Pressepräsenz im Fernsehen

Drei Dokumentationen: Axel Springer, sein Verlag und die „Bild“‑Zeitung

Von Dietrich Leder

04.05.2012 • So viel Aufmerksamkeit, so viel Präsenz dürfte einem deutschen Pressehaus – das inzwischen ein europaweit agierender Medienkonzern ist – seit Jahren nicht mehr im deutschen Fernsehen zuteil geworden sein. Aus Anlass des 100. Geburtstags von Axel Cäsar Springer am 2. Mai dieses Jahres widmeten sich gleich zwei Dokumentationen des abwechslungsreichen Lebens des 1985 im Alter von 73 Jahren gestorbenen Verlagsgründers. Hinzu kam wenige Tage zuvor eine Hintergrundgeschichte zur erfolgreichsten Gründung des Verlegers, dem Boulevardblatt „Bild“, das bis heute die meistverkaufte Zeitung in Deutschland ist.

Interessanterweise lief nur die „Bild“-Geschichte zu einer angemessenen Sendezeit, nämlich am 16. April (Montag) um 22.45 Uhr im Rahmen der Reihe „Die Story im Ersten“. Das Axel-Springer-Porträt der ARD wurde an einem Mittwoch auf die Nachtzeit um 23.30 Uhr verbannt. In der Dreiviertelstunde zuvor würdigte der Sender im Rahmen seiner Reihe „Legenden“ die Sängerin und Entertainerin Caterina Valente. Was mehr über die Themenhierarchie in der Programmdirektion der ARD aussagt als die meisten Absichtserklärungen ihrer Intendanten. Das 90-Minuten-Porträt des ZDF über Axel Springer wiederum, deutlich teurer als das 45-minütige ARD-Gegenstück, lief zwar zunächst beim deutsch-französischen Kultursender Arte zur besten Sendezeit (am 1. Mai um 20.15 Uhr), um dann in der Nacht darauf (2. Mai) im ZDF um 0.45 Uhr eher versendet als programmiert zu werden. Woraus man den Schluss ziehen kann, dass gewichtige Medienthemen für die Franzosen wohl interessanter sein sollen als für das Gros der Bundesbürger, das immer noch nicht weiß, auf welchem Knopf der Fernbedienung sich Arte verbirgt.

Die ARD mit einer Art Kompromiss

Dass die ARD zum einen die Person Axel Springer von Eckhart Querner porträtieren ließ, um in einem separaten Beitrag das wichtigste und umstrittenste Blatt des Verlages kritisch zu prüfen, mutete wie ein programmpolitischer Kompromiss an. So konnte man die Person des Verlegers in einem Stück des Bayerischen Rundfunks (BR) würdigen und dessen Lebenswerk feiern, ohne auf die Kritik an seinem Boulevardblatt durch eine WDR-Dokumentation mit dem Titel „Bild. Macht. Politik“ zu verzichten. Die Ambivalenz von Person und Werk prägte auch den ZDF-Film bis in die Struktur hinein, indem man ihn einfach drittelte und jedes der drei Unterthemen (Verleger/Feindbild/Privatmann) von einem anderen Filmemacher bearbeiten ließ. So richtig scheint man Axel Springer nicht fassen zu können, und das trotz der vielen Worte, die vor allem seine Biografen für ihn finden. Während der abwiegend formulierende Historiker Hans-Peter Schwarz, dessen Springer-Biografie 2008 erschien, in beiden Filmen zu Wort kam, wurde der bissiger urteilende Publizist Michael Jürgs, dessen Buch über Springer bereits 2001 veröffentlicht wurde, allein vom ZDF-Team befragt.

