Wenn Stimmen verstummen: Zum Tod des WDR-Hörfunkredakteurs Hans Winking

21.08.2015 •

Stimmen des Hörfunks, die einen jahre-, manche auch jahrzehntelang durch den Alltag begleitet haben, zeichnen sich durch zwei Merkmale aus: Sie altern und verstummen scheinbar nie. Selbst wenn die Menschen, denen sie entstammten, sterben, klingen ihre Stimmen weiter. Dass die Zahl dieser Stimmen deutlich geringer geworden ist, weil die Funktionäre des öffentlich-rechtlichen Rundfunks lieber auf Konformität denn auf Individualität setzen, wird einem besonders in jenen Tagen bewusst, wenn eine dieser Stimmen für immer verstummt ist.

Am vergangenen Mittwoch (19. August) wurde bekannt, dass der langjährige WDR-Redakteur und -Moderator Hans Winking im Alter von 67 Jahren gestorben ist. Er war zwei Jahre zuvor als Leiter der Radiosendung pensioniert worden (vgl. FK 15/13), durch die er einem größeren Publikum bekannt wurde: das „WDR 3 Klassik Forum“. In dieser täglich (außer sonntags) von 9.05 bis 12.00 Uhr ausgestrahlten Sendung präsentieren Moderatoren ihr Programm mit Stücken der klassischen Musik, die – und das macht dieses Format zu einer der rühmenswerten Ausnahmen – stets ausgespielt, statt in Häppchen portioniert nur angespielt werden. Es ist eine Sendung, in der eine Moderatorin oder ein Moderator das, was er oder sie zu Gehör bringt, persönlich verbürgt und mit knappen Analysen oder Erzählungen zum Werk oder zur jeweiligen Interpretation anreichert. Es ist eine von Montag bis Samstag erfolgende Einladung zuzuhören. Bei jenen Apologeten, die das Radio für ein reines Begleitmedium halten, ist das geradezu verpönt.

Hans Winking hat das „WDR 3 Klassik Forum“ mehr als 15 Jahre lang redaktionell geleitet und die Sendung noch länger abwechselnd mit anderen präsentiert. Seine Moderationen waren alles andere als Vorbilder für jene Durchhörbarkeit, die für das moderne Radio, das längst in die Jahre gekommen ist, als maßgeblich gilt. Er schrieb vertrackte, meist verschachtelte Sätze, die Anspielungen ebenso wenig mieden wie Zitate und Querverweise. Er verband Musikerpointen mühelos mit kompliziert anmutenden Werkinterpretationen. Er sah die Entstehungs- und die Interpretationsgeschichte nicht losgelöst von der Allgemeingeschichte, ohne dabei stereotyp jene aus dieser abzuleiten oder diese mit jener zu illustrieren. Zugleich liebte er ironische Wendungen und durchaus kräftige Pointen. Man hörte ihm also gerne zu und freute sich, wenn er die Moderation dieser seiner Sendung selbst übernahm.

Wie er den Hörfunk und dessen Möglichkeiten liebte

In seinen Moderationen kritisierte Hans Winking angelegentlich Tendenzen des allgemeinen Hörfunksystems. Seine Vorgesetzten mochten das nicht, weil sie seinen Argumenten nichts entgegensetzen konnten und seiner Ironie ohnehin unterlegen waren. Als sich vor drei Jahren die Auseinandersetzungen um Kürzungen im Programm von WDR 3 und um unsinnige Strukturreformen zuspitzten, bezog auch Winking Stellung. Wer ihn in diesen Diskussionen erlebte, registrierte, wie da jemand, der den Hörfunk und dessen Möglichkeiten liebte, vermutlich seit vielen Jahren unter all den Modernisierungen litt, die dieses Massenmedium auf ein niedriges Maß nivellierten.

Im „WDR 3 Klassik Forum“ erinnerte Moderator Jörg Lengersdorf am 19. August an Hans Winking und stellte auch dessen „Lieblingsstück“ vor. Was eine Pointe war, über die Winking vermutlich selbst hätte lachen müssen. Denn mit der Idee der „Lieblingsstücke“, die 2010/11 die Hörer von WDR 3 vorschlagen konnten und die dann im „Klassik Forum“ präsentiert wurden, mochte er zunächst nichts anfangen, weil es seine Sendung in die Nähe von Anruf- und Wunschprogrammen brachte, Als er aber erkannte, dass man die Hörer durch diese Idee dazu bringen konnte, von ihren besonderen Musikerlebnissen und -erfahrungen zu berichten, statt nur ein Geschmacksurteil zu äußern, machte er sie zu seiner Sache. Sie wurde ein großer Erfolg, weniger durch die zu erwartenden ‘Hits’ als durch die besonderen Begründungen und Erzählungen der Hörerinnen und Hörer. Durch nichts könnte man den skeptischen Intellektuellen und begeisternden Hörfunkmann Hans Winking besser charakterisieren.

21.08.2015 – Dietrich Leder

Print-Ausgabe 17/2019

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