Wir sind Provinz

Das Fernsehen des WDR verabschiedet sich aus der ersten Liga

Von Dieter Anschlag
01.09.2000 •

01.09.2000 • Für die Programmsparte „Regionalisierung“ sind in diesem Haushaltsjahr beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) 200 Mio bis 250 Mio DM angesetzt. Allein solche Summen zeugen davon, dass man diesem Programmfeld in Köln höchste Priorität einräumt. „Regionalisierung“ – damit sind insbesondere die „Metropolenfenster“ des WDR Fernsehens gemeint: Ab dem 6. November 2000 will der Sender in seinem Dritten Programm für die Ballungsräume Köln und Dortmund neue regionale Fenster öffnen (vgl. FK-Hefte Nr. 11/00 und 23/00).

Worum geht es bei diesem Projekt, das in den nächsten Jahren so viele Millionen Mark verschlingen wird? Ein Papier des Hauses gibt darüber Auskunft: Das Metropolenfernsehen soll „Bewohner, Berufspendler, Einzelhandelsnutzer sowie Freizeit- und Kulturinteressierte mit allen wichtigen Informationen für den Ballungsraum versorgen“. Gedacht sei dabei an „Tipps für den Abend, öffentlichen Nahverkehr, Wetter, Vorverkaufsinfos, Ausstellungen, Konzerte, Schwimmbäder, Zoo u.ä.“. Die Menschen in Köln und Dortmund können sich schon mal auf diese besondere öffentlich-rechtliche Programmleistung freuen, einige müssen noch etwas warten, andere in Nordrhein-Westfalen, nämlich jene in Nicht-Metropolen, werden nie in den Genuss solcher Neuerungen kommen (und trotzdem nicht weniger Gebühren zahlen müssen).

Die Stimmung ist mies

Für das WDR Fernsehen bedeutet das Metropolen-TV einen harten Einschnitt. Ein halbes Dutzend Sendungen aus den Bereichen Politik, Reportage und Kultur muss auf einen Schlag weichen, um die Mittel für mehr Regionalfernsehen frei zu bekommen. Damit sind entsprechende Budgettransfers und Stelleneinsparungen verbunden. Wichtigen anderen Programmbereichen, die einen höheren Etat bräuchten, wird das Geld verweigert. Die hausinterne medienpolitische Begründung für all das ist, mit dem Metropolen-TV schon vorab den Platz besetzen zu wollen, den das geplante kommerzielle NRW-Fernsehen im Visier hat. Dieses nebulöse private Projekt stößt indes auf so viele Schwierigkeiten, dass es in­zwischen so aussieht, als passe sich der WDR vorauseilend einem Gegner an, an dessen Existenz der WDR mehr glaubt als die vermeintliche Konkurrenz selbst.

Wie dem auch sei. Die entsprechenden Entscheidungen sind gefallen und die Art und Weise, wie dies geschah, empfinden viele beim WDR als von oben aufgedrückt. Redakteurinnen und Redakteure seien „offenkundig nicht beteiligt“ gewesen, heißt es dazu in der „DJV-Depesche“ (Nr. 2/2000) der WDR-Betriebsgruppe im Deutschen Journalisten-Verband, „die betroffenen Kolleginnen und Kollegen in den einzelnen Redaktionen sind stinksauer“. Alles sei in einer „Nacht- und Nebelaktion“ inszeniert worden, der DJV fand sogar die Vokabel vom „Hinrichtungskommando“. Dies mag sich nach rituellem Klagegesang aus der altlinken Redakteursecke anhören. Doch der DJV gilt als eher gemäßigter Journalistenverband, und die augenfällige Provinzialisierung des größten ARD-Senders fällt vielen Mitarbeitern und externen Beobachtern auf, die noch das Bild eines WDR im Kopf haben, der politisch und kulturell die Gesellschaft bewegt hat. Eine Redakteursversammlung aus Anlass der finanziellen und programmlichen Schwerpunktverlagerung war jedenfalls so gut besucht, wie schon seit Jahren nicht mehr (vgl. FK-Heft Nr. 9-10/00). Die Zeichen der allgemeinen Unzufriedenheit sind unübersehbar. Die Stimmung ist mies im WDR.

