Was Macher denken und Leser wünschen

18.09.2015 •

Aus einem Interview der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS, Ausgabe vom 30.8.15) mit Alan Rusbridger, langjähriger Chefredakteur der in London erscheinenden Tageszeitung „The Guardian“:

FAS: Sie müssen doch süchtig nach Nachrichten sein. Seit Juni sind Sie nicht mehr aktiv im Zeitungsgeschäft – vermissen Sie es sehr?

Rusbridger: Ja, in der Tat. Ich war jetzt extra drei Wochen in Indien, um von der Sucht loszukommen, richtig als Maßnahme. Ich musste das Land verlassen, um nicht mehr beim Aufwachen schon daran zu denken. Als Technik hat das ganz gut funktioniert. Ich verfolge immer noch den ganzen Tag lang die Nachrichten, aber immerhin überlege ich jetzt nicht mehr ständig, wie ich reagieren soll oder was auf der Stelle organisieren.

FAS: Lesen Sie noch den „Guardian“, oder macht Sie das traurig?

Rusbridger: Oh ja. Und ich habe jetzt schon gemerkt, dass es eine ganz andere Erfahrung ist, ihn als Leser zu lesen als als Macher. Ich würde mich gerne mal mit meiner Nachfolgerin Katharine Viner zusammensetzen und ihr sagen, dass sehr vieles, von dem ich als Macher dachte, es wäre furchtbar wichtig, sich kolossal davon unterscheidet, was man sich als Leser von seiner Zeitung wünscht. Armselig, oder? Da ist man zwanzig Jahre lang Chefredakteur, und dann reichen ein paar Wochen als Leser für so eine Erkenntnis.

18.09.2015 – MK

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