Die Sommerfarce

Eine umstrittene „Hart-aber-fair-Sendung“ und ein hilfloser WDR

Von Dietrich Leder
07.09.2015 •

Es schien in jenen Momenten, als dieses Thema um- und umgewendet wurde, als gäbe es nichts Wichtigeres in den deutschen Massenmedien zu diskutieren. Doch das ist selbstverständlich ein Irrtum. Das Thema, um das es in den letzten beiden August-Wochen ging, war von Anbeginn eine Farce, die sich dann in fünf Stufen steigerte.

Gemeint ist selbstverständlich die Diskussion um die Ausgabe von „Hart aber fair“ (ARD/WDR), die am 2. März dieses Jahres unter dem Titel „Nieder mit den Ampelmännchen – Deutschland im Gleichheitswahn“ stattfand. Damals hatte sich kaum jemand darüber echauffiert, was auf den ersten Blick an der Materie des Streitgesprächs unter der Leitung von Frank Plasberg lag. Denn in den Tagen, in denen es in unendlich vielen Talkshows vor allem um die Krise des Euros und die ökonomischen Hilfen für das verschuldete Griechenland ging, war der Gegenstand der Plasberg-Runde eindeutig etwas Leichtgewichtiges. Im Grunde war es ein vorgezogenes Sommerlochthema, das Plasberg im März abhandeln musste, da seine wie die anderen Talkshows ja in der Ferienzeit pausieren. Kein Wunder, dass die Sendung im realen Sommerloch zum Gegenstand einer medienpolitischen Debatte avancierte.

Und die Karnevalssendungen?

Nun kann man tatsächlich die Fragen, über die bei der strittigen „Hart-aber-fair“-Sendung gesprochen wurde, ernsthaft erörtern. Dann muss man sich aber mit dem beschäftigen, was in der Geisteswissenschaft als Gender-Theorie bezeichnet wird. Die dieser Theorie zugrunde liegende Generalbehauptung, dass vieles dessen, was als biologisch behauptet werde – wie etwa die Zuschreibung männlicher und weiblicher Attribute –, in Wirklichkeit kulturell und damit gesellschaftlich definiert sei, ist kaum von der Hand zu weisen. Erwachsen ist sie aus einer feministischen Theorie, die die Ursachen der Diskriminierung von Frauen nicht nur im bösen Willen von Männern, sondern auch und vor allem in den gesellschaftlichen und also von Männern erzeugten Stereotypen der Geschlechter erkannte. Gender-Forschung war also im Ausgangspunkt zunächst Ideologiekritik, die sich dann zu einer allgemeinen Humanwissenschaft weiterentwickelte. In diesem Sinne bereitet sie nolens volens beispielsweise einer Medizin den Boden, die vieles, wenn nicht alles, was den Menschen biologisch determiniert, technisch modifizieren will.

Als Gesellschaftswissenschaft ist die Gender-Theorie eine Mode, weshalb in den vergangenen 15 Jahren vermehrt Lehrstühle dazu eingerichtet wurden. Frank Plasberg nannte in der Sendung die Zahl von 180 Professuren für diesen Bereich und fügte süffisant hinzu, dass davon 170 von Frauen bekleidet würden. Solche Moden in Sachen Lehrstuhl-Schaffung gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder. Erinnert sei an die kurzzeitige Schwemme von Marxismus-Forschern Anfang der 1970er Jahre, die dann von einer ebenso großen Zahl neu eingerichteter Stellen für Systemtheorie in den 1980er Jahren abgelöst wurde. Deshalb ist anzunehmen, dass in wenigen Jahren auch die Schwemme an Gender-Lehrstühlen abgeklungen sein wird.

Um eine solche Erklärung ging es Plasberg aber nicht, als er sich des Themas annahm. Er wollte sich ausschließlich an den Folgeerscheinungen abarbeiten, die sich im Zuge der Gender-Forschung etablierten und die sich beispielsweise in der Forderung nach geschlechtsneutralen Benennungen etwa auch der Ampelfiguren artikuliert. Damit selbst diese Diskussion des nun reinen Oberflächenphänomens nicht allzu ernsthaft geriet, hatte der Moderator sich Leute ins Studio geholt wie den FDP-Politiker Wolfgang Kubicki oder die Schauspielerin Sophia Thomalla, die jederzeit für eine noch so schwache Pointe einen ernsthaften Gedanken verraten würden. Plasberg selbst geizte ebenfalls nicht mit ironischen Bemerkungen und Sarkasmen, um die Chose nur in Fahrt zu halten. So war diese Ausgabe von „Hart aber fair“ der talkshowtypische Schlagabtausch, den man schneller wieder vergisst, als man die Sendung ausschalten kann.

Eine steinzeitliche Empfehlung

Nun wäre die Sendung wirklich und zu Recht längst vergessen, hätte sich ihrer nicht der WDR-Rundfunkrat nach Interventionen von Frauenverbänden und Gleichstellungsbeauftragten angenommen, womit die Farce die nächste Stufe erklomm. Das Aufsichtsgremium sah in der Ausgabe immerhin keinen Verstoß gegen Gesetze oder Programmgrundsätze, bezeichnete sie aber als „unseriös“. Hätte der Rundfunkrat es nur damit bewenden lassen! Stattdessen empfahl er dem Sender, diese Folge von „Hart aber fair“ nicht mehr zu wiederholen – als gäbe es jemanden, der auf die Schnapsidee käme, eine mittlerweile fünf Monate alte Talkshow zu wiederholen. Schlimmer noch die steinzeitliche Empfehlung des Gremiums, der Sender möge diese Ausgabe aus der Mediathek entfernen. Ob eine solche Maßnahme ab jetzt grundsätzlich für jede Sendung des WDR, die als unseriös bezeichnet wird, zu ergreifen ist, sagte der Rundfunkrat nicht. Myriaden von unseriösen und tendenziell oft frauenfeindlichen Karnevalssendungen müssten ansonsten aus der Mediathek des WDR herausgenommen werden!

