Alle meine SOKOs

Eine Krimi-Familie als serielles Erfolgskonzept fürs ZDF‑Vorabendprogramm

Von Harald Keller
02.04.2016 •

Nicht nur im eigenen Land, sondern weltweit gehören US-amerikanische Franchise-Titel zu den meistgesehenen, meistverkauften und meistwiederholten Fernsehangeboten: die Serien der „Law-&-Order“-, „CSI“-, „NCIS“- und der „Criminal-Minds“-Gruppen. Einige Ursprungsserien sind mittlerweile eingestellt, dafür rücken neue nach, die stets im selben Erzähluniversum angesiedelt sind und so Gastauftritte und Crossover-Episoden ermöglichen. In den USA hatte die mittlerweile eingestellte Stammserie „Law & Order“ im Jahr 1990 Premiere, der erste Ableger, „Law & Order: Special Victims Unit“, startete im September 1999. Weitere sollten folgen, darunter sogar ausländische Varianten.

Konsequenter noch hat in Deutschland das ZDF die Marke „SOKO“ etabliert. Verlässlich findet der Zuschauer werktäglich um 18.05 Uhr im ZDF-Hauptprogramm eine Serie mit dem „SOKO“-Etikett, je nach Wochentag mit einem anderen deutschen oder österreichischen Schauplatz, der jeweils durch einen Zusatz im Titel benannt wird. Morgens und am Nachmittag gibt es Wiederholungssendeplätze. Die Serie „SOKO Leipzig“ wurde ursprünglich ebenfalls auf der Vorabendschiene ausgestrahlt. Im Januar 2003 erfolgte die Verlegung auf den populären ZDF-Krimisendeplatz um 21.15 Uhr am Freitagabend, wo seither regelmäßig um die 5 Millionen Zuschauer erreicht werden.

Was einen Kriminaloberrat störte

Die „SOKOs“ befinden sich, wie die Ermittler in fast allen US-amerikanischen Franchise-Krimiserien, auf derselben Zeitebene. Im Herbst 2013 entstand mit „Der Prozess“ erstmals eine Crossover-Erzählung, die sich konsekutiv über fünf Tage fortsetzte und die „SOKO 5113“ (inzwischen: „SOKO München“, Produktion: Ufa Fiction), „SOKO Köln“ (Network Movie), „SOKO Leipzig“ (Ufa Fiction), „SOKO Stuttgart“ (Bavaria) und die „SOKO Wismar“ (Cinecentrum Berlin) umfasste (vgl. hierzu die Besprechung in FK-Heft Nr. 41/13). Die Historie von „SOKO Leipzig“ verzeichnet zudem Crossover-Episoden mit der ZDF-Serie „Die Rosenheim-Cops“ (im Jahr 2006) und mit der britischen Kriminalserie „The Bill“ (ITV, Produktion und britische Ausstrahlung 2008; deutsche Ausstrahlung 2009).

Diese „SOKO-Familie“, ein Begriff aus der Öffentlichkeitsarbeit des ZDF, geht auf die Serie „SOKO 5113“ zurück, die seit 1977 produziert und von der zur Zeit bereits die 41. Staffel ausgestrahlt wird. Sendestart war im Januar 1978, seit Januar 2015 lautet ihr Titel „SOKO München“. Im Januar 2001 gelangte mit „SOKO Leipzig“ der erste Spross der „SOKO-Familie“ zur Ausstrahlung. Weiterer Zuwachs folgte im selben Jahr mit der österreichisch-deutschen Koproduktion „SOKO Kitzbühel“ (Produktion: Beo-Film); sie teilt sich beim ZDF den freitäglichen 18.05-Uhr-Sendeplatz mit „SOKO Wien“ (Originaltitel „SOKO Donau“, Produktion: Satel Film und Almaro).

