USA: Der Tod von Morley Safer und das Ende einer Journalismus‑Ära

25.05.2016 •

Außerhalb der Vereinigten Staaten mögen es nur wenige wahrgenommen haben, dass der Fernsehjournalist Morley Safer am 19. Mai im Alter von 84 Jahren gestorben ist. Was aber über die Grenzen der USA hinaus Bedeutung hat, ist die Tatsache, dass mit Safer der letzte Repräsentant der großen alten Garde von amerikanischen Fernsehreportern den Bildschirm verlassen hat. Für den Journalismus dieser Generation stand ein halbes Jahrhundert lang exemplarisch das wöchentliche Nachrichtenmagazin „60 Minutes“ des Networks CBS.

Wer alt genug ist, um sich an Morley Safers hautnahe Berichterstattung aus den Schützengräben des Vietnamkriegs zu erinnern, mit denen er sogar den Zorn von US-Präsident Lyndon B. Johnson weckte, der weiß, wie weit heutige TV-Reportagen von Kriegsschauplätzen und anderen Zentren des politischen und gesellschaftlichen Geschehens häufig von der auch im Fernsehjournalismus einzufordernden Wahrhaftigkeit entfernt sind. Bis ins hohe Alter hinein fühlte sich Safer dieser unabdingbaren Voraussetzung seiner Arbeit verpflichtet, auch in seinen zahllosen Berichten über leichtfüßigere Begebenheiten. Insgesamt steuerte er für „60 Minutes“ während seiner Karriere nicht weniger als 919 Reportagen bei.

„60 Minutes“ vs. „On Assignment“

Morley Safers Tod bedeutet für Amerikas Fernsehsender und ihre Zuschauer, ein wenig über das Schicksal der aktuellen Berichterstattung in Nachrichten- und Magazinsendungen zu reflektieren, die sich in den letzten Jahrzehnten in Stil und Themenwahl deutlich verändert haben. Das immer ausschließlichere Schielen auf Einschaltquoten hat beide Sendeformate in einer Weise verflacht und ausgehöhlt, die Veteranen des Genres wie Walter Cronkite und Harry Reasoner entsetzt den Kopf schütteln lassen würden, könnten sie ihrer noch ansichtig werden. Lange vorbei sind die Zeiten, als das Publikum von „60 Minutes“ nicht genug bekommen konnte vom wahrhaftigen Journalismus eines Morley Safers und seiner Kollegen und als quer durch das TV-Spektrum überall ähnliche Konkurrenzsendungen wie „20/20“ (ABC), „Dateline“ (NBC), „48 Hours“ (CBS), „Primetime Live“ (ABC) und „Rock Center“ (NBC) gegründet wurden. Einige dieser Magazine gibt es dem Namen nach noch heute, aber ihre Inhalte sind auf das Boulevardniveau von Mord- und Totschlaggeschichten reduziert worden.

Umso erstaunlicher mutet der Versuch von NBC an, seit einigen Wochen mit einem Programm unter dem Titel „On Assignment“ die Bereitschaft des amerikanischen Fernsehpublikums für ein anspruchsvolleres Angebot erneut zu testen. Dabei macht das Network kein Geheimnis daraus, dass die vorerst auf sechs Ausgaben limitierte Sendereihe geradewegs gegen „60 Minutes“ antreten will, denn „On Assignment“ wird sonntags ab 19.00 Uhr zeitgleich zum CBS-Magazin ausgestrahlt.

Erste Kostproben beweisen, dass man im amerikanischen Fernsehnachrichtengeschäft die Kunst der investigativen Reportagen noch nicht ganz verlernt hat. In „On Assignment“ gab Beiträge zu Hillary Clintons E-Mail-Skandal, über zur Terrororganisation ISIS übergelaufene junge Amerikaner, über Neuerungen in der Gehirnchirurgie oder die Entdeckung einer bakterienfreien pazifischen Insel – Themen, die von allgemeinem Interesse sind. Und die Berichte waren journalistisch gut und gewandt aufbereitet. Es wird spannend sein, das weitere Schicksal von „On Assignment“ zu verfolgen. Morley Safer hätte die Konkurrenz gewiss begrüßt, aber wahrscheinlich hätte er mit dem ihm eigenen gutmütig-skeptischen Lächeln sein Zweifel geäußert, dass im heutigen Programmumfeld eine solche neue Sendung dauerhaft bestehen würde.

25.05.2016 – Ev/MK