Da es in Betrieben mit materiell saturierten Mitarbeitern – wie beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk – gemeinhin etwas länger dauert, bis sich die Unzufriedenheit deutlich und offen äußert, muss man davon ausgehen, dass es beim WDR nicht erst seit gestern Probleme gibt. Die jetzt manifest gewordene Kritik ist vielmehr das Resultat einer schon seit einigen Jahren währenden Fehlentwicklung. Sie begann mit Intendant Friedrich Nowottny und hat sich unter seinem Nachfolger Fritz Pleitgen eher verstärkt: Gepflegt wird ein Intendanten-Stil, der sich durch technokratisches Durchregieren, männerbündisches Personalmanagement und mangelnde Sensibilität für die Balance eines öffentlich verantworteten Programms auszeichnet. Das Management herrscht in „patriarchalischer Pose“ („DJV-Depesche“). Dass beim WDR die wichtigen Entscheidungen von einem exklusiven Männerzirkel um Pleitgen, der „Rotweinrunde“, getroffen werden, ist im Sender schon zu einem geflügelten Wort geworden.

Beobachter machen sich Sorgen

Seit Jahren erscheint der Rundfunk-Koloss am Rhein als stark selbstbezügliches System, bequem in sich gekehrt, fast autistisch – ohne den notwendigen Kontakt zur gewandelten kommunikativen und sozialen Umwelt in der Bundesrepublik. Die Flucht in die nordrhein-westfälische Parzelle passt ins Bild. Viele Beobachter machen sich inzwischen Sorgen um den generellen Kurs des Westdeutschen Rundfunks in Köln. „Aus dem WDR verlautete schon öffentlich, dass zugunsten des Metropolenfernsehens auf ‘Tatorte‘ verzichtet werden müsse. Diese Äußerung des Wellenchefs des WDR Fernsehens hat mich natürlich mit tiefster Sorge erfüllt“, sagte ARD-Programmdirektor Günter Struve im FK-Interview und hörte schon die „Alarmglocken läuten“ (vgl. FK-Heft Nr. 16-17/00). Dass sich ein Programmdirektor der ARD, wo Kritik bekanntlich eher im Kreis der Eingeweihten geäußert wird, derart unverblümt äußert, ist kein gutes Zeichen.

Gewiss, auf den WDR mit seinem Intendanten Fritz Pleitgen, der dem Sender – nach einer konsequenten Hauskarriere – seit 1995 präsidiert, sind in den vergangenen Jahren objektive Probleme zugekommen. Die Bundesregierung hat, um es im Jargon der WDR-Jugendwelle Eins Live zu sagen, „den Sektor“ verlassen; dieser politische Transfer von Bonn nach Berlin hat den WDR und seine Berichtskompetenz schwer getroffen. Die Musik spielt jetzt woanders. Pleitgen, der „Mister WDR“ (vgl. FK-Heft Nr. 10/95), und sein Management mussten versuchen, den Sender neu zu profilieren. Was ist dabei herausgekommen?

Im Ersten Programm waren der WDR und sein (lange Zeit aus gesundheitlichen Gründen ausgefallener) Fernsehdirektor Jörn Klamroth im vergangenen Jahr mit „City Express“ für einen der größten und peinlichsten TV-Flops verantwortlich. Dilettantischer war selten eine Serie gestartet worden. 1997 war „Privatfernsehen“ von Friedrich Küppersbusch gescheitert. Die Sendung war vom WDR so halbherzig unterstützt worden, dass es im Ersten schiefgehen musste. Die Fernsehunterhaltung beim WDR liegt darnieder. „Die Lotto Show“ konnte erst nach enormen Startschwierigkeiten aufs Gleis gesetzt werden; dass man mit Ulla Kock am Brink am Ende doch noch eine Moderatorin fand, war mehr Glück als Verstand. Die Unterhaltungsredaktion agiert fahrig, unentschlossen und mutlos – entsprechend die Personalpolitik. Der Vertrag von Hugo Göke, Programmgruppenleiter Unterhaltung, war voriges Jahr bezeichnender­weise nur um 12 Monate verlängert worden, bevor im April 2000 sein Stellvertreter Georg Habertheuer die Position übernahm. 1995 war man froh, als Gökes auch nicht gerade ideenreicher Vorgänger Axel Beyer vom WDR zum ZDF wechselte; inzwischen macht Beyer für Endemol „Big Brother“.

