„Im Schattenreich der Leichtathletik“: Hajo Seppelts für große Aufmerksamkeit sorgende ARD-Dokumentation über Doping

06.08.2015 •

Für große Aufmerksamkeit in der Fachwelt sorgte die Dokumentation „Geheimsache Doping: Im Schattenreich der Leichtathletik“ von Hajo Seppelt, welche die ARD am 1. August (Samstag, 17.05 Uhr) in ihrem Ersten Programm ausstrahlte und die in der ARD-Mediathek weiterhin abrufbar ist. Denn die von der 'ARD-Dopingredaktion' verantwortete Recherche legte starke Hinweise dafür vor, dass in der Leichtathletik nicht nur in Einzelfällen, sondern wohl über längere Zeiträume und in manchen Ländern systematisch gedopt wird.

Zu Beginn seiner Dokumentation erinnerte Seppelt daran, dass er vor einem halben Jahr in einem ersten Film zum Thema ein russisches Ehepaar vorgestellt hatte, das systematisches Doping im russischen Leichtathletikverband mitgemacht und miterlebt hatte. Sie als Leichtathletin und er als Kontrolleur. Erst durch das Geständnis dieser mittlerweile im Westen lebenden Kronzeugen, die auch verdeckt aufgenommenes Material (Bild- und Tonaufzeichnungen) mitgebracht hatten, war es erstmals möglich, die Systematik von Doping und Dopingverschleierung offenzulegen.

Im neuen Film geht es nur anfangs um die russische Leichtathletik, als Seppelt mit verdeckt aufgenommenen Bildern belegt, dass die im ersten Film verdächtigten Trainer zwar nicht mehr im Vordergrund, aber im Hintergrund weiter die Fäden bei wichtigen Wettkämpfen ziehen. In der Dokumentation geht es im Wesentlichen um zwei Aspekte: zum einen um Doping in Kenia, vor allem unter den Langstreckenläufern. Zum anderen um eine interne Datenbank des Internationalen Leichtathletikverbandes (IAAF), die verdächtige Werte vieler Leichtathleten seit mehr als zehn Jahren enthält.

Seine Recherche in Kenia beginnt Seppelt mit dem Tod eines Leistungssportlers. Der Journalist vermutet als Todesursache die Einnahme von EPO, einem der bekanntesten Dopingmittel. Seppelt spricht mit Bekannten des Toten und mit Ärzten. Am Ende kann er seine Vermutung zwar nicht beweisen, aber alles – so sein Off-Kommentar – spräche dafür. Eine ähnliche Argumentationsweise durchzieht den ganzen Film. Seppelt kann für seine zahlreichen Vermutungen und Annahmen keine letztgültigen Beweise vorlegen, aber er weckt starke Zweifel an dem, was die Leichtathletik und deren Verbandsfunktionäre von ihrem Sport behaupten, dass nämlich alles ordnungsgemäß ablaufe.

In Kenia begleitet Hajo Seppelt mit versteckter Kamera einen britischen Amateurläufer, der mit einem in Sportkreisen bekannten Arzt zu tun hat, der ihm nicht nur EPO verkauft, sondern auch noch mit Ratschlägen versieht, wie er dieses Dopingmittel einsetzen soll, um bei den Kontrollen unter den Mindestwerten zu bleiben. Wie das in Kenia selbst funktioniert, legt eine des Dopings überführte Sportlerin nahe, die im Interview erklärt, dass es dort in der Regel bei den Dopingkontrollen keine Bluttests gebe; mit den klassischen Urinproben lässt sich EPO aber nicht nachweisen. Seppelt legt nach: Es hat den Anschein, als könnten überführte Sportler Sperren umgehen, indem sie Funktionäre des kenianischen Verbands bestechen. Damit nicht genug, deutet der Rechercheur an, dass die Spitze dieses Verbands Sponsorengelder für private Zwecke abzweige.

Diese Recherchereise zeigt zugleich die Stärke und die Schwäche des Vorgehens von Seppelt: Mit der versteckten Kamera liefert er handfeste Beweise für den laxen und deutlich auch routinisierten Umgang mit Dopingmitteln. Aber das reicht ihm nicht. Er muss dem Verband, der das nicht nur nicht verhindert, sondern vermutlich auch unterstützt, gleich beim Umgang mit Sperrfristen der kleinen und im Umgang mit den Sponsorengeldern der großen Korruption zeihen. Damit entfernt er sich aber von seinem eigentlichen Thema und erschwert es den Zuschauern, konzentriert bei der ohnehin schon komplexen Doping-Problematik zu bleiben.

Kompliziert wird die Darstellung beim zweiten Hauptthema, der erwähnten IAAF-Datenbank. Der Welt-Leichtathletikverband hält die Datenbank unter Verschluss. Seppelt war sie auf einem Datenstick zugespielt worden. In der Datenbank sind die Ergebnisse von 12.000 Bluttests von 5000 Läufern dokumentiert, die zwischen 2001 und 2012 gesammelt worden waren. Eine Unmenge an Zahlen, die Seppelt – wie er im Off-Kommentar sagt – nicht selbst bearbeiten kann, weshalb er die englische Zeitung „Sunday Times“ einbezieht. Deren Redakteure arbeiten sich durch die Zahlen und reduzieren sie auf signifikante Angaben. Diese interpretieren anschließend zwei australische Wissenschaftler, ausgewiesene Blutdoping-Experten. Demnach deuten die Werte fast jedes siebten Sportlers, dessen Untersuchungsergebnisse in der Datenbank enthalten sind, darauf hin, dass er im Lauf der Jahre einmal gedopt habe. Noch extremer: Jeder sechste Gewinner einer Medaille in Ausdauerdisziplinen bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften steht nach Ausweis dieser Daten unter Verdacht, sich mit blutverändernden Mitteln gedopt zu haben.

Jenseits der Frage, ob diese Hochrechnung, die abstrakt bleibt (Namen werden nicht genannt), im Detail stimmt, kann man die Klage von Seppelt über die fehlende Entschlossenheit bei Dopingkontrollverfahren teilen. Wenn Bluttests, wie in Kenia, unterbleiben oder Tests grundsätzlich Tage vorher, wie in Russland, angekündigt werden, verliert die weltweite Kontrolle an Belang. Das bedeutet nicht nur Betrug im sportlichen Sinne, unter dem die nicht-dopenden Athleten leiden, sondern angesichts der gesundheitlichen Gefahren, die mit dem Doping einhergehen, eine enorme Gefährdung für eine gesamte Generation von Sportlern in bestimmten Ländern.

Am Ende seiner insgesamt 55-minütigen TV-Dokumentation deutet Seppelt an, dass das Medium, in dem er seine Kritik vorträgt, an alldem zumindest nicht unschuldig ist. Er verweist auf die am 22. August beginnende Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Peking. Zu ihren „spektakulären Bilder“ sagt er: „Dass man ihnen trauen darf, ist höchst fraglich.“ Diese Schlussfolgerung ist ungenau. Den Bildern kann man natürlich trauen. Sie bilden die Leistungen der Sportler ab, wie sie real geschehen. Aber worauf diese Leistungen beruhen, zeigen sie nicht. Aber das ist immer so: Live-Bilder verraten nichts über das Doping, aber auch nichts über das Training, die Lebensverhältnisse, die Bezahlung von Athleten. Sie täuschen, weil sie nichts als das Ereignis selbst zeigen.

Seppelts Recherche ist verdienstvoll. Die filmische Umsetzung ist nur bedingt gelungen. Der Journalist verzettelt sich, wie beschrieben, begeht Nebenwege, die nichts als seine Anstrengungen illustrieren sollen, und erwähnt im Sinne einer Reisekostenabrechnung, wo er überall drehte. Er raunt davon, ihm werde permanent Material zugespielt, anonym zugesandt oder aber auch verkauft („genügend Bargeld habe ich dabei“). Und er muss sich in seinem Film permanent selbst im Bild zeigen: am heimatlichen Computer, im Gegenschuss bei Interviews und bei nachgestellten Szenen, in denen er das zugespielte, zugesandte oder gekaufte Material betrachtet. Diese Selbstdarstellung ist zum einen dem Mangel an Bildern geschuldet. Zum anderen hat sie aber auch etwas mit dem Unsinn des Fernsehens zu tun, jedwede Berichterstattung extrem zu personalisieren. Und so muss Hajo Seppelt, der nun nicht gerade der beste Selbstdarsteller ist, vor die Kamera, wo er ein eher unglückliches Bild abgibt.

Der Welt-Leichtathletikverband wies selbstverständlich alles zurück und drohte der ARD Klagen an. Eine weniger juristische denn rhetorische Geste. Der Sender solle sich – so könnte man diese Geste deuten – bewusst werden, dass man zukünftig Übertragungsrechte ja an Bedingungen knüpfen kann, zu denen das Schweigen über Probleme und Konflikte dazugehört. Der Kauf der Übertragungsrechte von Sportgroßereignissen könnte man glauben, erhielte so nun neben der ökonomischen noch eine journalistisch-ethische Dimension. Doch die hat schon immer dazugehört, man hat nur über sie hinweggesehen.

06.08.2015 – Dietrich Leder/MK