Embedded Congress

Das Medienforum NRW irgendwo zwischen Anga.com und Interactive Cologne

Von Reinhard Lüke
02.07.2015 •

02.07.2015 • Das Medienforum NRW – gibt’s das noch? Doch, durchaus. Aber irgendwie auch wieder nicht. Offiziell fand der traditionsreiche Medienkongress in diesem Jahr vom 9. bis 11. Juni in Köln statt. Doch inzwischen ist aus der seit 1989 ausgerichteten Veranstaltung eine Art Embedded Congress geworden. So fand der erste Tag des Medienforums parallel zur Messe Anga.com in den trostlosen Messehallen im Stadtteil Deutz statt, während tags drauf das Geschehen in den Räumlichkeiten der Kölner Industrie- und Handelskammer (IHK) in der City seine Fortsetzung fand. Dort war das Medienforum dann Partner bzw. Anhängsel der Interactive Cologne. Die Anga.com ist eine seit über zehn Jahren existierende Fachmesse für Breitband, Kabel und Satellit, auf der vornehmlich Branchenvertreter zwischen den Ständen der einzelnen Aussteller flanieren oder Rednern beim angeschlossenen Kongress lauschen. Eine Veranstaltung, bei der konkrete Inhalte und Formen des Fernsehens eine allenfalls untergeordnete Rolle spielen. Anga, das ist der Verband der deutschen Kabelnetzbetreiber.

Auf der anderen Seite ist da die Interactive Cologne, ein seit zwei Jahren existierendes Festival, das aktuelle Trends in der digitalen Welt aufzuspüren versucht und in erster Linie Kreativen und jungen Start-up-Unternehmen eine Plattform geben will. Und irgendwo zwischen Anga.com und Interactive Cologne findet sich nun das betagte Medienforum NRW. Aber als was? Als Bindeglied, als übergeordnetes Forum? Schwer zu sagen. Dem Eindruck nach, den man diesmal hatte, ist es eher ein Überbleibsel aus vergangenen Tagen, das man seitens des Landes Nordrhein-Westfalen unbedingt am Leben erhalten möchte.

Markante Profilbildung sieht anders aus

Sinnfälliger Ausdruck dieser Existenz im Zwischenraum war bereits die Unmöglichkeit, sich als Journalist für das Medienforum NRW zu akkreditieren. Auf der einschlägigen Homepage war jedenfalls kein entsprechendes Formular zu finden. Auf Nachfrage wurde einem beschieden, man solle sich einfach am Pressecounter der Anga.com melden. Das gehe dann schon klar. Ging auch. Man bekam ein Plastikkärtchen ausgehändigt, das einen als Besucher der Anga.com auswies und auf dem in einer Ecke auch noch „Medienforum NRW“ zu lesen stand.

Doch wer nun dachte, damit einen Pass für die gesamte dreitägige Veranstaltung in den Händen zu halten, sah sich am Morgen danach getäuscht. Für Tag 2 des Medienforums in der IHK musste man sich wiederum an einem Counter anstellen, um diesmal ein Kärtchen zu ergattern, das einen zum Besuch der Interactive Cologne und somit auch zum Dabeisein am zweiten und dritten Tag des Medienforums NRW berechtigte. Markante Profilbildung sieht irgendwie anders aus.

Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) gab sich am 9. Juni in ihrer Eröffnungsrede des Medienforums 2015 gewohnt kämpferisch, erklärte die Netzneutralität für unabdingbar, forderte den Verzicht auf Werbung und Sponsoring bei den Öffentlich-Rechtlichen und die Abschaffung der Sieben-Tage-Regel, derzufolge die meisten Programme von ARD und ZDF nur eine Woche nach der linearen Ausstrahlung in den Mediatheken verbleiben dürfen. Für die letzteren beiden Punkte hatte sich die Landesmutter bereits in den vergangenen Jahren an selber Stelle stark gemacht, ohne dass ihre Forderungen nennenswerte Konsequenzen gehabt hätten. Aber schließlich verglich Kraft die Vorhaben auch mit dem „Bohren ganz dicker Bretter“.

