Studie: Medienvielfalt in Nordrhein-Westfalen hat sich deutlich verringert

16.05.2016 •

In Nordrhein-Westfalen hat sich die Medienvielfalt im lokalen Bereich deutlich verringert. Das geht aus dem Medienkonzentrationsbericht für das Jahr 2015 hervor, den die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) am 19. April veröffentlicht hat. Erstellt wurde der Bericht vom in Dortmund ansässigen Formatt-Institut, das vom Medienforscher Horst Röper geleitet wird. Im vergangenen Jahr konnten dem Bericht zufolge 46,1 Prozent der Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen nicht mehr zwischen Zeitungen mit unterschiedlicher Lokalberichterstattung wählen. Das entspricht einem Anteil von 8,2 Mio Einwohnern in dem Bundesland, in dem knapp 18 Mio Menschen wohnen. Im Jahr 2012 lebten in solchen Zeitungs-Monopolgebieten nur 5 Mio Bürger, was einem Anteil von 28,2 Prozent entsprach.

Der Zeitungsmarkt in NRW habe „in Bezug auf die Angebotsstruktur in den letzten Jahren quasi im Zeitraffer einen Konzentrationsprozess durchgemacht wie andere Flächenländer zum Teil über Jahrzehnte“, heißt es in der Studie. Im Zeitraum von 2012 bis 2015 sei der Monopolisierungsgrad um 18 Prozentpunkte angestiegen. Infolge dieser extremen Steigerung habe Nordrhein-Westfalen nun einen Monopolisierungsgrad erreicht, „der weitgehend jenem in anderen Flächenländern entspricht“. Aktuell werden in NRW 38 Tageszeitungen herausgegeben (2012: 40; 1993: 53). Die Anzahl der Zeitungshauptredaktionen, derjenigen Redaktionen also, die einen überregionalen Mantelteil erstellen, wird in dem Bericht mit jetzt noch 16 angegeben (2012: 20; 1993: 22).

Einschnitte bei Zeitungen und Lokal-TV

Die Tageszeitungen verlieren deutschlandweit seit Jahren kontinuierlich an Auflage. Das gilt auch für Nordrhein-Westfalen: „Von 2002 bis 2014 ist die Auflage in NRW um knapp 1,5 Mio Exemplare auf 3,4 Mio verkaufte Exemplare zurückgegangen. Das entspricht einem Verlust von 30 Prozent“, konstatieren die Forscher. Die verkaufte Durchschnittsauflage der Zeitungen in Nordrhein-Westfalen belief sich 2014 auf 70.400 Exemplare (2002: 88.200 Exemplare). Die meistverkaufte regionale Tageszeitung in NRW ist mit geschätzt rund 400.000 Exemplaren die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ (WAZ), die von der in Essen ansässigen Funke-Mediengruppe herausgegeben wird. Da der Funke-Konzern – wie auch einige andere Verlage – der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) keine titelbezogenen Auflagenzahlen melden, ist man hier auf Schätzungen angewiesen.

Die lokale Medienvielfalt nimmt in NRW außerdem ab, weil es auch beim Angebot des kommerziellen Lokalfernsehens deutliche Einschnitte gegeben hat. Von ehemals sieben lokalen TV-Sendern sind dem LfM-Bericht zufolge nur noch drei Anbieter übrig geblieben. Dabei handelt es sich um die Programme Center TV Region Düsseldorf/Neuss, Studio 47 (Duisburg) sowie City Vision (Mönchengladbach). Center TV gehört seit 2010 vollständig der Rheinisch-Bergischen Verlagsgesellschaft in Düsseldorf, die die Tageszeitung „Rheinische Post“ herausgibt. Die Verlagsgruppe ist zudem an City Vision mit 60 Prozent beteiligt. 30 Prozent besitzt die Gesellschaft am Sender Studio 47.

Zuletzt schloss am 31. März die DuMont-Mediengruppe ihren Lokalsender Köln TV, der erst Anfang 2015 aus dem Programm Center TV Köln hervorgegangen war. Ihren Betrieb eingestellt hatten in den vergangenen Jahren bereits die drei Lokalprogramme Center TV Münster (Mai 2014), Center TV Aachen (März 2014) und Center TV Ruhr (Mai 2012). Anfang März 2016 hat überdies das landesweite Programm NRW TV Insolvenz angemeldet. Bei dem in Düsseldorf ansässigen Sender war Ende April 2014 der frühere RTL-Geschäftsführer Helmut Thoma mit 24 Prozent eingestiegen. Zusätzlich war er ab diesem Zeitpunkt bis Ende 2015 auch Geschäftsführer von NRW TV.

Dass mehrere Lokal- und Regionalsender ihren Programmbetrieb eingestellt haben, ist auf die nicht ausreichende Refinanzierung über Werbung zurückzuführen. In Deutschland haben es lokale und regionale Fernsehsender schwer bei der Werbevermarktung, da die großen Media-Agenturen größtenteils auf Programme mit bundesweiter Verbreitung setzen (vgl. hierzu FK-Heft 47/14).

Hoffnungsschimmer im Online‑Bereich

Einen Vielfaltsgewinn wird in dem LfM-Bericht nur bei lokaljournalistischen Online-Angeboten konstatiert, die nicht von etablierten Medienunternehmen betrieben werden. Im vergangenen Jahr gab in Nordrhein-Westfalen insgesamt 93 solcher Portale – 2008 waren es 60 Angebote. Auffällig ist für die Forscher vom Formatt-Institut, dass es lokaljournalistische Online-Portale deutlich stärker in Landkreisen als in Großstädten gebe. Im ländlichen Raum seien 70 Angebote zu verorten, in Großstädten nur 23. In acht Großstädten in NRW, darunter Bonn, Essen, und Münster, gebe es keine solchen Web-Portale. In der Studie wird aber auch bemängelt, dass bei manchen dieser Angebote insbesondere Polizeiberichte eine wesentliche Rolle spielten, da sie kostenlos verfügbar seien: „Die inhaltliche Relevanz der übernommenen Meldungen ist z.T. dürftig. Ähnliches gilt auch für andere Veröffentlichungen, die offensichtlich auf leicht verfügbarem PR-Material beruhen. Journalistische Selektionskriterien, Arbeitsweisen und Bearbeitungen treten häufig in den Hintergrund.“

LfM-Direktor Jürgen Brautmeier erklärte anlässlich der Veröffentlichung des Medienkonzentrationsberichts, lokaljournalistische Online-Portale seien derzeit der einzige Hoffnungsschimmer für eine größere Vielfalt in der lokalen Berichterstattung in Nordrhein-Westfalen. „Jeder Marktzutritt ist uns im Sinne der Vielfalt willkommen, auch wenn die journalistischen Produkte anfangs noch nicht immer vollkommen sein mögen“, so Brautmeier. Er verwies auf die LfM-Stiftung für Lokaljournalismus – sie erhielt im März den Namen „Vor Ort NRW“ – als eine Förderinstitution in diesem Bereich. „Umfassender Lokaljournalismus ist personalintensiv und kann nur gelingen, wenn sich die ökonomischen Rahmenbedingungen dauerhaft verbessern“, erklärte der LfM-Direktor.

16.05.2016 – vn/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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