Nun entfernte der öffentlich-rechtliche Sender die „Hart-aber-fair“-Gender-Ausgabe tatsächlich aus seiner Mediathek. Ob der WDR damit auf die öffentliche Diskussion um die Sendung oder auf die Empfehlung des Rundfunkrats bzw. von dessen Programmausschuss reagierte, ist bisher eher unklar. Aber die Entscheidung selbst löste die erwähnte Sommerlochdebatte aus. Ausgerechnet die „Bild“-Zeitung machte sich dabei zum Herold der Medienfreiheit und unterstellte mit Hilfe von Wolfgang Kubicki und Sophia Thomalla, dass die Entfernung aus der Mediathek einen Zensurakt darstelle. Womit die Farce die dritte Stufe erreichte. Denn nun meldeten sich all die zu Wort, die zwar die Sendung nicht gesehen hatten, aber gegen Ampelmännchen oder Zensur jedweder Art sind. Während der WDR den Zensurvorwurf selbstverständlich zurückwies.

Tatsächlich war ja die – wie es in vielen Kommentaren hieß – „zensierte“, „gelöschte“ und „in den Giftschrank verbannte“ Sendung die ganze Zeit über auf YouTube weiterhin zu besichtigen. Weder der WDR noch Plasbergs Firma als Produzentin hatten nämlich, was ihnen möglich wäre, gegenüber YouTube auf einer Entfernung oder Löschung der Ausgabe bestanden. Man kann sich geradezu vorstellen, wie intern die Information, man werde die Sendung zwar aus der WDR-Mediathek entfernen, augenzwinkernd mit dem Hinweis unterlegt wurde, dass man sie sich dann ja noch bei YouTube anschauen könne.

Das Reiz-Reaktions-Schema

Als sollte es damit nicht genug sein, vermeldete wiederum die „Bild“-Zeitung, Plasberg wolle Anfang September das Thema erneut aufgreifen und in der selben Besetzung diskutieren lassen. Der WDR dementierte Letzteres, bestätigte jedoch Ersteres. Am 7. September (Montag) werde es in „Hart aber fair“ erneut um die Gleichberechtigung der Geschlechter gehen, ließ Frank Plasberg verlauten und erklomm in aller Scheinheiligkeit die vierte Stufe der Farce. Ob es auch noch einen dritten Versuch geben wird, sollte dem Rundfunkrat auch diese zweite Ausgabe noch zu wenig seriös sein, wurde nicht gesagt. Ehe die Spekulationen um diese neue Ausgabe weiter ins Kraut schossen, war es am WDR, die fünfte und bislang letzte Stufe der Farce zu erreichen: Der Sender teilte am 31. August mit, ab sofort stehe die inkriminierte „Hart-aber-fair“-Ausgabe wieder in der Mediathek. Begründet wurde das mit den „heftigen Reaktionen“ auf die Entfernung.

Mit dieser eher hilflosen Entscheidung des WDR hatte sich das Reiz-Reaktions-Schema vollends entfaltet: Eine klassisch „unseriöse“, da auf billige Pointen ausgerichtete Talkshow missfällt Frauenverbänden, die in klassischer Lobbyisten-Strategie gegen die Sendung polemisieren, weshalb sich der ansonsten handzahme WDR-Rundfunkrat damit stundenlang beschäftigt, um eine Empfehlung auszusprechen, die der Sender als Befehl ernst nimmt, was andere, die klassische Männerklientel, auf den Plan ruft, die laut Zensur schreit, weil sie gar nicht weiß, was das ist, was aber wiederum den Sender zwingt, den vermeintlichen Zensurakt zensorisch aufzuheben. So dass alles ist, wie es war.

07.09.2015/MK

Die „Hart-aber-fair“-Ausgabe vom 2. März 2015 zum Thema „Nieder mit den Ampelmännchen – Deutschland im Gleichheitswahn“ wurde mit Verspätung Gegenstand einer bizarren medienpolitischen Debatte, die am Ende dazu führte, dass es am gestrigen Montagabend (7. September) eine Neuauflage der Sendung gab. Das Thema wurde dabei variiert zu: „Der Gender-Streit: Was darf zu Mann und Frau gesagt werden?“ Die Gäste der Sendung waren dieselben wie beim ersten Mal, nämlich Wolfgang Kubicki (FDP), Anton Hofreiter (Die Grünen), Anne Wizorek (Autorin und Feminismus-Bloggerin), Sophia Thomalla (Schauspielerin und Model) und Birgit Kelle (Buchautorin „GenderGaga“) sowie zusätzlich WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn und Sybille Mattfeldt-Kloth vom Landesfrauenrat Niedersachsen. Unter anderem der Frauenrat hatte die erste Sendung wegen der Herangehensweise an das Thema kritisiert. Die Einschaltquote für die „Hart-aber-fair“-Neuauflage zur Gender-Diskussion am 7. September betrug 1,94 Mio Zuschauer (Marktanteil: 6,2 Prozent).

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Höchstpersönlich Teilnehmer bei der „Hart-aber-fair“-Neuauflage zur Gender-Diskussion: Jörg Schönenborn, Fernsehdirektor des für die Sendung verantwortlichen WDR

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