Allgegenwärtig aber abwesend: Netflix

Zuvor hatte Anga-Präsident Thomas Braun in seiner Begrüßungsansprache bereits den deutschen Regulierungswahn seitens der Politik angeprangert und von einer „unseligen Debatte“ um die Netzneutralität gesprochen. Und in seiner Rede fiel auch schon der Name jenes US-amerikanischen Unternehmens, das über die nächsten Tage auf vielen Podien die Diskussionen beherrschte: Netflix. „Wenn wir“, so Braun, „bei neuen TV-Formen wie Multiscreen, TV Everywhere und zeitversetztem Fernsehen in diesem Tempo weitermachen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn eine Vielzahl der Fernsehkunden tatsächlich komplett zu Online-TV-Angeboten aus Kalifornien wechselt.“

Netflix, der Streaming-Anbieter aus Los Gatos, der 1997 als Online-­Videothek startete und später auch ins Produktionsgeschäft einstieg („House of Cards“), bietet seit September vorigen Jahres seine Streaming-Dienste auch deutschen Abonnenten an (vgl. FK 38/14). Anders als Konkurrenten wie Maxdome oder Watchever setzt Netflix dabei nicht auf Kinofilme, sondern vor allem auf internationale TV-Produktionen. Weltweit hat das Unternehmen damit inzwischen mehr als 60 Mio Kunden gewonnen und auch in Deutschland erfreut sich das Angebot wachsender Beliebtheit, vor allem bei jüngeren Zuschauern, unter denen es einfach9 als cool gilt, eine monatliche Flatrate zu haben und dafür auch zu zahlen. Womit Netflix zumindest in dieser Zielgruppe zu einem ernsthaften Konkurrenten für die deutschen Betreiber von Kabel- und Satellitenfernsehen mit ihren Bezahlangeboten geworden ist.

ARD/ZDF-Jugendangebot: Wie wär’s mit YouFlix?

Für ZDF-Intendant Thomas Bellut besteht in dieser Hinsicht indes kaum Anlass zur Sorge. Er beneide Netflix zwar um die tolle Software, erklärte er in einer Diskussionsrunde, doch auf die Nutzung der ZDF-Programme habe die US-Konkurrenz bislang keinen messbaren Einfluss. Schließlich sei das Angebot an deutschen Serien und Filmen bei Netflix sehr überschaubar und der größte Teil der Zuschauer des Zweiten bevorzuge nach wie vor das klassische lineare Fernsehen. Was nicht verwunderlich ist, wo doch der Altersdurchschnitt des ZDF-Publikums inzwischen bei über 60 Jahren liegt. Fans von Carmen Nebel werden deren Show kaum irgendwo auf einem Tablet als Livestream verfolgen oder später in der Mediathek abrufen. ZDF-Sendungen wie die „Heute-Show“ oder das „Neo Magazin“ haben allerdings, wie Bellut einräumte, schon heute oft mehr Zuschauer im Netz als bei der linearen TV-Ausstrahlung. Dass sich diese Nutzer, die damit aufwachsen, alle Medien jederzeit und überall verfügbar zu haben, mit zunehmendem Alter irgendwann dem klassischen Fernsehen zuwenden könnten, hält auch der ZDF-Intendant für illusorisch.

Ob diese Klientel nun mit dem neuen Online-Jugendangebot zu ködern ist, mit dem ARD und ZDF 2016 gemeinsam an den Start gehen wollen, bleibt abzuwarten. Nach langen Debatten um einen (linearen) öffentlich-rechtlichen Jugendfernsehkanal mit crossmedialen Möglichkeiten war von der Politik bekanntlich beschlossen worden, das neue Jugendangebot lediglich im Netz stattfinden zu lassen. Das Ganze hat zwar noch keinen Namen (wie wär’s mit YouFlix?), aber mit Florian Hager bereits einen Programmgeschäftsführer. Doch der mühte sich auf dem Medienforum in Köln vor allem, den Ball flachzuhalten.

