Drei-Stunden-Gespräch im Fernsehen: Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte als politischer Sommergast

Am Abend, als die Partei namens Alternative für Deutschland (AfD) bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern zur zweitstärksten Fraktion avancierte, taten sich vor allem die Vertreter der CDU mit einer Erklärung dafür schwer, dass ihre Partei dort fortan nur noch die drittstärkste Kraft ist. Kein Wunder: Dass eine Partei rechts von der CDU stärker ist als diese bei einer Landtags- oder gar Bundestagswahl, das hat es in der Bundesrepublik Deutschland noch nicht gegeben. Nachdem dies von Vertretern aller anderen Parteien bei den Wahlsendungen dieses Abends im Ersten oder im Zweiten Programm in Deutschland bitter beklagt worden war, begann in den Niederlanden im zweiten Fernsehprogramm (NPO 2) um 20.15 Uhr eine Sendung, die ebenfalls auf das jüngste deutsche Wahlergebnis reagierte.

Es war nicht nur in dieser Hinsicht eine ungewöhnliche Ausgabe von „Zomergasten“ („Sommergäste“), jener Gesprächssendung des niederländischen Rundfunkveranstalters VPRO, die seit vielen Jahren in den Sommerferien ausgestrahlt wird und in der drei Stunden (!) ein Gast nach seinem Leben befragt wird. Grundlage der Fragen des Interviewers sind Ausschnitte von Filmen, Fernsehsendungen und Live-Ereignissen, die ausgewählt wurden, weil der Gast sie für wesentlich hält. Unter den Interviewten von „Zomergasten“ stellen die Schriftsteller, die Publizisten und die Wissenschaftler die Mehrheit. Gelegentlich waren aber auch Politiker zu Gast. Doch noch nie ein amtierender Ministerpräsident.

Dass sich nun an diesem Sonntag (4. September 2016) Mark Rutte, der seit 2010 in wechselnden Koalitionen das Land regiert, den nicht einfachen, da gründlichen, zudem gelegentlich persönlichen Fragen von Moderator Thomas Erdbrink stellte, hatte somit bereits im Vorfeld für Aufsehen gesorgt. Hinzu kam, dass manche Ruttes Auftritt bei „Zomergasten“ als so etwas wie den Auftakt des Wahlkampfs in den Niederlanden begriffen, wo in sechs Monaten über die Zusammensetzung des Parlaments in Den Haag und damit auch über die Regierung neu entschieden wird.

Einige Kommentatoren sahen denn auch in der Wahl von Mark Rutte als abschließendem Gast dieser Saison von „Zomergasten“ eine Bevorzugung für den Politiker. Dass dies so gedacht war, ist aber nicht anzunehmen, da den linken und freisinnigen Fernsehveranstalter VPRO und die konservative, rechtsliberale Partei VVD, der Rutte angehört, wenig verbindet. Es war wohl eher eine Chance, der ungewöhnlichen Gesprächsreihe, die sich in einem harten Wettbewerb gegen viele Unterhaltungssendungen der Konkurrenz behaupten muss, noch einmal einen kräftigen Popularitätsschub zu verleihen.

Der 49-jährige Politiker saß im offenen und an den Ärmeln aufgekrempelten Hemd im Studio von „Zomergasten“, das in diesem Jahr eine Art künstlerischer Bretterverhau zierte, und gab sich entspannt und leutselig. Er wusste, dass er durch die Wahl seiner Filmausschnitte und deren Platzierung innerhalb der Sendung die Dramaturgie des Abends in seiner Hand hatte. So illuminierten ihn der erste und letzte Ausschnitt des Abends – im ersten ging es um die Musik von Johan Sebastian Bach, der letzte zeigte Vladimir Horowitz bei einem Konzert in der alten Sowjetunion – als musikverständigen Intellektuellen, der so nebenbei und selbstverständlich vollkommen uneitel sein eigenes Klavierspiel ins Gespräch bringen konnte. Clever auch, einen Ausschnitt der Fernsehserie „House of Cards“ zeigen zu lassen. Selbstverständlich das britische Original, das er der amerikanischen Kopie eines Streaminganbieters vorziehe; und dann noch die Szene, in welcher der britische Premier eine unliebsame Zeugin seiner Machenschaften kurzerhand in den Tod stürzt.

Clever war das in zweierlei Hinsicht. Zum einen konnte sich Mark Rutte als jemand profilieren, der sich nicht nur in der klassischen Musik auskennt, sondern auch in der Populärkultur der internationalen Fernsehserien. Zum anderen verbot es gerade die ausgewählte Szene dem Interviewer, nach Parallelen der Machtspiele in dem von der Serie nachgebildeten Großbritannien und in den Niederlanden zu fragen. Denn wer wollte ernsthaft annehmen, dass der in vielerlei Dingen durchaus robust und gelegentlich auch rabiat auftretende Rutte an einen Mord auch nur zu denken wagen würde, wenn er sich eines Konkurrenten entledigen wollte.

Als Rutte anschließend noch den Ausschnitt aus einer Gesprächssendung zeigen ließ, in der sich der Interviewte und der Interviewer zur Freude des Publikums heftig über die Bedingungen des Interviews stritten, hatte er seinem Gesprächspartner zu erkennen gegeben, dass er – wenn er nur wolle – auch jede verschärfte Gangart des Frage-und-Antwort-Spiels mitgehen könne. Doch in all seiner Cleverness verriet Rutte an dieser Stelle auch, wie er an diesem Abend erscheinen wollte. Auf die Frage von Erdbrink, mit wem er bei dem gezeigten Streitgespräch sympathisiere, erklärte Rutte, er sei auf der Seite des Publikums.

