereotypen und Klischees. Judentum ist Tempelberg. Islam – das sind kniende Moslems, die zuvor der Muezzin zum Gebet gerufen hat. Katholizismus – das sind konzentriert der Heilige Vater und der Petersplatz. Überwölbt von gregorianischen Chören.

Und der Protestantismus? Mir fallen nach längerem Nachdenken Wolfgang Huber und Margot Käßmann ein, beide jedoch ortlos. Das ändert sich schlagartig, wenn Terry Jones mit der Koranverbrennung spielt. Wenn es um Missbrauch von Kindern geht. Wenn der Skandal sein publizistisch so trächtiges Haupt hebt. Dann ist die Kirche in aller Augen. Schlechte Nachrichten dienen dann sogar dem interreligiösen Gespräch. So, wenn Kurt Westergaard in Potsdam einen Preis bekommt und sich der Vorsitzende der deutschen Islamverbände dazu im ZDF bei Marietta Slomka im „Heute-Journal“ äußert. Der Skandal ist der beste Treiber für das Spröde und Sperrige. Sein letzter Name war Sarrazin.

Nahezu alle Erzählungen des Fernsehens sind Personengschichten. Das elektronische Gebot scheint zu lauten: Mach dir ein Bildnis und Gleichnis! Was nicht personalisierbar ist, tritt nicht in Erscheinung. Wer das Nadelöhr der Personalisierung passiert hat, ist am Ziel. Etwa in der Politik. Oft stehen Personen für komplizierte Sachen. Arbeitslosengeld II und Sozialgeld zusammen – das ist auf ewig Peter Hartz. Nicht der Haushalt ist krank, sondern der kranke Wolfgang Schäuble ist zuständig für den Haushalt. Längst ist auch die Präsentation vieler Programme geprägt von Personen. Talkshows heißen nicht mehr länger „3 nach 9“ oder „Leute“, sondern „Johannes B. Kerner“ und „Beckmann“, „Anne Will“ und „Menschen bei Maischberger“.

Und noch ein solcher Orgelton: Der Erzähler im Fernsehen mag unterschiedliche Absichten verfolgen. Unterhalten will und muss er immer, wenn ihm jemand folgen soll. So taucht Fernsehen, auch das öffentlich-rechtliche, alles konsequent ins Bad der Unterhaltung. Das Suffix für schier jedes Format heißt „-tainment“. Natürlich gibt es darin auch Aufklärung, Kritik, Belehrung, Bildung. Aber auch sie überwiegend unterhaltsam. Und wenn nicht unterhaltsam, dann nicht mehr lange. Peter Weibel spricht von einem Unterhaltungskolosseum.[8]

III.

Und zurück zur Frage vom Anfang! Ist es vorstellbar, dass ein Fernsehen mit diesen Leistungsmerkmalen für den interreligiösen Dialog eine Rolle spielen könnte – initiierend, ihn fordernd oder auch nur ihn fördernd? Ihn gar abbildend? Und zwar nicht nur mit einigen Köpfen und immer mal wieder, sondern als Prozess?

Vorstellbar ist vieles. Vorstellbar ist, dass der Kulturkanal 3sat einen von Hans Neuenfels inszenierten „Nathan“ von den Wiener Festwochen überträgt. Oder BR-alpha ein Gespräch zwischen Jürgen Habermas und Professor Ratzinger aus der Katholischen Akademie in München anbietet. Vorstellbar wäre, dass Barack Obamas beachtlicher Vortrag über den Westen und den Islam, den er in Kairo gehalten hat, verfügbar gemacht würde.

Nicht nur vorstellbar! Dergleichen geschieht schon immer, aber selten. Und ein Dialog der Religionen wäre das alles nicht wirklich. Eher erste Materialien dafür. Eher ein Stück Kultur für ein verständiges Bildungsbürgertum. Dass Religionen dann, wenn sie Skandale produzieren, wie jeder andere Skandal alsbald auf Platz 1 springen – ein Beispiel ist Bischof Mixa, ein Beispiel ist Barack Obamas von der Religionsfreiheit gespeiste Sympathie für eine Moschee nahe Ground Zero – das versteht sich von selbst.

