Die Staatsmacht und der Journalismus

Ein Spielfilm und eine Dokumentation zur „Spiegel“‑Affäre von 1962

Von Dietrich Leder

09.05.2014 • Der Fernsehfilm „Die Spiegel Affäre“, zuerst bei Arte und fünf Tage später im Ersten ausgestrahlt, hat in der Kritik absurde Reflexe ausgelöst. Da sahen viele Rezensenten einen „Polit-Thriller“, weil es um Politik geht und es irgendwie eine spannende Handlung gab; da fühlten sich andere an die amerikanische Serie „Mad Men“ erinnert, weil die Geschichte um das deutsche Nachrichtenmagazin ebenfalls Anfang der 1960er Jahre spielte und die männlichen Darsteller die der damaligen Mode entsprechenden Anzüge trugen. Nach dieser Logik wäre jeder Film, in dem ein Pferd zu sehen ist, ein Western und erinnerte jede Serie, in der ein Fisch verspeist wird, an „Flipper“. Wenn also diese positiv gemeinten Zuschreibungen falsch sind, was bleibt dann noch von den vielen Komplimenten, die dem Film in der Vorberichterstattung zuteil wurden?

Es bleibt zum einen die Erkenntnis, dass die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in der Tat noch nicht auserzählt ist, dass in ihrer Historie noch viele Ereignisse schlummern, die erhellend zu erzählen wären. Denn das wirklich spannende an dieser filmischen Darstellung der „Spiegel“-Affäre war die Rekonstruktion der Verhältnisse, in der die Bonner Politik in Gestalt des Bundesministers Franz Josef Strauß (CSU) und der Hamburger Journalismus in Gestalt des „Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein aufeinanderprallten, dass es nur so krachte.

Zweikampf: Augstein gegen Strauß

Es handelte sich – so die Deutung des Films – um einen persönlich motivierten Zweikampf, in den politische und journalistische Gründe hineinspielten, aber eben nicht den Antrieb lieferten. Um das plausibel erscheinen zu lassen, springt der Film nach einer ersten Darstellung der Besetzung der „Spiegel“-Redaktion durch Polizei und Bundesanwaltschaft im Oktober 1962 fünf Jahre zurück und erzählt von einem ersten alkoholgeschwängerten Treffen zwischen Augstein und Strauß, das mit einem Streit endete. Augstein habe – erzählt der 100-minütige Film im Fortgang der Ereignisse – alles daran gesetzt, die Karriere des Verteidigungs- und vormaligen Atomministers und zu blockieren.

So wie Regisseur Roland Suso Richter das mit Sebastian Rudolph als Darsteller von Augstein erzählt, wirkt das wie eine Fixierung. Die Anlässe, derer sich Augstein in seinem Blatt bedient, erscheinen wie hergeholt und zufällig. Und nie scheint er etwas richtig beweisen zu können. Strauß (Francis Fulton Smith) reagiert seinerseits nach der Lesart des Films auf die Kampagne nervös und versucht engstirnig, mit rechtlichen Mitteln gegenzuhalten. Dargestellt werden persönliche Gegensätze. Auf der einen Seite der weltgewandte, zum Zynismus neigende Lebemann Augstein, der sich gerade einer neuen Geliebten (und seiner späteren dritten Ehefrau) zugewandt hat und der als junger aufstrebender Journalist mit seiner Combo nicht nur publizistisch, sondern auch ökonomisch erfolgreich ist. Auf der anderen Seite der eher joviale Familienmensch Strauß, der die ganze Zeit damit spielt, sich nach Bayern zurückzuziehen, wenn die Bonner Karriere unter einem Bundeskanzler Adenauer (der in der Darstellung von Otto Mellies deutlich jünger aussieht als er 1962 mit seinen 86 Jahren war) ein Ende fände.

Die Trivialität dieser simplen Charakterisierung durch wechselseitigen Kontrast wird besonders dann deutlich, wenn es um die Sexualität der beiden Männer geht. Während Augstein stets irgendwie mit seiner Geliebten zugange ist, wenn die Weltgeschichte mal wieder zuschlägt, wird von Strauß in einem Dreischritt erzählt, wie er zunächst, durch einen Konflikt aufgeputscht, seine Ehefrau an die Hand nimmt, um mit ihr – das legt die Szene nahe – ins Bett zu gehen, wie er Monate später wohlgefällig die Schwangerschaft seiner Frau bewundert und wiederum einige Zeit später sich mit dem nun geborenen Baby sehen lässt. Ebenso trivial ist die Darstellung von Journalismus und Politik, die jeweils auf die klassischen Stereotype von Hektik, Nikotin und Alkohol („Darauf einen Dujardeng, peng!“) auf der einen Seite, raunenden Hintergrundgeschäften und Karrierestrategien auf der anderen Seite szenisch zusammenschnurren.

Der SS-Mann beim „Spiegel“

Kein Wunder, dass der Film einen großen Bogen um ein Thema schlägt, das er in nahezu jeder Szene hätte erwähnen können – das Nachwirken des Nationalsozialismus in die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte bis hinein in den „Spiegel“ selbst. So gehörte zum Kreis der Redakteure um Augstein, die mit Strauß 1957 um die Wette trinken, mit Horst Mahnke ein SS-Haupt­sturmführer aus Himmlers Reichssicherheitshauptamt, der sich an diesem Abend ausgerechnet mit einer Bemerkung über die Nazi-Zeit hervortat. Die Anekdote um das Aufbrausen von Strauß erscheint angesichts dieser (im Film fehlenden) Information zumindest in einem anderen Licht. Auch wirkte die Darstellung Adenauers, der dem Treiben von Strauß nur zugeschaut haben soll, vollkommen anders, hätte der Film darauf hingewiesen, dass der stets neben ihm gezeigte Berater Hans Globke Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze gewesen war. Und wie wären all die Bundesanwälte hinter dem NSDAP-Mitglied Siegfried Buback erschienen, wenn man ihr Mitwirken an der Todesmaschinerie der Nazis auch nur angedeutet hätte?

Das Ausblenden dieses Teils des Nachwirkens der Nazi-Zeit belegte auch die direkt im Anschluss an den Spielfilm ausgestrahlte 45-minütige Dokumentation über „die Geschichte hinter der ‘Spiegel’-Affäre“ von Stefan Aust. Wenn dort von den „Schatten der Vergangenheit“ die Rede war, dann war stets ganz allgemein der Schrecken des Krieges gemeint und nicht der deutsche Vernichtungsfeldzug ist Osten. Der ehemalige „Spiegel“-Chefredakteur Aust (1994 bis 2008), der auch als Berater am Drehbuch für den Spielfilm mitgewirkt hatte, lieferte denn auch prompt nur Material, das die Lesart der „Spiegel“-Affäre als einen Reflex auf den Kalten Krieg bestätigt. Auch diese Darstellung kann man anzweifeln. Zwar war Ausgangspunkt der juristischen Attacke auf das Nachrichtenmagazin eine Titelgeschichte („Bedingt abwehrbereit“) zur Bundeswehr, doch diese lieferte eher den in die Zeit der Kuba-Krise perfekt passenden Anlass, dem kritischen Journalismus insgesamt einmal zu zeigen, wie der Staat mit ihm umspringen könnte, wenn er nur wollte. Das jedenfalls begriffen alle, die gegen die Verhaftung der „Spiegel“-Redakteure auf die Straße gingen.

Der Kampf um den Safe

Die Wut, die sich dort über die Selbstherrlichkeit des Staates artikulierte, spürt man in dem Spielfilm an keiner Stelle. Und so verwendet er beispielsweise Material aus einer legendären Sendung des Magazins „Panorama“ (ARD/NDR) nur rein illustrativ. Bei „Panorama“ waren ja viele Journalisten gelandet, mit denen Augstein Anfang der 1960er Jahre eine Tageszeitung geplant hatte, ehe er dieses Projekt – ökonomisch sicher richtig – dann doch wieder fallen ließ. Aus der genannten „Panorama“-Sendung hätte sich nicht nur diese Wut herauspräparieren lassen, der Film hätte damit auch der Qualität des Fernsehens wie auch des öffentlich-rechtlichen Systems – dem Adenauer kurz zuvor noch einen privatwirtschaftlichen, aber an der Kandare der Politik hängenden Fernsehsender hatte zur Seite stellen wollen – ein gutes Zeugnis ausstellen können. Doch vielleicht war dazu der Einfluss des unter Strauß ja in den Einflussbereich der CSU überführten Bayerischen Rundfunks (BR) zu groß? (Der BR war federführend verantwortlich für die Produktion.)

Nahezu skandalös der Abspann des Films, in dem es sinngemäß heißt, dass Augstein vom Verdacht des Landesverrats vermutlich nicht freigesprochen worden wäre, hätten die Polizisten seinen Bürosafe gleich bei der Stürmung der Redaktion öffnen können und wäre es seinem Bruder, der auch sein Anwalt war, nicht gelungen, Unterlagen aus dem Wandtresor verschwinden zu lassen. Was in diesem Safe lag, weiß bis heute niemand. „Von Nichtwissen“ auf den Tatbestand des Landesverrats zu schließen, schrieb in der „Süddeutschen Zeitung“ (Ausgabe vom 26./27.4.14) die Publizistin und Augstein-Tochter Franziska in einem ansonsten überraschend wohlwollenden Artikel zu dem Film, sei „wenig seriös“. Man kann es, man muss es härter sagen: Am Ende zu insinuieren, dass Augstein doch einfach nur Glück gehabt hätte, dient einzig und allein der Legitimation jenes grundgesetzwidrigen Vorgehens des Franz Josef Strauß; es ist, als solle der Zweikampf am Ende dann doch irgendwie unentschieden geendet sein. Zugleich setzt dieser Abspann die Konstruktion des Films ins Recht, der die Spannung im Kampf um den Safe – also das einzige Thriller-Moment des Films – kulminieren lässt.

So bleibt die Erinnerung an ein solide inszeniertes Fernsehspiel, das Zeitkolorit mit teurer Ausstattung wiedergibt und mit einigen überraschenden Besetzungen aufwartet (neben Francis Fulton Smith als Strauß stark vor allem Henning Baum als Oberst Martin), das indes sich selbst und seine Darstellung eines historischen Ereignisses wichtiger nimmt, als es dem Film gebührt. •••

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„Die Spiegel Affäre“

Drehbuch: Johannes Betz, Regie: Roland Suso Richter, Drehbuchmitarbeit: Gabriela Sperl, Stefan Aust, Kamera: Clemens Messow, Produktion: Gabriela Sperl Produktiuon für Wiedemann & Berg Television

Ausstrahlung

Arte: Fr 2.5.14 • 20.15 bis 21.55 Uhr • 1,09 Mio Zuschauer • Marktanteil: 3,5 Prozent

Das Erste (ARD/BR/WDR/Degeto): Mi 7.5.14 • 20.15 bis 21.55 Uhr • 3,58 Mio Zuschauer • Marktanteil: 11,9 Prozent

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• Text aus Heft Nr. 19/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

09.05.2014/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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