Humint und Sigint

Einleitung zum MK-Sonderheft „Medienevolution“

Von Lutz Hachmeister
09.07.2015 •

Geheimdienste gehören zweifellos zu den Einrichtungen der menschlichen Gesellschaft, die an der Anwendung und Entwicklung von Kommunikationstechnologien besonders beteiligt sind, vor allem in ihrer modernen Form als kompetitiv-bürokratische Apparate. Nachrichtendienstliche Arbeit wird im englischen Sprachraum mit dem Begriff „intelligence work“ bezeichnet und „intelligence“ geht begriffsgeschichtlich seit dem 16. Jahrhundert der „Information“ und „Kommunikation“ voraus, auch dem heute gebräuchlichen, akademisch wiederum umstrittenen Medienbegriff. 1939 schreibt dann der Papst der Informationstheorie, Claude Shannon, an Vannevar Bush im MIT: „Off and on I have been working on an analysis of the fundamental properties of general systems for the transmission of intelligence.“

Damals beginnt sich der heute auch in der journalistischen Diskussion prägende Komplex aus (Computer-)Technologiepolitik, militärischen Anwendungen und geheimdienstlicher „Aufklärung“ und „Überwachung“ in der US-Geostrategie herauszubilden, symbolisiert inzwischen mehr durch die NSA als durch die CIA. Der Journalismus, inzwischen ein ökonomisch harmloser Unterfall der Daten- und Wissenskonzerne, hat sich mit „Datenjournalismus“ oder gar „Drohnenjournalismus“ strukturell dieser technologischen Meta-Ebene angenähert.

Überwachungsversagen nach den Pariser Anschlägen

Abgesehen von ihrer institutionellen Auffächerung (Inland, Ausland, militärische Aufklärung, „Werkschutz“ und „Cybersecurity“ bei großen Unternehmen) ist jede geheimdienstliche Arbeit von dem Mit- und Gegeneinander von „Humint“ und „Sigint“ geprägt, von human intelligence und signal intelligence. In Stephen Gaghans in vielerlei Hinsicht wegweisendem Spielfilm „Syriana“ (2005), basierend auf einem Buch des ehemaligen CIA-Agenten Robert Baer („See No Evil“), wird die Vernachlässigung der menschlichen, auch soziologischen Feldarbeit im Verhältnis zu Abhörmaßnahmen oder Drohnensteuerung kritisiert.

Nach den Pariser Anschlägen auf das Satireblatt „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Kosher-Supermarkt im Januar 2015 stellte sich heraus, dass nahezu alle verdächtigen Randseiter aus der jihadistischen Community von den zuständigen französischen Behörden mit signal intelligence überwacht worden waren. Die religiös angetraute Frau des Hyper-Cacher-Killers Amedy Coulibaly, Hayat Boumeddiene, konnte offenbar über Spanien und die türkisch-syrische Grenze ins ISIS-Gebiet entkommen, obwohl sie sogar schon kurz vor den Anschlägen ins Raster der türkischen Geheimdienste geraten war. Türkische und französische Behörden warfen sich hier gegenseitig klassisches Kommunikationsversagen vor. Vertreter der französischen Geheimdienste und Antiterror-Units forderten wiederum eine Verdreifachung ihres Personals (also: menschlicher Intelligenzen), um potenziell gewaltbereite Fanatiker besser überwachen zu können.

Leibniz als Urvater des Digitalen

Es ist diese Beziehung von Humint und Sigint, im philosophischen Sinne von „Subjekten“, soziologischen Gruppen und Technologien, die auch in den nachfolgend versammelten Referaten der Cologne Conference Futures 2014 aufscheint. Diese beschäftigen sich noch einmal grundsätzlich mit den Modellen und Vektoren der Evolution von Kommunikationstechnologien, also der Mensch-Maschine-Relation, den Perspektiven „künstlicher Intelligenz“ und den medialen Versuchen, die Zukunft der Lebenswelt dystopisch und utopisch zu prognostizieren. George Dyson, dessen jüngstes Buch „Turings Kathedrale“ gerade bei Propyläen auf Deutsch erschienen ist, weist hier noch einmal auf die religiös-spirituell-mathematischen Begründungen des „Digitalen“ bzw. der binären Codierung durch das Universalgenie Leibniz hin, auch auf die fast zeitgleich im 17. Jahrhundert entstandene Vorstellung vom „artificial life“ der Maschinen bei Thomas Hobbes (dessen „Leviathan“ im übrigen schon einige formidable Hinweise zu einer avancierten philosophisch-politischen Kommunikationstheorie enthält).

Vor allem untermauert Dyson wissenschaftshistorisch eine Kritik an der Vergröberung des „Digitalen“ als alleiniges technologisches Zukunftsprinzip: „The real AI may absolutely be staring us right in the face and nobody is noticing it because it is analog AI, it is not digital. The companies that are doing the best on the internet – Facebook, Google…–, a lot of computation they are doing, if not actually the most of fit, is actually analog computation. It is not strictly digitally coded computation.“ Es könnte also sein, dass sich das „Analoge“ und das „Digitale“ auf einer weiteren Ebene aufheben bzw. anders mischen.