Wäre aber auch vorstellbar, dass sich die Häupter von Protestantismus und Katholizismus im Vorfeld der 500-Jahrfeier der Reformation 2017 regelmäßig treffen und diese Treffen und das ganze Drumherum nach allen Regeln des Dialogs, in der Manier einer Play-off-Runde der NBA, von TV‑Event-Spezialisten inszeniert würden, mit Anleihen bei Castingshows, der Dramaturgie für sportliche Großereignisse oder dem Ablauf von Wahlabenden? Mit der immer wieder angeheizten Erwartung, dass dieser Dialog, nach Fortschritt und Rückschlag, am 31. Oktober 2017 zur Wiedervereinigung der großen christlichen Kirchen führen könnte – oder eben auch nicht? Das kann man sich durchaus unterhaltsam vorstellen, emotional ergiebig, spannend. Dafür gäbe es in den großen Kirchen vielleicht auch das geeignete Personal. Es gäbe auf alle Fälle umstrittene, bestreitbare Werte. Und natürlich gäbe es Orte mit Schauwert. Die Sixtinische Kapelle. Die Schlosskirche von Wittenberg. Vielleicht ließe sich sogar Public Viewing organisieren, auf der Wartburg, auf dem Petersplatz.

Vorstellbar wäre das. Mehr nicht. Denn einem solchen Event stünde ein beträchtliches Desinteresse beim breiten Publikum entgegen. Wer interessiert sich denn für den religiösen Dialog außerhalb eines kleinen Kreises von Spezialisten und Betroffenen? Ein großes Problem wäre im Weiteren, dass es sich um eine klare Bevorzugung zweier Kirchen handeln würde Es gäbe vermutlich einen geharnischten Protest der andern Religionen. Denn dergleichen geriete wohl in Spannung zu der gebotenen Ausgewogenheit. Hier würde privilegiert. Dabei lasse ich unerwähnt, dass die dabei unterstellten Gespräche nach aller Erfahrung ohnehin nur dann vorankämen, wenn sie ohne große Öffentlichkeit geführt würden. Luther beim Reichstag in Worms ist nicht Luther auf dem Lerchenberg in Mainz. Gar nicht zu reden davon, dass Themen wie die Abendmahlslehre oder die Christologie oder auch nur ein differentes Amtsverständnis von einer Art sind, die in einem Vollprogramm keinen Platz finden können. Was nebenbei die Frage aufwirft, was sich hier ändern müsste – das Fernsehen oder die Themen?

Das gedankliche Spielen mit dem Event als dem Gefäß des interreligiösen Dialogs führt allerdings auf eine andere, interessante Spur. Es ruft in Erinnerung, dass der Event vermutlich eine Erfindung der Religionen war. Und dass sie das womöglich vergessen haben. Man könnte geradezu auf den Gedanken kommen, dass das Fernsehen mit seinen Events ein Erbe der Religionen angetreten hat. Dass es das Interesse des Publikums auf seine Mühlen gelenkt hat – eines Publikums, das früher nach religiösen Festkalendern lebte, die das Jahr disponiert haben. Vielleicht könnte eine Revitalisierung religiös bestimmter Feste sogar von den Inszenierungsformen des Fernsehens lernen und damit seine trockenen, ausgetrockneten Momente verlieren, die sie unattraktiv gemacht haben. Vielleicht könnte es sogar neue Feste geben, auf denen etwa der Dialog der Religionen eine bestimmende Rolle spielen könnte. Kirchentage könnten eine solche Rolle spielen, wenn sie denn wie ein Fernsehereignis geplant und realisiert würden.

IV.

Wenn nun aber eine unmittelbare Stützung eines interreligiösen Gesprächs durch ein Massenmedium schwierig ist, wenn dessen Instrumentalisierung sich als kaum möglich und überdies nicht ganz in Einklang mit dem Gesetz herausstellt, so ist mit dieser medialen Anschlussschwäche der Thematik die Geschichte keineswegs zu Ende. Zu Ende ist nur ihr denkbar einfachster Verlauf. Es bleibt genug, um unter Beachtung der medienspezifischen Gegebenheiten und der Effekte eines Massenmediums, das Fernsehen für einen solchen Dialog doch noch in Anspruch zu nehmen, ohne dass sich sowohl das Medium als auch das Projekt verbiegen müssen.

