Eine Anstalt bewegt sich: Ungewöhnliche Programmoffensive im WDR Fernsehen

Das Durchschnittsalter der Zuschauer des WDR Fernsehens liegt inzwischen bei 64 Jahren. Tendenz steigend. An Gelöbnissen der Senderverantwortlichen, sich verstärkt auch um jüngere Zielgruppen zu kümmern, hat es in der Vergangenheit nie gefehlt. Auf dem Bildschirm war indes kaum zu sehen, dass diese Ankündigungen irgendwelche Konsequenzen gehabt hätten. Nun versucht der WDR mit einer durchaus ungewöhnlichen Programmoffensive, ein jüngeres Publikum auf sich aufmerksam zu machen. Vom 24. August an bringt der Sender unter dem Slogan „WDR Fernsehen – Macht den Westen an!“ binnen zwei Wochen insgesamt 20 neue (Unterhaltungs-)Formate auf den Schirm.

Die Palette reicht dabei von der klassischen Serie („Meuchelbeck“) über eine Doku-Soap („Die Mockridges“) bis zur experimentellen Comedy („Das Lachen der Anderen“) und erotischen Kurzfilmen („Begehren“), in denen es laut Senderankündigung „auch mal deftig“ zugehen soll. WDR-Intendant Tom Buhrow sprach bei der Vorstellung der Programmoffensive am 14. August in Köln von einem „Feuerwerk“ und Fernsehdirektor Jörg Schönenborn erklärte auf derselben Veranstaltung den WDR gar zum „Powerhaus“. Buhrow: „Ich habe immer gesagt: Experimentiert! Macht was euch einfällt! Jetzt ist es soweit und wir senden zwei Wochen lang ein Feuerwerk. Für mich ist unsere Programmoffensive im WDR Fernsehen nicht nur eine tolle Erfahrung in Hinblick auf die Kreativität, die in unserem Sender steckt. Sie entspricht auch meinem strategischen Ziel, jüngere Zielgruppen zu erobern. Wir investieren in die Zukunft.“

YouTuber im Archiv

Dabei hat man mit „jüngere Zielgruppen“ keineswegs Teenager, sondern Menschen zwischen 39 und 55 Jahren im Visier. Doch auch für netzaffine Jugendliche hat man durchaus etwas im Angebot. Anlässlich des im Dezember anstehenden 50. Geburtstags seines Dritten Fernsehprogramms hat der WDR 14 YouTuber eingeladen, sich im Archiv des Senders umzuschauen und aus dem Material ohne thematische oder ästhetische Vorgaben zwei 30-minütige Folgen zusammenzustellen, die unter dem Titel „Mischen impossible?! YouTuber wildern im WDR Archiv“ ausgestrahlt werden. Und dass Familie Mockridge hier zu Ehren einer gescripteten Doku-Soap kommt, hat weniger damit zu tun, dass Familienoberhaupt Bill als Erich Schiller in der „Lindenstraße“ (ARD/WDR) den Partner von Mutter Beimer gibt, als mit dem Umstand, dass Sohn Luke Mockridge sich seit einiger Zeit als Comedian versucht und bei 1Live eine feste Größe ist, also bei jener Hörfunkwelle, mit der der WDR noch am ehesten ein junges Publikum erreicht. Beim privaten Fernsehsender Sat 1 präsentierte Luke Mockridge im vergangenen Frühjahr eine eigene Comedy-Show (vgl. MK 7/15).

Rund 4,5 Mio Euro hat sich der WDR den opulenten Testballon kosten lassen, wovon 3 Mio aus dem sogenannten Verjüngungstopf der Intendanz stammen. Besonders angetan zeigten sich Buhrow und Schönenborn von der Tatsache, dass sämtliche Formate von Mitarbeitern des WDR entwickelt wurden, die aus den unterschiedlichsten Programmbereichen stammen. Die Leitung dieses Innovationsteams liegt bei Martin Hövel, hauptberuflich Chef des ARD-„Morgenmagazins“. In den 1980er Jahren hatte Hövels schon das legendäre Politmagazin „ZAK“ mit Moderator Friedrich Küppersbusch für den WDR aus der Taufe gehoben.

Wagemut und Innovation

Wie auch immer man die Formate dieses Testballons im Spätsommer finden mag – der WDR bewegt sich und man kann der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt, der bekanntlich größten der ARD, für dieses außerordentliche Experiment zumindest jenen Wagemut bescheinigen, an dem es in den vergangenen Jahren merklich gefehlt hat. Zumal einige der neuen Formate keineswegs im Nachtprogramm versteckt werden, sondern sie sind zur Primetime um 20.15 Uhr zu sehen. Und auch hinsichtlich des Problems, wie man jene jüngere Zielgruppe, die das WDR Fernsehen in der Regel so gut wie nie einschaltet, anlocken könnte, hat man sich einiges einfallen lassen. Zusätzlich zu den Trailern, in denen Anke Engelke in der Rolle einer 60er-Jahre-Ansagerin namens Gisela Knöpe mit ondulierter Frisur, Rüschenbluse und Brille Marke Kassengestell die Zuschauer auffordert, sich anzuschnallen, wird die Aktion vor allem in den sozialen Netzwerken intensiv beworben. Mit Blick auf die internetaffinen Jüngeren wurde beispielsweise die Serie „Meuchelbeck“, die am 24. August (Montag) im linearen Fernsehen startet, vorab ins Netz gestellt, wo seit dem 17. August alle sechs Folgen zu sehen sind.

Ob die zweiwöchige Leistungsshow im WDR Fernsehen mehr als ein Aufflackern guten Willens ist, bleibt allerdings abzuwarten. Jörg Schönenborn versprach zumindest: „Das ist kein Strohfeuer. Innovation ist ein langfristiges Ziel.“ Man werde sich nach den zwei Sendewochen zusammensetzen und Bilanz ziehen. Und die Entscheidung, welche der getesteten Formate im Schema der Anfang kommenden Jahres anstehenden Programmreform eine Chance auf Fortsetzung bekämen, wolle er nicht allein an der Quote festmachen.

• Hier die WDR-Seite im Netz mit weiteren Infomationen zu den neuen Formaten.

23.08.2015 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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