„SOKO 5113“ basierte auf einem Formatkonzept und ersten Handlungsideen des damaligen leitenden Kriminalbeamten Dieter Schenk, der den Stoff hernach unter dem Titel „Der Durchläufer“ auch als Roman herausbrachte. Der Kriminaloberrat Schenk hatte sich an der realitätsfremden Darstellung polizeilicher Ermittlungstätigkeit, vor allem an einem gewissen „Personenkult“, gestört und daraufhin eine Art Gegenentwurf verfasst. In einem Gespräch mit der Programmzeitschrift „Gong“ sprach Schenk, in Anspielung auf die ZDF-Kriminalserie „Der Kommissar“ und deren Hauptdarsteller Erik Ode, von seinem Hauptprotagonisten als einem „Anti-Ode“. Der von Werner Kreindl verkörperte Kriminalhauptkommissar Karl Göttmann, zentrale Figur eines Ensembles unterschiedlicher Ermittler, sei ein „Vorgesetzter ohne Starallüren, der in erster Linie seine Mitarbeiter koordiniert“. 1989 schied der inzwischen beim Bundeskriminalamt tätige Schenk aus dem Polizeidienst aus, trat im Weiteren mit Romanen und kritischen Publikationen unter anderem zur NS-Vergangenheit hoher Beamter aus der Anfangszeit des Bundeskriminalamts hervor („Auf dem rechten Auge blind – Die braunen Wurzeln des BKA“, Köln 2001) und genießt auch unter akademischen Institutionen hohes Renommee als Historiker.

Den Anspruch einer gewissen Realitätsnähe wahren die „SOKO“-Serien bis heute, wobei je nach Titel in unterschiedlichem Maße Konzessionen an den Unterhaltungswert erkennbar sind. Dieter Schenk, der die „SOKO München“ weiterhin aus fachlicher Warte verfolgt, kommentierte auf MK-Anfrage: „Ich bin – wie von Anfang an – nicht der Meinung, dass Fernsehkrimis den polizeilichen Alltag abbilden sollen, dass es aber der Glaubhaftigkeit einer Episode dient, wenn sie sich kriminalistisch, juristisch und kriminologisch nicht ganz von ihm entfernt. Das begrüßen nicht zuletzt auch echte Polizisten als Zuschauer, deren es nicht wenige gibt.“

Vertrautes Personal in wechselndem Umfeld

Ein Fehler der Anfangsjahre allerdings hat sich quasi festgeschrieben: Die Serien erzählen nicht von SOKOs, also Sonderkommissionen, die jeweils aus besonderem Anlass temporär zusammengestellt werden, sondern von festen Ermittlergruppen. Deren Besetzung kann sich freilich ändern, aus inhaltlichen Gründen, weil Mitwirkende die Altersgrenze überschreiten oder aus produktionstechnischen Notwendigkeiten, weil Schauspieler ihre Rolle abgeben möchten. Solche Ausstiege werden nicht in jedem Fall harmonisch gestaltet, sondern erfolgen bisweilen auch durch das Ableben einer Serien-Figur. Einen tragischen Tod fand zum Beispiel 2008 Lizzy Berger (Olivia Pascal) von der Münchner „SOKO“. Sie wurde in der Folge „Die Akte Göttmann“ erschossen, als sie versuchte, eine Zeugin zu retten.

In der Regel übernehmen die Schauspieler längerfristige Engagements. Michel Guillaume spielt bereits seit 1992 den Part des Kriminaloberkommissars Theo Renner in der Münchner „SOKO“. Sissy Höfferer hatte sieben Jahre lang und über 170 Folgen die Rolle der Ermittlungsleiterin Karin Reuter in der „SOKO Köln“ inne, ehe sie im Oktober 2015 von Christina Plate abgelöst wurde. „SOKO Leipzig“ besitzt mit den Schauspielern Andreas Schmidt-Schaller, Marco Girnth und Melanie Marschke seit 2001 ein unverändertes Kernensemble. Den langen Laufzeiten entsprechen manche inhaltliche Entwicklungen. Es gibt berufliche wie private Veränderungen, Beförderungen, Partnerwechsel, Krisen.