Wenn man beachtet, dass das Fernsehen nach wie vor für das, was man unscharf Öffentlichkeit nennt, eine prägende Funktion hat, für das Klima einer Gesellschaft, dann spielen Agenda und Ikonographie des Fernsehens eine klimabildende Rolle. Ich will damit sagen: Wenn schon nicht explizit, so wirkt doch Vieles implizit auf den Zustand und den Prozess gesellschaftlicher Projekte aller Art ein, also auch auf den interreligiösen Dialog. Auf die Bereitschaft, ihn für relevant zu halten, ihn zu führen, ebenso wie darauf, ihn zu marginalisieren oder offensiv zu verweigern.

Einmal angenommen, der ökumenische Dialog als die erste Stufe interreligiöser Gespräche, der ein Dialog mit den semitischen Religionen zu folgen hätte – nehmen wir an, er würde geführt, so würde er geführt von Menschen, deren Meinungen und Haltungen, deren Vorurteile und Vorlieben in jeglicher Hinsicht mediengeprägt sind. Und er würde geführt in einem Umfeld, in einem gesellschaftlichen Kontext, der gleichermaßen medial imprägniert ist. Auf beide Ebenen wirkt das Fernsehen ein. In seiner Funktion als Leitmedium präpariert und stabilisiert es eine öffentliche Tagesordnung. Alle Diskursteilnehmer sind, ob ihnen das bewusst ist oder nicht, fernsehkontaminiert. Und die Gesellschaft, in der sie leben, ist es auch. Ein Leben in einer medienfreien Welt ist selbst dort nicht mehr anzutreffen, wo die Medien eher schwach wirken wie etwa in Sibirien oder im melanesischen Archipel nördlich von Papua-Neuguinea.

Diese Annahme ist alles andere als eine Banalität. Sie hat erhebliche Konsequenzen. Es ist dann gerade auch für solche Projekte, die hier in Rede stehen, nicht mehr einerlei, was dieses Fernsehen sendet, welche Werte es präferiert und propagiert. Die Botschaft eines TV-Programms – eine Art Kondensat von Informationen, Meinungen und Erzählungen – wirkt auf viele andere Botschaften ein, mehr oder weniger, gelegentlich explizit, meistens nur implizit. Auch wenn der Effekt nur schwer messbar und das Bild schief ist: Das Fernsehen sitzt sozusagen bei jedem Gespräch als stummer Gast mit am Tisch. Also kommt es darauf an, ein Programm zu unterstützen, das den Kriterien entspricht, die man für die Verbreitung seiner eigenen Botschaften braucht und hochhalten möchte. Kriterien und Haltungen, ohne die jeder Dialog verdorrt.

Es macht dann einen Unterschied, ob im alltäglichen Fernsehen eine Tugend wie Respekt das ganz Normale ist oder die Rüpelei und das Rempeln als chice, coole, zeitgemäße soziale, genauer: a-soziale Kompetenz propagiert werden, mit der man sich im Leben durchsetzt. Es ist entscheidend wichtig für eine gesellschaftlich relevante Ethik, ob die Angebote des Fernsehens den Eindruck vermitteln, dass man Handlungen begründen muss, die Kontrollfrage also immer heißen muss: „Warum?“, oder ob man, gefragt, warum man dies oder jenes tut, zur Antwort bekommt: „Warum denn nicht?“

Es macht einen Unterschied, ob man die Mehrheiten für mächtig, aber eben auch für schwer erträglich dumm hält, und daraus keinen Hehl macht, und die Minderheiten prinzipiell für intelligent – und machtlos. Es macht einen Unterschied, ob autoritäre Haltungen im Fernsehspiel, in der Castingshow, in der Talkshow gratifiziert werden oder ob sich Macht legitimieren muss. Es macht einen Unterschied, ob es Sachen nur personalisiert gibt oder auch eine andere Art des Erzählens möglich bleibt. Es macht einen Unterschied, ob Journalisten Menschen nur rauf- und runterschreiben und von einem glühenden Hossianah immer nur in ein kaltes Kreuzige ihn! fallen können. Oder ob sie sich moderat und angemessen ausdrücken. Solche Unterschiede und einige mehr werden sich auf den interreligiösen Dialog, wo immer er dann stattfindet, eher begünstigend oder eher erstickend auswirken.

V.