Im Tenor unterschieden sich die Filme über den Verlagspatriarchen dennoch nicht sonderlich. Beide stellen das unternehmerische Geschick und den verlegerischen Wagemut heraus, der Axel Springer von 1945 bis Ende der 1950er Jahre eine Reihe neuer Zeitungen und Zeitschriften herausbringen ließ, die bis auf wenige Ausnahmen – etwa die Illustrierte „Kristall“ – auch sehr erfolgreich wurden. Dass es nicht immer unbedingt Springers eigene Ideen waren, die den Erfolg brachten, deutet zumindest der ZDF/Arte-Film an. Dort wurde beispielsweise an Eduard Rhein erinnert, der die Programmillustrierte „Hörzu“ erfand und zur Pflichtlektüre der Radiohörer und später Fernsehzuschauer der jungen Bundesrepublik machte, später aber von Springer entlassen wurde. Und der Film ließ auch die zweite Ehefrau Rosemarie Springer zu Wort kommen, die das erste Muster einer schlagzeilenfetten und bildträchtigen Boulevardzeitung aus englischen Vorbildern persönlich zusammenklebte und ihrem Ehemann präsentierte. Doch mit ökonomischen Fakten hält auch dieser Film sich zurück. Erwähnt wird zwar, dass Axel Springer wohl 1,5 Milliarden D‑Mark an Privatvermögen aus dem Verlag für sich entnehmen konnte, aber auf seinen späteren Kampf gegen den Fernsehmogul Leo Kirch, der klandestin einen großen Anteil der Konzernaktien erworben hatte, geht der Film ebenfalls nicht ein.

Kritik, wo sie unvermeidbar ist

Die ARD-Dokumentation wiederum folgt der hauseigenen Firmengeschichte und -ideologie Springers und feiert schlicht und allein den großen Verleger. Kritik lässt Eckhart Querner nur dort zu, wo sie sich nicht vermeiden lässt, beispielsweise an der amateurhaften Initiative Springers, auf einer Dienstreise nach Moskau 1958 bei einem Treffen mit dem sowjetischen Regierungschef Nikita Chruschtschow die deutsche Wiedervereinigung bewerkstelligen zu wollen. Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) findet dafür die richtigen Worte der Kritik. Querner (dessen Film am 1. Mai um 21.45 Uhr im Bayerischen Fernsehen wiederholt wurde) weist in diesem Zusammenhang auf den erzkonservativen Publizisten Hans Zehrer hin, der Springer in dieser Zeit beriet. Im ZDF-Film wird Zehrer, der stets von einem autoritären Staat träumte und in der Weimarer Republik auf den linken Flügel der NSDAP gesetzt hatte, mit keinem Wort erwähnt. Tatsächlich wäre es spannend gewesen, zu untersuchen, wie sehr Springers Staatsverständnis von den Gedanken Zehrers geprägt wurde. Damit wäre es nicht allein der Ärger über die Ostpolitik gewesen, der den Verleger in den 1970er Jahren zum Gegner der Sozialdemokratie machte, sondern allein schon die Vorstellung Willy Brandts beim Antritt seiner Kanzlerschaft, „mehr Demokratie wagen“ zu wollen.

Gemeinsam ist beiden Porträts die angemessene Würdigung von Springers Israel-Engagement und seines Glaubens an die Wiedervereinigung, die er durch seinen Tod im September 1985 nicht mehr erlebte, was Michael Jürgs zurecht als Tragik bezeichnet. Beide Filme gehen auch auf die Auseinandersetzung mit den Studenten von 1968 ein, Querner allerdings eher anekdotisch, indem er die Aussagen von Tilman Fichter und Henryk M. Broder gegeneinander schneidet. Während Broder, der seit einigen Jahren als Kolumnist und Autor bei Springers Tagezeitung „Die Welt“ arbeitet, den damaligen Kampf, der in der Parole „Enteignet Springer!“ gipfelte, als Generationenkonflikt ironisiert, bleibt Fichter, heute Politikwissenschaftler und seinerzeit Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), eisern bei seiner damaligen Haltung.