Im Bereich des politischen und des dokumentarischen Fernsehen verschwindet der WDR ebenfalls zunehmend von der Bühne. Monatelang wurde mit finanzieller Unterstützung der nordrhein-westfälischen Landesregierung in mehreren hochrangigen Treffen über die Zukunft des deutschen Dokumentarfernsehens diskutiert. Das ZDF beispielsweise war mit Programmdirektor Markus Schächter vertreten, für „Spiegel TV“ kam Geschäftsführer Werner Klatten, während der WDR mangels satisfaktionsfähigen Personals am Ende nicht einmal mehr eingeladen wurde. Mittlerweile überschreitet das Budget für eine Dokumentation beim ZDF den entsprechenden Etat des WDR um das Dreifache. Damit ist klar: Wer einiger­maßen im Geschäft ist, geht nicht mehr zum WDR. Die besten Leute wandern ab. Sogar im ARD-Verbund könnte der Sender bald gegenüber dem SWR, der in diesem Jahr eine beachtenswerte neue Initiative im Rahmen von „Debüt im Dritten“ ergriffen hat, in Rückstand geraten. Zwar hat der WDR im vergangenen Jahr seine neue Doku-Reihe „Die Story“ gestartet, doch gerade sie leidet von Anfang an unter zu wenig Finanzausstattung und muss einen Großteil ihres Sendeplatzvolumens mit Ankäufen aus dem Ausland (BBC) füllen. Für die eigenen Leute hat der WDR nicht genügend Geld – profilbildend für einen Sendeplatz ist das nicht. Letztlich hat der WDR die Chance des Dokumentations-Booms nicht genutzt, obwohl er vor etlichen Jahren mit den „Fussbroichs“ – immerhin – noch zu den Erfindern der Doku-Soap gehört hatte.

Bei Fernsehfilm und -serie ruht sich der WDR überwiegend auf alten Lorbeeren aus, seien es „Tatort“, der reaktivierte „Schimanski“ oder die „Lindenstraße“. Seit Gunther Witte ausgeschieden ist und Joachim von Mengershausen (der bald in den Ruhestand geht) nicht mehr so viele Projekte betreut, hat sich der WDR in diesem Bereich nicht mehr wirklich exponiert. Sicher, es gibt noch den einen oder anderen Grimme-Preis für den WDR, manches gelungene Einzelstück; aber es kommen auch Jahrgänge vor, in denen der finanzkräftigste ARD-Sender keinen einzigen Preis für eine seiner ARD-Zulieferungen bekommt.

In der Fernsehfilmabteilung des WDR gab es ein Interregnum. Der heutige Chef Gebhard Henke hat drei jüngere Redakteurinnen verpflichtet, doch bis diese dem Programm ihren Stempel aufdrücken, vergeht viel Zeit. Tatsache ist, dass beim WDR-Fernsehfilm die Verjüngungskur zu spät begonnen wurde (und das gilt für den gesamten TV-Bereich des Senders). Sämtliche mittleren Stellen sind von Leuten besetzt, die schon Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre in den WDR kamen und seitdem ununterbrochen ihre Positionen innehaben. Es ist kein Wunder, dass die Revolutionäre jener Generation grau und zahnlos geworden sind. Der WDR produziert keine neuen Marken mehr (Sendungen, Reihen, Personen); sein Fernsehfilm hat Probleme, bedeutende Autoren und Regisseure an sich zu binden, die freilich heutzutage auch eine wesentlich größere Auswahl an Sendern und Redaktionen haben, die anspruchsvolle Fiction produzieren.