Dieser Mischung aus Kontinuität und behutsamem Wandel sowie dem Angebot an Identifikationsfiguren aus mehreren Generationen verdankt sich wesentlich der Erfolg der konstant gut gesehenen „SOKO“-Serien. Das Stammpublikum trifft auf vertrautes Personal, das über besondere Charakterzüge, kleine Marotten und Idiosynkrasien Konturen erhält, aber auch Gelegenheitszuschauern immer verständlich bleibt. Eine Ausnahme bildet „SOKO Kitzbühel“. Hier gibt es mit dem Restaurantbesitzer Hannes Kofler (Heinz Marecek) und der mit ihm platonisch befreundeten Gräfin von Schönberg (Andrea L’Arronge) zwei Figuren, die den jeweiligen Fall aus der Außenperspektive betrachten, oft als Hobbydetektive tätig oder auf andere Weise unfreiwillig ins Geschehen verwickelt werden. Mal stolpert das Paar beim Pilzesammeln über eine Leiche, mal wird die Gräfin zum Entführungsopfer. Neueinsteigern werden diese Rollen anfangs Rätsel aufgeben, da die inhaltliche Legitimation des Auftretens dieser beiden Figuren nicht mehr erkennbar ist. Hannes Kofler ist der Vater der Polizistin Karin Kofler (Kristina Sprenger), die seit 2014 nicht mehr zum Ermittlerteam gehört. Insofern wirkt die notorische Verstrickung von Hannes und seiner gräflichen Freundin in die Ereignisse meistens konstruiert und bedarf entsprechend umständlicher, oft arg hölzerner Erklärdialoge.

Die Gräfin, der Gastronom und der Gendarm Alois Kroisleitner (Ferry Öllinger) verhelfen der „SOKO Kitzbühel“ zu einer durchgehend burlesken Note, die in anderen „SOKO“-Serien allenfalls episodenweise erscheint. Diese Note ist eine von vielen Optionen, denn eine schematische Handlungsführung gibt es, abgesehen vom kriminalpolizeilichen Prozedere, bei den Produktionen nicht. Die Autoren der insgesamt sieben Serien machen Anleihen bei sämtlichen Subgenres des Krimis, eingeschlossen Tragödien, familiäre Melodramen, Psychokrimis, heitere Episoden, immer wieder auch Zeitkritik. Dieter Schenk lobt: „Die Themen berühren viele Lebens­bereiche und Gesellschaftsschichten und die Leiche wird nicht mehr unbedingt im Pool einer Luxusvilla gefunden. Dass es in der Regel um Mord geht, ist dem Genre geschuldet, genauso wie die überraschende Wende im Finale. Aber hier und da wird nicht der Mörder überführt, sondern es stellt sich ein Unglücksfall heraus.“

In den „SOKO“-Episoden spiegelt sich – auch das dürfte wesentlich zu den Erfolgsfaktoren zählen – unsere gesellschaftliche Gegenwart. Die Folgen von Arbeitslosigkeit und Discounter-Wirtschaft, auch Computerspielsucht, Leistungsstress und Missbrauch unter Fußballschiedsrichtern, Gewalt gegen Frauen und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz waren in diesem Jahr bereits Thema. Die Milieus und die episodisch auftretenden Figuren sind selten exotisch, sondern bieten dem TV-Publikum Anknüpfungspunkte. Die jeweiligen Kriminalfälle sind solide gebaut und im Gros psychologisch hinlänglich motiviert. Das ist durchaus der Rede wert, tendiert doch der Abendkrimi im Fernsehen immer mehr in Richtung Exzess und Extravaganz, Theatralik und Travestie.

Spiegel der gesellschaftlichen Gegenwart

Derweil treten die „SOKO“-Produzenten nicht auf der Stelle. Seit Anfang 2016 gibt es in „SOKO München“ einen fortgesetzten Handlungsstrang, der die Suche nach einem Verräter in den eigenen Reihen beschreibt. Dabei findet eine besondere Produktionsweise Anwendung, wie der beim ZDF für die „SOKO“-Koordination zuständige Peter Jännert gegenüber der MK erläutert: „Der horizontale Erzählstrang, der pro Folge nur aus wenigen Szenen besteht, wurde, losgelöst von dem jeweiligen abgeschlossenen Hauptfall, von zwei Autoren konzipiert und in die Drehbücher der jeweiligen Folgen eingearbeitet. Aus Produktionsgründen wurden die Szenen der Horizontalen dann vom Dreh der einzelnen Folgen abgekoppelt und in einem Stück von einem anderen Regisseur inszeniert.“

