Große Programmrefom beim WDR Fernsehen: Appell zum Erhalt von „Hier und Heute“

22.06.2015 •

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) will sein Drittes Fernsehprogramm grundlegend restrukturieren. Es stehe eine Schemareform bevor, mit der „die umfassendsten Änderungen im Programm des WDR Fernsehens seit 1996 eingeleitet werden“, heißt es dazu in einem aktuellen dreiseitigen Papier der WDR-Fernsehdirektion, das der MK vorliegt. Die beabsichtigten Änderungen sollen dazu führen, insbesondere beim jüngeren Publikum die Zuschauerzahl zu steigern: „Es ist ein grundlegender Image-Wandel nötig, damit auch Jüngere wieder stärker das WDR Fernsehen einschalten.“ Das neue Programmschema soll den Plänen zufolge im Januar 2016 in Kraft treten. Fernsehdirektor des WDR ist seit dem 1. Mai 2014 Jörg Schönenborn, 50.

Zum Ziel der Reform hinsichtlich der künftigen Zuschauerschaft des Dritten Fernsehprogramms ist in dem WDR-Papier formuliert: „Zentrale Herausforderung ist dabei die Verjüngung mit dem Anspruch, Inhalte und Formate stärker auf ein jüngeres Publikums auszurichten. Dabei sollen nicht nur junge Erwachsene in den Blick genommen werden, sondern als zentrale Eroberungsgruppe die ‘nachrückende’ Generation der 35- bis 55-Jährigen. Sie sind aufgrund der bevölkerungsstarken Jahrgänge für die Zukunft des WDR von entscheidender Bedeutung.“

„Projektteam Verjüngung“

Zur Umsetzung der Veränderungen beim WDR Fernsehen sei unter anderem ein „Projektteam Verjüngung“ gegründet worden. Zu dessen Arbeit heißt es in dem Papier: „Das Projektteam Verjüngung hat vor diesem Hintergrund entscheidende Stellschrauben identifiziert und mit Hilfe von mehr als 50 Kolleginnen und Kollegen in Stellschraubenteams Kriterien und konkrete Beispiele für ein jüngeres WDR Fernsehen benannt. Im Einzelnen geht es dabei v.a. um Haltung und Ansprache, Moderation und Protagonisten, Dramaturgie und Machart, Look & Feel, Image und Themen. Eine der wichtigsten Stellschrauben der Verjüngung des linearen Programms ist zudem das Sendeschema. Hierzu hat das Projektteam detaillierte Vorschläge entwickelt.“

Eine Folge der Neuerungen dürfte der Wegfall von „Hier und Heute“ sein. Die regionale Kurzreportage-Reihe wird derzeit von montags bis freitags jeweils von 18.05 bis 18.20 Uhr ausgestrahlt. Samstags gibt es zudem die halbstündige Sendung „Hier und Heute unterwegs“ (18.20 Uhr). Dass die Ausgaben von „Hier und Heute“ offensichtlich gestrichen werden, ist daraus zu schließen, dass den Plänen zufolge der jetzige Sendeplatz an andere Formate geht und für „Hier und Heute“ kein neuer vorgesehen ist.

Aus für „Hier und Heute“?

Laut dem Papier der WDR-Fernsehdirektion soll es künftig von Montag bis Freitag von 18.00 bis 18.10 Uhr eine weitere Ausgabe der Nachrichtensendung „WDR aktuell“ geben. Anschließend ist von 18.10 bis 18.15 Uhr eine „Lokalzeit“-Ausgabe vorgesehen. Die „Servicezeit“-Ausgaben würden dann von 18.15 bis 18.45 Uhr laufen. Das nordrhein-westfälische Magazin „Aktuelle Stunde“ wird um fünf Minuten verlängert und ist dann ab 2016 von 18.45 bis 19.30 Uhr auf Sendung; es folgen die diversen „Lokalzeit“-Ausgaben (19.30 bis 20.00 Uhr).

Weitere Änderungen sind im Abendprogramm des WDR Fernsehens beabsichtigt. Vorgesehen ist etwa, die um 21.45 Uhr ausgestrahlte tägliche „WDR-aktuell“-Sendung um zehn Minuten zu verlängern, das heißt, sie hätte dann 25 Minuten Sendezeit (bisher: 15 Minuten). Montags soll es im Anschluss an „WDR aktuell“ um 22.10 Uhr regionale Reportagen geben. Sie sollen, so heißt es dazu im Papier der Fernsehdirektion, „von der Redaktion ‘Hier und Heute’, aber auch z.B. von ‘Cosmo TV’ bestückt werden“. Was das für die derzeitige Sendereihe „Cosmo TV“ bedeutet, ist offen. Das Magazin, das sich besonders an Migranten wendet, ist bisher sonntags von 15.45 bis 16.15 Uhr zu sehen. Im WDR-Papier ist zur Zukunft von „Cosmo TV“ als eigenständigem Format nichts zu lesen.