Er habe derzeit noch keinen einzigen Angestellten, aber viele Chefs, ließ der zuvor bei Arte tätige Hager wissen, und zudem sei das Jugendangebot noch gar nicht offiziell in Auftrag gegeben. Hinsichtlich der inhaltlichen Ausrichtung deutete er jedoch an, dass man sich dabei von klassischen TV-Formaten lösen wolle. Allzu hip solle das Programm, für das ARD und ZDF insgesamt 43,7 Mio Euro pro Jahr zur Verfügung stellen, aber auch nicht werden, es solle jedenfalls eine eindeutig öffentlich-rechtliche Handschrift tragen. Wichtig sei für die Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen vor allem Authentizität. Dass dieses Schlagwort auch regelmäßig fällt, wenn Experten den Erfolg von YouTube-Stars zu erklären versuchen, dürfte kein Zufall sein.

Schönenborn: Vielleicht zu viel „Fernsehen für Zeitreiche“

Über einer anderen Diskussionsrunde schwebte einmal mehr der Geist von Netflix, auch wenn auf keinem der Podien des Kölner Dreier-Kongresses ein Vertreter des Unternehmens auftrat. Hatte man seitens der Organisatoren niemanden eingeladen oder war den Kaliforniern der Medienstandort NRW womöglich doch nicht sonderlich wichtig erschienen? Wie auch immer. Jedenfalls erklärte Lutz Marmor, NDR-Intendant und amtierender ARD-Vorsitzender, er sei für eine möglichst große Verbreitung öffentlich-rechtlicher Programme und habe grundsätzlich nichts dagegen, auch mit kommerziellen Online-Diensten wie Netflix zusammenzuarbeiten, sofern die Bedingungen stimmten.

Warum sich jüngere Zuschauer deutsches öffentlich-rechtliches Fernsehen, das sie zunehmend weniger interessiert, gegen Gebühr bei einem amerikanischen Streaming-Anbieter anschauen sollten, bleibt indes mehr als fraglich. WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn zeigte sich auf demselben Podium vom Hype um Netflix eher irritiert. „Ich höre, dass die ziemliche Verluste schreiben“, erklärte er. Und für die jüngste Ankündigung des Unternehmens, jährlich 320 Stunden eigenes Programm produzieren zu wollen, habe er nur ein müdes Lächeln übrig. So viel verantworte er als Fernsehfilmkoordinator der ARD schließlich ganz allein.

Statt ängstlich auf die Konkurrenz aus Übersee zu schielen, plädierte Schönenborn dafür, die eigenen Programme für jüngere Zuschauer attraktiver zu machen. Für den WDR räumte er ein, in der Vergangenheit vielleicht zu viel „Fernsehen für Zeitreiche“ gemacht zu haben, „die den ganzen Tag vor dem Fernseher“ säßen und damit für ordentliche Marktanteile sorgten. Doch der Rundfunkauftrag für die Öffentlich-Rechtlichen verlange schließlich, „Programme für alle und nicht nur für Senioren“ zu machen. Das Dritte Programm WDR Fernsehen, so Schönenborn, erreiche heute rund eine Million Menschen weniger als noch vor zehn Jahren und diese vornehmlich jüngeren Zuschauer wolle er zurückgewinnen.

Das sind markige Worte und erstaunliche Einsichten eines Mannes, der schließlich nicht erst seit gestern in leitenden Positionen (zuletzt als Chefredakteur) Fernsehsendungen des WDR verantwortet, der größten Landesrundfunkanstalt der ARD. Doch für Fans von „Schönes NRW“ und anderen heimattümelnden Formaten des WDR dürfte kaum Anlass zur Sorge bestehen. Die angekündigte Revolution wird auf dem Bildschirm so schnell keinen Niederschlag finden. Auch wenn Projekte wie unlängst der Multimedia-Abend „Supernerds“ (vgl. MK 12/15) erkennen lassen, dass man gewillt ist, zumindest hin und wieder auch mal nicht auf Einschaltquoten zu schielen.

