Jochen Bitzer/Brigitte Maria Bertele: Die vierte Gewalt (Arte/ARD/NDR)

Viele lose Enden

12.09.2016 • Einige der Dialogsätze in diesem Film sind wirklich bemerkenswert. Jan Schulte, freier Journalist für die Online-Ausgabe einer angesehenen politischen Zeitung, ist einem Medizinskandal auf der Spur. Wichtige Informationen will er der unerfahrenen Gesundheitsministerin entlocken, doch deren Pressereferent, früher selbst Journalist, ahnt schon, dass es Schulte nicht, wie er vorgibt, um ein seriöses Porträt geht: „Ist das nicht viel zu feuilletonistisch für ein Online-Medium?“. Der abgebrühte Medienprofi legt nach: „Sie brauchen Klicks. Viele Klicks. Frau Doktor Pflüger ist eine Newcomerin, die lockt so leicht keinen hinterm Ofen hervor.“

Brigitte Maria Bertele, die für ihren Film „Grenzgang“ (ARD/WDR/NDR; vgl. FK-Heft Nr. 48/13) den Grimme-Preis erhielt, inszenierte diesen Politthriller nach einem Drehbuch von Jochen Bitzer, aus dessen Feder unter anderem das ebenfalls Grimme-gekrönte Drama „Der Fall Jakob von Metzler“ (ZDF; vgl. FK-Heft Nr. 38/12) stammt. Das Thema von „Die vierte Gewalt“ – sie steht bekanntlich für die Macht der Medien – ist interessant und aktuell; es geht um die Umbruchphase in der Presselandschaft und insbesondere darum, was dies für den Qualitätsjournalismus bedeutet: Werden hintergründig recherchierende Reporter im digitalen Zeitalter für ihre mühsame Arbeit überhaupt noch angemessen bezahlt? Jan Schulte jedenfalls, der Held dieses Films, hat finanziell ziemlich zu kämpfen. „Wenn das wirklich stimmt“, so eine begeisterte Kollegin über dessen brisante Story, „dann gewinnst du damit sämtliche Journalistenpreise.“ Die ernüchternde Antwort des Freiberuflers verdeutlicht seine angespannte Situation: „Eine Festanstellung würde mir schon reichen.“

Benno Fürmann spielt den Journalisten und alleinerziehenden Vater Jan Schulte, der nach der Pleite der „Financial Times Deutschland“ seinen Job verloren hat, sich dann als Freelancer und später, als er in eine Intrige gerät, sogar als Bote für Apotheken durchschlägt. Bevor man ihn kaltgestellt hat, versuchte er einen vertuschten Skandal aufzudecken. Die Gesundheitsministerin (Victoria Trauttmansdorff) hat offenbar ihre Position ausgenutzt, um ihrem Bruder eine Herztransplantation zu ermöglichen. Schulte gräbt in diesem Fall immer tiefer, ahnt aber noch nicht, dass die Pharmafirma, die in diese Schieberei verwickelt ist, ebenso die Zeitung gekauft hat, für die er arbeitet. Auf deren Gehaltsliste steht auch seine Kollegin und Geliebte Britta (Jördis Triebel). Ihr Job ist es, die Geschichte, an der Jan dran ist, möglichst unauffällig zu vertuschen. Warum aber erklärt sie dann zu Anfang, als er ihr seine Recherchen erstmals zum Gegenchecken präsentiert: „Wenn das wirklich stimmt, dann gewinnst du damit sämtliche Journalistenpreise“?

Thematisch ist dieser Film ambitioniert, doch dramaturgisch passt einiges nicht zusammen. Die Geschichte ist eher holprig erzählt und Benno Führmann als zu juvenilem Charmeur nimmt man den ernsthaften Reporter nicht wirklich ab. „Sie schreiben gut“, heißt es immer wieder, doch das wirkt nicht glaubhaft. Schulte ist in gleich zwei Liebesbeziehungen verstrickt und muss auch noch seine vorlaute Teenager-Tochter bändigen. Für eine angemessene Darstellung des redaktionellen Alltags und des journalistischen Handwerks bleibt da nicht genügend Raum. Und wenn, wie das leider wiederholt geschieht, eine typische Pressekonferenz gezeigt wird, dann sieht das ästhetisch so flach aus wie eine Live-Schaltung im Spartenkanal Phoenix.

Unspannend ist der Thriller nicht, denn neben dem hier eher blassen Benno Führmann können auf der anderen Seite Oliver Masucci als zynischer Chefredakteur und Devid Striesow als reptilienartiger Pressereferent Akzente setzen. Wenn sich jedoch herausstellt, dass Striesow als Pressesprecher die ganze Intrige inszeniert hat, um die Gesundheitsministerin abzusägen – die später aus mehr oder minder unerfindlichen Gründen das Zeitliche segnet –, dann verliert sich die Story letztlich im Spekulativen. Die angedeutete Affäre zwischen der Gesundheitsministerin und dem Zeitungsverleger (Ulrich Matthes), der plötzlich sein Herz für Qualitätsjournalismus wiederentdeckt, ist ebenso unscharf gezeichnet wie der Auftritt von Matthias Bundschuh, der als alerter BND-Agent zunächst mächtig Betrieb macht, um dann einfach wieder von der Bildfläche zu verschwinden.

Es verdichtet sich das Gefühl, dass der interessante Ansätze zeigende Film letztlich wie eine noch nicht ausgereifte Fassung daherkommt. Zu viele lose Enden hat die in wichtigen Details nicht durchdachte Geschichte. Das relevante Thema, wonach differenzierte Hintergrundrecherche durch unterfinanzierten und oberflächlichen Online-Journalismus zunehmend unterwandert wird, wird leider etwas verschenkt. Man könnte am Ende noch darüber nachdenken, warum ausgerechnet die Online-Ausgabe eines Nachrichtenmagazins, in deren Redaktion die Regisseurin und ihr Buchautor im Vorfeld recherchiert haben, diesen Politthriller in auffälliger Weise lobt. Im November wird der nun zuerst bei Arte zu sehende Film „Die vierte Gewalt“ (Produktion: Cinecentrum Berlin) im Ersten Programm der ARD ausgestrahlt.

12.09.2016 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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