Live zum Aalfischen am Rhein

Früher haben WDR-Fernsehspiele diese Republik einmal kulturell beeinflusst, bewegt, in Rage gebracht („Im Zeichen des Kreuzes“, „Rote Erde“, „Smog“ oder „Das Millionenspiel“). Doch welcher Name, welche Sendung fallen einem heute noch ein, die im ARD-Programm unverwechselbar mit dem WDR verbunden sind? Die Show „Geld oder Liebe“ mit Jürgen von der Lippe oder das Magazin „Monitor“ mit Klaus Bednarz sind jedenfalls nicht mehr ganz taufrisch. Liegt der Grund für dieses Vakuum wirklich nur darin, dass sich die Bundesrepublik gesellschaftlich, geopolitisch verändert hat, oder muss sich die WDR-Führung einmal über ihre Personalstrategie Gedanken machen, beispielsweise über ein talent management, wie es etwa bei der BBC im Zentrum aller Reformen steht?

Für das Dritte Fernsehprogramm des WDR hatte Fritz Pleitgen seinen Intimus Nikolaus Brender (seit kurzem ZDF-Chefredakteur) zum Chefstrategen ernannt. „Programmchef Fernsehen“ heiße diese Position nun, schrieb die FAZ seinerzeit, und der neue Posten hänge „irgendwo zwischen dem Fernsehdirektor und dem Chefredakteur, wobei niemand genau erklären zu können scheint, wo die Kompetenzen des einen aufhören und die des anderen anfangen“.

Entsprechend ging es im WDR Fernsehen zu. Sobald Brender sich an größeren Dingen versuchte, ging es schief. So bei der „WDR Talkshow“, die vor allem dadurch auffiel, dass ihr die Moderatoren gleich reihenweise davonliefen, so bei der Sendereihe „Die Lou van Burg seine Töchter Show“, einem teuren Rohrkrepierer (allein dieser Sendetitel!) und mehr ein Fall für den Rechnungshof, so auch bei „Eins Live TV“, das nach nur wenigen Monaten vorzeitig wieder eingestellt wurde: Jung und bimedial sollte „Eins Live TV“ sein, doch der WDR sah dabei nur alt aus. Die Sendereihe war unterfinanziert und hatte ein chaotisches, also gar kein Konzept: Die coolen Radioteens sollten nebenbei auch noch mal eben Fernsehen machen – und entsprechend war das Resultat. Dieser Reinfall war besonders blamabel, weil „Eins Live TV“ vorab als Renommierprojekt hochgelobt worden war und der Rundfunkrat es schon als Zukunftsvision sah. Nun, diese Zukunft wurde im WDR Fernsehen vorzeitig eingestellt.

Bleibt die Regionalisierung, die neue TV-Trumpfkarte des WDR. Sie hat dem Dritten Programm in den vergangenen drei Jahren zumindest Quotenerfolge eingebracht, signifikante Quotenerfolge. Die Regionalisierung mit den verschiedenen „Lokalzeit“-Ausgaben macht heute die quantitative Stellung des Dritten aus. Weil’s so gut läuft, hat der WDR in diesem Jahr auch an den ereignisarmen Samstagen die „Lokalzeit“ eingeführt (vorher: montags bis freitags). Das sieht dann so aus: dreimalige Live-Schaltung zum Aalfischen am Rhein, Bericht über ein verregnetes Zeltlager mit Grillfest in Euskirchen mit zirka zehn Teilnehmern und Nachrichten über Verkehrsunfälle auf dem Land. Angesichts solcher Scoops stellt sich die Frage, was der WDR demnächst täglich im Kölner Metropolenfenster senden will (einem Fenster übrigens, dem um 18.50 Uhr die regionale „Aktuelle Stunde“ und um 19.30 Uhr noch die halbstündige „Lokalzeit Köln“ folgen). „Hauptsache, wir sind regional“, lautet die Devise, denn dann stimmt die Quote, auch bei null Inhalt.

Denn Boulevardisierung, eine sichere Quotenbank, ist die zweite Erfolgskomponente des WDR Fernsehens, und die Verantwortlichen dafür – Harald Brand und Frank Plasberg – streiten dies auch gar nicht ab. Selbst dem sonst so betulichen „Kölner Stadt-Anzeiger“ ist bereits bei seinen Beobachtungen aufgefallen: Wer von morgens bis abends das WDR Fernsehen betrachte, der könne „auf den Gedanken kommen, in Nordrhein-Westfalen habe irgendjemand die Politik abgeschafft – da gebe es nur noch Tiere, Kinder und manchmal Kurioses wie einen Wunderstollen aus dem Sauerland“.

