Resultat veränderten Denkens: Das WDR-Projekt #wowillstduhin fürs Fernsehen und fürs Web 

Von René Martens

Glaubt man Maik Bialk, dem Leiter der WDR-Redaktion „Hier und Heute“, kann man sich seit dem 15. Juni im Web-Angebot seines Senders einen Eindruck von der „Zukunft des dokumentarischen Erzählens“ verschaffen. Die Rede ist von dem ambitionierten Projekt „#wowillstduhin“, mit dem der WDR an jenem Tag online ging. Die Gemeinschaftsproduktion der Redaktionen von „Hier und Heute“, „WDR weltweit“ und wdr.de steht unter dem Motto „Mach’ dir deinen eigenen Film“. Das heißt, der Nutzer hat in diesem Fall die Möglichkeit, den Film selbst zu gestalten. Die Protagonisten sind Personen, denen die Autoren Ina Reuter und Marko Rösseler zwischen Mai und September 2014 auf dem Kölner Hauptbahnhof begegneten, kurz bevor die Reisenden in einen Zug stiegen.

Parallel zur interaktiven Web-Doku gibt es auch eine klassische Version des Projekts: vier herkömmliche TV-Reportagen. Diese Beiträge liefen – verteilt auf Sendeplätze des „Hier-und-Heute“-Ablegers „Hier und Heute unterwegs“ (samstags) und von „WDR Weltweit“ (dienstags) – auch im linearen Programm des WDR Fernsehens (siehe Kasten). Während sich Ina Reuter und Marko Rösseler nach Abschluss der Dreharbeiten um die Fertigstellung der TV-Reportagen kümmerten, bauten die Dokumentarfilmer Jürgen Brügger und Jörg Haaßengier („Von der Ordnung der Dinge“, „Angstwald“) und der Cutter Rainer Nigrelli aus dem Material von Reuter und Rösseler die Web-Doku. Neben diesen fünf Machern waren vier Redakteure beteiligt, die insgesamt zwei Jahre an dem Projekt arbeiteten. Redaktionell verantwortlich sind Dorothee Pitz („Hier und Heute“) und Petra Schmitt-Wilting („WDR Weltweit“).

Das Nutzungsverhalten im Netz

Sowohl in der Web-Doku als auch in den Fernsehreportagen wird die Frage „Wo willst du hin?“ auch verknüpft mit einer weiteren Frage: „Wo willst du hin im Leben?“ Um das herauszufinden, begleiten Ina Reuter und Marko Rösseler einige Reisende auch an ihrem Ankunftsort.

Die Selbstbestimmung des Nutzers sieht bei #wowillstduhin konkret so aus, dass er zwischen drei verschiedenen Zügen wählen kann, die für ihm zum „Einsteigen“ bereitstehen. „Es ist deine Reise“, sagt die Sprecherin. Im Web kann der Nutzer dann in dem jeweiligen Zug eine ganze Reihe Menschen kennenlernen. Er kann über Personen, die er auf den ersten Blick interessant findet, mehr erfahren, indem er sie anklickt. Dabei bekommt er zum Beispiel kurze O-Töne zu hören, die teilweise auf Impressionen während der Fahrt bezogen sind. Oder er bekommt einen kurzen Film zu sehen, der zeigt, was passiert, nachdem die Person ihr Ziel erreicht hat. Andere Möglichkeiten, einen Reisenden kennenzulernen: Man kann auf das Buch klicken, das auf seinem Schoss liegt, und sogar ein bisschen darin blättern – und so zum Beispiel etwas über Barocktanz erfahren.

Unter den von Reuter und Rösseler ausgewählten Reisenden sind viele, die einen Hang zur Selbstdarstellung haben und in gewisser Weise für sich selbst werben. Auch jene, die nach landläufigen Vorstellungen in der Kategorie der Spinner einzuordnen wären, wirken recht selbstsicher. Das gilt zum Beispiel auch für „Mosh“, einen der Protagonisten der zweiten Folge, der seinen bürgerlichen Namen nicht im Film erwähnt haben möchte. „Mosh“ ist ein Alkoholiker, der seine Sucht glamourisiert. Reuter und Rösseler folgen ihm bis nach Bulgarien, wo er Bauland gekauft hat und Schnaps brennen will.

