Der vermutlich beste Fußballkommentator: Marcel Reif verabschiedet sich bei Sky und taucht bei Sat 1 wieder auf

03.06.2016 •

03.06.2016 • Kaum war er weg, ist er schon wieder da und mancher Abschiedsgruß, der zu seinem letzten Einsatz geschrieben wurde, bedürfte eigentlich der Revision. Die Rede ist von dem vermutlich besten Fußballkommentator, der in den vergangenen zwanzig Jahren Spiele deutscher Mannschaften in der Bundesliga und in den internationalen Wettbewerben am Mikrofon der Live-Übertragungen begleitete: Marcel Reif.

Der Journalist, der seine Karriere im ZDF begann und dort für den damaligen „Sportspiegel“ einige der besten Sportdokumentationen dieses raren Genres redaktionell verantwortete, hatte in diesem Jahr angekündigt, dass er am Ende der Saison 2015/16 seine Tätigkeit für den Pay-TV-Sender Sky einstellen werde. Zu Sky, das seinerzeit noch unter den Namen Premiere firmierte, war er 1999 gewechselt.

Zuvor hatte Reif fünf Jahre lang bei RTL erst als Chefkommentator, später auch als Sportchef gearbeitet. Sein Wechsel zu Sky hatte den Grund, dass RTL überraschend die Rechte an der Fußball-Champions-League verloren und seine Sportberichterstattung daraufhin auf die Übertragung der Autorennen der Formel 1 begrenzt hatte. So kann man an der Berufsbiografie von Marcel Reif nebenbei auch die Geschichte des Mediensports verfolgen. Die besten Kommentatoren bleiben nicht den Sendern treu, sondern den Rechten an den Sportarten, über die sie berichten.

Für Sky hat Marcel Reif in den letzten 17 Jahren die wichtigsten Spiele kommentiert. Er unterschied sich von seinen Kollegen durch drei entscheidende Punkte. Zunächst war sein Vokabular deutlich größer als das aller anderen, was dazu führte, dass er nur selten zu jenen Floskeln griff, mit denen andere Kommentatoren mitunter die 90 Minuten eines Fußballspiels füllen müssen; das Risiko, dass es manche Zuschauer irritierte, wenn er etwa den Begriff des „Hirten“ verwandte, als er über groß gewachsene Spieler sprach, ging Reif ein. Zum zweiten benutzte er das Stilmittel der Ironie wie kein anderer; mit leiser Stimme und ohne aufzutrumpfen sezierten seine meist feinen und nur ganz selten brachialen Ironisierungen einen Sportbetrieb, der sich selbst wichtiger nimmt als alles andere in der Welt. Und drittens bewies er Woche für Woche eine außerordentliche Beobachtungsgabe; er sah mehr und auch schneller als viele seiner Kollegen, was zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass ihm mit Christoph Biermann viele Jahre einer der besten Fußballjournalisten assistierte.

Dass er nun aufhörte, war insofern nachvollziehbar, als er in diesem Jahr 67 Jahre alt werden wird und sich bei aller Freude am Sport angenehmere Aufgaben vorstellen lassen, als bei Wind und Wetter jedes Wochenende und immer wieder auch mitten in der Woche nachmittags oder abends auf dem Presseplatz eines Stadions zu sitzen. Dass ihm das nicht mehr den Spaß bereitete wie früher, das hörte man ihm durchaus an, denn seine Kommentare bekamen in den letzten Jahren mitunter einen mokanten Unterton. Marcel Reif, der alles auf den Fußballplätzen Europas erlebt hatte, schien nichts mehr zu überraschen. Und manches wie inszenierte Jubelorgien von Spielern nach einem geschossenen Tor oder die Vorliebe nicht weniger Fußballer für bizarre Frisuren ödeten ihn sogar an. Dass er zudem in jeder Live-Übertragung Hinweise in seinen Kommentar einzufügen hatte, mit denen er auf die anderen Programme und Sendungen von Sky aufmerksam machen musste, mochte er – deutlich hörbar – nicht. Die ihm verordnete Lobpreisung von Serien wie „Game of Thrones“ oder „The Walking Dead“ vollzog er mit maximaler Selbstdistanzierung.

Kaum nun hatte Reif am 28. Mai das Champions-League-Endspiel zwischen den beiden Madrider Mannschaften von Real und Atletico zu Ende gebracht und sich leise, wie es seine Art war, von seinem Publikum verabschiedet („...und, andiamo, tschüss“), kam die Meldung, dass er bei der am 10. Juni beginnenden Fußball-Europameisterschaft in Frankreich für den (Free-TV-)Privatsender Sat 1, der an sechs Spielen die Übertragungsrechte erworben hat, als Experte tätig werde. Das heißt, er wird nicht als Live-Kommentator der EM-Spiele eingesetzt, sondern er wird als Experte im Studio in Deutschland anwesend sein, um die Partien am Fernsehschirm zu betrachten und in der Pause und nach dem Schlusspfiff das Geschehen zu bilanzieren. Das könnte man als das Auslaufen einer Karriere begreifen.

Man könnte es aber auch als ein Signal deuten, dass sich nämlich Sat 1 möglicherweise in den nächsten Jahren um mehr Fußballrechte bemüht und etwa in den Bieterwettkampf um die Bundesliga oder die Champions League einsteigt. Dann folgte der Ex-Sky-Kommentator Marcel Reif nicht den Rechten, sondern diese folgten ihm.

03.06.2016 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 17/2019

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