Die Geschichte mit der Funktion und Rolle des Fernsehens für den interrreligiösen Dialog beginnt also längst vor Sonnenaufgang. Sie entscheidet sich zu Teilen bereits dort, wo sie noch gar nicht aufgerufen ist. Mithin sollte man, wenn man diesen Dialog fördern möchte, seine Prämissen pflegen: die gesellschaftliche Grundstimmung, soweit sie mit Fernsehen verbunden ist, das Grundrauschen. So wie der CO2-Ausstoß den Klimawandel beeinflusst, so beeinflusst der Programmausstoß des Fernsehens das gesellschaftliche Klima. Wobei bitte nicht das Schadenspotenzial als das Tertium zu betrachten ist, sondern die Einflussmöglichkeit auf das Klima! Wer den interreligiösen und interkulturellen Dialog mit und im Fernsehen fördern möchte, wer das Fernsehen für diese Aufgabe in Anspruch nehmen möchte, ist gut beraten, die implizite Unterstützung durch Fernsehen ins Auge zu fassen.

Die Systemdebatte und die Systemsorge erweisen sich insoweit langfristig als wirksamer als der alltägliche Lobbyismus. So sehr sich das Fernsehen von Gruppeninteressen freihalten muss, so sehr muss man es instand setzen, dass es auch halbwegs unabhängig von ökonomischen Abhängigkeiten agieren kann. Wer ein bestimmtes Klima und bestimmte Programme will, muss darauf achten und sich dafür auch einsetzen, dass ein Rundfunk, der das kulturelle Gespräche fördern soll, dazu auch in den Stand gesetzt wird, etwa dadurch, dass er auch Minderheiten adressieren darf mit seinen Programmen, ohne dass dies alsbald zum Ende des Programms führt. Weil er nicht Geld verdienen muss, sondern einen Programmauftrag zu erfüllen hat.

VI.

Sollten jemand dieses Resultat für enttäuschend halten, dann bitte ich zu bedenken, dass es vielleicht nur den schwierigeren, aber durchaus erfolgreichen Weg beschreibt, den alle gesellschaftlich wichtigen Themen gehen müssen, die nicht in eine 90-Sekunden–Nachricht passen. Im Übrigen spendet das Internet tatsächlich Trost. Es öffnen sich mittlerweile durch die Digitalisierung auch der Kommunikation bisher verschlossene Räume. Interaktivität ist eines der zentralen Stichworte der Netzkommunikation. Es gibt Chatrooms, es gibt Foren, es gibt das ganze Angebot des Web 2.0 – alles Offerten, die es bestimmten Gruppen, bestimmten Milieus möglich machen, sowohl unter sich zu kommunizieren als auch bestimmte Themen kommentierend zu bearbeiten und die Resultate dann der Allgemeinheit zuzuführen. Es entsteht derzeit eine Fülle neuer, kleiner, sehr spezieller Teilöffentlichkeiten, die sich mehr und mehr vernetzen werden.

Diese Kommunikationsgefäße und ihre Verfahren unterliegen weithin keiner Regulierung. Sie ähneln eher dem Salon des 19. Jahrhunderts als den analogen Massenmedien des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Sie sind flexibel, in hohem Maße anpassungsfähig, ebenfalls billig und bald auch technologisch kein Geheimnis mehr.

Man sollte sich jedoch auch angesichts dieser neuen Möglichkeiten nicht täuschen. Sie werden die Funktion eines Leitmediums nicht übernehmen können. Die Arbeit am Fernsehen bleibt. Und sie werden umso erfolgreicher sein, je weniger intelligente Menschen das Fernsehen – und damit immer auch sein Publikum – verachten. Je weniger sie es als ein Medium der Unterschicht diskriminieren – und damit die Unterschicht gleich mit. Es ist eine interessante Differenz zwischen dieser Fernsehverachtung und der zugleich geäußerten Erwartung, das Fernsehen möge doch die eigenen Vorstellungen fördern. Und zwar jetzt. Erst wenn diese Differenz abgetragen ist, wird das Fernsehen auch konkret die Rolle für die interreligiöse Verständigung spielen können, zur der es prinzipiell immer schon in der Lage ist.

VII.

Zum Abschluss ein Hinweis, der auf den ersten Blick nur sehr mittelbar mit meinem Thema zu tun hat. Man muss kein Experte für Religionen sein, um zu bemerken, dass die Leistungsmerkmale, die ich in aller Eile für das Fernsehen zusammengetragen habe, in mancherlei Hinsicht auch auf Religionen zutreffen.

