Für eine demokratisch gelassene Medienwelt

Jan Böhmermann erhält beim Grimme-Preis die Besondere Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes

Von Annegret Kramp-Karrenbauer und Jörg Thadeusz
09.04.2016 •

Die von Jörg Thadeusz moderierte Grimme-Preisverleihung am Abend des 8. April 2016 (Freitag) im Stadttheater von Marl ging ihrem Ende entgegen. Als letzte der von den Jurys vergebenen Auszeichnungen war gerade der Spezial-Preis in der Kategorie „Unterhaltung“ an Moderator Jan Böhmermann und die Produzenten Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann (beide Bildundtonfabrik Köln) verliehen worden. Sie erhielten den Preis für ihre „#Varoufake“-Eskapade im „Neo Magazin Royale“ (ZDFneo/ZDF). Doch weder die Produzenten noch Frontmann Böhmermann waren in Marl anwesend. Zur Erklärung sagte

Thadeusz: Ja, meine Damen und Herren, Jan Böhmermann... – [das Publikum applaudiert] vielen Dank für Ihren Applaus – ...ist heute leider nicht hier in der Konsequenz des Schmähgedichts gegen den türkischen Präsidenten Erdogan. Er [Böhmermann; d.Red.] hat geschrieben heute in seinem Facebook-Post, ganz früh heute am Morgen: „Ich fühle mich erschüttert in allem, an das ich je geglaubt habe. Mein Team von der Bildundtonfabrik und ich bitten um Verständnis, dass wir heute Abend nicht in Marl feiern können.“

Nun fehlte bei der Preisverleihung nur noch die Vergabe der „Besonderen Ehrung“ des Deutschen Volkshoch-Verbandes (DVV), der höchsten Auszeichnung beim Grimme-Preis. Sie wird vom DVV als Stifter des Grimme-Preises verliehen und wer sie erhielt, war bis 2015 stets vorab bekannt gegeben worden. In diesem Jahr jedoch (und so soll es auch in Zukunft sein) wurde erst am Ende der Grimme-Preis-Gala in Marl der Preisträger offenbart. Diese Neuerung soll wohl einen kleinen Spannungs- und Überraschungseffekt in eine Veranstaltung bringen, bei der ansonsten alle anderen Preisträger vorher bekannt gegeben werden. Ob die Grimme-Preisverleihung an ihrem Schlusspunkt diesen Effekt als Spannungsmoment braucht, ist vielleicht die Frage. Aber eine Überraschung gab es an diesem Abend dann wirklich, denn plötzlich sagte, nachdem er gerade Böhmermanns Facebook-Eintrag verlesen hatte, Moderator

Thadeusz: Es ist heute Abend nicht die einzige Ehrung für Jan Böhmermann. Und damit wir das ein bisschen ausführlicher besprechen können, bitte ich nun die neue Präsidentin des Deutschen Volkshoch-Verbandes und Ministerpräsidentin des Saarlandes, Annegret Kramp-Karrenbauer, zu uns auf die Bühne.

Die DVV-Präsidentin – die traditionell den Preis überreicht (bis 2015 war dies viele Jahre lang die frühere Politikerin Rita Süssmuth) – kommt unter freundlichem Applaus aus dem Publikum auf die Bühne.

Thadeusz: Ja, das sollte ganz besonders werden, ne?

Kramp-Karrenbauer: Ja, das sollte etwas ganz Besonders werden und es ist auch etwas ganz Besonderes, weil das zum ersten Mal der Fall ist, dass die Besondere Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes, na, der Preisträger der Besonderen Ehrung, nicht vorher bekannt ist. Und deswegen schau ich jetzt – [an Moderator Jörg Thadeusz gerichtet] Sie haben die Pointe etwas vorweggenommen, aber da schau ich trotzdem in viele neugierige Gesichter, denn die Besondere Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes in diesem Jahr geht an – Jan Böhmermann. [Applaus des Publikums.

Ich weiß, dass diese Ehrung Fragen aufwirft. Die erste Frage – und die haben wir sehr intensiv auch im Vorstand des Volkshochschulverbandes besprochen – ist die Frage: Kann eigentlich jemand mit 35 schon eine Besondere Ehrung erhalten? Für sein Lebenswerk? Das wäre dann, meine sehr geehrten Damen und Herren, schwierig, wenn diese Besondere Ehrung wirklich eine Ehrung nur für das Lebenswerk wäre, nur für das, was man bisher geleistet hat.