Was Mathias Döpfner unterschlägt

Tatsächlich erinnert der ZDF/Arte-Film wenigstens daran, wie sehr die Berliner Springer-Blätter 1967/68 gegen die Studenten hetzten und dass das Attentat auf Rudi Dutschke, an dessen Spätfolgen der einstige Studentenführer und Agitator 1979 starb, von einem „Bild“-Leser begangen wurde. Absurd allerdings, dass der heutige Vorstandsvorsitzende des Springer-Konzerns, Mathias Döpfner, die damaligen Demonstranten darauf hinweist, dass der erste Tote des Studentenprotestes, Benno Ohnesorg, von einem – wie man seit einem Jahr weiß – Stasi-Agenten erschossen wurde. Döpfner unterschlägt dabei, dass es die Blätter seines Hauses waren, die den Polizisten seinerseits die ganze Zeit in Schutz nahmen vor dem Vorwurf der Tötung und die willfährig dessen Verteidigungsstrategie der Notwehr propagierten.

Wie die „Bild“-Zeitung heute die Politik durch das Schüren von Stimmungen mitbestimmt, untersuchte die 45-minütige ARD-Dokumentation „Bild. Macht. Politik“ von Sascha Adamek und Christiane Meier. Anlass für den Beitrag war der bevorstehende 60. Geburtstag von „Bild“, deren Erstausgabe am 24. Juni 1952 herauskam. Der Film zeichnete nach, dass das Boulevardblatt längst nicht mehr einer bestimmten politischen Linie folgt wie noch unter Springer selbst in den späten 1960er und 1970er Jahren, sondern dass es heutzutage eher nach dem Zufallsprinzip Politiker aufsteigen lässt (wie Karl-Theodor zu Guttenberg, CSU) oder stürzen will (wie den vorletzten Bundespräsidenten Christian Wulff).

Die Argumentation des Beitrags wurde durch Äußerungen von Politikern gestützt, die sich wie Claudia Roth (Die Grünen) mit juristischen Mitteln gegen eine falsche und verleumderische Berichterstattung des Blatts zur Wehr setzten. Es kam allerdings auch der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) zu Wort, der erklärte, „Bild“ sei „eine Art direkte Demokratie“. Das passt herrlich zur Selbstdarstellung des Konzerns, der zufolge die massenhaft verbreitete Boulevardzeitung (in den besten Zeiten mit einer Auflage von 5 Millionen verkauften Exemplaren) so etwas wie allgemeines politisches Bewusstsein in der Bundesrepublik verbreitet habe.

Ausgespannte Ehefrauen und eine Sterndeuterin

Dass „Bild“ immer noch auf widerliche Art und Weise mit dem Leben und Sterben von alltäglichen Menschen umspringt, belegte der ARD-Bericht am Ende markant. Die Zeitung hatte die Fotos jener Kinder aus Belgien veröffentlicht, die im März dieses Jahres bei einem Busunglück in der Schweiz ihr Leben verloren. „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann behauptete im Film, man habe über den Bürgermeister des belgischen Heimatortes die Genehmigung der Eltern eingeholt, die Fotos veröffentlichen zu dürfen. Dem widersprach anschließend eine Sprecherin des Bürgermeisters der Gemeinde deutlich – „Bild“ hatte sich die Fotos einfach angeeignet.

Und so stellte sich nach den drei Filmen die Frage, wie denn die „Bild“-Zeitung wohl das Leben des Axel Cäsar Springer ausgeschlachtet hätte, gehörte ihm nicht das Blatt. Wie wäre seine Jagd nach immer neuen Frauen kommentiert worden? Wie wäre glossiert worden, dass er seinem Nachbarn in Blankenese gleich zweimal die jeweilige Ehefrau ausspannte? In welche fette Schlagzeile wäre der Selbstmord des ältesten Springer-Sohnes gegossen worden, der sich 1980 das Leben nahm? Wie hätte das Blatt die phasenweise Abhängigkeit des Verlegers von den Weissagungen einer Sterndeuterin aufgespießt?

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• Text aus Heft Nr. 18/2012 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

04.05.2012/MK
Eine der drei Dokumentationen: „Bild. Macht. Politik.“ (ARD) von Sascha Adamek und Christiane Meier, mit vier Vorspann-Einblendungen Fotos: Screenshots

Print-Ausgabe 24/2018

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