Auch Religion wird als ein Orientierungsangebot gesucht und wahrgenommen, ganz im Sinne und im Stil eines Leitmediums. Alle Religionen sollen Halt geben. Religionen deuten auf ihre Weise den Lauf der Welt. Zum Beispiel als Heilsgeschichte. Die Religionen der Welt sind Orte und Quellen großer Bilder. Sie kristallisieren ihre Erzählungen in Personen, inkarnieren sich in ihnen, in Gott und den Göttern, in Propheten und Heilsbringern. Die meisten großen Religionen sind mittlerweile global präsent, urbi et orbi auch ohne Satellit. Das lineare Programmangebot folgt den Regeln alter Liturgien mit neuen Liturgen. Die TV-Kommentatoren verstehen sich partiell – ähnlich wie ehedem die Priester und Propheten – als Sinnstifter.

Der US-amerikanische Medienwissenschaftler John Durham Peters, ein Mormone, hat in seinem viel beachteten Buch „Speaking into the Air“[9] herausgearbeitet, dass Massenkommunikation nach Art des Fernsehens dem einen von zwei Kommunikationsmodellen folgt, das sich wie das Vorgehen des Sämanns im gleichnamigen Gleichnis auswirkt: Einer streut aus, vieles bleibt liegen, manches wird aufgenommen. Der Begriff für das Aussäen ist dissemination. Dieses Wort wird abgelöst von einem neuen Wort, von broadcasting. Der Ursprung dieses Begriffs ist obskur, sagt Peters, aber alles deute hin auf einen agricultural use ganz in der Nähe der Parabel vom Sämann.

Was der Sämann macht, so kann man ein wenig zugespitzt sagen, ist broadcasting. Da klingt es gar nicht mehr so metaphorisch, wenn Gerd Bacher, der ehemalige Intendant des Österreichischen Rundfunks (ORF), über die British Broacasting Corporation (BBC) spottete, sie habe das Gebaren einer Hochkirche.

Auch wenn man mit Analogien vorsichtig sein sollte: Hier spiegeln sich Funktionen ineinander, die ahnen lassen, dass, unter der Oberfläche einer abgeschlossenen Säkularisierung verborgen und versteckt, zwischen den Religionen und den Massenmedien Wettbewerb herrscht, eine Konkurrenz um die Herzen der Menschen. Freilich bleibt, bei allen Vergleichbarkeiten, ein entscheidender Punkt unvergleichbar. Eine Religion hat trotz aller Auslegungen und theologischen Differenzen immer nur eine Botschaft. Genau das aber ist dem Massenmedium verwehrt, weil es sonst dysfunktional würde. Das Medium ist zwar im Sinne von McLuhans berühmtem Wort message. Ein Singular. Doch es hat viele messages. Es hat Pluralität, es bietet Vielfalt.

Folgt man diesem Gedanken, dann wird man nicht umhin können festzustellen, dass das Fernsehen als Massenmedium selbst strukturell so etwas wie einen permanenten Dialog führt, einen Dialog der vielen Botschaften führt, freilich inhaltlich gesehen solcher Botschaften, die in jeder Hinsicht säkularisiert sind. Botschaften, denen jeglicher Bezug zur Transzendenz fehlt. Irdische Botschaften durch und durch. Aber eben solchen, die am Ende in unmittelbarer Konkurrenz zu dem stehen, wofür Religionen genommen werden.

Diese implizite, verdeckte Konkurrenz bewahrt den Religionen avant le lettre einen gewissen Einfluss auf Gesellschaften, die sich eine solche Art von Fernsehen leisten. Man könnte auch sagen: Die griechischen und die jüdischen Wurzeln unserer Gesellschaft sind trotz aller Bemühungen um Säkularisierung und dem Gebot einer Äquidistanz zu bestimmten einzelnen Religionen im Apparat des Fernsehens und in seinen Inhalten verdeckt präsent. Und sei es nur, was ganz unbestreitbar ist, weil das Kommunikationsmodell dem des Sämanns folgt.