Der Mittwochabend ab 22.10 Uhr stehe, so heißt es weiter, „unter der Überschrift Investigatives und Hintergrund“. Hier sei künftig „ein Dreiklang“ aus „Die Story“, „WDR weltweit“ und „WDRdok/Dokumentarfilm“ vorgesehen. Am Donnerstag gibt es um 22.10 Uhr „Frau TV“ und im Anschluss daran sei „eine Fläche aus ‘Menschen hautnah’ und ‘Tag 7’, voraussichtlich mit verändertem Titel“, vorgesehen. Als weitere Änderung wird von der Fernsehdirektion angekündigt: „Um den Erwartungen des jüngeren Publikums gerecht zu werden und den Markenkern des WDR Fernsehens als regionalem Sender für den Westen zu unterstreichen, wird die regionale Fiktion durch einen Serienplatz zur Primetime am Montag gestärkt“.

WDR-Publikum so alt wie nie zuvor

Die geplanten Änderungen beim WDR Fernsehen müssen noch vom Rundfunkrat des Senders genehmigt werden. Das Gremium unter Vorsitz von Ruth Hieronymi kam zuletzt am 19. Juni in Köln zu einer öffentlichen Sitzung zusammen. An diesem Tag befasste sich das Gremium jedoch noch nicht mit der Fernsehreform, sondern überwies das Thema zur detaillierten Beratung in seinen Programmausschuss. Der WDR-Rundfunkrat wird somit frühestens in seiner August-Sitzung über die Pläne für das neu formierte WDR Fernsehen diskutieren und abstimmen können. Wahrscheinlicher aber ist, dass es erst bei der Sitzung in September zu einer Entscheidung kommt.

In dem Papier zur Schemareform des Dritten Programms heißt es zur Begründung für die Änderungen unter anderem: „Der Fernsehdirektor und sein Führungsteam möchten damit die Grundlage legen, um den Kernauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Programm für alle anzubieten, auch unter veränderten Rahmenbedingungen erfüllen zu können.“ WDR-Intendant Tom Buhrow hatte zuletzt angekündigt, dass auf die Rundfunkanstalt erhebliche Sparmaßnahmen zukämen. Falls die Sendereihe „Hier und Heute“ ersatzlos wegfiele, wären davon vor allem freie Mitarbeiter betroffen, die bisher die einzelnen Ausgaben erstellen.

Ein Brief für Ruth Hieronymi

Zu Beginn der WDR-Rundfunkratssitzung am 19. Juni sorgte eine Aktion für Aufsehen, als im Öffentlichkeitsbereich des Sitzungssaals ein Plakat in die Höhe gehalten wurde, auf dem zu lesen stand: „Hier+Heute muss bleiben“. Die Rundfunkratsvorsitzende Ruth Hieronymi forderte die Person, die das Plakat in die Runde zeigte, jedoch umgehend auf, dies zu unterlassen. In einer öffentlichen Rundfunkratssitzung sei es, ähnlich wie in Parlaments- oder Stadtratssitzungen, Gästen nicht erlaubt, Beifalls- oder Missfallenskundgebungen zu äußern, sagte Hieronymi. Wie sich später herausstellte, kam die Aktion von freien Autoren von „Hier und Heute“. Sie übergaben nach der Rundfunkratssitzung einen Brief an Ruth Hieronymi, in dem sie für den Erhalt der Sendereihe plädieren und dies begründen. Im Internet gibt es mittlerweile eine Petition, in der man sich mit seiner Unterschrift für den Erhalt von „Hier und Heute“ einsetzen kann. Bei Twitter wird unter #RettetHierundHeute gegen die geplante Abschaffung der Reihe protestiert. Den Sendenamen „Hier und Heute“ gibt seit 1957; seither wurde das Format mehrfach verändert.

Im Papier der von Jörg Schönenborn geleiteten WDR-Fernsehdirektion wird zur Erläuterung der Restrukturierungsmaßnahmen noch ausgeführt, dass das WDR Fernsehen dem Auftrag, „Programm für alle anzubieten“ – mithin ein Programm, mit dem „wir in die gesamte Gesellschaft hinein Impulse geben und Debatten anstoßen“ können –, „in den vergangenen Jahren nicht mehr in vollem Umfang gerecht geworden“ sei, auch wenn die Marktanteile über lange Zeit gestiegen seien. Bei einem Durchschnittsalter der Fernsehzuschauer in Nordrhein-Westfalen von 52 Jahren seien „die Zuschauerinnen und Zuschauer des WDR Fernsehens mit durchschnittlich 64 Jahren so alt wie nie zu vor. Zugewinnen beim Publikum ab 65 Jahren“, so ist in dem Papier zu lesen, „stehen kontinuierliche Verluste bei den unter 65-Jährigen gegenüber.“

22.06.2015 – Dieter Anschlag/MK

Print-Ausgabe 17/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren