Eric Friedler: Den Tod auf der Schippe – Die wahren Tatortreiniger (NDR Fernsehen)

Spuren sozialer Kälte

22.12.2015 • Eric Friedler, preisgekrönter Dokumentarfilmer und beim NDR Leiter der Abteilung ‘Sonderprojekte im Programmbereich Kultur und Dokumentation’ (als Nachfolger von Horst Königstein), hat eine Dokumentation über den Berufsstand der Tatortreiniger gedreht. In Berlin, Los Angeles und in Mexiko hat er die Fachleute aufgesucht, ihre Arbeit dokumentiert und mit ihnen darüber gesprochen. Herausgekommen sind Porträts von drei sehr unterschiedlichen Personen, die an drei verschiedenen Orten auf der Welt die gleiche Arbeit verrichten und deren Arbeitsplätze sich trotz der geografischen und kulturellen Unterschiede sehr ähnlich sind. Die Doku­mentation „Den Tod auf der Schippe“ (Produktion: Eco Media) wäre nie realisiert worden, wenn es nicht die ganz auf das komödiantische Talent ihres Hauptdarstellers Bjarne Mädel zugeschnittene fiktive NDR-Fernsehserie „Der Tatortreiniger“ gäbe.

Diese Serie wurde erstmals im Dezember 2011 – unangekündigt und weit nach Mitternacht praktisch unter Ausschluss des Publikums – im Dritten Programm NDR Fernsehen ausgestrahlt. Seither hat die inzwischen preisgekrönte, vier Staffeln mit insgesamt 18 Folgen umfassende Serie nicht nur eine erfolgreiche Filmkarriere hinter sich gebracht, sondern auch einen bis dahin ziemlich unbekannten Berufsstand ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Beim jetzt erfolgten Start der fünften Staffel mit zwei neuen, hintereinander ausgestrahlten Folgen im NDR Fernsehen (22.00 bis 23.00 Uhr) war dann anschließend diese Dokumentation zu sehen.

Der Übergang zwischen der Comedy-Serie, bei der es im Kern um schwarzen Humor geht, und der Dokumentation mit diesem sehr ernsten, bedrückenden Thema geschieht nahtlos. Noch vor dem Titelvorspann sieht man in der Dokumentation, wie der „Tatortreiniger“-Darsteller Bjarne Mädel zu dem echten Tatortreiniger Christian Heistermann ins Auto steigt. Beide kennen sich schon länger, denn Heistermann hat an der Serie in beratender Funktion mitgewirkt; einige kurze Szenen von ihren Dreharbeiten sind auch in der 45-minütigen Dokumentation zu sehen. Wer sich nun beide Programmangebote hintereinander angesehen hat, wird feststellen, dass in der fiktiven Comedy beispielsweise die Schauplätze der Tatorte sehr realistisch abgebildet wurden. Was wenig mit der Realität zu tun hat, sind allerdings die langen Gespräche, in die sich der fiktive Tatortreiniger vor Ort verwickeln lässt und die den Kern der hier gespielten schwarzen Komödie ausmachen.

Dass eine so enge Verknüpfung der Dokumentation mit der Serie dennoch nicht als unangemessen wahrgenommen wird, liegt daran, dass beide Formate ihre eigene Qualität haben: hier die Comedy-Serie, die in strikter Beibehaltung ihres trockenen schwarzen Humors von einer realistischen Ausgangssituation allmählich ins Absurde abdriftet, und dort die Dokumentation, die von der fiktiven Spielsituation ausgehend den Zuschauer in ruhigen Erzählschritten unausweichlich in die harte, bedrückende Realität führt.

Es sind wahre Heldengeschichten, die Eric Friedler in seinem Film schildert, wobei er sich der (Erzähler-)Stimme von Bjarne Mädel bedient. Mittels der drei Protagonisten wird besonders an den Drehorten in den USA und in Mexiko gleichzeitig auch jeweils die Polizeiarbeit vor Ort gewürdigt. Man hat den Eindruck, als sei die Erwähnung dieser Arbeit die Voraussetzung dafür gewesen, um mit Hilfe der dortigen Polizeibehörden an die Tatortreiniger heranzukommen. So hat der Filmemacher Polizisten und Angehörige befragt, vor allem aber auch mit den vor Ort tätigen Reinigern lange Gespräche geführt, woran er die Zuschauer nach und nach teilnehmen lässt. Immer intensiver werden die gezeigten Filmausschnitte, immer näher kommt man den porträtierten Personen und die Bilder von den Orten, wo Menschen gestorben sind, getötet wurden, nehmen an Drastigkeit zu.

Es sind Spuren eines Selbstmörders in Berlin, Szenen einer kaltblütigen Mordtat in Los Angeles im familiären Umfeld, die Relikte des Mordes an einem Strafvollzugsbeamten in Mexiko. Aber auch ‘normale‘ Todesfälle hinterlassen oft Spuren, die zu entfernen für die Angehörigen sehr belastend sind oder deren Beseitigung von ihnen aus technischen und hygienischen Gründen nicht geleistet werden kann. Es gibt Tote, die vereinsamt gestorben sind und erst Wochen später gefunden wurden, wie im Fall des alten Mannes aus Berlin-Köpenick. Oft werden an den Schauplätzen des Geschehens auch Spuren von Einsamkeit, Verwahrlosung und damit von gesellschaftlicher Kälte sichtbar. So wird die Dokumentation zur eindringlichen Sozialreportage.

Eric Friedlers Film zeigt aber auch, dass diese Reinigungstätigkeit die Menschen an ihre Belastungsgrenze führt, häufig auch darüber hinaus. Der Berliner Fachmann war länger als ein Jahr wegen eines Burnouts krankgeschrieben. Der amerikanische Spezialist führt einen Betrieb mit sechs Mitarbeitern, in dem auch seine Ehefrau mitarbeitet, von seinem Privathaus aus, ohne dass die Kinder etwas über die wahre Beschäftigung ihres Vaters erfahren sollen. Besonders bedrückend sind die Szenen, in denen der mexikanische Tatortreiniger von seinem Waschzwang und seinem Sauberkeitstick berichtet, die auch sein Privatleben belasten. Ihm gehört denn auch das Schlusswort der Dokumentation: „Mein Beruf lässt mich das schützen, was ich habe: den Tag, den ich lebe“, sagt er bei einer gemeinsamen Autofahrt mit dem Filmemacher. Dabei baumelt ein an einem Band hängendes Kreuz vom Rückspiegel herunter.

22.12.2015 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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