Im Gleichnis vom Sämann wirken die 25 Prozent Erfolg, die der Sämann hat, übrigens eher wie eine Schwäche. In den Größenordnungen, die wir in Deutschland für den Marktanteil eines Senders vorsehen, wäre er damit bereits in der Nähe unerlaubter Medienkonzentration. Also höchst erfolgreich. Wobei offen bleiben muss, ob die Saat nicht nur ins Auge gefallen ist und nie im Kopf des Betrachters aufgehen wird. Aber das bleibt das Rätsel einer jeden Kommunikation. Auch dieser.

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Fußnoten

[1]  Zitiert nach dpa vom 6. Mai 2005. Man muss freilich beachten, dass das Objekt einer solchen Verdammung das US-amerikanische Fernsehen ist.

[2]  Hans Magnus Enzensberger: Das Nullmedium oder Warum alle Klagen über das Fernsehen gegen-standslos sind. In: Peter Glotz (Hrsg.): Baukasten zu einer Theorie der Medien. Kritische Diskurse zur Pressefreiheit. Verlag Reinhard Fischer, München 1998. Vgl. auch: „Der Spiegel“, Nr. 20/1988.

[3]  In: „Focus“ Nr. 36/2010, S. 98: „Die TV-Welt ist ein Napf, in den jeder seine Abfälle spuckt“.

[4]  In Hans Weingartners  Kinofilm „Die fetten Jahre sind vorbei“ sind sich alle in einem Punkt einig. Dass die Lage so schlecht ist, wie sie ist, dass die Reichen immer reicher und die Dummen immer dümmer werden, daran hat im Wesentlichen das Fernsehen schuld: die Glotze. Eine satirische Variante liefert etwa eine Glosse in der Kolumne „Zippert zappt“ („Die Welt“ vom 29.11.2005, S. 1): „Wissenschaftler der Universität Wien fanden heraus, dass Murmeltiere während des Winterschlafs ihre Organe schrumpfen lassen können, um Energie zu sparen. Ein Phänomen, das man vom Fernsehgucken kennt. Während der Zeit, die man vor dem Bildschirm verbringt, schrumpft das Hirn teilweise um 90 Prozent. Der Zuschauer schaltet automatisch das Hirn auf Notbetrieb, damit er Sendungen wie ‘Christiansen‘, ‘Kerner‘ und ‘Beckmann‘ ohne Energieverlust übersteht. Fernsehgucken ist also eigentlich nichts anderes als täglicher Winterschlaf der Vernunft oder, noch poetischer ausgedrückt: ein kleiner Hirntod. Die durch Hirnschrumpfung eingesparte Energie brauchen wir dringend zur Fortpflanzung, wo ja bestimmte Organe vergrößert werden müssen, oder für das Wirtschaftswachstum. – Das Murmeltier hält einen siebenmonatigen Winterschlaf, der Mensch verbringt vier Stunden am Tag vor dem Bildschirm, was einem Winterschlaf von zwei Monaten entspricht. Weil aber Fortpflanzungsrate und Wirtschaftswachstum sehr zu wünschen übrig lassen, sollte man die Sendezeit von Beckmann und Christiansen verzehnfachen. Unser Hirn könnten wir währenddessen mal waschen lassen.“

[5]  Vgl. zu diesem Zusammenhang Peter Sloterdijks Text über Masse, Gleichheit (und Medien)

[6]  Auch deshalb kann man das sehr erhebliche Nutzungsquantum nicht einfach als den niveauresistenten Zeitvertreib der Doofen denunzieren. Jenseits von Pleiten, Pech und Pannen ist Fernsehen selbst in weniger erleuchteten Momenten noch immer attraktiver als die meisten Alternativen. Es ist keineswegs ein Medium von gestern, sondern hat Zukunft.

[7]  Dabei ist neuerdings eine Tendenz zu beobachten, die selbst erzeugten Bilder mehr und mehr auf das eigene Medium und den Bezug zu ihm einzuschränken – eine forcierte Selbstreferentialität, die in Kleinigkeiten wie etwa der Ankündigung von Sendungen in Nachrichtenprogrammen sichtbar wird und dem großen Ziel von „the medium is the message“ nachgeht.

[8]  Siehe „Focus“ Nr. 36/2010, S. 98

[9] John Durham Peters, Speaking into the Air. A History of the Idea of Communication, Chicago 1999.

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• Text aus Ausgabe 41/2010 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

15.10.2010/MK

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