Auffällig auch: Man stößt bei #wowillstduhin zwar auch auf einen Fernfahrer oder einen Geschäftsmann, der in der 1. Klasse seine Krawatte an den Haken gehängt hat und am Telefon Sätze sagt wie „Ich möchte vermeiden, dass die Jungs von der Pressestelle uns das rausstreichen“; verhältnismäßig viele ausgewählte Reisende lassen sich aber dem Kunst- und Kulturbereich zurechnen: Tänzer, angehende Opernsänger, Schriftsteller. Die bekannteste Person dürfte Karen Savage sein, die erste Professorin für Tanz an der Folkwang-Universität in Essen, sie ist eine der Protagonistinnen des dritten Films („Nur Mut“).

Mehr als ein gefüllter Sendeplatz

Die Nutzung von #wowillstduhin hat zum einen eine spielerische Komponente. Zum anderen erinnert das Umherschweifen in den Zügen, das hier möglich ist, an das sonstige Nutzungsverhalten im Netz. Man kann sich treiben lassen, aber bevor man sich im Leben oder in den Äußerungen von Personen verliert, die weniger interessant sind, als sie auf den ersten Blick zu sein scheinen, kann man schnell woanders hinklicken. Das ist entfernt vergleichbar mit dem Zappen auf der Fernbedienung. Nur dass man in einer interaktiven Web-Doku nicht zu einem anderen Programm „zappt“, sondern das Programm gar nicht verlässt.

Die vier im Dritten Programm des WDR ausgestrahlten TV-Reportagen profitieren davon, dass hier zwei sehr unterschiedliche Redaktionen beteiligt sind. So entstehen ungewöhnliche Kombinationen aus Alltagsreportage, Sammelporträt und Reisebericht. Die Filme profitieren aber auch davon, dass sich die Macher spontan auf Personen eingelassen haben. Hier passieren Dinge, die weder die Autoren noch die Zuschauer vorhersehen konnten. Das gilt zum Beispiel für einen Vorfall in der Ukraine in dem Film „Vom Wunsch anzukommen“. Reuter und Rösseler begleiten Wissenschaftler, die auf dem Weg in die Sperrzone um das im Jahr 1986 havarierte Kernkraftwerk Tschernobyl sind. Gemeinsam ist man unterwegs in einem Bus und plötzlich wird es gefährlich, weil die Behörden offensichtlich kein Interesse daran haben, dass die Gruppe ihr Ziel erreicht.

Ende des vorigen Jahres hat „Hier-und-Heute“-Redaktionsleiter Maik Bialk in einem Interview mit „epd medien“ (Ausgabe Nr. 49/14) gesagt: „Das Denken in Sendeplätzen wird sich verändern, und ich möchte es auch verändern. Wir müssen in Projekten denken und nicht von der Frage her, dass man einen Sendeplatz füllt.“ Wie das filmische Resultat eines derart veränderten Denkens aussehen kann, zeigt #wowillstduhin. Die Frage, ob solche Projekte die „Zukunft des dokumentarischen Erzählens“ sind, hängt aber natürlich auch davon ab, inwiefern und wie oft Sender bereit sind, solche Vorhaben zu finanzieren.

* * * * * * * * * *

Die vier Filme des Projekts #wowillstduhin, die im Dritten Programm WDR Fernsehen ausgestrahlt wurden:

Die Liebe finden

Sa 20.6.15 18.20 bis 18.50 Uhr

Vom Wunsch anzukommen

Di 23.6.15 22.00 bis 22.30 Uhr

Nur Mut

Sa 27.6.15 18.20 bis 18.50 Uhr

Davon hält mich keiner ab

Di 30.6.15 22.00 bis 22.30 Uhr

19.07.2015 – MK

Print-Ausgabe 23/2018

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren