„Jahrbuch Fernsehen 2015“ erschienen: Netflix und YouTube, Degeto und Männerinszenierungen

14.07.2015 •

Gerade hat der YouTube-Star LeFloid alias Florian Mundt brav und artig die Bundekanzlerin interviewt, nun folgt im „Jahrbuch Fernsehen“ die ökonomische und inhaltliche Hintergrundinformation. Sabine Sasse beschäftigt sich in ihrem Essay mit den Problemen des traditionellen Fernsehens, das versucht, in einer zunehmend mobilen Kommunikationswelt seinen Platz auf der Fernbedienung der Zuschauer zu behaupten.

Da sind auf der einen Seite Netflix und dessen Gründer Reed Hastings, der gebetsmühlenartig das Ende des linearen Fernsehens beschwört und die Zukunft einzig und allein in Streaming-Diensten sieht – allen voran natürlich Netflix. Dann ist da YouTube, das durch eine wachsende Zahl von Multi Channel Networks gegliedert und konfektioniert wird, in denen die neuen Stars der Teenie-Szene mit zahllosen Clips und Videos Millionen von Fans generieren. Deren Clicks und Likes bescheren den YouTubern nicht nur große Aufmerksamkeit, sondern sie spülen ihnen auch viel Geld in die Taschen.

ARD und ZDF versuchen, der Bedrohung durch Adaptionen, Personalverjüngungen und Jugendangebote etwas entgegenzusetzen. Doch funktioniert das auch? Oder wäre es nicht besser, sich wieder im Kern auf Entwicklung und Produktion schwergewichtiger, international aufsehenerregender und langlebiger Werke zu konzentrieren, anstatt haufenweise Standardware zu produzieren? Jan Freitag hat die die ARD-Filmgesellschaft Degeto besucht und beschreibt im „Jahrbuch Fernsehen“, wie die seit Februar 2011 amtierende Degeto-Chefin Christine Strobl – erfolgreich – versucht, ein verrottetes System (Stichwort: „Süßstoff-Filme“) wieder auf Vordermann zu bringen.

Es gibt keine digitale Gesellschaft

Probleme gibt es auch bei der Verteilung der Aufträge an männliche und weibliche Regisseure im deutschen Fernsehen. Während im Kino noch um die 20 Prozent der Filme von Frauen  gemacht werden, liegt der Anteil von Regisseurinnen, die für ARD und ZDF Stoffe realisieren dürfen, bei elf Prozent. Selbst das sogenannte frauenaffine „Herzkino“ wird zu 86 Prozent von Männern inszeniert. Woran das liegt, beschreibt Hannah Pilarczyk in ihrem Essay.

Entgegen dem aktuellen politische Trend in Europa ist im Fernsehbereich ein vermehrtes Zusammenrücken zu beobachten: es gibt zunehmend europäische Koproduktionen, in denen Schauspieler aus verschiedenen Ländern in ihrer eigenen Muttersprache oder dialektbehaftetem Englisch grenzübergreifend Kriminalfälle lösen. Christian Bartels gibt einen Überblick über aktuelle Produktionen und geht den Ursachen dieses Trends auf den Grund. Schließlich hat Lutz Hachmeister, Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM), seinen Essay „Es gibt keine digitale Gesellschaft“, der vor einigen Wochen in der „FAZ“ erschien und für Kontroversen sorgte, für das „Jahrbuch Fernsehen“ erheblich erweitert und aktualisiert.

Das „Jahrbuch Fernsehen 2015“ ist am 10. Juli erschienen. Es enthält wie immer auch einen aufwendigen und aktuellen Service- und Adressenteil für die Medienbranche. Das „Jahrbuch Fernsehen“ kam 1991 erstmals heraus und ist damit jetzt zum 24. Mal publiziert worden. Die „Neue Zürcher Zeitung“ nannte es in einer Besprechung einen „unverzichtbaren Wegbegleiter durchs Jahr“. Herausgegeben wird das Buch vom Institut für Medien- und Kommunikationspolitik, dem Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, der Cologne Conference und der „Medienkorrespondenz“ (weitere Informationen und Bestellungen unter www.jahrbuch-fernsehen.de).

14.07.2015 – MK