Dieses Verfahren mag ökonomisch sein, der Zuschauerschaft der Münchner Fälle dürfte es jedoch nicht leicht fallen, die immer nur in kurzen Sequenzen fortgeführte Erzählung zu verfolgen. Gelegentlich sieht man Kriminalhauptkommissar Arthur Bauer (Gerd Silberbauer) im Gespräch mit dem ins Boxmilieu entsandten Undercover-Ermittler Franz Ainfachnur (Christofer von Beau), ansonsten gibt es zumindest bislang keine nennenswerte Verschränkung mit der Haupthandlung – ein vorerst noch zaghafter Versuch in Richtung Fortsetzungsserie, der sich ausbauen und überzeugender gestalten ließe. Ein fortgeführtes Motiv findet sich auch in der „SOKO Stuttgart“. Hier wurde Kriminalkommissarin Selma Kirsch (Yvonne Burbach) Opfer eines Messerangriffs und schwer verletzt, eine traumatische Erfahrung, die ihr gelegentlich Erinnerungsschübe bis hin zu kleineren Panikattacken beschert. Durch kurze Rückblenden wird ihre Beeinträchtigung verständlich.

Dieter Schenk heißt die aktuellen Neuerungen gut: „Unverkennbar ist, dass sich die Sprache verändert hat, sie ist jünger und moderner geworden. Die Folgen sind schneller geschnitten und haben deshalb an Schwung und Spannung gewonnen. Dies zeigt sich auch darin, dass die Drehbücher kürzer geworden sind und der bildhaften Dramaturgie mehr Raum geben. Trotz der ernsthaften Materie, die es zu behandeln gilt, würde ich mir manchmal“, so Schenk, „noch mehr Humor wünschen, der die Tragik eines Falles zu bewältigen hilft.“

Den vielfältigen Inhalten entspricht die bildgestalterische Vielfalt. Mitunter fällt die Fotografie hochgradig ambitioniert aus: In der jüngst gesendeten „SOKO-Stuttgart“-Episode „Sein letzter Pfiff“ lässt sich ein Schiedsrichter im Mittelkreis eines Fußballfeldes zu Boden fallen. Die Kamera steigt hoch und zeigt ihn in einer grafischen Komposition aus der Vogelperspektive. Wenig später wird er in der gleichen Position tot aufgefunden.

Renommierte Drehbuchautoren

Qualitative Unterschiede gibt es bei den Drehbüchern. Insgesamt wird deutlich pfiffiger erzählt als früher bei Vorabendserien üblich. Einige Autoren pflegen indes noch die Unsitte des aufgesetzt klingenden Erklärdialogs. Zu dieser Sendezeit am frühen Abend, in der oft mit halber Aufmerksamkeit und mit Unterbrechungen zugeschaut sind, sind gewisse Redundanzen legitim und werden zumeist – aber nicht immer – mit Geschick eingebaut. Eine annehmbare Lösung kann sein, dass Beamte im Außeneinsatz ihre Vorgesetzten informieren – praxis­gerecht und bei entsprechendem Können nutzwertig und sogar unterhaltsam. Über die Jahre machten übrigens renommierte, teils preisgekrönte Autoren bei den „SOKOs“ Station, darunter Martin Eigler, Annette Hess, Marc Terjung, Sven Poser, Sönke Lars Neuwöhner, Arne Nolting und Jürgen Werner.

Fester Sendeplatz, gleiches Genre, selbe Marke – die „SOKO“-Serien sind bestimmten Determinanten unterworfen, doch ist das Ergebnis kein Einheitsbrei. Senderseitig wurden bewusst entsprechende Grundlagen gelegt, wie Peter Jännert auf die Frage nach einer etwaigen Ausweitung horizontaler Handlungselemente gegenüber der MK erklärt: „Um die Eigenständigkeit und Besonderheiten der einzelnen ‘SOKO’ zu erhalten, liegt die inhaltliche Verantwortung für die einzelnen ‘SOKOs’ in der Hand der jeweiligen Redakteure und Produzenten. Daher wäre es falsch, allen ‘SOKOs’ die gleiche Erzählweise zu verschreiben.“

Der Zuschauerschaft bietet sich somit im ZDF von montags bis freitags in der Sendestunde vor den um 19.00 Uhr beginnenden „Heute“-Nachrichten mit den „SOKO“-Formaten eine austarierte Mischung aus vertrauten, wiederkehrenden Elementen und wechselnden inhaltlichen wie formalen Erzählelementen. Diese Struktur findet, gerade auch im Vergleich mit dem ewig kriselnden Vorabendprogramm des Ersten, augenscheinlich die Zustimmung eines breiten Publikums. Nicht nur im Inland. Einzelne „SOKO“-Serien laufen unter anderem in Frankreich, Spanien, Finnland, Italien und Russland.

02.04.2016/MK