Diese Ehrung ist aber immer auch eine Auszeichnung und ein Zeichen der Ermutigung gewesen für das, was man als Perspektive auch vom Preisträger erwartet. Und genau das zeichnet Jan Böhmermann aus. Dass er nicht nur in der Vergangenheit bewiesen hat, was in ihm steckt, was er kann, sondern dass er diese Perspektive auch für die Zukunft bietet. Und deswegen haben wir im Vorstand nach intensiver Diskussion gesagt: Ja, diese Ehrung ist verdient, sie ist deshalb verdient, weil er ein leidenschaftlicher Medienmacher ist, jemand, der uns, ja, manchmal den Atem raubt, der uns in Atem hält, sicherlich vor allen Dingen auch die Verantwortlichen der Sender, wo seine Formate ausgestrahlt werden. Weil er jemand ist, der bewusst auch mit Sicherheiten – und das haben wir gerade eben im [vor der Preisvergabe eingespielten] Beitrag auch gesehen – mit Sicherheiten, mit Gewissheiten, mit Genres, mit Medienkategorien spielt, uns den Boden entzieht, uns in diese Unsicherheit stößt und damit aber auch ein Beispiel dafür gibt, wie neue, intelligente Mediengestaltung, Medienunterhaltung auch aussehen kann. Und dass er dabei Grenzen auslotet, auch die Grenze der Satire, und dass er sie bewusst auch manches Mal verletzt wie gerade jetzt, das ist uns natürlich sehr bewusst. Und ich weiß, dass das eine zweite Frage hervorruft, nämlich die Frage: Will der Volkshochschulverband sich hier sozusagen auf ein mediales Pferd setzen, indem er ihm diese Ehrung verliehen hat?

Nein, ich darf das aufklären, der Volkshochschulverband hat im November des vergangenen Jahres diese Entscheidung getroffen – es ist schön, wenn der Moderator einem über die Schulter schaut und nicht zu Wort kommt...

Thadeusz: Ich stehe hier bewachend neben Ihnen, aber ich ...

Kramp-Karrenbauer: Nein, Sie haben den Fehler gemacht, mir das Mikrofon zu geben, und das darf man bei einem Politiker nie tun. [Thadeusz lacht herzhaft, ebenso das Publikum.]

Thadeusz: Zwei Fehler! Ich hab die Besondere Ehrung auch schon vorweggenommen.

Kramp-Karrenbauer: Genau.

Thadeusz: Das waren also zwei Schafskopffehler.

Kramp-Karrenbauer: Wir üben.

Thadeusz: Danke.

Kramp-Karrenbauer: Aber wir haben das im November getroffen, und die Frage, die sich jetzt gestellt hat, ist nicht die Frage, gibt es diese Ehrung, weil dieses sogenannte Gedicht zum türkischen Staatspräsidenten gesendet wurde, sondern es ist genau der umgekehrte Fall, dass wir gesagt haben, dieses Gedicht hat sicherlich – und das ist unsere Auffassung – auch die Grenzen des guten Geschmacks verletzt und ist sicherlich alles andere als Grimme-Preis-würdig, aber es ändert nichts daran, welch leidenschaftlicher Macher, welch leidenschaftlicher Medienmacher Jan Böhmermann ist. Es ändert nichts daran, an seinen Qualitäten, an seinen Leistungen für eine offene, für eine mutige, auch für eine demokratisch gelassene Medienwelt, wie wir sie hier haben. Und deswegen ist diese Ehrung, diese besondere Auszeichnung verdient. Und ich gratuliere ihm dazu voller Überzeugung. Herzlichen Dank. [Applaus des Publikums.]

Thadeusz: Vielen Dank, Frau Kramp-Kartenbauer, danke schön. Tut mir leid, dass ich es vorweggenommen hatte. Danke schön, vielen Dank. Es hätte sogar sein können, dass sie das womöglich entspannt hätte, wenn er das jetzt so von Ihnen gehört hätte, also, eigentlich gar keine schlechte Möglichkeit. Hoffentlich hat er's irgendwo mitgekriegt. Vielen Dank, dass Sie das gemacht haben. Und, meine Damen und Herren, ich darf jetzt noch mal auf die Bühne bitten alle Sieger des 52. Grimme-Preises, hier bitte schön zu uns auf die Bühne, vielen Dank ihnen, herzlichen Glückwunsch allen, die gewonnen haben, für die tolle Arbeit. Herzlichen Glückwunsch all denjenigen, die nominiert waren, denn auch die haben tolle Arbeit gemacht. Und toll, dass Sie heute hier so ein würdevolles Publikum waren. [Applaus des Publikums.] Vielen Dank an Nils Wülker und Band. Danke schön und bis zum nächsten Mal. Vielen Dank meine Damen und Herren. 

Damit endete die 52. Grimme-Preisverleihung an diesem Abend im Stadttheater von Marl.

09.04.2016/MK

Marl, 8. April 2016: 52. Verleihung der Grimme-Preise (am selben Tag ab 22.35 Uhr bei 3sat zeitversetzt übertragen als 90-minütige Aufzeichnung)

Annegret Kramp-Karrrenbauer hielt die Laudatio auf Jan Böhmermann: „Ich weiß, dass diese Ehrung Fragen aufwirft“

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