Diesen Trick, sich mit einer nicht anwesenden Öffentlichkeit zu solidarisieren, über die er ebenso wenig weiß wie der Interviewer, wandte Mark Rutte an diesem Abend noch mehrfach an. Vor allem, wenn es um politische Dinge ging. Er appellierte stets an so etwas wie die Identität der Niederlande, an der sich etwa auch die Flüchtlinge zu orientieren hätten. In den Niederlanden lebende Ausländer, aber auch Niederländer mit Immigrationswurzeln hätten sich nach allen Regeln einer demokratischen Gesellschaft zu richten und dürften sich nicht nur diejenigen herauspicken, die ihnen – wie die Versammlungsfreiheit – nutzten, während sie andere Regeln – wie die Meinungsfreiheit – mit Füßen träten, solange die betreffende Meinung nicht mir ihrer übereinstimmen würde.

Noch in Ruttes Antwort auf die Frage, welches literarische Buch ihm besonders wichtig sei, schimmerte diese Idealisierung der Niederlande als weltoffene, liberale, aber immer auch leistungsorientierte kapitalistische Gesellschaft durch. Das bezeugten weitere Ausschnitte aus einer populären Quizshow aus seiner Kinderzeit und die Einspielung des Auftritts einer holländischen Schlagerband, womit er deutlich erneut auf das Publikum zielte, das solche Vorlieben – anders als etwa die Intellektuellen von VPRO – mit ihm teilt. Die intellektuelle Variante dieser Heimatliebe wählte der Ministerpräsident dann auf die Frage nach dem für ihn wichtigen Buch: Er lese derzeit, ließ er wissen, zum dritten Mal den Romanzyklus „Das Büro“ von J.J. Voskuil. Die von 1996 bis 2000 in den Niederlanden erschienenen, sieben Bände umfassende Großerzählung – deren Übersetzung ins Deutsche noch immer nicht abgeschlossen ist – feiert bei aller politischen Kritik mit vielen Details eine niederländische Gesellschaft der 1950er bis 1980er Jahre. Eine Gesellschaft also noch lange vor den Eruptionen, die das Land nach dem islamistisch motivierten Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh 2004 in Amsterdam durchlitt und die es bis heute in Atem halten.

Der Interviewer Thomas Erdbrink tat sich sichtlich schwer mit dem politischen Profi Rutte, der stets das letzte Wort behielt. Der Ministerpräsident ließ sich kaum durch eine Nachfrage oder durch die Bitte um eine Konkretisierung unterbrechen. Irritierendes wehrte er erst einmal durch ein breites Lächeln ab, mit dem er seine Souveränität signalisieren wollte. Selbst der von ihm sicherlich erwarteten Frage nach seinem Privat- und wohl auch Sexualleben wollte er so gleichsam die Spitze des Indiskreten nehmen. Doch Erdbrink tat ihm nicht den Gefallen, diese Frage unmittelbar im Zusammenhang seiner familiären Herkunft zu stellen, zu der auch der AIDS-Tod eines Bruders gehört.

Der „Zomergasten“-Interviewer stellte die Frage stattdessen nach dem Ausschnitt aus einer Fernsehserie, in der es um eine Regierungs- und Gesellschaftskrise der alten Niederlande aus den 1970er Jahren ging. In diesem Ausschnitt war zu sehen, wie der damalige Ministerpräsident Joop den Uyl (Partij van de Arbeid) nach einem Krisengespräch mit Königin Juliana am späten Abend das Gespräch mit seiner Frau suchte, um das Erlebte zu verarbeiten. Ob Rutte, der allein lebt, eine solche Gesprächsmöglichkeit nicht fehle? Hier musste der Ministerpräsident deutlich schlucken, obgleich er das Alleinleben durchaus verteidigte. Erdbrink hatte es offengelassen, ob ein solcher möglicher Lebenspartner ein Mann oder eine Frau sei. Rutte erklärte, er sei nicht homosexuell, habe mehrere Beziehungen zu Frauen gehabt und sogar einmal während der Studienzeit mit einer Freundin zusammengelebt. Aber weiteres habe sich bis heute nicht ergeben. Die Dinge seien nun einmal so gelaufen, aber er vermisse das durchaus.

Auf Deutschland kam Mark Rutte, der sehr gut Deutsch spricht und sich in dieser Sprache auch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), ja, selbst mit Russlands Präsident Wladimir Putin unterhalte, wie er sagte, an diesem Abend mehrfach indirekt zu sprechen. So verweigerte er die Aussage dazu, ob er und die VVD ein Bündnis mit der niederländischen rechtspopulistischen Partei von Geert Wilders, die man gut mit der AfD in Deutschland vergleichen kann, grundsätzlich ausschlössen. Aber er halte ein solches Bündnis aufgrund des Programms der Wilders-Partei für wenig wahrscheinlich. Persönlich käme er mit Wilders gut aus, sagte Rutte und bezeichnete den Rechtspopulisten sogar als den wichtigsten Widerpart in der niederländischen Politik. Manche CDU- und viele CSU-Politiker könnten in dieser Umarmungsstrategie ein Vorbild sehen. Rutte, der nicht uneitel ist, gefiele das sehr.

In Deutschland gibt es ein solches Forum im Fernsehen nicht. Und wenn es dieses in der Form von „Zomergasten“ gäbe, kann man sich kaum vorstellen, dass sich etwa die Kanzlerin oder ihr Vizekanzler dem stellten.

07.09.2016 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 25-26/2018

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