Reporter an Rockschößen

In den USA fragt man sich: Hat das Fernsehen Donald Trump gemacht?

Von Franz Everschor

Immer häufiger hört man derzeit in den USA die Meinung, das Fernsehen sei entscheidend am kometenhaften Aufstieg des Immobilientycoons Donald Trump zum alleinigen Anwärter der republikanischen Partei auf das Präsidentenamt beteiligt gewesen. Man hört ähnliche Vorwürfe stets und überall, wo polarisierende Personen oder Ereignisse im Mittelpunkt politischer Diskussionen stehen. Doch sie werden selten mit derartiger Heftigkeit und Häme vorgebracht wie im Fall Trump. Dass der Präsidentschaftskandidat Trump das politische Spektrum spaltet, wie es selten einem professionellen Politiker gelingt, dass er sich beharrlich auf seinen Außenseiterstatus berufen kann und seinen Anhängern ohne Rücksicht auf jede Etikette nach dem Mund redet, macht die Suche nach den (Mit-)Verantwortlichen für seinem Erfolg nicht leichter.

Es lässt sich nicht leugnen, dass von den Reden, die Donald Trump im Rahmen des US-Präsidentschaftsbewerber-Wahlkampfs seit Monaten nahezu jeden Tag vor Tausenden von Menschen hält, eine Faszination ausgeht, die von seinen Gegnern inzwischen in der Nähe des Faschismus angesiedelt wird. Das Fernsehen, das stets auf der Suche nach Sensationen ist, kann sich einem solchen Kandidaten kaum verschließen – umso weniger, als es gerade im kommerziellen System der USA jeden Augenblick auf Einschaltquoten und Werbeumsätze schielen muss.

Immer nur die Quote im Blick

Die Bewerberin Hillary Clinton auf der anderen, der demokratischen Seite steht im Gegensatz zu ihrem republikanischen Rivalen zu sehr für das Gewohnte, dazu auch noch für die in hohem Maße unpopulär gewordene Verbandelung mit dem Establishment, um mit dem ausfälligen und zügellosen Trump Schritt zu halten. Ihr hören die politisch Nachdenklichen zu, Trump die Aufsässigen, die Unzufriedenen und die Lärmmacher. Dazwischen Bernie Sanders, der brummige alte Mann mit dem Herzen eines jugendlichen Revolutionärs. Der parteiinterne Konkurrent Hillary Clintons ist fast ebenso Außenseiter wie Donald Trump, doch er legt seinem Rebellentum Zügel an und redet von einer demokratischen Plattform, die er zwar nach links rücken, aber nicht total negieren will.

Das individuelle Make-up der Kandidaten hat seit dem Beginn der Vorwahlen im Herbst vorigen Jahres den Run des Fernsehens – wie übrigens noch in viel stärkerem Maße den der Boulevardpresse – auf Donald Trump beeinflusst. Seine Äußerungen bei den Debatten waren von Anfang an keine Reden, sondern Auftritte. Trump ist, auch wenn er zum Teil auch aus den eigenen Reihen Gegenwind bekommt, der Star seiner Partei, schon seit dem ersten Tag der politischen Diskurse, als noch 15 andere republikanische Kandidaten neben ihm auf dem TV-Podium standen, die er zu blamieren versuchte und mit abwertenden Schimpfwörtern belegte, wo immer er konnte. Das ist (primitive) Fernsehunterhaltung par excellence. Trump hatte sie jahrelang in seiner TV-Show „The Apprentice“ eingeübt. Kann man den Networks einen Vorwurf daraus machen, dass sich ihre Reporter an Trumps Rockschöße heften, wann auch immer sich ihnen eine Gelegenheit bietet? Ja, man kann. Denn die Bewerbung um das höchste Amt im Staat ist kein Wettkampf um die Gunst eines selbstverliebten Immobilienmoguls und Fernsehunterhalters. Durch ihr permanentes Schielen auf die Quoten, eine Fixierung, die so gut wie nichts mehr anderes mehr kennt als den Marktanteil, ist den Networks die Unterscheidungsfähigkeit verlorengegangen. Den einen mehr, den anderen weniger.

Es wird eine Schlammschlacht

Am besten haben sich in dieser Situation noch die altbackenen Nachrichtensendungen und Magazine der Broadcast-Networks dem Drang nach Sensationen verschlossen. Scott Pelley (CBS), Lester Holt (NBC) und David Muir (ABC) sowie deren Kollegen in den morgendlichen Informationssendungen gaben und geben sich alle Mühe, sachlich zu bleiben, und politische Sendungen wie „60 Minutes“ (CBS) und „Meet the Press“ (NBC) taten ihr Möglichstes, die Fassaden zu durchbrechen und die Gemeinplätze eines Donald Trump zu hinterfragen.

Im Kabelfernsehen sah das schon anders aus. Auch dort gab es Rachel Maddow (MSNBC) und gelegentlich Anderson Cooper (CNN), die in ihrer Berichterstattung und ihren zahlreichen Interviews auf Klärung beharrten und die zahllosen unbewiesenen Behauptungen und Anschuldigungen, die Trump jeden Tag von Neuem losließ, nicht widerspruchslos im Raum stehen ließen. Aber ansonsten erhält Trump von den Kabelsendern auf eine Weise Raum, die kaum noch entfernt ist von kostenloser Wahlwerbung für ihn. Man kann Scott Pelley, dem Chefmoderator der „CBS Evening News“, durchaus zustimmen, wenn er in einem Interview mit der „Los Angeles Times“ sagt: „Wir wollen Aufmerksamkeit dafür wecken, was die Politik [der Kandidaten] ist und wie sie sich unterscheiden. Ich denke, das ist unsere wichtigste Rolle. Bei den Kabelsendern und sonstwo widmet man der Rhetorik zu viel Beachtung und fragt nicht häufig genug ‘Wie würden Sie denn die Mauer [an der mexikanischen Grenze] bauen?’, ‘Wie würden Sie elf Millionen Menschen [illegale Einwanderer] zusammentreiben und sie aus dem Land schicken?’“

Die nun bis zur Präsidentenwahl im November folgenden Monate werden die Schlammschlacht, die Donald Trump losgetreten hat, wahrscheinlich noch einmal verstärken. Auch wenn sich Hillary Clinton darum bemühen wird, Haltung zu bewahren. Das amerikanische Wahlvolk sollte gewappnet sein, dass Trumps Attacken gegen seine Widersacher, besonders weibliche wie zum Beispiel die Fernsehjournalistin Megyn Kelly (Fox News), die ihn im August vorigen Jahres arg aufs Glatteis geführt hatte (vgl. MK-Meldung), noch schärfer werden und dass die Würde des Amtes, um das er sich bewirbt, hinter seiner Wortwahl zurücktritt. Jene Networks, die ihm bis jetzt schon wie Schoßhunde gefolgt sind, werden nicht nachlassen, jeden seiner Auftritte mit großer Genüsslichkeit und im Dienst der Quote abzubilden. Die Chance, dass Trumps Auftritten im Kabelfernsehen weniger Sendezeit eingeräumt werden könnte, ist sehr gering. Gleichgültig, ob Trump den Kampf letztlich gewinnt oder verliert – sein Schicksal entscheidet sich weitgehend auf dem Bildschirm. So ist das in den Vereinigten Staaten von Amerika. Und er weiß es.

24.06.2016/MK

Print-Ausgabe 25-26/2017

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