Im Kontext der CCF-Konferenzen habe ich häufiger darauf verwiesen, dass mir das Label „Digitale Gesellschaft“ analytisch nicht tragfähig und auch sozial­wissenschaftlich nicht sinnvoll erscheint. Es handelt sich eher um eine identitätsbildende Chiffre, „internetaffiner“ Organisationen oder um ein PR-Konzept kalifornischer Wissens- und Datenkonzerne als um einen tragfähigen Versuch valider Gegenwartsbeschreibung. Die konkreten Folgen dieses schwerwiegenden Missverständnisses von einer technoiden, binärcodierten Gesellschaft und ihrer politischen Regulierung konnte man am traurigen Schicksal der deutschen Piratenpartei beobachten, die sich bei allen guten Ansätzen und Programmpunkten auf dem Weg über ein neues „Medium“ (Twitter) mit Shitstorms und Hasstiraden ad personam selbst zerlegte. Diese Form der „liquid democracy“ mit ihren komisch-folkloristisch auf ihre Laptops starrenden „Wasserstoffwesen“ funktionierte nicht; auch waren die Trägheitsmomente und Resistenzen herkömmlicher politischer Organisationsformen stärker. Lenin war da mit seiner Formel vom Kommunismus als „Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“ schon 1920 etwas weiter, wobei auch in dieser Sentenz die Idee eines spirituell aufgeladenen technologischen Wohlstands mitschwingt.

Perspektiven einer europäischen Technologiepolitik

Nick Bostrom betont in seinem Referat vor allem die Möglichkeiten biopolitischer Selektion auf dem Weg zur „Superintelligence“ und – jenseits eines bloßen technologischen Determinismus – die Wirkungen technologiepolitischer Steuerung auf dem Weg zur „Artificial Intelligence“ („what areas receive priority in the European research framework program and their counterparts in other countries“). Dieses Thema wird in der Abschlussdiskussion mit Hans-Jürgen Jakobs, Wolfgang Hagen und Ulrike Guérot wieder aufgenommen, also die Frage nach einem europäischen Modell der Technologiepolitik im kreativen Wettbewerb mit dem US-Hegemon und dem einstweilen repressiv-staatskapitalistischen System in China. Susan Blackmore, zusammen mit Richard Dawkins Erfinderin der „Memetik“, entwickelt ihr Konzept von den selbstemergenten „Tremen“, die auf „Gene“ und „Meme“ aufbauen; Gundolf S. Freyermuth zeigt die Verkettung von „Medien“ und „Zukunft“, von den Utopien humanistischer Aufklärung bis zu den Anstrengungen eines technologisch-biopolitischen „Self-Enhancement“ seit der „Postmoderne“ – wobei auch hier manche Wünsche („Cybersex“) weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind und einstweilen kybernetische Gesundheits-Apps zugunsten von Google und Apple dominieren.

Wenn man die nun drei Ausgaben der Cologne Conference Futures vorsichtig resümiert, dann bildet sich unter dem Rubrum „Medienevolution“ ein Denkmodell heraus, das „Medien“ im historischen Prozess als privilegierte Bewusstseinsinstitutionen fasst, die wiederum die allgemeine Evolution von Werkzeugen, Infrastrukturen und sich teilautonom selbststeuernden Mensch-Maschine-Systemen reflektieren können. In der aktuellen geostrategischen Debatte ist zudem eine Art Beziehungsquadrat entstanden, mit „Meinungsfreiheit“ und „Sicherheit“ auf der einen, der Ökonomie gesellschaftlicher Aufklärung (Journalismus, Bildung) und dem Komplex aus Sigint, Daten- und Wissenskonzernen bzw. militärisch-geopolitischen Ambitionen auf der anderen Seite. Welche Elemente in diesem Beziehungsquadrat stärker, resistenter oder unabhängiger sein werden, könnte und sollte Thema der nächsten Cologne Conference Futures sein.

* * * * * * * * * *

Unser Sonderheft 2015 (Print) zum Thema „Medienevolution“ ist am 26. Juni 2015  erschienen. Diese Ausgabe, aus der der Text von Lutz Hachmeister stammt, kann zum Preis von 13,90 Euro (Porto inkl.) bestellt werden über: leserservice@medienkorrespondenz.de. Bei der Mail-Bestellung bitte das Stichwort „Medienevolution 2015“ und Ihre Adresse angeben (Sie erhalten bei Zusendung des Hefts eine Rechnung). Das MK-Sonderheft „Medienevolution“ ist nun nach 2013 und 2014 zum dritten Mal erschienen. Die diesjährige Ausgabe enthält neben dem Beitrag von Lutz Hachmeister Texte von Susan Blackmore („Memes, Tremes and the Future of Consciousness“), George Dyson („From Analog to Digital and Back“), Nick Bostrom („Superintelligence“) und Gundolf S. Freyermuth („As We May Communicate“)• MK

09.07.2015/MK

Print-Ausgabe 10/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren