So einen WDR möchte ich nicht

Wider die Abhängigkeit von der Quote: Zum Streit um das Kulturradio WDR 3

Von Richard David Precht

04.05.2012 • Der Streit um die Reform des Kulturradios WDR 3 und dessen befürchtete Verflachung (vgl. FK-Hefte Nr. 9/12 und 10/12) hält an. Am Sonntag, den 22. April 2012, fand im DGB-Haus in Köln ein dreieinhalbstündiges „öffentliches Arbeitsgespräch über ein kommendes Kulturradio“ statt. Gemeinsame Veranstalter waren die Gewerkschaft Verdi und die „Initiative für Kultur im Rundfunk – Die Radioretter“, die maßgeblich den Protest gegen die Reformpläne der WDR-Führung organisiert. Zentrale Bestandteile des Arbeitsgesprächs waren Referate von Gerhart Baum (Vorsitzender des Kulturrates NRW), Mathias Greffrath (Publizist), Burkhard Baltzer (Chefredakteur der Verdi-Zeitschrift „Kunst und Kultur“), Rainer Marquardt (Kultur- und Wissenschaftsredakteur beim WDR-Hörfunk) und Richard David Precht (Publizist und Philosoph). Die FK dokumentiert im Folgenden – in für die Druckfassung leicht überarbeiteter Form – das komplette Referat von Richard David Precht. Der Protest gegen die WDR-3-Reform geht weiter. Als nächste Veranstaltung der „Radioretter“-Initiative gibt es eine öffentliche Diskussion im Kölner Schauspielhaus am Mittwoch, den 9. Mai, ab 20.00 Uhr unter dem Thema „Rettet das Kulturradio jetzt!“. Zu dieser Diskussion ist auch WDR-Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz als einer der Teilnehmer angekündigt. Die „Radioretter“ und ihre Unterstützer hoffen bezüglich der geplanten WDR-3-Reform auf ein Moratorium. Die Entscheidung darüber soll auf der WDR-Rundfunkratssitzung Ende Mai fallen. Es ist dieselbe Sitzung, auf der den Planungen zufolge auch WDR-Intendantin Monika Piel für eine zweite Amtszeit wiedergewählt werden soll. Piel hatte auf der Rundfunkratssitzung am 16. April 2012 erklärt, dass die WDR-3-Reform ohne Zustimmung des Gremiums nicht umgesetzt werde. • FK

* * * * * * * * * *

Ich sitze hier aus tiefer Empörung, lang angeschwollener tiefer Empörung – und bin weder Mitarbeiter des WDR noch inoffizieller Mitarbeiter des WDR. Das heißt, ich habe hier eigentlich überhaupt keine Aktien drin, außer meiner Empörung. Und trotzdem ist diese Empörung ziemlich stark, und sie bezieht sich nicht nur auf die Programmreform bei WDR 3, sondern sie bezieht sich auf die gesamte Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Und wir haben es hier mit einem kleinen, signifikanten Teilbereich zu tun, weil dieses scheibchenweise Beschneiden und dieses scheibchenhafte Verwandeln von Informationen in Infotainment und das Formatieren und Formalisieren von Programmen und das Entflechten von Kompetenzen, was letztlich dazu führt, dass Hierarchien stärker durchdesignt werden – weil all diese Entwicklungen erleben wir nicht nur beim WDR, sondern die erleben wir auch woanders. Und wir stellen uns die Fragen: Warum erleben wir das? Und warum ist der Protest bislang bei denjenigen, die das machen, so verhalten ausgefallen?

Wenn ich mir das alles so anhöre – es war davon die Rede, dass WDR-Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz wohl gesagt hat, er habe eine Reform „angestoßen“ in einem Programm wie WDR 3, das wiederum wirbt mit dem Slogan „Aus Lust am Hören“ –, dann entsteht da, wenn ich solche Begriffe wie „Anstoßen“ und „Lust am Hören“ in meinem Kopf zusammenziehe, so eine zweifelhafte Mischung von Jargons, angesichts der ich mich zu Beispiel frage: Wie kann man als Kulturradio eigentlich „Aus Lust am Hören“ als Motto akzeptieren, ohne dass dagegen einmal jemand aufbegehrt hätte? Es war vorhin die Rede davon: Was ist ein Kulturbegriff? Nun – was heißt eigentlich „Kultur“ ursprünglich, im lateinischen Ursprungsgebrauch? Dort bedeutet „cultura“ die Pflege des Körpers und die Pflege des Ackers. Das ist die eigentliche Bedeutung des Wortes. Bei Cicero wird das dann zum ersten Mal erweitert in Form der „cultura animi“. „Cultura animi“ ist die Pflege des Geistes. Die Pflege des Geistes oder – wie wir es moderner ausdrücken würden – die Pflege des Bewusstseins.

Nach welchen Kriterien entscheiden Programmchefs?

Kultur ist die Pflege des Bewusstseins, und die Pflege des Bewusstseins führt dazu, dass wir das Ausmaß unserer inneren Freiheiten erhöhen können. Das Ausmaß unserer inneren Freiheiten können wir nur dann erhöhen, wenn wir Abhängigkeiten verringern. Jetzt wird aber dieses Kulturradio gemacht und es wird darüber entschieden von Leuten, die selbst in ganz starken Abhängigkeiten leben. Und diese Abhängigkeiten haben erstaunlich zugenommen. Das hängt mit einem allgemeinen Problem zusammen. Der einzige Fortschritt der Menschheitsgeschichte, der irreversibel ist, ist der technische Fortschritt. Alle anderen – die moralischen, sozialen Fortschritte – können Sie kippen. Den technischen Fortschritt können Sie nicht kippen. Und der technische Fortschritt bestimmt, was an sozialem Fortschritt möglich ist und was nicht.

Auf unseren Fall übertragen geht es hier um die Quote. Die Abhängigkeit von der Quote ist eine ähnliche Abhängigkeit wie die von anderen technischen Fortschritten. Überlegen Sie mal, man würde in Deutschland folgende Alternative zur Wahl stellen: Auf was von beidem würden Sie verzichten – auf Ihr Handy oder auf Ihr Wahlrecht? Dann hätte ich enorme Angst, und zwar flächen- und generationenübergreifend, was dabei herauskommen würde. Wir haben ähnliche Abhängigkeiten von der Quote. Seit wir die Quote messen können, sind wir von der Quote abhängig. Und stellen wir uns nun einmal ein unfassbares Gedankenspiel vor, ein Gedankenspiel, das quasi aus Utopia stammt: Stellen wir uns einmal vor, wir hätten ein Quotenmoratorium und dürften, sagen wir: drei Jahre lang keine Quoten mehr messen. Das Ergebnis wäre, dass Programmchefs überhaupt keinen Orientierungspunkt mehr hätten, wie sie sich entscheiden sollen. Überhaupt keinen! Was rückwirkend zu der Frage führt: Nach welchen Kriterien haben die Programmchefs eigentlich vorher entschieden, als man noch keine Quote messen konnte? Und dann kommt man wieder zu den eigentlichen Inhalten zurück.

Heute ist es ja so: Jede Sparte, die man sich leistet, der Kulturauftrag, den man hat, die Feigenblätter, die man im Programm hat, auch die werden ja quotenmäßig einsortiert. Also auch beim Feigenblatt einer anspruchsvollen Sendung wird die Quote gemessen. Das müsste man ja eigentlich nicht machen; man macht es aber trotzdem. Die Abhängigkeit von der Quote bestimmt heute im Grunde das gesamte System. Und wehe, wenn dann wieder einmal festgestellt wird: Jetzt haben wir wieder so und so viele Zuhörer oder Zuschauer verloren ...

Der Glaube an die Quote ist eine monotheistische Religion

Nun hat die Quote eine ganz interessante Eigenschaft. Georg Simmel irrte, als er in seiner „Philosophie des Geldes“ den Satz schrieb, Geld sei die einzige Sache der Welt, deren Qualität sich allein an der Quantität bemesse. Das heißt: Die Quote des Geldes ist der einzige Erfolgsmesser für Geld. Das aber gilt für die Fernseh- und die Hörfunkquote in genau dem gleichen Maß. Das also, was Simmel über das Geld sagt, gilt insofern für die Quote – wie für alle Dinge, deren Qualität sich an der Quantität bemisst –, als es bedeutet, dass die Quote alle anderen Werte nichtet. Das können Sie daran erkennen, dass, wenn Sie nicht mehr an die Quote glauben, wenn Sie diesen Faktor herausnehmen, Sie keinen zweiten Gott mehr haben. Das heißt also: Wenn Sie jetzt drei Jahre lang keine Quote mehr messen, dann haben Sie nichts anderes, was Sie an diese Stelle setzen könnten. Der Glaube an die Quote ist eine monotheistische Religion, die keinen weiteren Gott zulässt. Und das ist sehr, sehr tief in den Gedanken der Programmchefs eben nicht nur des Privatfernsehens, sondern auch, flächendeckend, des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vorhanden.

Die Folge davon ist, dass die Macher des Programms jene inneren Freiheiten nicht haben, nicht zu schätzen wissen – und zu einem großen Teil noch nicht einmal die Programm hören, über die sie zu entscheiden haben. Und weil sie das selber in dem nötigen Ausmaß nicht mehr können, beauftragen sie andere damit. Und wie wir das zur Zeit bei den WDR-Reformen haben, beauftragen sie nicht die versammelte Kompetenz der Redakteure damit. Fragen nicht: Was würdet Ihr denn eigentlich ändern? Sagen nicht: Schreibt doch mal Wunschzettel – was findet Ihr gut, was findet ihr schlecht am Sender? Man fragt auch nicht die Hörer. Man geht auch nicht hin und macht große Befragungen im Internet: Was findet Ihr gut, was findet ihr schlecht? Nein – man beauftragt eine Unternehmensberatungsfirma.

Diese Unternehmensberatungsfirma kommt von außen ins Haus. Die hat vorher irgendeinen Schokoriegelhersteller beraten. Und die sagt nun als erstes einmal: Eine klar erkennbare Marke erkennt man an sauberen Anfangszeiten. Da muss dann also alles durchdesignt werden bis zum Geht-nicht-mehr, es muss in der Verpackung schön aussehen. Aber die Leute, die das machen, sind Leute, die auch kein WDR 3 hören. Und denen das sogar fern ist. Das heißt, wir haben es hier quasi mit Menschen zu tun, die innerlich vollkommen kulturbefreit sind und jetzt darüber entscheiden, was angeblich eine „Verjüngung“ ist in diesem Prozess, was „modern“ ist, und die dabei nach dem Denkmuster handeln, dass das, was bei Milka funktioniert, auch beim WDR funktionieren müsste. Genau mit so etwas verprellt man das Stammpublikum. Das heißt, man zerstört den Markenkern in dem Moment, in dem man versucht, ihn in eine besonders schöne Verpackung hineinzusetzen. Das ist die Entwicklung, die wir hier nachvollziehen können.

Wie kann man das aufhalten?

Zugleich erleben wir hier, mit dieser WDR-3-Reform, ein kleines Stück der geschilderten Gesamtentwicklung. Und die Frage ist: Wie kann man das aufhalten? Denn Sie alle wissen: Die renitentesten Redakteure werden nicht Programmdirektor. Diese Redakteure regen sich über die Reformen auf, aber solche Leute werden eigentlich nicht befördert. Es gab mal Zeiten, in denen das noch halbwegs funktionierte, das war in den 60er Jahren. Das war aber auch eine Zeit, in der der WDR seiner Braut, dem Zeitgeist, noch den Leuchter vorangetragen hat und nicht, wie heute, die Schleppe hinterher.

Wir haben eine absolute Tendenz dazu, dass die Redakteure in den Hierarchie-Ebenen immer systemkonformer werden. Es gibt bekanntlich auch verschiedene Tricks, mit denen man da arbeitet, etwa: Gib jemandem ein Amt – und sei es auch nur ein wertloser Titel –, und er verändert sofort sein Denken. Das sind alte Rezepte, die kennt man schon aus der Donau-Monarchie: jedem einen Adelstitel, und alle sind zufrieden. Und das ist auch genau das, was tatsächlich praktiziert wird. Das heißt: Wir haben heute einen enormen Siegeszug der Konformisten. Bis zu einem gewissen Grad ist das für jede Firma, auch für den WDR, gut. Bis zu einem gewissen Grad – die Welt hat nur durch diese Konformisten überhaupt ihren Bestand. Aber sie bekommt nur durch die abweichenden Denker ihren Wert. Und wenn diese Balance nicht mehr funktioniert, wird das Programm langweilig.

Nun können aber die konformistischen Hierarchen mit den nicht-konformistischen Redakteuren nicht umgehen. Und deswegen ist dieser Kampf, den wir hier erleben, nicht nur ein Kampf um Kulturradio, sondern es ist auch ein Kampf auf psychologisch-privater Ebene. Was für Mitarbeiter will man haben? Was für ein Klima will man im Haus haben? Und dabei ist es auch ein wenig erschreckend, wenn ich dann höre, dass es im Rundfunkrat viele Mitglieder gibt, die WDR 3 gar nicht hören, die aber, anders als all die Leute, die WDR 3 hören, dennoch darüber entscheiden, ob die Reform durchkommt oder nicht.

Leute, die das Programm gar nicht hören

Damit komme ich zum Punkt „Transparenz“. Das Prinzip des Rundfunkrats war eine gute Idee, als es nach Kriegsende im öffentlich-rechtlichen Rundfunk etabliert wurde. Es war ein kleiner Teil eines großen Prozesses: Wie verhindere ich künftig Totalitarismus? Wie verhindere ich Autoritätsgläubigkeit und vieles andere mehr? Nun sitzen in einem Rundfunkrat ganz heterogene Menschen: Leute mit viel Kompetenz, Leute mit wenig Kompetenz, die einen von einem Verband, die anderen aus der Politik. Entscheidend ist aber nicht, ob sie von einer Partei kommen oder von einem Verband. Die Frage ist: Wie kompetent sind sie? Einer Kompetenzprüfung jedoch muss sich kein einziges Mitglied eines Rundfunkrats überhaupt unterziehen. Das heißt, wenn klargestellt wäre, dass die Kompetenz vorhanden ist, dann könnte man aus allen möglichen gesellschaftlichen Schichten einschließlich der Parteien Mitglieder in einen Rundfunkrat entsenden.

Aber am Ende läuft es dann wie hier bei der WDR-3-Reform darauf hinaus, dass 18 000 Menschen sich via Unterschriftenaktion empören, dass wir eine solche Veranstaltung nach der anderen abhalten, im Schauspielhaus und hier und da – und am Ende entscheiden in der Mehrheit Leute über die Reform, die das Programm gar nicht hören. Das ist schon ein Widerspruch! Und deshalb muss auch über den Rundfunkrat geredet werden. Nicht über einzelne Mitglieder des Rundfunkrats. Sondern die Frage ist, ob dieses entscheidende Gremium, das Intendanten wählt, ob dieses Gremium tatsächlich richtig besetzt ist. Im einzelnen Fall bestimmt. Aber insgesamt ist das Ganze ein Problem.

Als der WDR eine kreative Schmiede war

Das heißt, wir haben lauter Baustellen. Wenn ich an diesen schönen intellektuellen, sozialen Kubismus erinnere, den mein Vorredner Mathias Greffrath vorgeschlagen hat – was für ein Experimentalprogramm! Völlig klar, das war ein Bild für ein Kulturradio aus Utopia, kein einziger Programmchef würde auch nur ein Zehntel davon realisieren. Aber in der gegenwärtigen Situation, in der man fragt: „Was sind denn die Marktlücken?“, fragen Sie genau danach doch mal nicht die, die Milka beraten, sondern fragen Sie andere, was wir brauchen. Und gucken wir dabei jetzt nicht zuerst auf die Quoten, sondern gehen wir doch mal von einem drei Jahre dauernden Quotenmoratorium aus und sagen uns einfach: Was leben wir in einer spannenden Zeit! Unser Politikbegriff verändert sich radikal – Erfolg der Piraten, neue Anforderungen an Transparenz, repräsentative Demokratie in der Krise, die Frage ist: Mit welchem blauen Auge oder welchen anderen Augen kommt sie da raus? Das ist unglaublich spannend, das ist unter der Oberfläche mindestens so spannend wie das, was 1968 passiert ist, zumal das Phänomen flächendeckender ist als 68. Die Anzahl der 68er war kleiner als die Anzahl derjenigen, die heute ihren Verdruss an der Demokratie artikulieren und etwas anderes haben wollen.

In der Folge von 68 explodierte der WDR. Er wurde eine kreative Schmiede für verrückte und weniger verrückte Ideen. Das war die goldene Zeit des WDR, die noch eine zweite Funktion hatte. Denn genau in der Zeit, in der der WDR explodierte, gab es die Strukturkrise, die Kohlekrise und vieles andere mehr. Das heißt, die Umwandlung der nordrhein-westfälischen Gesellschaft in eine ganz andere Gesellschaft, die nicht mehr vom sekundären Sektor geprägt wurde, ist vom WDR enorm begleitet worden und der Sender hat dabei eine sehr gute Funktion gehabt. Wenn der WDR wieder in eine ähnlich relevante Position kommen und nicht verwechselbar werden will, dann kann er sich nicht nur mit der Verpackung seiner Marke beschäftigen – was heute tatsächlich eines seiner Hauptanliegen geworden ist –, sondern wenn er wieder gesellschaftlich aktiv werden will, dann muss er diesen neuen Umbruchprozess begleiten. Dafür ist WDR 3 als Kulturfeuilleton eine wunderbare Bühne: um beispielsweise diesen sozialen und intellektuellen Kubismus, den Mathias Greffrath vorgestellt hat, zu ermöglichen.

Daraus folgt: Es muss tatsächlich in eine ganz andere Richtung gehen. Wir müssen raus aus diesen konfektionierten Anzügen. Und es war ja deshalb auch weise, zu sagen, dass diese Reformen nicht die Zukunft sind, sondern der Geist, aus dem diese Reformen stammen, kommt aus den 90er Jahren. Denn das ist ja auch bereits Vergangenheit, auf diese Weise zu konfektionieren.

Die alten Männer und die Verjüngung

Und ein letztes Wort: Immer wieder kommt das Argument der Verjüngung. Das ist ein wichtiges Argument, denn sonst sterben die Saurier irgendwann aus. Aber: Das Problem bei der Verjüngung ist doch, dass all die Reformen, die bisher im Namen der Verjüngung begangen wurden, nicht zur Verjüngung beigetragen haben – und dass wir jetzt die gleiche Entwicklung noch weitertreiben, obwohl wir wissen, dass sie als Verjüngungsmechanismus gar nicht funktioniert. Verjüngung bekommt man nicht dadurch hin, dass irgendein paar alte Männer sich ausdenken, ob man Formate kürzer oder länger macht.

Verjüngung kriegt man dadurch hin, dass jüngere Leute daran beteiligt werden. Verjüngung ist also keine Frage des Konzepts, sondern eine Frage von Selbstwirksamkeit, das heißt, dass jemand sich selbst einbringen kann, mit seinen jungen, verjüngten Gedanken. Dafür muss zum Beispiel man in die Schulen gehen. Dafür muss man Projekte in den Schulen machen, wo die Leute bisher gar nicht wissen, dass es WDR 3 überhaupt gibt. Aber da findet man dann in jedem Deutsch-Leistungskurs zwei oder drei Schüler, die werden anschließend WDR-3-Hörer. Das ist die Form von „Missionierung“, die man angehen muss – Projekte mit den jungen Leuten.

Was außerdem nötig ist: Man muss auch jüngere Themen ins Programm nehmen. Der ganze Internet-Bereich zum Beispiel ist auf WDR 3 deutlich unterrepräsentiert. Wenn man da einmal Spielwiesen schaffen würde, wenn man da einmal gute Leute aus dem Chaos Computer Club Freestyle machen ließe, zwei Stunden lang, die haben ihre Fans, ihre Fangemeinde – und mit denen gelingt peu à peu die Verjüngung. Und Verjüngung ist keine Frage der Formate, also ob ein Beitrag drei oder vier Minuten lang ist, sondern dabei geht es darum, ob die Themen angesprochen werden, die jüngere Menschen interessieren. Und das wäre das WDR 3, das ich mir wünsche.

Und daher kommt die Empörung: Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Prozess hier jetzt sanft zu Ende dekliniert wird – nicht nur bei all der Empörung, die hier versammelt ist, sondern auch bei all der Kreativität, die ja vorhanden wäre und die völlig ungenutzt brachliegt. Und das ist nicht mehr der alte WDR, wie er mal war. Das ist ein WDR, den ich nicht haben möchte.

Text aus Heft Nr. 18/2012 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

04.05.2012/MK