Bis hin zur Paranoia

Interview mit Lutz Hachmeister zum Film „The Real American – Joe McCarthy“

Von René Martens
20.01.2012 •

Seit dem 12. Januar 2012 läuft in den hiesigen Kinos das von ZDF und Arte koproduzierte Doku-Drama „The Real American – Joe McCarthy“ („Der wirkliche Amerikaner – Joe McCarthy“). Regie führte bei dem Film, der später auch im Fernsehen ausgestrahlt wird, Lutz Hachmeister. Der als Kommunistenjäger zu fragwürdiger Berühmtheit gelangte US-Senator McCarthy erwies sich in den frühen 1950er Jahren als einer der ersten populistischen Politiker, der begriffen hatte, wie sich das Fernsehen als Instrument der Propaganda und der Selbstinszenierung zum Helden der Nation nutzen lässt. Unter anderem aus diesem Grund widmete sich der Medienforscher Hachmeister dem kurzen Leben McCarthys. „The Real American – Joe McCarthy“ ist seine erste Produktion, in der er Spielfilm-Elemente verwendet. Lutz Hachmeister, geb. am 10.9.1959 in Minden, ist Direktor des im September 2005 von ihm gegründeten Instituts für Medien- und Informationspolitik (IfM). Er hat bereits mehrere Dokumentarfilme über Politiker und Manager gedreht, darunter die mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Produktion „Schleyer – Eine deutsche Geschichte“ (ARD/NDR/WDR, 2003), „Das Goebbels-Experiment“ (ZDF/Spiegel TV/BBC, 2005) und „Auf der Suche nach Peter Hartz“ (ARD/SWR/NDR/3sat, 2011). Für die „Funkkorrespondenz" (inzwischen „Medienkorrespondenz“) sprach unser Mitarbeter René Martens mit Lutz Hachmeister über dessen McCarthy-Film. • FK

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FK: Herr Hachmeister, nach Joseph Goebbels, über den Sie 2005 die Dokumentation „Das Goebbels-Experiment“ gedreht haben, widmen Sie sich mit Joe McCarthy nun erneut einer propagandapolitisch einflussreichen Figur. Obwohl sich diese Personen politisch überhaupt nicht vergleichen lassen: War der Impuls, sich mit ihnen zu beschäftigen, ähnlich?

Hachmeister: Vielleicht habe ich eine Vorliebe für diesen Typ des medienbegabten Aufsteigers. Aber Goebbels hatte seinen Führer, McCarthy nicht. Er war ein wirklicher Selfmade-Man. Was McCarthys historische Bedeutung angeht, muss man differenzieren: Sein Einfluss beschränkt sich auf die Zeit zwischen 1950 und 1954, danach hat er bis zu seinem Tod 1957 noch im US-Senat gesessen, ohne dass er weiter ernst genommen worden wäre. Bemerkenswert ist, dass sein Name auch für die Verfolgung von Kommunisten und Liberalen in Phasen steht, in denen er gar keinen Einfluss hatte. Der Begriff „McCarthyismus“ wird sogar rückwirkend für Vorgänge in der Zeit vor 1950 angewandt.

FK: Insofern ist dieser weit verbreitete Begriff also eigentlich irreführend.

Hachmeister: Ja. Doch immerhin war McCarthys Wirkung in diesen gut vier Jahren so groß, dass er der einzige US-Politiker war, der es geschafft hat, einen „-ismus“ zu prägen. Von einem Nixonismus oder Kennedyismus ist beispielsweise nie die Rede gewesen. Bei Ronald Reagan hat es wenigstens zu „Reaganomics“ gereicht. Es gibt aber, um noch einmal auf den Namen Goebbels zurückzukommen, tatsächlich einen Link zwischen NS-Verbrechern und McCarthy. Eine meiner ersten Dokumentationen habe ich über das NS-Kriegsverbrechergefängnis im oberbayerischen Landsberg gedreht; der Film lief im Januar 2002 unter dem Titel „Das Gefängnis – Landsberg und die Entstehung der Republik“ im Dritten Programm des WDR. Während der Recherchen für diesen Film las ich, dass McCarthy sich für ehemalige SS‑Führer und andere inhaftierte NS-Leute eingesetzt hatte. Weil ich herausfinden wollte, was einen amerikanischen, wenn auch konservativen Senator dazu bewegt, so etwas zu tun, hat es mich gereizt, konkret über diesen politischen Mythos zu recherchieren. Erst als ich mich mit der Biografie von McCarthy beschäftigt habe, habe ich erfahren, dass er sich mit 48 Jahren zu Tode getrunken hat. Diese Geschichte erschien mir wie eine Parabel über Populisten, über Sunnyboys, die dann abstürzen und am eingefahrenen politischen Establishment scheitern. Also eine andere Perspektive als die herkömmliche Betrachtungsweise auf McCarthy und seine Opfer.

FK: Wenn Sie bereits im Zuge der Arbeit an der Landsberg-Dokumentation auf die Idee zu einem Film über Joe McCarthy kamen – warum hat es so lange gedauert, bis Sie dieses Projekt umsetzen konnten?

Hachmeister: Es war wie so oft: Es gibt andere Projekte, die man vorzieht, oder man braucht längere Zeit, um die Finanzierung sicherzustellen. „The Real American“ ist über einen Zeitraum von sechs Jahren zustande gekommen und es war längere Zeit, auch nach der Förderzusage durch die Filmstiftung NRW, nicht klar, auf welches Gesamtbudget wir kommen würden. Nachdem das ZDF eine Anfangsfinanzierung sichergestellt hat – damals Hans Janke, Günther van Endert und Donald Jenichen –, haben wir die ersten Interviews mit Zeitzeugen in den USA gemacht, mit Henry Kissinger und mit Ben Bradlee, dem Vizepräsidenten der „Washington Post“, der trotz seiner 90 Jahre noch fast jeden Tag in seinem Büro auftaucht.

FK: War McCarthy so etwas wie ein medialer Pionier?

Hachmeister: Er war sicher einer der Ersten, der die Nachrichtenagenturen, die Hauptstadtpresse, das Radio und vor allem das frühe Schwarzweiß-Fernsehen als Instrument der Selbstinszenierung und Themensetzung begriffen hat. Er hatte es also mit einem Medien-Mix zu tun, den es vorher so auch nicht gab. Man sieht in dem Film zudem, wie McCarthy Journalisten zu sich nach Hause einlädt, um für sie Spaghetti zu kochen. McCarthy hat sich komplett als öffentliche Figur inszeniert. All das, was man heute in großer Potenz vielleicht dem Facebook-Zeitalter zuschreiben würde, also das Veräußern des Privaten in einem sehr starken Maß, das hat er in den 1950er Jahren schon vorexerziert. Sehr intuitiv, er hatte zwar ein paar Redenschreiber, aber keinen Spin-Doctor oder Medienberater.

Die Entdeckung
der Fernsehpolitshow

FK: McCarthys Verhöre mutmaßlicher Kommunisten wurden im Fernsehen übertragen. Waren sie dort live zu sehen?

Hachmeister: Es lief nicht alles live, weil das technisch natürlich sehr viel komplizierter war als heute. Ironischerweise kulminiert das Ganze, als McCarthy in den Army-Hearings 1954 selbst zum Angeklagten wird. Das war die Entdeckung der Fernsehpolitshow, und es gibt einige interessante Analysen von Marshall McLuhan dazu. McCarthy selbst war eine im Fernsehen schon sehr signifikant präsente Figur. Er hat da enorm viel von Richard Nixon gelernt. Der war ja ohnehin sein großes politisches Rollenmuster, und zwar in vielerlei Hinsicht – etwa, was den antikommunistischen Kreuzzug angeht und die taktisch geschickte Nutzung dieses Themas. Als Nixon kurzzeitig der Korruption verdächtigt wurde, hielt er im Fernsehen die sehr anrührende sogenannte „Checkers-Rede“, benannt nach seinem Cocker Spaniel. Nixon sagt in dieser Rede, dieser Hund sei das einzige Geschenk gewesen, das er je angenommen habe. Bei Richard Nixon hat sich McCarthy sehr genau abgeschaut, wie man das Fernsehen nutzen kann und wie man einen direkten emotionalen Kontakt zur Bevölkerung bekommt. Im Grunde fand er das noch viel faszinierender als die Presse, weil es dort ja immer dazwischengeschaltete Agenten oder Gatekeeper gibt. Mit dem Fernsehen eröffneten sich ganz andere Möglichkeiten. Das ist ja auch etwas, was der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder immer wieder betont hat: dass die Wahlkampfrede und das Fernsehen für populistische Politiker leichter zu managen sind als publizistische Formen, bei denen jemand dazwischenfragt und dann auch noch schreibt, was er will.

FK: Was war an den Verhören McCarthys außergewöhnlich?

Hachmeister: Im Film kommt ja heraus, dass dafür sogar geprobt wurde. McCarthy hat nicht nur sich selbst inszeniert, er hat die Sitzungen inszeniert. Er hat zunächst einmal Zeugen in nicht öffentlicher Sitzung vernommen, um sie auf ihre Kameratauglichkeit zu prüfen. Die entscheidende Frage war: Gibt der etwas her für eine spektakuläre Anschuldigung? Erst dann wurde entschieden, welche Zeugen öffentlich vorgeführt und damit eventuell auch unter Kamerabeobachtung gestellt werden. Das war strategisch schon sehr genau durchexerziert.

FK: Im Zuge Ihrer Dokumentation über Goebbels, die auf dessen Tagebüchern basiert und ohne Kommentare und Zeitzeugen-Statements auskommt, haben Sie betont, dass es hier wichtig gewesen sei, auf einen experimentellen Stil zu setzen, weil über Goebbels schon sehr viel konventionelle Filme gemacht worden seien. Welche Ambitionen hatten sie diesbezüglich beim Film über McCarthy?

Hachmeister: Die Ausgangssituation war insofern völlig anders, als es über McCarthy keinen modernen abendfüllenden Film gab – obwohl eine umfangreiche wissenschaftliche Literatur über die McCarthy-Zeit existiert. Ich wollte sehr bewusst das Genre des Doku-Dramas ausprobieren – und zwar so, dass die Spielszenen für sich stehen und eine eigenständige Qualität haben, also über die zumindest im deutschen Fernsehen üblichen Formen des Reenactments hinausgehen. Es sind profilierte Schauspieler wie John Sessions, der in Robert de Niros thematisch ähnlich gelagertem Spielfilm „The Good Shepherd“ einen russischen Doppelagenten spielt, oder Justine Waddell aus Tarsems Kinofilm „The Fall“. Als wir „The Real American“ in Los Angeles vorab gezeigt haben, haben einige Zuschauer gefragt, aus welchem Spielfilm denn die Spielszenen wären. Das war natürlich ein nettes Kompliment.

Für die Spielszenen
das Budget eines „Tatorts“

FK: Obwohl das ZDF den Film koproduziert hat, ist von deutscher Fernsehästhetik nichts zu spüren. Der „Look“ mutet international an.

Hachmeister: Ja, das war von vornherein das Ziel. Wir haben den Film inzwischen an den Smithsonian Channel verkauft, einen Sender, der ein Joint-Venture ist zwischen CBS und dem Smithsonian-Institut. Außerdem hat BBC Worldwide den Film in ihren Vertrieb aufgenommen. Offensichtlich ist uns eine internationale Anmutung gelungen, sonst wäre das nicht möglich gewesen. Natürlich hat das auch damit zu tun, dass wir den Film komplett auf Englisch gedreht haben und einige Schauspieler in Großbritannien bekannt sind. Wenn der Film keine Beachtung im angloamerikanischen Markt gefunden hätte, wäre das für mich eine Niederlage gewesen.

FK: Sie haben betont, dass sich die Spielszenen von herkömmlichen Reenactments unterscheiden sollten. Heißt das, dass für diese Szenen ein höheres Budget zur Verfügung stand als sonst üblich?

Hachmeister: Wir hatten für die Spielszenen ungefähr das Budget eines „Tatorts“. Der Film hat etwas mehr als zwei Millionen Euro gekostet, und man kann davon ausgehen, dass ungefähr 1,2 Millionen in die Spielszenen geflossen sind und der Rest in die Ablösung von Archivmaterial, Personalkosten und die Interviewreisen in die USA. Wahrscheinlich hätte ich noch mehr Spielszenen geschrieben und gedreht, und sie dann zusammen mit Hajo Schomerus, dem Kameramann, auch noch höher aufgelöst, wenn wir ein höheres Budget und mehr Drehtage gehabt hätten.

FK: Welche Ambitionen hatten Sie auf der inhaltlichen Ebene?

Hachmeister: Mir war es wichtig, die gesamte Geschichte zu erzählen, also mehr als das, was man aus den konventionellen 45-Minuten-Dokumentationen über Joe McCarthy kennt. Ihn in den Mittelpunkt zu stellen und zum Teil seinen Befindlichkeiten zu folgen, das ist vielleicht die größte Nähe zu dem Goebbels-Film – dass ich sehr nahe an der Hauptfigur bleibe und nicht von oben herab kommentiere, ist dabei für US-Verhältnisse sehr ungewöhnlich. Es sollte auch klar gezeigt werden, wie McCarthy von der Eisenhower-Administration ausgeschaltet wird. Ich hatte während der sechs Jahre, die wir an dem Film gearbeitet haben, aber immer die Befürchtung, dass plötzlich Oliver Stone sich des Themas annimmt.

FK: Wie kommen Sie darauf?

Hachmeister: Er hat vor zirka zwei Jahren eine zehnteilige, bisher noch nicht ausgestrahlte Fernsehserie namens „Oliver Stone‘s Secret History of America“ angekündigt, in der es unter anderem um Hitler, Stalin, Mao und McCarthy gehen soll. Das fand ich sehr skurril, denn in diese Reihe würde ich McCarthy dann doch nicht einordnen. McCarthy hat die politischen Dimensionen seines Handelns komplett unterschätzt, er war ein Populist, der wie ein Komet aus dem Nichts kam, nur drei, vier Jahre die Öffentlichkeit geprägt hat und dann wieder verschwand. Dagegen gehen Populisten vom Schlage Hitlers – abgesehen davon, dass ein politischer Vergleich abwegig ist – ihre Vorhaben langfristiger an und bauen Machtpositionen viel strategischer auf. Das sind schon zwei ganz unterschiedliche Klassen von Populisten. Wir können auch Silvio Berlusconi ins Feld führen, der sich wirklich lange gehalten hat. Populismus ist ja eine Spielart des Politischen, die durchaus ernst zu nehmen ist. Wenn er funktionieren soll, braucht man aber auch einen realpolitischen Unterbau, man muss auch auf klassisch politische beziehungsweise politisch-ökonomische Koalitionen achten. Das trifft auf Berlusconi sicherlich zu, das trifft auf Hitler zu, doch dafür war McCarthy weder intelligent noch radikal genug. Als er ab 1952/1953 begann, das eigene Lager gegen sich aufzubringen, weil er die Armee, die Regierung und die CIA als kommunistisch infiltriert bezeichnet hatte, hatte er keinerlei politischen Rückhalt. Es ist also logisch, dass er an seinem Populismus auch gescheitert ist.

FK: Warum gab es bisher eigentlich keinen, wie Sie sagen, „abendfüllenden Film“ über McCarthy?

Hachmeister: Ich kann darüber nur spekulieren. Henry Kissinger sagt ja in meinem Film, dass Richard Nixon viel gelesen und sich in Büchern Auszüge unterstrichen hat, während McCarthy kein einziges Buch zu Hause hatte. Nixon gilt möglicherweise deshalb auch als eine faszinierende intellektuelle Figur, während McCarthy als das reine amerikanische Böse wahrgenommen wird. Vielleicht verkörpert er das derart signifikant, dass es Barrieren gab, sich dieser Person zu nähern. Es gibt über McCarthy übrigens ein US-Fernsehspiel aus den 1970er Jahren, „Tail Gunner Joe“, das ihn aber eher karikiert.

Er lieferte den Journalisten
fast täglich Schlagzeilen

FK: Sie haben mehrmals betont, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem realen Einfluss McCarthys und der Bedeutung, die ihm heute nachgesagt wird. Kann man im Nachhinein sagen, dass seine Gegner in gewisser Hinsicht auf ihn und seine Inszenierungskünste hereingefallen sind und ihn größer gemacht haben, als er war?

Hachmeister: Vor allem haben ihn die Journalisten berühmt gemacht, weil er ihnen fast täglich Schlagzeilen lieferte. Es gab aber auch schon sehr früh publizistischen Widerstand gegen McCarthy und seine Methoden, etwa vom Nachrichtenmagazin „Time“ oder dem damals einflussreichen Kolumnisten Drew Pearson. McCarthy stand nicht allein, es gab andere Komitees des Kongresses mit ähnlichen Zielsetzungen, eine starke konservative intellektuelle Bewegung und sicherlich eine generelle Abneigung gegen Kommunisten, bis hin zur Paranoia oder den Analogien mit extraterrestrischen Invasoren. Dass da Furcht und Schrecken verbreitet wurden, will ja auch „The Real American“ nicht kleinreden.

FK: Nur eine Woche nach dem Start Ihres Films ist in den hiesigen Kinos jetzt auch Clint Eastwoods Hollywood-Spielfilm „J. Edgar“ angelaufen, ein Biopic über den 1972 verstorbenen FBI-Gründer J. Edgar Hoover. War der in seinem Antikommunismus mit McCarthy vergleichbar?

Hachmeister: Ja. Hoover war die einflussreichere und abgründigere Figur. Entscheidender ist in diesem Zusammenhang aber etwas anderes: Der Clint-Eastwood-Film belegt, dass in den USA derzeit ein Interesse besteht, sich mit amerikanischen Politik der 1950er Jahre zu beschäftigen, mit den dunklen Jahren der Kommunistenverfolgung und der sexuellen Verdächtigungen, denen paradoxerweise auch McCarthy ausgesetzt war. Er hat dann ja auch seine Assistentin geheiratet, um den Gerüchten, er sei schwul, deutlich entgegenzutreten. Der 1986 an AIDS verstorbene Roy Cohn, sein wichtigster Mitarbeiter, war eindeutig homosexuell. Diese paradoxen Identitäten in Zeiten, in denen man es öffentlich noch dramatisch ableugnen musste, homosexuell veranlagt zu sein, diese Kombination also von Privatem und Politischem – das ist natürlich für Journalisten und Filmemacher außerordentlich spannend.

FK: Abgesehen davon, dass Clint Eastwood mit seinem Film über J. Edgar Hoover ebenfalls gerade die Thematik entdeckt hat: Aus welchen Gründen passt „The Real American“ noch in die heutige Zeit?

Hachmeister: Dass 2012 keine schlechte Zeit für diesen Film ist, sieht man auch an den Diskussionen über die rechtskonservative Tea Party und die skurrile momentane Präsidentenkandidatensuche der Republikanischen Partei, die sich ja noch einige Monate hinziehen wird. Da gibt es einige Bewerber, die McCarthy in der Art, wie sie sich im Fernsehen inszenieren, sehr nahe kommen – ohne jetzt monomanisch fixiert zu sein auf ein Thema, weil die Islamisten dann doch nicht so catchy sind wie die Kommunisten in den 1950er Jahren. Solche Analogien sind in den USA beim Thema McCarthy immer präsent.

FK: In Ihrem Film behauptet die Bestsellerautorin und Kolumnistin Ann Coulter, die als Verfechterin rechter Positionen Dauergast in US-Talksendungen ist, das öffentliche Bild von McCarthy sei komplett falsch. Ist das eine Minderheitenposition?

Hachmeister: Nicht nur Ann Coulter sagt das. Bei den Republikanern gibt es einige, die McCarthy zu rehabilitieren versuchen. Mit dem Argument: ’Okay, die Methoden waren vielleicht kritikabel, aber im Prinzip lag er richtig.’

Wenn ein Politiker im
Fernsehen angetrunken wirkt

FK: Der Watergate-Enthüller Carl Bernstein bezeichnet McCarthy in Ihrem Film als „Märchenonkel und Alkoholiker“. Wenn man heute die Archivbilder der öffentlichen Auftritte betrachtet, die Sie ausgewählt haben, sieht man McCarthy den Alkoholismus deutlich an. War es damals egal, wenn ein Politiker im Fernsehen einen verkaterten bis angetrunkenen und somit leicht derangierten Eindruck hinterließ, oder hat man das gar nicht wahrgenommen?

Hachmeister: Ich glaube, das war stärker akzeptiert als heute. Es gab die Tradition des Two-Drink-Lunch, zu der gehörte, dass zum Mittagessen zwei harte Martinis getrunken wurden, was umgerechnet, soweit ich das beurteilen kann, acht bis zwölf Schnäpse sind. Da würden heute selbst hartgesottene Politiker den Nachmittag nicht überstehen.

FK: Zum Ende des Films gibt es eine Szene, in der McCarthy sagt, sein Arzt habe ihm verboten, auch nur noch ein weiteres Glas Alkohol zu trinken, andernfalls werde er sterben. Dann trinkt er auf Ex ein Glas Wodka aus. Ist es erwiesen, dass McCarthy gezielt Suizid durch Alkohol begangen hat?

Hachmeister: Ja. Das sagt in dem Film auch Thomas Reeves, der profilierteste McCarthy-Biograf. Übrigens kein linker, sondern ein liberal-konservativer Historiker.

FK: War McCarthy depressiv?

Hachmeister: Ich bin kein klinischer Psychologe, aber es gibt bei ihm sehr starke Anklänge an eine manisch-depressive Figur. Nach außen gibt er immer den fröhlichen, trinkfesten Kumpel, und dann merkt er auf einmal, wie ihm jegliche politische Basis entzogen wird und die eigene Partei und auch die Regierung mit harten Mitteln gegen ihn vorgehen. Die CIA wird ja richtiggehend eingespannt, um ihn zu erledigen, nachdem er angedroht hatte, die CIA ebenfalls ins Visier zu nehmen. Das war ein harter politischer Kampf, den McCarthy nicht bestanden hat. Dafür war er nicht ausgebufft genug. Er blieb dann doch der Farmerjunge aus Appleton, Wisconsin.

FK: Wissen Sie schon, wann in etwa der Film im Fernsehen ausgestrahlt wird?

Hachmeister: Es gelten die üblichen Sperren wegen der Kinoauswertung. Dann gibt es die Fernsehpremiere bei Arte, aber sicherlich nicht vor Herbst dieses Jahres, und danach wird der Film im ZDF gezeigt.

(MK; erschienen damals in „Funkkorrespondenz“ Nr. 3/2012)

20.01.2012/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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