Natürlich waren neben Netzbetreibern und Senderverantwortlichen auch die Produzenten in Köln vertreten, um in erster Linie einmal mehr ihr Leid zu klagen. So etwa Ufa-Chef Wolf Bauer, der kundtat, die kreativen Leistungen seiner Branche würden von den Auftraggebern immer schlechter entlohnt. Vor allem das Risiko für entwickelte Projekte, die es dann aber doch nicht auf den Bildschirm schafften oder mangels Quote schnell wieder abgesetzt würden, trage in erster Linie der Produzent. Auch die kostenlosen Mediatheken sind Bauer ein Dorn im Auge. Schließlich bekämen die Unternehmen dafür keinen Cent mehr. Stattdessen hätten sie noch größere Probleme, ihre Produktionen durch andere Verbreitungsformen zu rekapitalisieren. Einer Aufhebung der Sieben-Tage-Regelung, wie sie Hannelore Kraft gefordert hatte, erteilte Wolf Bauer eine entschiedene Absage. Letztlich gehe es darum, den Produzenten mehr Verwertungsrechte an ihren Programmen zu überlassen, wenn man nicht die ganze Branche gefährden wolle. Nur so könne man auch mit neuen Anbietern wie Netflix zusammenarbeiten, die zwar die Rechte für gleich zwanzig Jahre für sich reklamierten, dafür dann jedoch einen ordentlichen Preis zahlten.

Eröffnungsreden, Grußworte, Danksagungen

Bauers Kollege Christian Franckenstein, Geschäftsführer der Bavaria Film, teilte zwar dessen Einschätzung der Lage, erklärte in Köln, neben gängigen Serienformaten wie „Sturm der Liebe“ (ARD) und „Die Rosenheim-Cops“ (ZDF), die nun mal das Brot- und Buttergeschäft seien, auch über die Produktion einer eigenen High-End-Serie mit internationalen Partnern nachzudenken, die sich dann auch weltweit vermarkten lasse. Und natürlich erwähnte auch Franckenstein in diesem Zusammenhang den Namen Netflix.

Nach drei Tagen Medienforum NRW, während der es viel (nicht unbedingt Neues) zu hören, aber wenig zu sehen gab, fällt die Bilanz durchwachsen aus. Die Relevanz der frühen Jahre, in denen die Veranstaltung ein Gipfeltreffen sämtlicher Medienoberen war, ist schon etwa länger dahin. Nicht zuletzt deshalb, weil inzwischen jede mittlere Kleinstadt irgendwelche Medientage veranstaltet. Und der überregionalen Presse war auch das diesjährige Medienforum NRW kaum eine Zeile wert. Auf der anderen Seite kann man der Film- und Medienstiftung NRW, die das Forum seit 2013 federführend verantwortet, doch attestieren, für eine gewisse Belebung gesorgt zu haben, nachdem die Veranstaltung zuvor unter der Leitung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) in eine ziemliche Belanglosigkeit abgedriftet war.

Dennoch erscheint die jetzige Verzahnung mit der Anga.com und der Interactive Cologne als eine durchaus problematische Krücke. Als Besucher hatte man stets drei Kataloge im Gepäck, in denen man sich die jeweiligen Veranstaltungen immer wieder heraussuchen musste. Und die Vielzahl an Eröffnungsreden und Grußworten von Landes- und Lokalpolitikern und Wirtschaftsvertretern zu jeder einzelnen Veranstaltung, die unisono das „Medien-Epizentrum NRW“ (resp. Köln) beschworen und den Sponsoren dankten, machten die Sache nicht weniger ermüdend. Wenn das Medienforum NRW als überregionale Fachtagung auch künftig eine Rolle spielen will, wäre da dringend eine Reprofilierung vonnöten.

02.07.2015/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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