Zu dieser von Nikolaus Brender forcierten Marschroute passt, dass der WDR in jeden Ort Nordrhein-Westfalens schnellstens eine SNG-Einheit schickt, sobald auch nur ein China-Böller jenseits von Silvester explodiert: „WDR Extra“ bringt das Event live. Dabei kann es schon mal passieren, dass – wie kürzlich bei einer Gasexplosion in einem Haus in Lohmar – ein WDR-Reporter fürs Fernsehen vor Ort ist, jedoch vom Moderator im Studio nur per Telefon befragt werden kann, weil gar keine Bilder vorliegen. So schnell kann der WDR sein. Am besten schließ­lich funktioniert der hybride Provinzialismus des Senders beim nordrhein-westfälischen Karneval. Dann ist Reichsparteitag für den WDR – und in seiner Hauszeitschrift „WDR Print“ gibt es eine Sonderbeilage, die locker 100 Radio- und Fernsehtermine auflistet, bei denen der WDR überall für seine Narren dabei ist. Kölle alaaf, Düsseldorf helau, Münster jovel, der WDR in seinem Element.

Schützenzelt-Atmosphäre mit „WDR-Lied“

Was das politische Geschehen in Nordrhein-Westfalen angeht, herrscht Hof- oder Nichtberichterstattung. Fast jeder große Skandal (HDO, Heugel; Misserfolg des Coloneums in Ossendorf) ist am WDR vorbeigegangen; zumeist wurde, wenn es die im Land regierenden Genossen von der SPD negativ betraf, erst dann berichtet, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden ließ. Von Harald Brand, dem Leiter des in der Regionalberichterstattung federführenden WDR-Landesstudios Düsseldorf, ist bekannt, dass er bei Kommunal- oder Landtagswahlen SPD-Siege verkündet, auch wenn das Endergebnis bei knappen Wahlen noch gar nicht feststeht.

Über Nikolaus Brenders Nachfolger Rolf-Dieter Krause, von Pleitgen selbst in dieses Amt geholt, lässt sich bestenfalls sagen, dass er die Brender-Linie nahtlos weiterverfolgt. Krause (wie Brender Mitglied der „Rotweinrunde“) ist bisher durch nichts aufgefallen. Manche behaupten schon, der neue Wellenchef sei „irgendwie abgetaucht“. Bevor Nikolaus Brender beim WDR von Bord ging, hatte ihm Pleitgen – der ihn nur ungern ziehen ließ – im Dezember vorigen Jahres noch eine zünftige kölsche Abschiedsfeier organisiert. Dass auf dieser Fete das Absingen des „WDR-Liedes“ mit Pleitgen als Protagonisten am Mikrofon zum Höhepunkt geriet, hatte etwas Symptomatisches. Es herrschte, kurz vor Weihnachten, eine schwülstige Schützenzelt-Atmosphäre im überhitzten WDR-Studio tief unter der Erde. Und hätte es das Metropolenfernsehen Köln schon damals gegeben – eine Live-Schaltung hätte es jedem gezeigt. So wie neulich beim 60. Geburtstag von Marie-Luise Marjan alias Mutter Beimer, der die „Lokalzeit Köln“ gar nicht euphorisch genug gratulieren konnte.

Auch Pleitgens Präsentierteller-Devise „Frauen in die Führungspositionen“ hat sich als hohl erwiesen. Die von ihm in das Amt der Fernsehchefredakteurin gehievte Marion von Haaren hatte nie wirklich etwas zu sagen. Auslandskorrespondentenposten wurden beispielsweise völlig über ihren Kopf hinweg besetzt. Nachdem der Fernsehmann Thomas Roth als Hörfunkdirektor gescheitert war, beschaffte ihm Pleitgen eine Position im TV-Studio Moskau. Als Gerald Baars den WDR mit „Eins Live TV“ diskreditiert hatte, versorgte ihn der Intendant mit einem Posten in den USA. Einst war Pleitgen selbst Fernsehchefredakteur, und hätte Friedrich Nowottny damals dermaßen an Pleitgen vorbei Korrespondentenstellen besetzt, Pleitgen hätte den Intendanten wahrscheinlich der Anmaßung geziehen. Zu Recht.

