Ralf Husmann/Richard Huber: Tatort – Auf einen Schlag (ARD/MDR)

Zwiespalt in Dresden

07.03.2016 •

Dresden: Da denkt man in diesen Zeiten natürlich zunächst an die unheilvolle Entwicklung, für die allen voran der Name Pegida steht. Dass die sogenannten „Wutbürger“ im ersten „Tatort“ aus der sächsischen Landeshauptstadt nun nicht direkt auftauchen, ist einerseits eine Leerstelle. Andererseits aber ist es durchaus nachvollziehbar, schließlich hat ein Fernsehfilm nun mal einen gewissen Vorlauf – zumal, wenn es auch noch um die Etablierung eines neuen „Tatort“-Teams geht.

Doch immerhin, die Mentalität, die den Nährboden für die ängstlichen Ausländerfeinde bildet, wurde in der „Tatort“-Folge „Auf einen Schlag“ spürbar. Sie schien auf in der Furcht vor dem Neuen und Fremden, der Sehnsucht nach der Vergangenheit und einer vermeintlichen heilen Welt, in der noch alles „seine Ordnung“ hatte. Es ist diese Rückwärtsgewandtheit, auf der das Konzept der Volksmusik beruht – das Milieu, in dem diese erste Episode des neuen MDR-„Tatorts“ aus Dresden spielte. Toni Derlinger vom Gesangsduo Toni & Tina wird erschlagen in den Kulissen eines Volksmusik-Events aufgefunden, und die neuen Ermittler nehmen ihre Arbeit auf. Es sind die Kommissarinnen Henni Sieland (Alwara Höfels) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) nebst Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) und der Polizeianwärterin Maria Magdalena Mohr (Jella Haase).

Auch innerhalb des Ermittlerteams steht Alt gegen Neu: auf der einen Seite der ewiggestrige Chef mit seiner Aversion gegen Karrierefrauen, Internet und all diesen neumodischen Kram und auf der anderen Seite das ganz normale Heute mit arbeitenden Frauen, digitalen Möglichkeiten und Kaffee mit laktosefreier Milch. Welche der beiden Seiten die ist, die man für voll nehmen sollte, ist schon nach wenigen Minuten klar. Die Ratio findet sich hier eindeutig – wie bemerkenswert! – im weiblichen Flügel des polizeilichen Gespanns. Freilich wurde das Thema männlich-weiblich in den Dialogen dieses Dresden-„Tatorts“ etwas überstrapaziert, da hätte sich das Drehbuch mal besser ein Beispiel genommen an seinen eigenen Ermittlerinnenfiguren, die die sexistischen und rassistischen Sprüche ihres Vorgesetzten meist angenehm gelassen an sich abperlen lassen.

Überhaupt trug das Buch von „Stromberg“-Macher Ralf Husmann immer wieder allzu dick auf: So gerieten einige der Figuren zu regelrechten Abziehbildern, etwa die Jungs der Herzensbrecher, einer lederbehoste Boygroup, die spätestens in ihrer finalen, völlig unverhältnismäßigen Brutalität (sie traten die Polizeianwärterin Mohr tot) jegliche Glaubwürdigkeit verloren. Auch ging einem Kommissarin Gorniak mit ihrer überbetont cool-schnoddrigen Art mit der Zeit ein Stückweit auf die Nerven, ebenso wie der larmoyante Lebensgefährte von Kollegin Sieland. Und der sächselnde Ossi-Volksmusik-Fan mit strähnigem Haar, Kassengestellbrille und Unterkunft bei Mutti im Plattenbau ist sowieso ein Klischee, wie man es keine Sekunde lang glaubte.

Schade, denn einiges in diesem Dresdner „Tatort“ (9,65 Mio Zuschauer, Marktanteil: 25,4 Prozent) war ja auch richtig schön, ein Highlight waren etwa die Schlager, die Ralf Husmann zusammen mit Francesco Wilking und Patrick Reising (von der Band Tele) extra für diesen Krimi schuf. Songs wie „Mein Sachsen“ mit Zeilen wie „Wer braucht New York, wenn er auch Zwickau haben kann“ kamen wie regelrechte Ohrwürmer daher, die es vermutlich auch in der realen Volksmusik weit bringen könnten. Zudem war es ein schöner Zug vom als Schlager- und Ostalgie-Sender verschrienen MDR, sich hier unter größtmöglicher Reichweite auf die Schippe nehmen zu lassen, und das sogar mit dem Medienpreis der „Goldenen Henne“, der vom MDR mitvergeben wird – die dicke Hennen-Skulptur war in diesem „Tatort“ die Tatwaffe, mit der ein Volksmusiker ermordet wurde! Und natürlich hat Comedy-Fachmann Husmann, wie man es von ihm gewohnt ist, witzige und schlagfertige Dialoge geschrieben.

Woran er es in der Episode „Auf einen Schlag“ (Produktion: Wiedemann & Berg) aber eben vor allem mangelte, waren die Zwischentöne bei den Figuren, die – eine Binsenweisheit – natürlich auch in einem eher komödiantisch angelegten Umfeld wesentlich sind. Der Mangel wog umso schwerer, als auch der Kriminalfall im Zentrum des Geschehens nicht sonderlich spannend aufgebaut war. Und es fehlte an einem ausgewogenen Tonfall: Während sich dieser neue Dresdner „Tatort“ fast eineinhalb Stunden lang wie seine Pendants aus Münster, Weimar und Saarbrücken als einer von der humoristischen Fraktion präsentierte, kippte er auf seinen letzten Metern in eine Drastik und Gewalttätigkeit, die so gar nicht zum Rest des Films passen wollten. So blieb ein zwiespältiger Eindruck. Aber immerhin: Potenzial mit Luft nach oben wäre vorhanden.

Als übrigens die Dresdner Verhältnisse noch nicht von Pegida-Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus geprägt waren, sondern noch der Aufbruchsgeist des Mauerfalls von 1989 die Zeit prägte, gab es erstmals einen „Tatort“ des MDR in der sächsischen Landeshauptstadt: Ab 1992 ermittelten in Dresden die Kommissare Kain und Ehrlicher (Bernd Michael Lade und Peter Sodann), die aber im Jahr 2000 nach Leipzig umgesiedelt wurden, wo sie schließlich 2007 ihren Dienst quittierten.

07.03.2016 – Katharina Zeckau/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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