Unterstützung hatte Marion von Haaren auch nie zu erwarten, wenn es darum ging, zwecks Qualitätsverbesserung Geld und Personal beim TV-Programmbereich Aktuelles (PB I) aufzustocken. Der Intendant präferiert stets sein Lieblingskind Regionalfernsehen (PB IV). Und so geschah es, dass dem Ersten Programm der ARD aus dem Bereich der bundespolitischen Berichterstattung nichts Hochwertiges mehr vom WDR zugeliefert wurde. Ende August wurde bekannt, dass Marion von Haaren vorzeitig abgelöst werden soll. Ihr Nachfolger soll ausgerechnet der pflegeleichte WDR-Mann Jörg Schönenborn werden, der seit Ewigkeiten die Wahlhochrechnungen für die ARD so bürokratisch-kalt präsentiert, dass man sich stets zur Erotik der Wahlzahlen im Videotext hingezogen fühlt. Vorgesehenes neues Betätigungsfeld für Marion von Haaren (welche Überraschung!): ein Auslandsposten.

Keine Antwort auf den Bedeutungsverlust

Vielleicht sollte sich der ehemalige Journalist Fritz Pleitgen die Regionalsendungen seines Dritten Fernsehprogramms einmal selbst anschauen. Möglicher­weise wird er dann anfangen, über die zweifelhafte journalistisch-redaktionelle Qualität dieser in der Mehrzahl harmlosen Übungsreportagen nachzudenken. Der Intendant muss ja nicht jeden gebrauchten und ausrangierten Computer, den der WDR einer nordrhein-westfälischen Grundschule spendet, selbst übergeben. Und dass Pleitgen in diesem Sommer wochenlang im Kaukasus verschwand, um noch einmal dem Journalismus zu frönen, war für viele im Sender sogar ärgerlich, zumal spekuliert wird, dass der Intendant im asiatischen Gebirge für den WDR eines der teuersten Features seit langem drehe. Dafür ist plötzlich das Geld da, das sonst dem PB I verweigert wird.

Man kann Fritz Pleitgen nicht nachsagen, dass er die Bedeutung des Berliner Hauptstadtsogs für den WDR unterschätzt habe. In vielen seiner öffentlichen Ansprachen warnte er vor den Folgen, die ein kulturell-politisch aufgewertetes Berlin für den nordrhein-westfälischen Raum und den stärksten ARD-Sender haben würde. Aus der Analyse ist allerdings keine programmliche und medienkulturelle Antwort auf den drohenden Bedeutungsverlust des WDR erwachsen. Bei aller Wertschätzung für die Sehnsucht des Publikums nach Geschichten aus der Nahwelt kann der Westdeutsche Rundfunk sein hohes Gebührenbudget nur rechtfertigen, wenn er als politisch-gesellschaftlicher Faktor bundesweit auffällt. Die Antwort auf den Berlin-Effekt muss also in den klassischen Programm-Genres des Fernsehspiels, der Dokumentation, der Show, der Serie, des Qualitätsjournalismus gefunden werden. Hier muss der WDR finanziell und personell leistungsfähig bleiben, eine attraktive Adresse für all jene, die mit Fernsehen – und auch Hörfunk – etwas bewegen wollen. Als weitgehend affirmativer, unkenntlicher Großsender mit einem statuarischen Intendanten, der sich im Management wiederum mit unauffälligen Apologeten umgibt, spielt der WDR nur noch budgettechnisch in der ersten Liga. Einst von Kritikern als linke Rundfunkbastion geschmäht, sei die Anstalt, so das aktuelle Bonmot deprimierter Mitarbeiter, auf dem Weg „vom Rotfunk zum Totfunk“. Die Zeiten von „Radiothek“ und „ZAK“ kann und will niemand zurückholen. Aber Selbstprovinzialisierung, Karneval und biedere politische Korrektheit sollten nicht die Identität einer öffentlichen-rechtlichen Anstalt ausmachen, die über ein Budget von 2,4 Milliarden Mark verfügt.

• Text aus Heft Nr. 35/2000 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

01.09.2000/MK

Print-Ausgabe 17/2019

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